Kapitel 2: Das Ziel

1429 Words
Iris hatte Eva Brandt noch nie rauchen sehen. Die Finger der Witwe bewegten sich mit geübter Eleganz, doch die Art, wie die Zigarette zwischen ihnen zitterte, hatte etwas Unruhiges an sich. Rauch kräuselte sich in der goldenen Luft des Wohnzimmers und ließ ihre Diamantkette zu einem Schein aus Feuerschein verschwimmen. Sie hörte Iris mit einem Gesichtsausdruck zu, der ihr das Gefühl gab, weniger ein Gast als vielmehr ein Opfer zu sein. „Was soll ich tun?“, fragte Iris. Ihre Stimme brach, obwohl sie sich alle Mühe gab, ruhig zu bleiben. Eva beugte sich vor, ihre Augen scharf, die Zigarettenspitze glühte wie eine Anklage. „Ihn verführen. Meinen Mann.“ Die Worte trafen sie wie ein Schlag. Iris erstarrte. Sie war sich nicht sicher, was sie mehr verunsicherte – die beiläufige Grausamkeit des Befehls oder die Tatsache, dass Eva ihn aussprach, als würde sie über das Wetter sprechen. Ihr Mund wurde trocken. „Das ist verrückt.“ Eva stieß einen dünnen Rauchschwaden aus, ihre ruhige Gelassenheit verwandelte sich in ein bitteres Lächeln. „Nein, Iris. Wahnsinnig ist, was Ruben mir angetan hat. Dieser Familie.“ Iris wollte auflegen, Nein sagen und den Hörer hinter sich zuknallen. Doch Sandras Gesicht drängte sich in sie hinein – der gebrechliche Körper ihrer Schwester unter Neonlicht, Maschinen pumpten Leben in ihre Adern, die Zeit lief schneller ab als ihr schwindendes Geld. Dieses Bild schnürte Iris die Kehle zu und erstickte jeden Protest. Sie ballte die Hände. „Warum ich?“ Evas Blick wurde scharf. „Weil du verzweifelt bist. Weil du keine andere Wahl hast. Und weil Ruben eine Vorliebe für Frauen wie dich hat – jung, scharfsinnig, mit einem Hauch von Trotz, den er zu bändigen glaubt.“ Die Art, wie Eva es sagte, ließ Iris eine Gänsehaut bekommen. „Du verstehst das nicht“, murmelte Iris und schüttelte den Kopf. „Das ist nicht nur … Flirten. Du verlangst von mir –“ „Überleben“, unterbrach Eva sie kalt. „Deine Schwester retten. Willst du das nicht?“ Die Stille dehnte sich, nur unterbrochen von Evas leisem Zischen, als sie die Zigarette in Kristallglas zerdrückte. Dann fuhr sie fast sanft fort: „Ich habe Ruben geheiratet, weil mein Vater es befohlen hatte. Ich dachte, ich könnte seine Kälte ertragen. Eine Zeit lang tat ich das auch. Aber dann entdeckte ich die Mätressen, die geheimen Konten, den Verrat. Er bereitet sich darauf vor, uns sogar das Erbe unserer Tochter wegzunehmen. Ich bin seine Frau, doch in diesem Reich bin ich nichts. Ich brauche jemanden, der dorthin gehen kann, wo ich nicht hin kann. Jemanden Unsichtbaren.“ Ihr Blick war auf ihr Handy gerichtet, scharf wie eine Klinge. „Dieser Jemand bist du.“ Iris’ Puls hämmerte. Das war Wahnsinn. Ein Spiel für die Reichen und Verbitterten. Doch dann sagte Eva Sandras Namen, beiläufig, als hätte sie nur darauf gewartet, ihn einzusetzen. Iris zuckte zusammen. „Glaubst du, das Krankenhaus wird warten, bis du einen anderen Weg findest?“, fragte Eva leise. „Die Zeit ist nicht deine Verbündete, Iris. Das war sie nie.“ *** Das Kleid fühlte sich an wie eine Rüstung. Schwarze Seide schmiegte sich an ihren Körper, der Ausschnitt war gewagt, der Schlitz streifte ihren Oberschenkel. Eva hatte auf der Couture, dem Schmuck und den geschminkten Lippen bestanden, die wie Kriegsbemalung leuchteten. Als Iris sich vor der Gala im Spiegel betrachtete, erkannte sie ihr Spiegelbild kaum wieder – zu poliert, zu perfekt, zu sehr wie eine Beute im Köderkleid. „Denk dran“, flüsterte Eva, als der Wagen vor dem großen Eingang des Hotels vorfuhr. „Du bist meine Cousine aus Frankfurt. Fern, vergessenswert. Und doch unvergesslich, wenn Ruben dich ansieht. Diese Ausgewogenheit ist alles.