Am Samstag stehe ich früh auf und erledige den Hauptteil für meine letzte Aufgabe. Danach dusche ich rasch, da ich mich nicht länger als nötig im Badezimmer aufhalten will. Ich bin am Nachmittag mit Iris und Patrick verabredet und da Iris mir bestimmt ihren Ring zeigen wird, will ich bei diesem Anlass hübsch aussehen.
Meine regelmäßigen Fitnessstudiobesuche haben sich mittlerweile bezahlt gemacht und ich bin richtig zufrieden mit meinem Körper. Nach dem Begräbnis meiner Mutter habe ich es ein wenig übertrieben, doch jetzt scheine ich eine gute Balance gefunden zu haben. Ich suche mir ein knielanges Sommerkleid aus dem Schrank und packe zur Sicherheit einen Badeanzug ein. Der Wetterbericht verspricht für das Wochenende sommerliche Temperaturen und der Whirlpool in der Villa ist selbst im Winter immer einen Besuch wert. Der Doktor und ich haben dort einige schöne Stunden verbracht. Rasch schiebe ich den Gedanken beiseite und schminke mich.
Als ich mich auf den Weg nach unten mache, um ins bestellte Taxi zu steigen, sehe ich auf meinem Handy eine Nachricht. Eine Freundschaftsanfrage auf f*******:. Ich öffne die app und erkenne sofort, dass sie von Tim kommt. Mit einem Lächeln nehme ich sie an und während ich im Taxi Richtung Villa fahre, scrolle ich durch sein Profil. Tim ist ein Jahr älter als ich und studiert tatsächlich Geographie in Salzburg. Über ein Austauschprogramm ist er an meine Uni gekommen. Er hat einige Fotos von sich beim Wandern und Radfahren und er scheint sehr sportlich und gesellig. Er ist single. Ich überlege und muss bei meinen eigenen Einstellungen nachsehen um zu sehen, was ich eingestellt habe. Nichts. Nun gut. Bevor ich weiter durch seine Bilder scrollen kann, hält das Taxi in der Kiesauffahrt. Ich steige aus, gehe zum Eingang und winke Armin, der mir die Tür aufhält. Drinnen ist es angenehm kühl und an der Rezeption steht eine maskierte Rothaarige. Ohne ein Wort zu sprechen, drückt sie mir eine Karte in die Hand und ich schlendere an ihr vorbei auf die Terrasse. Gedankenverloren drehe ich das schwarze Plastik zwischen meinen Fingern und setze mir die Sonnenbrille auf, als ich nach draußen trete.
Es sind nur ein paar Leute anwesend, für den richtigen Trubel ist es noch zu früh. Ein paar Mädchen hopsen in knappen Outfits über die Wiese unterhalb der Terrasse. Ich will die Karte in meine Tasche gleiten lassen, als ich die Schrift darauf erkenne. Die altbekannten klaren Buchstaben schreiben ‚Fink'. Sofort spüre ich, wie sich ein unsichtbarer Schraubstock um meine Brust legt und zudrückt.
„Häschen!“, höre ich Iris rufen und sie läuft über die Treppe zu mir nach oben. Ich habe den Blick noch immer starr auf die Karte gerichtet und meine Brust wird immer fester zusammengeschnürt.
„Lass mich das austauschen“, murmelt Patrick und nimmt mir die Karte schnell ab. Ich atme rasselnd ein und merke erst jetzt, dass ich die Luft angehalten habe.
„Danke“, flüstere ich, doch er ist schon auf halbem Weg zur Rezeption. Schnell versuche ich das kalte Gefühl der Beklemmung abzuschütteln und sehe dann auf. Iris steht vor mir und wirft mir einen besorgten Blick zu. Ich denke an sie und Patrick und wie glücklich die beiden sind und muss sofort lächeln. Mit wenigen Schritten habe ich sie in die Arme geschlossen und drücke sie an mich.
„Schön, dass ihr wieder hier seid!“, begrüße ich sie und drücke ihr einen Kuss auf die Wange.
„Ja, zu Hause ist es doch am schönsten“, flüstert sie und drückt mich nochmal fest. Wir haben uns eine ganze Weile nicht gesehen.
Ein Kellner geht mit einem Tablett an uns vorbei und Patrick, der gerade zu uns stößt, nimmt ihm drei Gläser ab. Iris hält meine Hände fest und sieht mich mit sprühenden Augen an. Ich weiß, was nun kommt.
