KAPITEL 1: ARIELLA
Jemand würde heute Nacht verkauft werden. Ich wünschte, es hätte nicht so lange gedauert, bis ich begriff, wer es war.
Die hölzerne Bühne unter mir knarrte unter meinem Gewicht. Mein Körper bewegte sich wie von selbst und wiederholte denselben Tanz, den ich jede Nacht aufführte, bis die Madam mich in ein Zimmer mit dem sadistischen Bastard schickte, der den höchsten Preis zahlte.
Die Blutergüsse von den Männern, die in den letzten Tagen ihren Willen mit mir durchgesetzt hatten, zeichneten noch immer meine Haut. Die fingerförmigen Abdrücke an meiner Taille und meinen Hüften juckten unter dem schimmernden goldenen Glitzer, der sie verbarg.
Man sollte meinen, so etwas sei illegal, aber Sünde ist in Vegas kein Thema. Und der Sexhandel war fast so normal wie ein Frühstück an einem Sonntag.
Die Jubelrufe erfüllten meine Ohren, fast ohrenbetäubend, während meine Finger verführerisch über meinen fast nackten Körper glitten, der dünne BH und das Höschen bedeckten mich kaum. Jeder Versuch, die Schreie auszublenden, war vergeblich.
Meine Augen wanderten über die Menge, musterten verschiedene Arten von Männern, bis sie auf die Madam fielen, die Besitzerin dieses Bordells und mein aktuelles Monster.
Neben ihr stand ein Mann und runzelte leicht die Stirn. Sein Blick ruhte bereits auf mir. Diese Augen ließen die bronzenen Wände näher rücken, fast als würden sie mich ersticken.
Kein Teil von mir wagte es aufzuhören zu tanzen, als sie auf mich zukamen, aber meine Knie gaben beinahe vor Anspannung nach. Das Korsettkleid der Madam schimmerte, während sie ging, ihre Lippen bewegten sich, während sie mich weiter anstarrte.
„Komm her, Mädchen“, befahl die Madam. Die stöhnenden Männer ignorierend, die mich anflehten nicht aufzuhören, stieg ich von der hölzernen Plattform.
Jetzt vor ihm zu stehen ließ seine einschüchternde Präsenz noch größer wirken. Sein makelloser schwarzer Anzug sah aus, als würde er mehr kosten als alles, was dieses Bordell in einem Jahrzehnt verdiente, und seine breite Statur überragte mich.
Ihr Arm streckte sich aus, packte mein Kinn grob und zwang mich, seinem Blick zu begegnen. „Das ist Mr. Morozcov. Er hat eine beträchtliche Summe bezahlt, um dich zu bekommen, also wirst du brav für ihn sein. Nicht wahr, Mädchen?“
Zitternd nickte ich, während meine Augen sich in seine kalten grauen bohrten. Er hatte noch kein Wort gesagt, und genau das ließ ein Loch in meinem Magen entstehen. Männer, die nicht sagten, was sie wollten, waren gefährlich. Besonders für Menschen wie mich.
Er war gutaussehend, auch wenn das keine Rolle spielte. Ich war gezwungen worden, mit hässlichen Männern, durchschnittlichen Männern und ungerechtfertigt attraktiven Männern zu sein.
Aussehen spielte in meiner Welt keine Rolle, aber der Gedanke blieb trotzdem in meinem Kopf hängen und ließ mich nicht los. Dieser Mann, Mr. Morozcov, war sehr gutaussehend.
Ihre Fingernägel bohrten sich in meine Haut und rissen mich zurück in die Realität. „Ich werde brav sein.“ Die Worte kamen leise, kaum hörbar, aber sie akzeptierte es trotzdem.
„Sei respektvoll, Mädchen. Begrüße deinen neuen Besitzer.“ Ihre Worte waren wie eine Klinge, scharf und unnachgiebig. Neuer Besitzer?
Mein Verstand raste noch immer, während ich versuchte zu begreifen, was sie gerade gesagt hatte. Weiterverkaufen war in diesem Geschäft nichts Ungewöhnliches und mir war es schon ein paar Mal passiert, aber der Schock war trotzdem da, genau wie damals vor all den Jahren, als ich als Kind zum ersten Mal verkauft worden war.