“ Der Ballsaal schimmerte im Glanz von Kronleuchtern und Champagnergelächter. Männer im Smoking bewegten sich wie Wölfe in polierten Schuhen; Frauen glänzten in Kleidern, die bei jedem Schritt Geheimnisse preisgaben. Iris spürte die Last auf ihrer Haut – den Reichtum, die Macht, die gefährliche Langeweile von Raubtieren, denen nie etwas verwehrt worden war. Und dann sah sie ihn. Ruben Brandt. Die Menge teilte sich, ohne es zu merken, als ob die Schwerkraft selbst sich ihm zuneigte. Seine Anwesenheit war entwaffnend – groß, breitschultrig, tadellos gekleidet. Er lachte über etwas, das neben ihm geflüstert wurde, und der Klang war warm, golden, magnetisch. Eine Frau an seinem Arm errötete heftig, und Männer in der Nähe nickten bei jedem seiner Worte zu eifrig. Das Lachen im Kreis stockte für einen halben Atemzug, als er sprach, als wartete die Luft auf die Erlaubnis, sich wieder zu bewegen. Doch hinter dem Charme verbarg sich etwas Kälteres. Die Art, wie seine Leibwächter wie Schatten am Rand des Lichts verweilten. Die Art, wie sein Blick durch den Raum schweifte – nicht suchend, sondern fordernd. Und als sein Blick auf Iris fiel, verweilte er einen Hauch zu lange. Verspielt. Neugierig. Abschätzend. Und dahinter – der Schimmer von etwas Kälterem, wie eine in Seide gehüllte Klinge. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Eva rutschte an ihre Seite und lächelte makellos. „Da ist er. Unser Löwe in Seide. Wenn es soweit ist, gebe ich dir das Zeichen.“ Iris nickte, obwohl ihre Handflächen schweißnass waren. Sie versuchte, sich auf Sandra zu konzentrieren, auf die Krankenhausrechnungen, auf das Piepen der Maschine, die geborgte Zeit. Das war der einzige Grund, warum sie hier war. Das sagte sie sich immer wieder, während Rubens Blick wie ein Haken, der sich in Fleisch verfing, zu ihr zurückwanderte. *** Stunden verschwammen in einem Dunst aus Champagner und einstudiertem Gelächter. Iris spielte ihre Rolle – entfernte Cousine, höfliches Lächeln, vergessenswert. Doch jeder Blick, den Ruben ihr zuwarf, erinnerte sie daran, dass er sie nicht vergaß. Endlich streifte Evas Hand ihren Arm. Das Zeichen. Ihre Finger juckten, nicht vom Champagnerstiel, sondern von Sandras schwerem Gesicht, das sich in ihr Gedächtnis brannte. Jede Sekunde, die sie zögerte, war eine Sekunde, in der die Krankenhausmaschinen gnadenlos summten. Lächle, Iris. Lächle einfach. Tu so, als würdest du nicht mit jedem Schritt auf ihn zu Teile von dir verkaufen. Iris’ Herz hämmerte, als sie sich aus der Menge entfernte. Ihre Absätze klapperten auf Marmor, während sie dem Weg folgte, den Eva ihr vorgezeichnet hatte. Ein privater Flur. Eine stille Treppe. Oben dämpften samtene Wände die Musik, bis sie nur noch ein entferntes Dröhnen war. Und dann … war er da. Ruben. Das dachte sie zumindest. Er stand am Fenster, sein Profil scharf im Mondlicht. Dunkler Anzug. Seine Präsenz war so stark, dass sie den Raum erfüllte. Beim Geräusch ihrer Absätze drehte er den Kopf, und sein Mund verzog sich – nicht überrascht, sondern belustigt, erwartungsvoll. Iris zwang sich nach vorne, die Hüften wiegend, die Stimme leise. „Mr. Brandt.“ Der Name klang gefährlich. Er legte den Kopf schief und beobachtete sie wie eine Katze eine Maus, die sich für schlau hält. „Ich dachte“, murmelte sie und rückte näher. „Vielleicht brauchen wir beide eine Pause von dem Lärm“, sagte sie, und die Worte klangen einstudiert, zu süß. Ihr Puls raste so laut, dass sie sich selbst fast nicht hörte. „Einen leiseren Drink. Nur wir.“ Es war ungeschickt, zu offensichtlich, aber die Verzweiflung schärfte ihre Darbietung zu etwas fast Glaubwürdigem. Fast. Und doch – er kicherte. Leise, spöttisch, durchschnitt er ihren Versuch wie eine Klinge. „Ist das deine Vorstellung von Verführung? Dich nah an dich lehnen, mit den Wimpern klimpern und hoffen, dass ich zerbreche?“ Hitze brannte in ihren Wangen. Sie hatte geprobt, geplant, aber unter seinem Blick löste sich alles auf. Also tat sie das Einzige, was sie tun konnte. Sie trat näher, mutig genug, die Luft zwischen ihnen zu überbrücken, und streifte seine Brust wie eine Herausforderung. „Manchmal funktioniert es einfach“, flüsterte sie. Die Tür flog auf. „Iris?!“ Evas Keuchen knallte wie eine Peitsche. Sie drehte sich langsam um. Dieser Mann ist nicht Ruben. Der Raum neigte sich nicht, aber er hätte es genauso gut tun können. Jeder Instinkt schrie nach Flucht, doch ihre Absätze blieben wie angewurzelt am Marmor. Der Name hing in der Luft – zu roh, zu real, zu vertraut. Der Mann vor ihr erstarrte. Sein Blick traf ihren, und zum ersten Mal fiel die Maske spöttischer Belustigung von ihm ab. Schock. Wiedererkennen. Ein Sturm, der sich fünfzehn Jahre lang angebahnt hatte. Nicht Ruben. Elias. Sein Blick heftete sich auf sie, als hätte er sein ganzes Leben auf diesen Moment gewartet. Und in der Stille, die folgte, erkannte Iris, dass ihr Fehler nicht nur peinlich war. Er war katastrophal.
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