„Ich werde ihn nicht heiraten!“
Hannah sprach diese Worte entschlossen vor Francesca und John aus.
Es war das erste Mal seit Jahren, dass sie offen widersprach. Bisher hatte sie stets nachgegeben und die Wünsche ihrer Eltern – oder genauer gesagt die Launen Francescas – schweigend akzeptiert.
„Bist du verrückt? Alden ist viel reicher als Jeffrey! Du solltest dankbar sein, dass du ihn heiraten darfst!“, fauchte Francesca.
Alden Harrison, der achtundzwanzigjährige Sohn eines einst mächtigen Milliardärs, war nach einem schweren Unfall auf einen Rollstuhl angewiesen.
Er hielt sich schon vor dem Unfall aus der Öffentlichkeit fern und mied seitdem jegliche Aufmerksamkeit der Medien. Deshalb wusste Hannah kaum etwas über ihn oder die Schwierigkeiten, mit denen Maxim Harrisons ältester Sohn zu kämpfen hatte.
Doch darum ging es ihr nicht.
Hannah hatte das Gefühl, ihre Würde verloren zu haben. Francesca bot sie ganz selbstverständlich als Ersatz für Aspen an. Noch schlimmer war, dass Aldens rechte Hand, Edward, diese Angelegenheit mit seinem Arbeitgeber besprechen würde.
Es fühlte sich an wie ein heimlicher Handel mit Frauen.
Hannah war nicht länger bereit, sich so behandeln zu lassen.
„Warum hat Aspen Alden nicht selbst geheiratet?“, fragte Hannah herausfordernd.
Im nächsten Augenblick traf sie eine heftige Ohrfeige.
Der Schmerz brannte auf ihrer Wange. Für einen Moment saß sie wie erstarrt da. Sie versuchte, ihre Tränen zurückzuhalten, doch es gelang ihr nicht.
„Ich habe dich großgezogen und mich um dich gekümmert! Wie kannst du es wagen, mir zu widersprechen?“, schrie Francesca.
„Nein, Francesca, warte!“, versuchte John den Streit zu schlichten.
„Sieh dir deine Tochter an, John! Ich habe immer Geduld mit ihr gehabt, und jetzt wird sie auch noch frech. Aber du nimmst sie ständig in Schutz!“
John sah Hannah traurig an und nahm sanft ihre Hand.
„Hannah, hör mir bitte einen Moment zu.“
Hannah schüttelte den Kopf.
War das alles nicht schon schlimm genug?
Nachdem sie Jeffrey an Aspen verloren hatte, sollte sie nun auch noch ihre Stiefschwester ersetzen?
Aspen hatte ihr Jeffrey skrupellos weggenommen, nur weil sie keinen Mann heiraten wollte, der im Rollstuhl saß.
Statt an ihre Zukunft zu denken, stellte Hannah sich vor, wie Jeffrey und Aspen gerade die Flitterwochen genossen, die sie monatelang geplant hatte.
Der Gedanke zerriss ihr das Herz.
„Maxim ist mein Jugendfreund, und Alden ist ein guter Mann. Du musst ihm nur eine Chance geben und ihn kennenlernen“, sagte John leise.
„Ich will keinen Fremden heiraten, Dad“, schluchzte Hannah.
Francesca lachte spöttisch und stemmte die Hände in die Hüften.
„Und wen soll ich dann mit Alden verheiraten?“
Hannah ignorierte sie und umklammerte Johns Hand fester.
„Warum muss ich diesen Mann heiraten?“
„Weil ich ein altes Versprechen einhalten muss, Hannah“, antwortete John leise.
„Dein Vater ist bankrott!“, platzte Francesca heraus. „Wenn Mr. Maxim ihm nicht geholfen hätte, würdet ihr nicht einmal mehr in diesem Haus wohnen. Alles, worum er gebeten hat, war, dass einer seiner Söhne entweder dich oder Aspen heiratet!“
Sie warf John einen kurzen Blick zu und wandte sich wieder Hannah zu.
„Aber dein Vater hat sich nie von seinem finanziellen Zusammenbruch erholt. Willst du wirklich zulassen, dass deine Familie weiter leidet?“
„Francesca, bitte. Lass mich allein mit Hannah sprechen.“
„Warum bist du nie konsequent? Du bist immer so schwach, John!“
„Hör auf! Ich muss ...“
Plötzlich verstummte John.
Er presste eine Hand auf seine Brust, stöhnte auf und brach zusammen.
„Dad! Dad!“
Hannah schrie vor Angst.
*
Durch die Glasscheibe beobachtete Hannah ihren Vater, der auf einem Krankenhausbett lag und an zahlreiche medizinische Geräte angeschlossen war.
Sie umarmte sich selbst, während Angst und Hilflosigkeit sie überwältigten.
