Iris‘ Sicht Die Stadt fühlte sich falsch an. Nicht laut-falsch – leise-falsch. Als hätte die Stille Zähne. Iris zog ihren Mantel fester, als sie auf die Straße trat. Der Morgenwind schnitt durch den Stoff wie in Eis getauchte Messer. Ihr Atem kräuselte sich in blassen Fäden vor dem grauen Himmel, und jedes Geräusch – eine zuschlagende Autotür, ein entferntes Hupen – klang zu scharf, zu plötzlich. Sie hasste es. Wie sich die Welt über Nacht verändert hatte, als hätte sie jemand so weit verdreht, dass alles aus der Bahn geriet. Evas Brief lag in ihrer Tasche, gefaltet und abgenutzt von den vielen Malen, die sie ihn geöffnet, gelesen, von Tränen befleckt und wieder versteckt hatte wie ein Geheimnis, das ihre Hände verbrennen könnte. Sie hatte letzte Nacht nicht geschlafen. Nicht wirklic