„H_Hallo, Sir.“ Die Unsicherheit darüber, was er von mir wollen könnte, welche Erwartungen und Forderungen er hatte, war wahrscheinlich die gefährlichste Situation überhaupt.
„Geht es dir gut?“ Mr. Morozcov sprach zum ersten Mal und ließ mich zurückzucken. Seine Stimme hatte einen Akzent. Wahrscheinlich russisch, wenn man seinen Nachnamen bedachte.
Übelkeit stieg in meiner Kehle auf, mein Kopf pochte von der Anstrengung, die es kostete zu nicken.
„Ihr geht es gut. Sie wissen doch, wie—“
„Ich habe nicht mit Ihnen gesprochen.“ Meine Augen schnellten nach oben und meine Verwirrung wurde noch größer. Noch nie hatte jemand so mit der Madam gesprochen, und doch stand sie hier und lächelte, als hätte er sie nicht gerade zum Schweigen gebracht. Wer war dieser Mann?
„Mir geht es gut, Sir.“ Mein Kopf senkte sich, ich verbeugte mich, um unterwürfiger zu wirken. Das mochten Männer meistens. Mädchen, die ohne Fragen gehorchten, weil der Preis für Rebellion zu hoch war.
„Ich habe eines der Mädchen beauftragt, ihre Sachen zu packen und sie wie gewünscht in Ihr Fahrzeug zu legen. Wenn das alles ist, werde ich mich verabschieden.“ Ihre Finger lösten sich von meinem Kinn, und mit einem letzten Klaps auf meinen Rücken ging sie davon. Jeder Schritt schien die Endgültigkeit meiner Situation zu unterstreichen.
Die Hoffnung, die meine Brust erfüllte, als sie sich noch einmal umdrehte, ekelte mich an. „Oh, und wenn sie Ihnen Schwierigkeiten macht, rufen Sie mich einfach an. Ich werde mich um sie kümmern.“ Und dann war sie weg.
Meine Augen rissen sich von ihrem sich entfernenden Rücken los und richteten sich wieder auf ihn. Seine Augen musterten mich bereits vollständig.
Meine Arme legten sich um meinen Körper und versuchten mich zu bedecken und irgendeine Illusion von Wärme und Sicherheit zu erschaffen.
Es war eine Lüge. Sicherheit war seit Jahren kein Wort mehr in meinem Wörterbuch, und es gab keine noch so naive Vorstellung, in der dieser Mann das änderte.
„Dir ist kalt?“ Ohne meine Antwort abzuwarten, zog er seine Anzugjacke aus und legte sie um meine Schultern. Seine Berührung, leicht auf meiner Haut, ließ mich erschauern.
„Danke, Sir.“ Da ich nicht wusste, wie ich ihn sonst nennen sollte, schien „Sir“ die sicherste Option zu sein. Immerhin hatte er sich nicht beschwert.
Wir verließen das Bordell. Der Mond spendete so viel Licht, wie er konnte, und warf einen Schatten über das große Gebäude, das nicht länger mein Zuhause war. Es war noch immer dunkel. Die Straßenlaternen entlang der vermüllten Straße waren größtenteils kaputt.
Mein Herz schlug heftig, während meine Füße kaum mit Mr. Morozcov Schritt halten konnten. Er blieb vor einem schönen schwarzen Auto stehen. Ein teures Auto.
Er war offensichtlich wohlhabend. Was machte ein Mann seines Status in den Slums von Vegas?
Er öffnete die Beifahrertür für mich und sah mich erwartungsvoll an.
Meine Haut prickelte, als ich mich auf den makellosen schwarzen Ledersitz sinken ließ. Das Innere des Autos war komplett schwarz gehalten, von den getönten Fenstern bis hin zu den Teppichen.
