JUNA
Professor Kellers Nummer brannte in meinem Handy wie ein offenes Kabel. Ein einziger falscher Fingertipp, und mein ganzes Leben könnte in Flammen stehen.
Ich hatte dieselbe riskante Nachricht mindestens zwanzig Mal getippt und wieder gelöscht – Ich fand unser erstes Date schön. Aber du hast mich heute sitzen lassen.
Die Tür zum Wohnheim knallte so heftig auf, dass meine Cola-Dose auf dem Tisch kurz zuckte.
„Ihr glaubt nicht, was ich gerade gehört habe“, platzte Lotte herein, grinsend, als hätte sie im Lotto gewonnen. „Dieser unfassbar heiße Professor, auf den du so heimlich stehst?“
Ich verschluckte mich fast an meinem Schluck.
Wie zur Hölle weiß sie das? Ich hatte nie auch nur ein Wort gesagt.
„Tue ich nicht wirklich.“
„Doch, tust du!“ Sie verdrehte die Augen. „Komm schon, Juna. Du hast seinen Pullover behalten, um Himmels willen.“
„Ich gebe ihn später diese Woche zurück.“
Zumindest war das der Plan. Ehrlich gesagt wollte ich ihn aber auch einfach behalten.
„Hast du irgendwas über ihn rausgefunden?“
„Also erst mal, dass er verdammt gut aussieht. Eine aus meinem Kurs hat von ihrem heißen Professor erzählt, und es ist derselbe Typ. Du hast nicht erwähnt, dass der praktisch wie ein Model aussieht.“
„Er ist wirklich attraktiv.“
„Attraktiv ist untertrieben. Der ist eher… gefährlich heiß. Und angeblich wurde er an seiner letzten Uni gefeuert.“
„Warum?“ Ich versuchte beiläufig zu klingen, aber innerlich war ich viel zu gespannt.
„Keine Ahnung. Die wusste es nicht. Komisch, oder? Was muss ein Professor bitte tun, um gefeuert zu werden? Den Dekan schlagen oder so?“
„Du erfindest gerade Sachen.“
Aber genau das war der Punkt: Ich wusste sehr gut, wofür ein Professor fliegen konnte.
„Ja, wahrscheinlich nur ein Gerücht.“ Lotte zuckte mit den Schultern. „Dachte nur, dich interessiert das vielleicht. Ach so, und ich war noch mit dem süßen Typen von der Party am Donnerstag essen. Voll der Gentleman, hat mir sogar den Stuhl hingeschoben.“
„Schön.“
Ich hörte ihr schon nicht mehr richtig zu.
Es gab keinen Grund, sofort vom Schlimmsten auszugehen. Vielleicht war er gar nicht gefeuert worden. Er wirkte sowieso jung, vielleicht war das einfach sein erster Job.
Vielleicht hatte er gar keine falschen Absichten mit mir.
Nein. Ich war kein schlechtes Mädchen. Aber ich wollte bei ihm eines sein. Und genau das machte es kompliziert.
Ich wollte Dinge mit ihm, die ihn definitiv seinen Job kosten könnten.
Mein Blick fiel auf mein Handy. Ich könnte ihm einfach schreiben. Er hatte mir seine Nummer gegeben. Er flirtete im Kurs ständig mit mir. Vielleicht dachte er ja sogar genauso viel an mich wie ich an ihn.
Ich öffnete den Chat und tippte:
„Ich fand unser erstes Date schön. Aber du hast mich heute sitzen lassen.“
Ein kleines, nervöses Lächeln zog an meinen Mundwinkeln. Würde er das lustig finden?
Eigentlich egal. Ich würde es ja eh nicht abschicken.
Er hatte mir die Nummer gegeben, weil er sich um meine Sicherheit gesorgt hatte. Ein halb angezogener Mensch nachts draußen, wahrscheinlich wirkte das auf jeden Erwachsenen alarmierend.
Ich sollte seine Nummer löschen, bevor ich wirklich noch etwas Dummes tat.
Mein Handy vibrierte.
Ich rutschte leicht zusammen, verlor fast den Halt. Ein leises Signal bestätigte, dass die Nachricht raus war.
Ich hätte am liebsten laut geschrien.
„NEIN!“
Mein Magen sackte weg.
Oh Gott. Was habe ich gerade getan?
„Gibt es irgendeine Möglichkeit, eine SMS zurückzuholen? Was, wenn ich von der Uni fliege?!“
„Tut mir leid, ich wollte das nicht schicken“, tippte ich hastig hinterher.
Ich wollte gerade absenden, als das Handy wieder vibrierte.
„Miss Becker, das war nie meine Absicht.“
Ich ließ das Handy auf das Bett fallen und starrte es an.
Er hatte sofort geantwortet. Und er wusste, dass ich es war. Das bedeutete ziemlich sicher, dass er seine Nummer nicht einfach wahllos verteilt.
Meine Entschuldigung löschte ich wieder.
Ich stellte mir vor, wie er irgendwo lässig auf einem Sofa saß, vielleicht in Jogginghose, und auf meine nächste Nachricht wartete.
Ich würde mutig sein. Ich würde schlecht sein.
Ich schrieb zurück:
„Du hast von mir geträumt.“
Eine Minute später kam die Antwort:
„Ich kann meine Träume nicht kontrollieren, Miss Becker.“