Als ihre Mutter gestorben war, hatte es sich angefühlt, als wäre die Hälfte ihrer Seele mit ihr gegangen.
„Oh, Dad ...“, flüsterte sie traurig.
John hatte einen Herzinfarkt erlitten.
Die Ärzte empfahlen dringend eine Operation, um seinen Zustand zu stabilisieren. Niemand konnte garantieren, dass der Eingriff sein Leben retten würde, doch ohne die Operation blieben ihm vermutlich nur noch wenige Tage.
Das Problem waren die Kosten.
John besaß keine Krankenversicherung, weil Francesca nie an Notfälle gedacht hatte. Sie kümmerte sich nur um ein bequemes Leben und ihre Vergnügungen.
Und nun war es unwahrscheinlich, dass sie große Opfer bringen würde, um ihren Mann zu retten.
Ein kalter Schauer lief Hannah über den Rücken.
Was, wenn sie ihren Vater für immer verlieren würde?
Nein.
Das durfte nicht passieren.
„Willst du einfach nur dastehen?“, fragte Francesca plötzlich hinter ihr.
Hannah drehte sich um.
„Woher sollen wir das Geld für Dads Operation nehmen?“, fragte sie verzweifelt.
„Ich habe keinen Job! Woher soll ich das Geld nehmen?“, erwiderte Francesca gereizt.
Hannah seufzte.
„Kannst du Aspen und Jeffrey nicht anrufen? Vielleicht kann Jeffreys Firma uns etwas leihen.“
„Und was ist mit deiner Firma?“
Hannah schüttelte den Kopf.
„Das geht nicht. Wir zahlen immer noch die Kredite von Dads letztem Krankenhausaufenthalt ab.“
„Aspen war dumm. Warum musste sie ausgerechnet deinen armen Ex-Freund heiraten?“, schimpfte Francesca.
Hannah spürte erneut den Schmerz in ihrer Brust.
„Und weil du Maxim Harrisons Sohn nicht heiraten wolltest, ist dein Vater überhaupt erst in diese Situation geraten!“, warf Francesca ihr vor.
Dann ging sie hastig den Flur entlang.
Schuldgefühle überkamen Hannah.
Wenn diese Ehefrage ihren Vater nicht so belastet hätte, hätte sie alles akzeptiert. Solange John gesund blieb und seinen Lebensabend in Frieden verbringen konnte.
Am Ende des Flurs hörte Hannah Francesca weinen, während sie telefonierte.
Es war sicher nicht Aspen. Ihre Stiefschwester hatte sich nie wirklich um John gekümmert.
Als sein Unternehmen zusammenbrach und er litt, hatte Aspen nur Beschwerden geäußert.
Wie traurig.
Hannah riss sich aus ihren Gedanken und ging auf Francesca zu.
Egal, was es kostete – John musste gerettet werden.
„Bitte ... vielleicht kann Mr. Maxim uns noch einmal helfen?“
Francesca flehte förmlich in den Hörer.
„Wenn ich nur mit ihm sprechen könnte, Edward ...“
Hannah streckte die Hand aus.
„Ich möchte mit Edward sprechen.“
Überrascht reichte Francesca ihr das Telefon.
„Edward, einen Moment. Meine Tochter möchte mit Ihnen sprechen.“
Hannah hielt das Handy ans Ohr.
„Hallo, Edward? Hier ist Hannah.“
„Ja, Miss Hannah.“
„Ich muss dringend mit Mr. Maxim oder Mr. Alden sprechen. Es geht um das Leben meines Vaters.“
„Beide sind momentan nicht erreichbar. Aber wenn Sie mir etwas mitteilen möchten, höre ich Ihnen zu.“
Hannahs Herz raste.
Immer wieder sagte sie sich, dass sie das nur für ihren Vater tat.
„Bitte richten Sie ihnen aus, dass ich vielleicht unhöflich oder respektlos klinge ... aber ich flehe Sie an, meinem Vater zu helfen. Ich werde jede Bedingung akzeptieren, die Mr. Maxim oder Mr. Alden stellen. Wenn sie diese Ehe wollen, werde ich zustimmen.“
Am anderen Ende herrschte Stille.
Keine Antwort.
„Hallo? Edward?“
„Ja?“
Die Stimme klang plötzlich anders.
Tiefer. Rauer.
Hannah runzelte die Stirn.
„Entschuldigung, aber ich wollte eigentlich mit Edward sprechen. Ich habe etwas, das ich Mr. Maxim oder Mr. Alden mitteilen möchte.“
„Schicken Sie einfach die Kontonummer des Krankenhauses und den Namen des Patienten. Danach kommen Sie morgen zu unserem Anwesen.“
Die Verbindung wurde sofort unterbrochen.
Hannah starrte sprachlos auf das Telefon.
Wer hatte gerade mit ihr gesprochen?