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1094 Words
Hannah kehrte in die Villa der Familie Harrison zurück, die mit ihrer stillen Atmosphäre beinahe an einen Friedhof erinnerte. Edward schob Aldens Rollstuhl ins Familienzimmer, während Hannah ihnen folgte. Zum ersten Mal betrat sie diesen warm eingerichteten Raum. Die Einrichtung bestand aus sanften Erdtönen, beigefarbenen Wildledersofas und einem dicken dunkelbraunen Teppich vor dem Kamin. Ihr Blick fiel auf das Familienfoto über dem Kamin. Es zeigte Maxim, seine Ehefrau und zwei Jungen im Grundschul- und Kindergartenalter. Überrascht stellte Hannah fest, dass Maxim Harrison zwei Söhne hatte. „Es gibt einige Dinge, die Sie nach unserer Hochzeit wissen müssen“, begann Alden ohne Umschweife. Edward deutete auf das Sofa. Als Hannah sich setzte, reichte er ihr einen vorbereiteten Ordner und einen Kugelschreiber. „Das ist ein Ehevertrag“, erklärte Alden. Verwirrt öffnete Hannah den Ordner. Mehrere Seiten mit sorgfältig formulierten Klauseln lagen vor ihr. „Welche Art von Vertrag?“, fragte sie. „Können Sie nicht lesen?“ Aldens Tonfall war wie immer unerquicklich. Hannah unterdrückte einen Seufzer und begann die Dokumente durchzugehen. Die ersten Punkte waren noch verständlich. Der Vertrag galt für die gesamte Dauer ihrer Ehe. Die Ehe war zeitlich unbegrenzt und konnte nur von Alden beendet werden. Hannah hatte kein Recht, die Scheidung einzureichen. Sie war verpflichtet, Familiengeheimnisse zu bewahren und den Ruf der Familie – insbesondere den der Harrisons – zu schützen. Außerdem durfte sie mit niemandem über ihre Ehe sprechen, nicht einmal mit ihrer eigenen Familie. Selbst die absurde Klausel, dass sie Alden unter keinen Umständen stören dürfe, konnte Hannah noch akzeptieren. Schließlich wollte sie selbst so wenig wie möglich mit diesem unerträglich arroganten Mann zu tun haben. Doch ein anderer Abschnitt ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Es ging um Kinder. Sollte Hannah schwanger werden und ein Kind zur Welt bringen, würde das Kind automatisch unter Aldens alleinige gesetzliche Obhut fallen. Im Falle einer Scheidung hätte Hannah weder Anspruch auf das Sorgerecht noch auf Besuchsrechte. „Müssen wir wirklich Kinder bekommen?“, fragte sie erschrocken. Alden hob nicht einmal den Blick. „Der Zweck jedes Lebewesens ist Fortpflanzung.“ Hannah war sprachlos. Unwillkürlich blickte sie zu Edward, der wenige Schritte entfernt stand. Ob er taub war oder einfach gelernt hatte, keinerlei Emotionen zu zeigen, konnte sie nicht sagen. Sein Gesicht blieb vollkommen ausdruckslos. Schließlich senkte Hannah den Blick. Hatte sie sich nicht selbst geschworen, alles zu tun, um die Hilfe der Familie Harrison zurückzuzahlen? „In Ordnung“, sagte sie leise. „Gibt es noch etwas, das Sie stört?“, fragte Alden. Hannah schüttelte resigniert den Kopf. „Nein.“ Sie setzte ihre Unterschrift unter den Vertrag. Kurz darauf unterschrieb auch Alden und übergab den Ordner an Edward. „Bringen Sie Hannah auf ihr Zimmer, Edward.“ Hannah stand auf und folgte ihm aus dem Familienzimmer. Unzählige Fragen schwirrten ihr durch den Kopf. Nach einer Weile räusperte Edward sich. „Mrs. Hannah.“ „Ja?“ „Es gibt einige Dinge, die ich Ihnen erklären möchte, damit Sie sich hier schneller einleben.