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Ein elegantes weißes Brautkleid zu tragen, einen Blumenstrauß in den Händen zu halten, den Gang zum Altar entlangzuschreiten und sich ewige Treue bis zum Tod zu schwören – das war der Traum jeder Frau. Hannah hätte nie erwartet, dass ausgerechnet heute der Tag sein würde, an dem ihr Leben als alleinstehende Frau enden sollte.
Alles hatte vor sechs Monaten begonnen, als Jeffrey ihr an ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag einen Heiratsantrag machte.
Jeffrey war in jeder Hinsicht perfekt. Er überschüttete Hannah mit Aufmerksamkeit und Liebe. Auch wenn er nicht aus einer besonders wohlhabenden Familie stammte, war er alles, was sie sich wünschte. Ein einfaches, glückliches Eheleben war ihr größter Traum, denn in ihrem bisherigen Leben hatte sie nur selten wahres Glück erfahren.
Alles wegen ...
„Hannah!“
Eine Stimme riss sie aus ihren Gedanken, als die Tür ihres Zimmers ohne Anklopfen aufgerissen wurde.
Francesca Comb, Hannahs Stiefmutter, trat ein. Die Frau Mitte vierzig war stark geschminkt und strahlte einen auffälligen Glamour aus.
Seit ihrer Heirat mit Hannahs Vater hatte Francesca ihr das Leben zur Hölle gemacht.
„Ja, Mom?“, fragte Hannah.
Francesca musterte die fünfundzwanzigjährige junge Frau. Hannah besaß eine natürliche Schönheit: ein schmales Gesicht, eine gerade Nase und volle rote Lippen. Ihr hellbraunes, welliges Haar war zu einem Knoten hochgesteckt und legte ihren eleganten Hals frei.
„Du hast dein Brautkleid noch nicht angezogen, oder?“, fragte Francesca unverblümt.
Hannah schüttelte den Kopf.
„Noch nicht. Ich wollte es gerade anziehen.“
„Das musst du nicht. Es ist nicht für dich bestimmt.“
Verwirrung erschien auf Hannahs Gesicht.
„Was meinst du damit?“
Bevor Hannah die Situation begreifen konnte, betraten Aspen und Jeffrey gemeinsam den Raum. Sofort wurde die Atmosphäre seltsam, besonders weil Jeffrey eigentlich erst in der Kirche hätte sein sollen.
„Jeffrey, sag es ihr!“, drängte Francesca.
Jeffreys Gesicht wurde blass, und Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Als Hannah sein ungewöhnliches Verhalten bemerkte, griff sie nach seinem Arm, um ihn zu beruhigen. Doch er zog sich steif zurück.
„Schatz, was ist los?“, fragte sie besorgt.
Jeffrey zuckte nur mit den Schultern.
„Jeffrey?“
Er vermied ihren Blick.
„Ich kann dich nicht heiraten“, sagte er mit leicht zitternder Stimme.
Hannahs Magen zog sich schmerzhaft zusammen.
„Aber warum?“
„Weil ich mit Jeffreys Kind schwanger bin!“, platzte Aspen heraus und schenkte Hannah dabei dasselbe selbstgefällige Lächeln wie Francesca.
Die vierundzwanzigjährige Frau mit den schulterlangen schwarzen Haaren schlang ihre Arme um Jeffreys Taille.
Hannah wusste, dass Aspen sie schon immer beneidet hatte. Seit Jahren musste sie sich ihre Beleidigungen und bissigen Bemerkungen anhören. Doch diesmal war es kein schlechter Scherz.
„Okay, ich glaube, diesmal geht dein Witz wirklich zu weit“, sagte Hannah.
„Jeff, sag es ihr. Willst du weiter schweigen?“, drängte Aspen.
Hannah suchte in Jeffreys Gesicht nach einer Erklärung. Sie hoffte, er würde lachen, ihr sagen, dass alles nur ein Scherz sei, und sie beruhigen. Doch er widersprach Aspen nicht.
„Aspen trägt tatsächlich mein Kind, Hannah. Und ich werde sie heiraten.“
Seine Worte klangen kalt und frei von jeder Reue.
Sofort durchzuckte Hannah ein stechender Schmerz. Ihr ganzer Körper begann zu zittern.
Warum ausgerechnet heute? Warum mussten Jeffrey und Aspen alles zerstören?
Tränen liefen ihr über die Wangen, als sie sich auf die Bettkante setzte.
„Warum?“, flüsterte sie.