„Schön, dich wieder zu sehen“, begrüßt mich nun auch ihr Verlobter und zieht mich in eine feste Umarmung, nachdem er die Gläser an uns weitergereicht hat. Iris grinst von einem Ohr zum anderen und steigt ungeduldig von einem Bein auf das andere.
„Wie geht es euch? Was habt ihr zu erzählen?“, frage ich und merke, wie Iris immer hibbeliger wird. Sie beginnt zu quietschen und hält mir dann die Hand unter die Nase und wackelt mit den Fingern. Ich muss nach ihrer Hand greifen und sie festhalten, um den Ring betrachten zu können.
„Iris!“, rufe ich und mir stockt der Atem. Der Ring ist atemberaubend schön und ich will mehr denn je wissen, wie viel er gekostet hat.
„Frau Richter in Zukunft!“, kreischt sie und wir umarmen uns so stürmisch, dass wir beide die Hälfte unserer Drinks verschütten.
„Ich freue mich so!“, rufe ich nachdem wir uns endlich nach viel Gekreische, Gequietsche und Gehopse voneinander lösen. Tatsächlich spüre ich, wie mir die Tränen über die Wange laufen. Iris weint ebenfalls vor Freude und wir lachen über uns selbst. Ich drücke Patrick, dem ich gerade so bis zum Ellenbogen reiche, unbeholfen an mich und gratuliere ihm ebenfalls. Er scheint zur Gänze zu strahlen und lacht die ganze Zeit über unsere zur Schau gestellte Freude.
Ich greife erneut nach Iris' Hand und drehe sie ein wenig, um den Ring besser zu sehen. Art-Deco, ihre Lieblingsstilrichtung, in Weißgold, mit blauem Stein und kleinen weißen Diamanten. Wenn der Verlobungsring so aussieht, wie dann erst der Ehering? Iris zieht mich erneut in eine feste Umarmung.
„Danke“, flüstert sie und küsst mich auf die Wange. Dann stoßen wir gemeinsam an und Iris beginnt sofort, mit mir über die Hochzeit zu reden. Sie wird sich in den nächsten Wochen bereits um die erste Planung kümmern und dazu haben sie ihren Trip nach Kuba vorerst abgesagt. Das heißt, dass Patrick und Iris im Sommer hierbleiben würden und ich nicht ganz alleine meine Ferien verbringen muss.
Nachdem meine beste Freundin sich den Mund fusselig geredet hat und nach ihrem vierten Glas Champagner auf die Toilette geht, habe ich endlich Zeit, mich mit Patrick zu unterhalten. Er reicht mir eine schwarze Plastikkarte auf der nun ‚Richter' steht und ich lasse sie ohne einen weiteren Blick darauf in meine Tasche gleiten.
„Tut mir leid. Ich habe das an der Rezeption richtig gestellt“, meint er und streicht mir sanft über den Arm.
„Ach, schon in Ordnung“, winke ich ab. Er mustert mich kurz und nimmt einen Schluck von seinem Glas.
„Wie geht es dir?“, fragt er dann ehrlich besorgt. Patrick ist vermutlich die einzige Person, die annähernd nachvollziehen kann, wie es in mir aussieht. Er hat seine Eltern bei einem Unfall verloren, als er ungefähr fünfzehn Jahre alt war. Und ohne seine und Iris' Hilfe hätte ich den Tod meiner Mutter vermutlich nicht verkraftet. Er hat mich zu einem Therapeuten und zu den Gruppentreffen gefahren, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie mir tatsächlich helfen. Er hat mir geholfen all das bürokratische Chaos zu meistern und mich mit vielen Leuten bekannt gemacht, die mir geholfen haben. Dabei hat unter anderem auch das Netzwerk der Villa geholfen. Doch ich weiß, dass er nicht darauf hinauswill. Patrick ist einer der Menschen, die nur neben anderen Personen stehen müssen, um zu spüren, was in ihnen vorgeht. Und obwohl er eine durchaus furchteinflößende Gestalt ist, mit seinen knappen zwei Metern und ungefähr hundert Kilo scheinbar reinste Muskelmasse, ist er doch einfühlsam und sanft. Ich weiß genau, dass er Iris die Sicherheit und das Gefühl von Geborgenheit gibt, dass sie so lange nicht hatte und dafür bin ich ihm unendlich dankbar. Es war an der Zeit, dass sich jemand auch um sie kümmert und sie sich nicht allein die Last und Sorgen der ganzen Welt auf die Schultern lädt.