“ Edward erläuterte die Essenszeiten, den Arbeitsplan der Hausangestellten und die Abläufe im Haus. Außerdem warnte er sie davor, zu enge Beziehungen zu den Angestellten aufzubauen, da dies den jungen Herrn gelegentlich störte. Danach erklärte er ihr einige Gewohnheiten Aldens. Besonders während seiner Arbeit im Büro oder wenn er sich in seinem Schlafzimmer befand, sollte sie ihn nicht stören. „In der kommenden Woche werde ich Ihnen zur Seite stehen, falls Sie Fragen haben oder Hilfe benötigen“, schloss Edward seine Erklärung ab. Hannah runzelte die Stirn. „Und danach?“ „Ich werde Mr. Maxim für einige Monate ins Ausland begleiten. Er benötigt dort eine spezielle medizinische Behandlung.“ Plötzlich wurde Hannah mulmig. Edward war zwar kein Retter in glänzender Rüstung, doch seine Anwesenheit vermittelte ihr zumindest ein gewisses Gefühl von Sicherheit. Immerhin wusste er, wie man mit Alden umging. „Dann bin ich hier ganz allein? Mit ihm? Mit Alden?“ Ihr Gesicht wurde sofort blass. Edward lächelte schwach. „Sie werden zurechtkommen.“ „Aber ...“ „Ich werde später zum Abendessen zurück sein. Ruhen Sie sich jetzt erst einmal aus.“ Damit verabschiedete er sich, bevor Hannah weiterreden konnte. Besorgt sah sie ihm nach. Würde sie unter demselben Dach wie Alden ihren Verstand behalten? * Hannah nahm das Abendessen allein ein. Sie fragte sich, warum Alden nicht erschienen war. Nur ein junges Hausmädchen bediente sie schweigend. Niemand im Haus schien bereit für ein Gespräch zu sein. Offenbar hatten alle große Angst vor Alden. Es war die einsamste und deprimierendste Hochzeitsnacht, die Hannah sich vorstellen konnte. Nach dem Essen machte sie sich auf den Weg zu ihrem Zimmer. Da sie ohnehin nichts zu tun hatte und für Alden nicht arbeiten durfte, blieb ihr nichts anderes übrig, als früh schlafen zu gehen. Plötzlich blieb sie an einer Weggabelung im Flur stehen. Sie hatte vergessen, welchen Weg sie nehmen musste. Soweit sie sich erinnerte, lag ihr Zimmer links. Also bog sie ab. Doch je weiter sie ging, desto fremder wirkte der Korridor. Die Gemälde an den Wänden hatte sie noch nie gesehen. „Großartig“, murmelte sie. „Ich habe mich verlaufen.“ Gerade wollte sie umkehren, als sie plötzlich laute Schreie hörte. Sie kamen vom Ende des Korridors. Normalerweise hätte Hannah ihre Neugier ignoriert und wäre weitergegangen. Doch die Stimme klang verdächtig nach Alden. Sofort schossen ihr die schlimmsten Gedanken durch den Kopf. Vielleicht war er aus dem Rollstuhl gefallen. Vielleicht hatte er sich im Badezimmer verletzt. Die Tür am Ende des Flurs stand einen Spalt offen. Die Schreie wurden lauter. Ohne lange nachzudenken, stieß Hannah die Tür auf. Das Bild, das sich ihr bot, ließ sie erstarren. Alden saß auf seinem Bett. In seiner Hand hielt er eine fast leere Flasche Whiskey. „Sarah! Sarah!“ Seine Stimme klang verzweifelt. Hannah blickte ihn verwirrt an. „Mr. Alden? Was ist passiert?“ Alden fuhr zusammen. Als er Hannah bemerkte, erstarrte sein Blick. „Was machen Sie hier?“ „Ich habe Sie gehört und dachte, vielleicht ...“ „RAUS!“ Der Schrei ließ Hannah zusammenzucken. Er hallte durch den ganzen Raum. Im nächsten Moment schleuderte Alden die Flasche mit voller Wucht gegen die Tür. Das Glas zersplitterte explosionsartig. Hannah schrie erschrocken auf, als Glasscherben an ihr vorbeiflogen. „VERSCHWINDEN SIE AUS MEINEM ZIMMER!“, brüllte Alden erneut. Hannah sah ihn noch einen Moment lang an. Dann drehte sie sich um und rannte aus dem Zimmer. Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, wie tief die Dunkelheit war, die Alden Harrison in sich trug.
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