In den nächsten Tagen bin ich damit beschäftigt, mich über mich selbst zu ärgern. Wie konnte ich nur so dumm sein, und mich erneut auf ihn einlassen? Ich wusste – obwohl ich es vor Iris niemals zugegeben hätte – dass ich noch immer nicht über ihn hinweg bin. Da macht es keinen Unterschied, ob ich ihn Jan oder Doktor nenne. Er hat noch immer so viel Macht über mich, dass ich mich ihm beinahe an den Hals geworfen habe! Die Verlockung war zu groß gewesen und nun muss ich mich damit abfinden, dass es mir bei jedem Gedanken an ihn einen Stich in die Brust versetzt.
In den letzten Monaten hatte ich es geschafft, ihn aus meinem Kopf zu verbannen und habe sogar wieder begonnen, mich mit anderen Leuten zu treffen. Hauptsächlich tat ich es für Iris. Sie zwang mich förmlich dazu, mich wieder zu verabreden und ihr zuliebe traf ich mich einige Wochen mit Alex. Das war jedoch ein großer Fehler und ich bereue immer noch, dass ich tatsächlich mit ihm geschlafen habe. Ich habe verzweifelt versucht, meinen Kopf vom Doktor zu befreien, doch der s*x mit Alex war dazu nicht geeignet. Er war nicht schlecht, doch mir fehlte die Leidenschaft. Ich hatte gehofft, wenn ich mit jemand anderem s*x hatte, dann würde ich erkennen, dass der Doktor nicht so großartig war, wie ich es in Erinnerung hatte. Nun, dieser Plan ging eindeutig nach hinten los und ich vermisste nicht nur den Doktor sondern immer mehr auch den fantastischen s*x. Und anstatt mich von ihm fernzuhalten, wie ich eigentlich vorhatte, habe ich mit ihm geschlafen. Nach all der Zeit habe ich tatsächlich wieder mit ihm geschlafen und es war genauso unbeschreiblich wie in meiner Erinnerung. Es hat sich beinahe so angefühlt wie früher. Doch es war eben nur beinahe. Irgendetwas in mir schien zu blockieren, schien sich ihm zu verweigern. Ich konnte meine Gedanken nicht vollkommen loslassen, mich ihm nicht gänzlich überlassen. Als er mich jedoch wieder Baby nannte...
Ich seufze laut bei dem Gedanken und blättere im Buch vor mir. Es ist halb neun Uhr morgens, an einem Mittwoch, zwei Wochen nach dieser verhängnisvollen Nacht und ich kann mich absolut nicht auf meine Aufgabe konzentrieren. Ich spiele mit dem Haarband an meiner Flasche, stehe auf und durchstreife die Regalreihen nach etwas brauchbarerem als den Sammelband aus 1982. Diese Aufgabe ist in einigen Tagen fällig und ich habe absolut gar nichts, außer die Gedanken rund um den Doktor. Ich muss ihn einfach vergessen. Ich darf mich nicht ständig mit diesen ‚was wäre wenn'- Gedanken beschäftigen, sondern muss der Wahrheit in die Augen sehen: Der Doktor und ich sind Vergangenheit. Jan, Jan Jan, ermahne ich mich stumm und biege in die richtige Reihe ein. Beinahe stoße ich mit einem anderen Studenten zusammen. Er lächelt mich entschuldigend an und lässt mich vorbei. Ich erwidere sein Lächeln. Wir haben gestern schon Rücken an Rücken in diesem Regal gesucht.
Genervt ziehe ich ein paar weitere halbwegs brauchbare Bücher hervor und gehe zurück an meinen Platz. Mittwochs ist mein freier Tag, den ich meistens in der Bibliothek oder bei der Arbeit mit Doktor Lehmann verbringe. In den letzten Tagen arbeitete ich jedoch an ein paar Abschlussaufgaben, die ich eine nach der anderen abgeschlossen habe, bis auf die, an der ich gerade noch sitze. Ich kann mich einfach nicht dazu aufraffen und prokrastiniere wie noch nie zuvor.
„Ist hier noch frei?", fragt der Typ leise, mit dem ich vorhin beinahe zusammengestoßen wäre. Ich nicke und deute auf den Platz mir schräg gegenüber.
Nach einer weiteren Stunde seufze ich laut auf, klappe das Buch zu und werfe es auf den Stapel an nicht zu gebrauchenden Unterlagen. Er ist eindeutig größer als das läppische kleine Heftchen, das mir als einziges nützliche Informationen liefern kann.
