Phoebe
Als Dad mir von Phoenix’ Zustand erzählt hat, saß ich gerade in einer Nachprüfung. Ich bin sofort aus dem Klassenzimmer raus und hab keinen Gedanken mehr an meine Matheprüfung verschwendet. Mein Kopf drehte durch und spuckte mir immer wieder Bilder von unserem letzten Streit aus.
Mein Herz rutschte mir in den Magen, und ich konnte einfach nicht mehr klar denken.
Ich kam erst eine Stunde später im Krankenhaus an, weil der Verkehr komplett festhing. Ich stand im Bus, brach in kalten Schweiß aus und verfluchte mich selbst. Ich hätte mich einfach in einen Wolf verwandeln und so schnell wie möglich hinrennen sollen. Ich wünschte, ich hätte das früher gemacht.
Als der Bus endlich an der Haltestelle vorm Krankenhaus hielt, war ich gleichzeitig erleichtert und total fertig. Ich drängte mich an den Leuten vorbei nach draußen und rannte los, ohne mich noch groß umzusehen. Im Eingangsbereich ging ich direkt zum Empfang und fragte nach dem Weg zur Intensivstation.
„Gehen Sie geradeaus und dann links, der erste Raum.“
„Danke“, sagte ich hastig zu den beiden Schwestern hinter dem Tresen.
Ich folgte der Wegbeschreibung und blieb vor einer halb offenen Tür stehen. Ich sah Dad und Mom neben dem Bett stehen, ihre Blicke fest auf Phoenix gerichtet. Als sie mich bemerkten, kam Dad sofort zu mir und zog mich ein Stück mit sich.
Trotz allem… Phoenix war immer noch mein Bruder.
Wir haben oft gestritten. Er hat mich angemotzt, wenn ich zu faul war, den Müll rauszubringen. Er hat mich ermahnt, wenn ich Popcorn auf dem Sofa verteilt habe. Er hat sich immer wie ein großer Bruder verhalten… und ich hab das nie wirklich wahrgenommen.
„Wir wissen, dass es dir leid tut, Schatz. Wir versuchen, damit klarzukommen. Mehr als warten können wir nicht. Möge die Mondgöttin uns den Weg zeigen.“
Mom versuchte, mich zu beruhigen. Sie wirkte stark, aber ich wusste, dass sie innerlich völlig zerstört war. Ihre Stimme zitterte leicht.
Ich sah zu Dad rüber. Er sah ungepflegt aus… und einfach nur traurig. Ich hatte ihn noch nie in meinem ganzen Leben so gesehen.
Er blieb still und sagte kaum etwas, während Mom und ich über Phoenix redeten. Statt bei uns zu bleiben, ging er lieber ins Zimmer. Ich atmete schwer aus und traute mich nicht, ihn anzusprechen, wenn er so in seinem Schweigemodus war.
Zwei Wochen vergingen, und Phoenix wachte immer noch nicht aus dem Koma auf. Mom und ich wechselten uns damit ab, bei ihm zu bleiben, während Dad weiterhin seine Aufgaben als Beta im Rudel erledigte. Er ging sogar zu meiner Schule und zu Phoenix’ Schule, um uns für das nächste Semester wieder anzumelden.
Irgendwann saßen Dad und ich hinten im Park des Krankenhauses und redeten ernsthaft miteinander. Nach über zwei Wochen, in denen er kaum mit mir gesprochen hatte, sah er mich mit seinen braunen Augen an – und ich ahnte sofort, worum es gehen würde.
„Ich will, dass du Phoenix’ Platz einnimmst. Livingstone braucht ihn diese Saison für ihr Sportteam. Er hat sich schon angemeldet, und die Position könnte ihm ein Stipendium fürs College sichern.“
Dad machte eine Pause, und ich verstand immer noch nicht ganz, was er mit „du sollst seinen Platz einnehmen“ meinte – vor allem, weil ich gerade erst mit einem Typen zusammengestoßen war und mir die Schulter immer noch weh tat.
Ich hielt meine Schulter fest und sagte: „Wir gehen auf unterschiedliche Schulen, Dad. Wie soll ich bitte seinen Platz einnehmen?“
„Ihr seid Zwillinge. Und du willst es wiedergutmachen, oder?“
Ich runzelte die Stirn noch mehr. Seine Worte ließen mich nicht los. Ich sah ihn direkt an und blinzelte mehrmals, bis er weitersprach.