„Besser“, antworte ich ihm dann und versuche nicht daran zu denken, dass ich Iris vielleicht noch beichten sollte, dass ich mit Jan geschlafen habe. Rasch verdränge ich den Gedanken, denn ich habe Angst, dass Patrick es herausfindet und es ihr erzählt. Vielleicht sollte ich mit dieser Information ein wenig warten. So in fünf Jahren könnte ich es ihr erzählen. Oder zehn. Nur um sicher zu gehen.
„Wir müssen uns nicht hier treffen, wenn du nicht willst. Ich kann Iris sagen, dass ich es unangenehm finde, dich in dieser Umgebung zu sehen“, schlägt er mir vor und am liebsten würde ich ihn umarmen.
„Nein, das ist nicht nötig. Es gefällt mir hier“
Iris hüpft auf uns zu und wirft sich in Patricks Arme. Somit ist unsere Unterhaltung beendet. Wir plaudern noch eine Weile und sie erzählen mir von ihrer letzten Reise.
Ich hätte mich niemals getraut, dorthin zu fliegen, doch die beiden erzählen nur großartige Dinge. Es muss fabelhaft gewesen sein und Iris meint, dass sie das Land gerne noch einmal sehen würde. Danach verziehen wir uns nach drinnen um in unsere Badesachen zu schlüpfen.
Iris hat mir von ihrer letzten Reise nach Südafrika einen blauen Badeanzug mitgenommen, in den ich schlüpfe. Meine Tasche lasse ich bei den wenigen Kabinen im Wellnessbereich und gehe nur im Badeanzug mit einem Handtuch im Arm nach oben. Als ich durch die Rezeption schlendere, vernehme ich plötzlich einen vertrauten Geruch. Ein lähmender Schmerz durchzuckt meine Brust. Für einen Augenblick habe ich das Gefühl, ersticken zu müssen. Ich versuche krampfhaft, die aufkommenden Bilder und Gefühle zurückzudrängen, die der Duft des Doktors in mir auslöst. Die Finger in den hölzernen Handlauf gekrallt, keuche ich auf und kneife die Augen zusammen. Ich konzentriere mich darauf, tief ein- und auszuatmen und durchquere hastig den Eingangsbereich.
Iris und Patrick plantschen schon im Whirlpool, als ich mit stechender Brust zu ihnen steige und in das blubbernde Wasser sinke. Die beiden sind so miteinander beschäftigt, dass sie nicht bemerken, wie ich gedankenversunken neben ihnen sitze und versuche, die Tränen hinunterzuschlucken. Es ist lächerlich. Nur weil irgendjemand sein Parfum trägt, führe ich mich auf wie eine hysterische Heulsuse. Ich konzentriere mich auf einen Punkt vor mir, atme einige Male tief durch und denke an meine bevorstehenden Aufgaben für die Uni.
Ich bleibe noch eine Weile, doch das unangenehme Gefühl kann ich nicht vollkommen loswerden und nachdem ich mit Iris erneut alle Termine für unsere nächsten Treffen durchgegangen bin, ruft sie mir ein Taxi. In der Zwischenzeit gehe ich zu den Umkleiden und schlüpfe wieder in mein Kleid. Dann packe ich meine Sachen und mache mich auf den Weg nach oben.
Bevor ich die letzten Stufen erklimme, höre ich bereits die Stimme der rothaarigen Empfangsdame: „Doktor Finck, schön Sie wieder hier zu sehen!“ Ich will sofort umdrehen, doch ich bin bereits am Treppenabsatz angekommen und man kann mich deutlich von der Rezeption aus sehen. Kurz bleibe ich unschlüssig stehen, aber ich will ihm diese Genugtuung nicht gönnen. Ich recke das Kinn ein wenig in die Höhe und schnellen Schrittes gehe ich auf den Ausgang zu.
Schon von weitem sehe ich, dass er nicht alleine ist. Sein Arm liegt um den Hals einer hübschen Blondine. Kathi. Soviel dazu, dass sie die Villa nicht sehen wird! Der Schraubstock lässt es kaum zu, dass ich atmen kann und etwas steif lege ich meine Karte auf den Tresen.
„Ariane“, begrüßt der Doktor mich ein wenig überrascht und nickt mir dann mit einem unwiderstehlichen Lächeln zu.
„Jan. Kathi“, erwidere ich tonlos und eile an den beiden vorbei nach draußen. Meine Brust droht unter dem Druck zu bersten. Ich laufe an Armin vorbei die Stufen hinunter über den Kies. Ich bekomme keine Luft und mir steigen panische Tränen in die Augen. Ich ersticke langsam. Mein Taxi ist noch nicht da. Es ist mir egal. Ich muss hier weg. Sofort weg!