Die Tür auf der Fahrerseite öffnete sich, und meine Augen senkten sich instinktiv auf meinen Schoß. Meine Finger zitterten. Der Glitzer, der meine Blutergüsse bedeckte, begann abzufallen, und die schwarzen und violetten Flecken erinnerten dauerhaft an meine elende Realität.
Meine Lippen blieben fest geschlossen, während er den Motor startete und losfuhr. Wenn er wollte, dass ich sprach, hätte er es gesagt. Das unangenehme Schweigen hielt lange an, bis er es schließlich brach.
„Erinnerst du dich an mich?“ Seine Stimme klang scharf, fast verzweifelt.
War das ein Spiel? Sollte ich mitspielen? Manche Männer liebten Spiele. Meist endete es damit, dass ich blutend auf einem Steinboden lag. Allein der Gedanke ließ meinen Körper schmerzen. „Sollte ich?“
Er schnaubte. Nicht spöttisch, eher ungläubig. „Sag mir deinen Namen.“
„J_Jane?“ Die Lüge klang mehr wie eine Frage, und der Sinn dahinter war mir selbst unklar. Mein Name spielte ohnehin keine Rolle. Die meisten meiner früheren Besitzer kannten ihn nicht einmal. Die Madam ganz sicher nicht.
„Lüg mich nicht an, Mädchen.“ Trotz meiner Bemühungen konnte ich das Zusammenzucken bei seinen harten Worten nicht verbergen.
„Es ist Ella. Ariella.“ Mein Körper zitterte jetzt sichtbar, meine Sicht verschwamm vor Tränen.
Er brummte nur als Antwort, seine Augen weiterhin auf die Straße gerichtet. „Bist du sicher? War das schon immer dein Name?“
Meine Zähne gruben sich in meine Unterlippe. Das musste ein Spiel sein, und es würde nie eine richtige Art geben, es zu spielen.
„Hey? Bist du sicher, dass es dir gut geht?“ Endlich sah er von der Straße weg.
„Mir geht es gut, Sir.“ Meine Schultern krümmten sich nach vorne, während ich tiefer in seine Jacke sank.
„Du bist verletzt.“ Es war keine Frage, und selbst wenn, der Kloß in meinem Hals hätte mir keine Antwort erlaubt. „Ich lasse einen Arzt kommen, der dich untersucht. Gibt es eine Verletzung, von der du glaubst, dass sie sich entzündet haben könnte?“
„I_Ich weiß es nicht.“ Die Mädchen im Bordell bekamen gelegentlich Untersuchungen, aber meine letzte war über einen Monat her. Es gab keine Möglichkeit, sicher zu sein.
„Bist du... sauber?“ Er räusperte sich und klickte mit der Zunge. „Ich meine, hast du irgendeine Geschlechtskrankheit?“
„Nicht, dass ich wüsste.“ Vielleicht wäre eine Lüge die bessere Antwort gewesen, schließlich hatte er mich wahrscheinlich für s*x gekauft. Dafür kauften sie mich alle. Aber er hatte bereits bewiesen, dass er Lügen erkennen konnte.
„Ich lasse dich testen.“ Er drehte das Lenkrad und fuhr auf den Parkplatz eines eleganten Gebäudes mit cremefarbener Fassade. „Wir sind da, Ariella.“
Mein Name klang seltsam, wenn jemand anderes ihn aussprach. Er öffnete die Autotür und stieg aus.
Es gab keinen Befehl, dass ich folgen sollte. Vielleicht wollte er es aber. Die Entscheidung wurde mir abgenommen, als sich die Tür neben mir öffnete.
Mr. Morozcov streckte mir seinen Arm entgegen. „Komm. Ich lasse jemand deine Tasche nach oben bringen.“
Ich ergriff schnell seine Hand, und er zog mich mit einem leisen Grunzen aus dem Autositz. Wir betraten das große Gebäude. Die weißen Wände wirkten unendlich hoch, und der Duft war süß, aber fremd für mich. Drinnen herrschte geschäftiges Treiben. Menschen in Kleidern und Anzügen füllten den Raum.
Einige begrüßten Mr. Morozcov, aber er ignorierte sie und führte mich stattdessen zu einer blonden Frau hinter einem goldenen Empfangstresen. Ein Telefon und ein Monitor standen auf der rechten Seite.