„Ich werde dich nach Livingstone versetzen. Du fängst dieses Semester dort an. Du spielst Phoenix… und wirst dort als männlicher Schüler leben.“
„Aber Dad, wie soll ich das machen? Und was ist, wenn ich auffliege?“
„Mir egal, wie du das machst. Lern es halt. Ihr Teenager liebt es doch, im Internet nach allem Möglichen zu suchen. Ich akzeptiere keine Ausreden. Beweis mir, dass du es ernst meinst, Phoebe. Dann vergebe ich dir.“
Mein Herz war im Chaos. Es tat mir wirklich leid… aber Phoenix zu werden? Das war völlig außerhalb von allem, was ich mir je vorgestellt hatte. Ich hatte absolut keine Ahnung, wie ich das schaffen sollte.
Wie Dad gesagt hatte, nutzte ich die eine Woche, die mir blieb, um alles zu lernen, was ich über diese Art von Verkleidung finden konnte. Ich schnitt mir die Haare, nahm ein paar von Phoenix’ Klamotten aus seinem Schrank und übte sogar seine Skills, um in seinem Team mithalten zu können.
An einem Montagmorgen Anfang August fuhr ich mit Dad nach Livingstone. Sein Auto rollte auf den Parkplatz der Schule, und er checkte nochmal alles, bevor wir ausstiegen. Meine Hände zitterten, und meine Beine fühlten sich steif an wie Beton.
„Komm schon, Phoebe. Ich muss nachher noch Alpha Lennox treffen“, drängte Dad.
Ich trat in den ersten Flur. Noch waren nicht viele Schüler da. Immer wieder richtete ich unauffällig mein Aussehen, um mich in meiner Tarnung sicherer zu fühlen.
Schließlich kamen wir im Büro des Direktors an. Wir gingen rein und wurden sofort von einem Mann mit dicker Brille begrüßt, wahrscheinlich Ende fünfzig. Er musterte mich durch seine Gläser und nickte.
„Phoenix Matthews, Glückwunsch zu deinem Platz im Divergent-Howl-E-Sport-Team.“
Ich nickte nur als Antwort.
Zum Glück hatte Dad vorher schon mit dem Direktor und den Lehrern gesprochen. Direktor Hartman war der Erste, der direkt mit mir zu tun hatte. Ehrlich gesagt war ich so nervös, dass meine Beine unter dem Tisch gezittert haben.
[Hör auf, mit den Beinen zu wackeln, Phoebe! Willst du auffliegen?]
Dads Stimme hallte plötzlich in meinem Kopf. Ich zuckte leicht zusammen und realisierte erst dann, dass ich ihn hören konnte – weil ich mich ja inzwischen verwandeln konnte. Sofort hörte ich auf und zwang mich, ruhig zu atmen.
Dad klärte alles Organisatorische, und ich musste selbst ein paar Fragen beantworten. Anfangs fiel es mir schwer, aber nach ein paar Versuchen wurde es langsam besser.
Plötzlich kam ein Junge ins Büro.
Er war so groß, dass ich von meinem Stuhl aus kaum sein Gesicht sehen konnte. Ich hörte, wie er sich leise räusperte, bevor er sich etwas zu mir runterbeugte.
Wir sahen uns an.
Viel zu lange.
Mein Herz begann sofort schneller zu schlagen. Ich atmete tief ein und langsam wieder aus, versuchte, mein Zittern zu verbergen. Irgendetwas in mir regte sich… als würde es unbedingt nach draußen wollen.
Mir fehlten die Worte. Dieses Gefühl war überwältigend, und ich konnte es nicht einordnen. Als sich unsere Blicke trafen, durchzuckte mich plötzlich ein starkes Verlangen – roh, intensiv, unmöglich zu ignorieren.
Ich griff instinktiv an meine Brust und versuchte, das wilde Pochen meines Herzens zu beruhigen.
„Ist das… normal?“, flüsterte ich leise, meine Stimme zitternd.
Für einen kurzen Moment lag Unsicherheit in seinem Blick… und ich hatte das Gefühl, dass ich gleich etwas lernen würde, auf das ich absolut nicht vorbereitet war.