Donnerstag läuft es nicht besser. Ich verbringe den Vormittag in verschiedenen Kursen und dann mache ich mich auf den Weg in die Geschichtebibliothek um die restlichen zwei Stunden die sie geöffnet hat, nach Material für meine Aufgabe zu suchen.
Als ich in den Raum mit den Lernplätzen komme, sehe ich, dass mein Platz mit den Büchern noch frei ist. Rasch setze ich mich, ziehe den Stapel der ausgemusterten Werke an mich und blättere sie wieder durch. Nach einer Weile nimmt mir schräg gegenüber jemand an seinem Laptop Platz. Ich sehe auf und lächle mein Gegenüber an. Es ist wieder der Kollege vom Vortag. Wir arbeiten stumm nebeneinander bis man uns rauswirft.
An diesem Abend gehe ich noch ins Fitnessstudio und komme erst spät nach Hause. Meine neue Wohnung teile ich mir mit einem anderen Mädchen. Marion ist ein Jahr jünger als ich und studiert irgendwas mit Journalismus. Um ehrlich zu sein habe ich ihr nicht richtig zugehört. Sie war eine seltsame Person, aber ich habe dringend eine leistbare Wohnung gebraucht und sie war die einzige, die mir eine Zusage erteilt hat. Ich habe nun nur mehr zwölf Quadratmeter zur Verfügung, eine Ecke meines Zimmers ist feucht und die Fugen im Bad weisen dunkle Schimmelflecken auf. Marion scheint das alles nicht zu stören. Doch mir ist es suspekt und ich versuche, so wenig Zeit wie möglich in der Wohnung zu verbringen. Ich fühle mich auch nicht sonderlich wohl darin und hoffe nur, dass ich bald meinen Abschluss mache, um mir endlich eine eigene Bleibe leisten zu können.
Freitagmorgen treffe ich mich mit meinem Vater. Seit dem Tod meiner Mutter sehen wir uns regelmäßig alle zwei Wochen. Und diesmal hat er frühstücken vorgeschlagen. Eigentlich habe ich keine Lust. Ich will ihn nicht sehen. Er wollte mich die letzten Jahre auch nicht sehen, mich aus seinem Leben löschen. Warum also jetzt? Er hat vermutlich ein schlechtes Gewissen, jetzt, da meine Mama nicht mehr ist. Daher schlüpfe ich in eine bequeme Stoffhose und ziehe mir eine leichte Bluse an. Solange ich aussehe, als käme ich hervorragend alleine klar, würden die verpflichtenden Treffen nur jede zweite Woche sein und seine Überweisungen würden pünktlich drei Tage später auf meinem Konto eintreffen. Mehr will ich gar nicht.
Wir quälen uns durch eine Stunde sinnlosen Smalltalk und dann wünscht er mir viel Erfolg für die anstehenden Wochen. Ich richte ihm nicht ernst gemeinte Grüße an seine Frau und Tochter aus und bin froh, als ich rechtzeitig zu meinem einzigen Kurs am Freitag komme.
Danach mache ich mich sofort auf in die Bibliothek, mit dem Plan, genügend Material zu sammeln, um diese Aufgabe endlich abzuschließen.
In den ersten Stunden ist die Hölle los, doch am frühen Nachmittag verziehen sich die meisten Kommilitonen ins Wochenende und so sitzen bald nur mehr der Laptop-Typ und ich an den Lernplätzen und blättern in unseren Büchern.
„Ist es hier auch so, dass ein Haargummi an der Flasche bedeutet, dass man das Mädchen ansprechen darf?", fragt der Typ leise, kurz nachdem uns mitgeteilt wird, dass die Bibliothek in einer halben Stunde geschlossen wird. Verwirrt sehe ich auf und er lächelt mich ein wenig unsicher an.
„Keine Ahnung, tut mir leid", entgegne ich ihm und blättere dann wieder lustlos in meinem Buch.
„Verstehe. Sorry", meint er leise und wendet sich wieder seiner Arbeit zu. Ich lese noch ein wenig in dem Kapitel, schnappe dann die vier Werke, die mir helfen können und laufe zum Kopierer. Während ich eine Seite scanne, realisiere ich, wie unhöflich ich eben war. Er war immer nett zu mir gewesen, als wir uns zwischen den Regalreihen begegnet sind und hat mich zaghaft angelächelt. Und ich habe ihn einfach eiskalt abblitzen lassen! Ich verdrehe die Augen über meine eigene Dummheit und bringe dann die Bücher zurück. Vorsichtig streife ich ein letztes Mal durch die Regale, doch er ist nicht mehr hier. Großartig, Ariane!