Meine Füße stolperten beinahe übereinander, während ich versuchte mit ihm Schritt zu halten und dabei die Anzugjacke zuknöpfte, um mich besser zu bedecken.
„Dieses Hotel ist gesichert. Du hast nichts zu befürchten“, flüsterte er mir zu, kurz bevor wir die Frau erreichten. „Killian Morozcov. Meine Assistentin hat bereits eine Suite für mich gebucht.“
Die Frau, wahrscheinlich die Rezeptionistin, wirkte zunächst gelangweilt, als sie uns bemerkte. Doch in dem Moment, als sein Name fiel, wurde sie plötzlich zur freundlichsten Schleimerin der Welt.
„Mr. Morozcov, Sie sind da. Ja, ich habe den Anruf erhalten. Sie sind im obersten Stockwerk. Der Aufzug ist dort drüben. Ihr Gepäck wurde bereits früher heute gebracht.“
Meine Verwirrung wich Ärger, als sie hinter Mr. Morozcov hervorlugte und mir einen missbilligenden Blick zuwarf.
„Belästigt diese Frau Sie, Sir? Ich weiß nicht, wie sie hereingekommen ist. Ich rufe besser die Security.“ Sie griff bereits zum Telefon. Wenn meine Zukunft nicht ohnehin schon völlig ungewiss gewesen wäre, hätte diese Frau vielleicht tatsächlich einen Faustschlag ins Gesicht bekommen.
„Sie gehört zu mir. Und wenn jemand sie belästigt, werden Sie diejenige sein, die für das verantwortlich ist, was ich dann tue.“ Ihre Finger erstarrten auf halbem Weg zum Telefon und zogen sich zurück, als hätten sie sich verbrannt.
„Ich entschuldige mich, Sir.“ Sie setzte ein falsches Lächeln auf und deutete in Richtung der Aufzüge. „Sie können jetzt zu Ihrer Suite gehen. Ich werde dafür sorgen, dass Ihr Abendessen pünktlich nach oben geschickt wird. Für Sie beide.“ Sie reichte ihm eine goldene Karte, immer noch lächelnd.
Wir gingen zum Aufzug, und es wurde immer deutlicher, wie viel Aufmerksamkeit ein Mädchen bekam, das nur einen Bikini unter einer Anzugjacke in einem so eleganten Hotel trug.
Mein Gesicht brannte vor Scham, und meine Sicht verschwamm erneut durch Tränen, die zu viel kosten würden, um sie zu vergießen.
Der Aufzug war leer, und wieder waren wir zusammen in einem engen Raum. Die Stille war so dicht und zugleich zerbrechlich.
Die Aufzugtüren glitten auseinander und enthüllten einen breiten Flur, der in einem warmen Blauton gestrichen war. Ein weicher türkisfarbener Teppich zog sich über die gesamte Länge. Er war wahrscheinlich weicher als die Pritsche, auf der ich früher geschlafen hatte.
Mein Herz hämmerte gegen meine Brust. Die Realität meiner Situation fühlte sich noch nie so bedrohlich an wie in diesem Moment.
Denn sobald er diese Tür öffnete, würde er Dinge von mir erwarten. Das hier war nicht irgendein Mann aus dem Bordell der Madam.
Er gehörte mir jetzt. Das bedeutete, dass niemand da war, der ihn aufhalten oder zurückhalten konnte. Meine Lippen zitterten bei dem Bild, das mein Kopf malte.
Killian ging auf die einzige Tür auf der rechten Seite zu und hielt die Karte an das kleine schwarze Gerät daneben.
Die Tür entriegelte sich mit einem Klick, der mich zusammenzucken ließ. Killian warf mir einen Blick über die Schulter zu, sein Ausdruck undurchschaubar.
Mein Herz war noch immer schwer, als er seine Hand auf den Türknauf legte. Meine Lippen öffneten sich, ein stilles Flehen, dass er mir nicht wehtun möge.
Er öffnete die Tür.