„Zumindest hast du nicht den Mann geheiratet, der mit deiner Schwester geschlafen hat“, erwiderte Francesca ruhig. „Du solltest dankbar sein, Hannah. Es bringt nichts, über Vergangenes zu trauern.“
Ohne einen Funken Mitgefühl verließ Francesca das Zimmer.
Auch Aspen zeigte keinerlei Reue. Stattdessen betrachtete sie Hannah mit einem zufriedenen Lächeln.
Hannah ballte die Fäuste gegen ihre Brust.
„Warum?“, fragte sie erneut ungläubig.
„Wir lieben uns, Hannah. Und wenn du Jeffrey trotzdem heiraten willst, bitte. Aber dann wird ein unschuldiges Kind unter deinem Egoismus leiden.“
Egoismus?
Wer war hier wirklich egoistisch und herzlos – Hannah oder Aspen?
„Wie lange schon?“, fragte Hannah schließlich und blickte Jeffrey direkt in die Augen. „Wie lange betrügst du mich schon mit meiner Schwester?“
„Seit drei Monaten“, antwortete er.
Hannah versuchte sich zu erinnern. Vor drei Monaten hatte sich nichts verändert. Jeffrey war derselbe gewesen wie immer. Seine Liebe hatte echt gewirkt. Sie hatten gemeinsame romantische Momente erlebt und zärtliche Worte ausgetauscht.
Hatte er wirklich ein Doppelleben geführt?
Dabei hatte Aspen bereits ihren eigenen zukünftigen Ehemann. Hannah hatte Gespräche zwischen Francesca und ihrem Vater John belauscht und davon erfahren.
Was hatte Aspen so gierig gemacht, dass sie Hannah alles wegnehmen wollte?
Dabei besaß Hannah ohnehin kaum etwas außer ihrem Glück mit Jeffrey.
Schließlich stand Hannah auf und atmete tief durch.
Mit geschwollenen Augen sah sie Jeffrey und Aspen an.
„Gut. Heirate Aspen, Jeff“, sagte sie leise.
Dann verließ sie das Zimmer und ließ ihr ungetragenes Brautkleid zurück.
In dem Moment, in dem sie Jeffrey losließ, zerbrachen auch all ihre Hoffnungen.
*
Hannah zitterte noch immer, als sie gezwungen war, die Hochzeit von Jeffrey und Aspen in der Kirche mitanzusehen.
Alle Blicke waren auf sie gerichtet, voller Neugier und Spekulationen.
Wie konnte die Schwester plötzlich die Braut ersetzen?
Niemand sprach es aus, doch Hannah konnte die Fragen in ihren Augen erkennen.
Alles zerbrach endgültig, als Jeffrey und Aspen ihre Ehegelübde austauschten und sich küssten.
Würde sie niemals wieder solche Küsse erleben?
Nachdem das Brautpaar die Kirche verlassen hatte, folgte Hannah ihnen mit schweren Schritten.
Plötzlich packte Francesca ihren Arm.
„Reiß dich zusammen. Lass dir die Laune nicht anmerken und verderbe nicht die Feier“, zischte sie gereizt.
Hannah warf ihr nur einen kalten Blick zu.
Welchen Unterschied machte eine verdorbene Hochzeit im Vergleich zu einem zerstörten Leben?
Als Jeffrey und Aspen schließlich in ihr Auto stiegen, zog Francesca Hannah auf die andere Straßenseite.
Dort stand ein Mann in einem hellbraunen Anzug neben einer luxuriösen Limousine.
Als er die beiden Frauen näherkommen sah, nickte er höflich.
„Mrs. Sears“, begrüßte er Francesca mit tiefer Stimme.
„Hallo, Edward.“
Francesca lächelte übertrieben freundlich.
„Herzlichen Glückwunsch zur Hochzeit Ihrer Tochter. Ich hoffe, Sie erinnern sich an das Versprechen, das Sie vor drei Monaten gegeben haben“, sagte Edward kühl.
„Sie würden dieses Versprechen doch nicht brechen, oder?“
Welches Versprechen?
Hannah runzelte die Stirn.
Francesca lachte gezwungen.
„Natürlich nicht. Ich habe schließlich zwei Töchter. Das hier ist meine Tochter Hannah.“
Hannah nickte höflich.
„Miss“, grüßte Edward respektvoll.
„Eigentlich ist sie meine Stieftochter“, erklärte Francesca plötzlich. „Und sie ist diejenige, die Mr. Alden heiraten wird.“
Hannah wirbelte erschrocken herum.
Ihre Augen weiteten sich.
„Heiraten?!“