Kapitel 1: Staub und Schicksal
Der Staub wurde nicht nur vom Konvoi aufgewirbelt. Er war ein lebendiges, atmendes Wesen, das nach verbranntem Schießpulver und Angst roch und sich an Noras Kehle klammerte, während die Welt außerhalb des gepanzerten Fahrzeugs in einer Kakophonie aus Kleinwaffenfeuer und kehligen Schreien versank. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen wie ein verzweifelter Vogel, der unbedingt aus seinem Käfig entkommen wollte. „Bleibt unten! Alle bleiben unten!“, bellte sie, drückte sich flach auf den Boden, während ihr Funkgerät vor Rauschen knisterte. Sie waren getroffen worden. Schwer.
Eine Kugel pfiff an der gepanzerten Seite des Lastwagens vorbei und machte sie für einen Moment taub. Sie kannte dieses Gebiet; der Veridian-Korridor war ein brutales Schachbrett, auf dem jeder Zug über Leben und Tod entschied, aber das hier war anders. Das war nicht das übliche Banditentum. Die Präzision, die Koordination … es roch nach etwas weitaus Organisierterem, weitaus Tödlicherem.
„Global Compassion, hier ist Konvoi Delta-Sechs, wir stehen unter schwerem Beschuss, bitten um sofortige Unterstützung!“ Ihre Stimme klang angespannt und war im Lärm kaum zu hören. Keine Antwort. Die Angst zog sich noch fester in ihrem Magen zusammen. Sie waren auf sich allein gestellt.
Dann eine plötzliche, erschütternde Stille. Zu plötzlich. Die Schüsse verstummten und machten einer seltsamen, unnatürlichen Stille Platz, die ihr die Nackenhaare zu Berge stehen ließ. Nora hob vorsichtig den Kopf und spähte durch das von Einschusslöchern übersäte Fenster. Was sie sah, ließ ihr den Atem stocken.
Dunkle Gestalten, die sich mit erschreckender Geschwindigkeit und Effizienz bewegten, schalteten die verbleibenden Angreifer systematisch aus. Es waren keine Soldaten, zumindest trugen sie keine Uniformen, die Nora kannte. Gekleidet in taktische Ausrüstung, so dunkel wie eine mondlose Nacht, bewegten sie sich wie Raubtiere, ein Wirbel aus Bewegung und roher Kraft. Es waren BSS. Blackwood Security Solutions.
Ihr Kiefer spannte sich an. Natürlich. Die privaten Militärdienstleister, allgegenwärtig in jedem Konfliktgebiet, die immer heranstürmten, um „die Lage zu retten“, während sie ihre ganz eigene Art der Zerstörung hinterließen. Sie verachtete ihre Methoden, ihre gefühllose Missachtung von allem, was nicht ihren Einsatzparametern entsprach. Sie waren der Grund, warum Hilfsmaßnahmen oft scheiterten und neutrale Zonen in Schlachtfelder verwandelten.
Ein Schatten fiel über sie. Sie zuckte zusammen und wandte sich einer hoch aufragenden Gestalt zu, die sich vor der trüben Mittagssonne abzeichnete. Er bewegte sich mit einer fast arroganten Anmut und schüttelte die letzten Staubspuren von seiner dunklen Kampfuniform ab. Als er sich endlich umdrehte, zeigte sein Gesicht eine Studien in kalten, scharfen Konturen: hohe Wangenknochen, ein kräftiger, von Stoppeln übersäter Kiefer und Augen in der Farbe von geschmiedetem Stahl, die sie direkt zu durchdringen schienen.
Jackson Miller. Der berüchtigte CEO von BSS. Sie hatte sein Gesicht in unzähligen Nachrichten gesehen, immer makellos gekleidet, immer eine Aura unantastbarer Macht ausstrahlend. Hier, im Einsatz, war er etwas ganz anderes – eine urwüchsige Kraft, gefährlich und absolut fesselnd.
Sein Blick glitt über sie hinweg, kühl und abweisend, bis er sich ganz auf ihren eigenen richtete. Und dann änderte sich alles.
Es war kein flüchtiger Blick. Es war eine Kollision. Ein heftiger, glühender Strom traf Nora und drückte ihr die Luft aus den Lungen. Es fühlte sich an, als würden alle Nervenenden in ihrem Körper zum Leben erwachen, eine brennende Erkenntnis, die sich jeder Logik und Vernunft entzog. Seine stählernen Augen weiteten sich, und in ihrer Tiefe entfachte sich ein Funke von etwas Uraltem und Ungezähmtem. Ein tiefes, wildes Knurren grollte tief in seiner Brust, kaum hörbar, doch es ließ den Boden unter ihnen vibrieren.
Nora taumelte zurück, klammerte sich an die Seite des Lastwagens, ihr Kopf schwirrte. Das war kein professioneller Respekt, nicht einmal widerwillige Anerkennung. Das war … ursprünglich. Instinktiv. Es brannte mit einer wilden Intensität, die sie noch nie gekannt hatte, ein beharrlicher Sog, der sie zugleich erschreckte und faszinierte. Sie wollte weglaufen, ihn von sich stoßen, schreien angesichts der Unverschämtheit dieses unmöglichen, überwältigenden Gefühls.
Jax machte einen raubtierhaften Schritt nach vorne, seinen Blick fest auf sie gerichtet, während sich in seinen Augen ein unlesbarer Sturm zusammenbraute. Seine Nasenflügel bebten, und sie hätte fast schwören können, dass er ihren Geruch wahrnahm. Er wirkte zugleich wütend, verwirrt und völlig gefesselt. Die Luft knisterte vor einer Spannung, die dichter war als der Staub der Schlacht und eine ganz andere Art von Krieg versprach.
„Du“, hauchte er, ein einziges Wort, eine raue, kehlige Äußerung. Seine Stimme war von einem ungewohnten Zittern durchzogen, einer furchterregenden Mischung aus Besitzgier und tiefer Ungläubigkeit. Die Implikation hing schwer in der Luft, eine Erklärung, die keiner von beiden wollte, die keiner von beiden leugnen konnte.
Ein plötzlicher, scharfer Knall aus dem Waldrand zerriss den Moment. Ein einzelner Scharfschützen-Schuss. Er war nicht auf Jax gerichtet. Er war direkt auf Nora gerichtet.