Das Jährliche Event
Phoebe
„Denk dran, tief durchatmen und locker bleiben! Der Alpha und alle ranghohen Wölfe sind hier, um deine erste Verwandlung zu sehen.“
Moms warme Hände glitten sanft durch mein schulterlanges braunes Haar. Allein ihre Stimme beruhigte mich ein bisschen, auch wenn sich mein Magen immer noch anfühlte, als würden darin hundert Bohnen rumspringen. Meine Augen wanderten immer wieder zu den Tribünen, wo Dad saß – direkt neben dem Alpha unseres Rudels.
Ohne dieses jährliche Event wäre ich jetzt wahrscheinlich in meinem Zimmer, würde Musik aufdrehen oder irgendeine kitschige Teenie-Serie bingen. Aber ein weiblicher Wolf im Mystic Guardian Rudel zu sein, brachte eben gewisse Verpflichtungen mit sich. Zum Beispiel zu beweisen, dass ich endlich alt genug war, ernst genommen zu werden – indem ich mich zum ersten Mal verwandelte.
Ganz ehrlich? Das Ganze fühlte sich wie eine verdammte Talentshow an. Bis heute hatte ich Glück gehabt, dass ich mich noch nicht verwandeln konnte. Wenn Dad wüsste, dass ich so darüber dachte, würde er sofort wieder mit seinem Vortrag über Ehre und Respekt anfangen.
Diese Gedankenverbindung? Ja, das ist die Fähigkeit, die mich am meisten gruselt. Zum Glück konnte er meine Gedanken gerade nicht lesen, obwohl sein Blick wie ein Laser auf mir klebte.
„Du ziehst das jetzt besser durch. Wenn nicht, musst du ein ganzes Jahr warten, bis du im Rudel akzeptiert wirst. Und rate mal? Unsere Ränge werden dann unterschiedlich sein. Das willst du doch nicht, oder?“
Diese tiefe, selbstgefällige Stimme kam von hinten. Ich stöhnte innerlich, als Phoenix mir durch die Haare wuschelte, als wäre ich ein kleines Kind.
Im Ernst? Er hatte seine erste Verwandlung schon vor Monaten geschafft, aber das bedeutete nicht, dass er es mir ständig unter die Nase reiben musste. Jedes Wort von ihm fühlte sich wie ein Seitenhieb an.
Ermutigung? Bitte. Phoenix ermutigte mich nicht – er lebte dafür, mich runterzumachen.
Ich knurrte leise vor mich hin, und er hob gespielt die Hände, so nach dem Motto: Wow, nicht beißen. Mit unbewegter Miene drehte ich mich weg und konzentrierte mich auf das freie Feld ein paar Meter vor mir. Genau in dem Moment sah ich ein zierliches Mädchen in meinem Alter – keine Ahnung, wie sie heißt – wie sie nach ihrer Verwandlung lässig davonschlenderte, als wäre das nichts Besonderes.
Super. Genau das, was ich jetzt gebraucht habe.
Dann kam die Stimme, die mir den Magen zusammenzog. Sie riefen meinen Namen.
Ich zog zitternd Luft ein und ließ sie langsam wieder raus, legte meine Hand auf die Brust, um den Sturm in mir zu beruhigen.
„Viel Glück, Schatz“, flüsterte Mom mit einem warmen, hoffnungsvollen Lächeln.
Mit Beinen wie Wackelpudding ging ich zur Mitte der Halle. Jeder Schritt fühlte sich schwerer an als der davor. Als ich den weißen Kreis im Gras erreichte – den sogenannten Startpunkt für Ruhm – warf ich einen Blick zu Dad. Er nickte einmal, wie ein stummer Befehl: Versaue es nicht.
Ich schloss die Augen und wartete darauf, dass es passiert. Jeden Moment.
Nur… es passierte nichts.
Keine Vibration, nicht mal ein Funke. Nur mein Herz, das laut in meinen Ohren hämmerte.
Minuten zogen sich wie Stunden. Kalter Schweiß lief mir den Rücken runter, während ein Flüstern durch die Menge ging. Ich hatte mich immer noch nicht verwandelt.
Meine Augen rissen auf, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Dad von den Tribünen aufstand und direkt auf mich zukam. Mein Blick huschte zu Phoenix – und ja, da war es.
Dieses selbstgefällige Grinsen.
Meine Wangen brannten, und eine Träne lief mir über die Wange, bevor ich sie stoppen konnte.