Missmutig gehe ich auf die Toilette um mir die Hände zu waschen und die Haare aus ihrem wirren Dutt zu befreien. Sie sind mittlerweile schon ziemlich lang und weil sie mir lästig geworden sind, habe ich sie die meiste Zeit nach oben gebunden.
Ich steige in den Fahrstuhl ein und überprüfe mein Gesicht im Spiegel. Ich sehe abgekämpft aus. Kein Wunder. Seit der Nacht mit dem Doktor – Jan! habe ich nicht mehr gut geschlafen. Nein, eigentlich seit ich in die neue Wohnung übersiedelt bin. Iris hat mir angeboten, dass ich in der Wohnung von Patrick und ihr wohnen kann während sie unterwegs sind. Ich müsste nur die Betriebskosten zahlen, die Miete übernahmen die beiden. Doch ich habe das Angebot ausgeschlagen. Ich kann für mich alleine sorgen und will sie nicht ausnutzen.
Die Tür des Fahrstuhls geht auf und meine namenlose Bibliotheksbekanntschaft steigt ein. Er wirft mir wieder ein unsicheres Lächeln zu und dreht mir dann den Rücken zu. Ich überlege, was ich sagen könnte und starre auf seinen dunklen Hinterkopf.
„Wenn Mädchen Haarbänder um die Flasche machen, was machen dann die Männer?", frage ich schließlich, als wir im ersten Stock halten, die Türen aufgehen aber niemand eintritt. Er lacht leise auf und dreht sich zu mir um.
„Oh, niemand von uns geht in die Bib, um dort zu lernen", antwortet er und legt dann den Finger an die Lippen, als wäre es ein Geheimnis. Ich muss grinsen und nicke.
„Verstehe. Ich kannte das nicht."
„In meiner alten Uni haben es alle so gehandhabt", antwortet er und lässt mich zuerst aussteigen.
„An welch futuristischen Universität hast du denn studiert?", frage ich und er lacht leise.
„Salzburg."
„Verstehe", antworte ich und habe keinen blassen Schimmer, wie die Universität in Salzburg ist. Er hält mir die Tür auf und wir verlassen das Gebäude. Es ist bereits spät und der Wind
bläst mir die Haare ins Gesicht.
„Ich bin übrigens Tim", stellt er sich vor und reicht mir die Hand.
„Ariane." Ich schüttle seine warme Hand und das sympathische Lächeln erscheint wieder.
„Ariane... endlich kenne ich den Namen für das Mädchen mit dem hübschen Lächeln.", meint er und lässt dann meine Hand los. Ich merke, wie ich ein wenig rot werde und verlegen zu Boden sehe. Dann krame ich meinen Schlüssel aus der Tasche, um mein Rad aufzuschließen.
„Was macht ein Salzburger dann so weit von Mozart entfernt in einer nur mäßig bestückten Geschichtebibliothek?" Ich hoffe, dass ich mit dieser Frage meine Verlegenheit überspielen kann.
„Geographie studieren.", lacht Tim.
„Oh, nette Hilfswissenschaft.", antworte ich keck und kurz bereue ich, dass ich so frech geworden bin. Er nimmt es gelassen, ruft „Autsch!" und greift sich theatralisch an die Brust. Wir lachen und dann streiche ich mir zum wiederholten Male die Haare aus dem Gesicht.
„Vielleicht findest du in der Geographiebibliothek dort drüben eher, was du suchst", schlage ich ihm vor und deute auf ein Gebäude, dass ich vage als Geographieinstitut in Erinnerung habe.
„Wohl kaum. Das Ist Mathe. Die einzig wahre Hilfswissenschaft.", antwortet Tim und nimmt
dann meine Hand und deutet auf das Gebäude daneben.
„Dort bin ich zu Hause. Wenn du mich mal in meiner eigenen Bib abblitzen lassen willst." Er zwinkert mir zu und ich fahre mir mit der Hand übers Gesicht.
„Tut mir leid, ich war nur in Gedanken.", entschuldige ich mich ehrlich und Tims Gesicht erhellt sich ein wenig.
„Kein Problem. Ich habe deinen Namen erfahren, das versüßt mir schon das Wochenende." Ich schließe die Augen kurz und weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Noch nie hat jemand so offensiv mit mir geflirtet.
„Vielleicht sehen wir uns ja wieder mal, Ariane. Bis dahin wünsche ich dir ein schönes Wochenende." Tim hat bemerkt, wie ich unschlüssig mit meinem Schlüsselbund geklimpert habe. Ich wünsche ihm ebenfalls ein schönes Wochenende und fahre dann bei dem Wind rasch nach Hause.