Ich sog scharf Luft ein, aber das Engegefühl in meiner Brust wurde nur schlimmer. Ich hörte auf, es überhaupt noch zu versuchen, als Dad meinen Arm packte und mich aus der Mitte zog, als wäre ich irgendeine peinliche Szene.
„Du hast uns enttäuscht und mich vor dem ganzen Rudel blamiert. Wie kann es sein, dass Phoenix es kann, aber du nicht?“ Seine Stimme war leise, aber das Gift darin tat mehr weh als jeder Schrei.
„Es tut mir leid, Dad. Ich habe es versucht.“
„Deshalb kann ich mich nicht auf dich verlassen, Phoebe. Phoenix ist besser als du. War er schon immer.“
Da war er wieder. Dieser verdammte Satz, den ich mein ganzes Leben lang gehört hatte. Immer verglichen. Immer die Zweite. Die Wut schoss so schnell hoch, dass mir schwindelig wurde. Meine Fäuste ballten sich so fest, dass sich meine Nägel in die Haut bohrten.
„Beruhig dich, Ralph“, mischte Mom sich sanft ein. „Vielleicht ist es einfach noch nicht ihre Zeit. Hab etwas Geduld.“
„Dad hat recht“, fügte Phoenix mit diesem arroganten Grinsen hinzu, das mich am liebsten hätte ausrasten lassen. „Du hättest dich verwandeln müssen. Aber schau dich an, du heulst wie ein Baby. Das Rudel braucht keine schwachen Wölfe.“
„Halt die Klappe.“ Meine Stimme zitterte vor Wut.
„Zumindest habe ich die Familie nicht blamiert“, schoss er zurück.
Das war’s.
Irgendetwas in mir riss.
Ich hatte so die Schnauze voll von ihm, von Dad, von allem. Ich wollte schreien, alles auseinanderreißen. Und genau da traf es mich – mit voller Wucht.
Eine Welle aus Energie explodierte in mir und ließ meine Knochen erzittern. Mein Puls wurde wild, mein Blut rauschte wie ein Sturm durch meine Adern. Dann kam die Hitze – brennend, unkontrollierbar.
Mein Körper krampfte, während jeder Knochen knackte und sich streckte. Ich fiel auf die Knie, stöhnte durch zusammengebissene Zähne, als mein Kleid zerriss und Muskeln und Fell hervorbrachen wie Feuer. Meine Hände schlugen auf den Boden, Nägel wurden schwarz, Fell breitete sich aus.
Bis ich nicht mehr ich war.
Vier Pfoten berührten den Boden, und ein Heulen brach aus meiner Kehle – laut, roh, wie ein Schlachtruf.
Ich hatte es geschafft. Ich hatte mich endlich verwandelt.
Mein erster Instinkt?
Phoenix dieses selbstgefällige Grinsen aus dem Gesicht zu reißen.
Ich schlich auf ihn zu, die Lefzen zurückgezogen, ein Knurren vibrierte tief in meiner Brust. In meiner neuen Sicht flackerte seine Aura rot – wie ein Feuer.
Er grinste immer noch. „Forderst du mich heraus, kleine Schwester?“
Noch bevor ich reagieren konnte, verwandelte er sich. Knochen knackten, Fell brach hervor, bis sein Wolf vor mir aufragte. Mit einem Knurren sprang er in die Mitte der Halle – und ich stürmte direkt hinterher.
Die Menge tobte.
Dann krachte Dads Wolf zwischen uns, sein Knurren schnitt durch den Lärm. Seine Dominanz traf mich wie eine Wand und zwang mich zum Stillstand. Keuchend wich ich zurück, senkte mich, bis ich mich zurückverwandelte – schweißnass und am ganzen Körper zitternd.
Ich schnappte mir eine Decke vom Tisch und wickelte sie um mich, während die Erschöpfung mich überrollte. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Dad sich tief vor dem Alpha verbeugte und sich entschuldigte. Mom tat es ihm gleich, den Kopf gesenkt.
Die Tribünen leerten sich schnell, das Flüstern zog wie Messer hinter mir her.
Ich stand einfach da, durchnässt und leer, das Gewicht des Versagens noch immer auf mir – obwohl ich es geschafft hatte. Kein Lob. Nur Stille und Verurteilung.
Dads Schritte kamen näher, hart und schwer. Phoenix stand aufrecht da, das Kinn gehoben, Stolz strahlte aus ihm heraus.
Dad sah mich an, seine Augen brannten, und er presste hervor: „Ich bereue dein rücksichtsloses Verhalten. Wir reden zu Hause darüber.“
Und einfach so ging der letzte Funken Stolz in mir in Rauch auf.