Phoebe
[Ich will meinen Mate!]
Ich drehte meinen Kopf hektisch nach links und rechts, suchte nach der Quelle dieser Stimme, die in meinem Kopf widerhallte. Die Worte hingen in der Luft, pulsierend, dringlich – so intensiv, dass mir kurz die Luft wegblieb. Ich wartete darauf, dass sie wiederkam, aber sie verschwand genauso schnell, wie sie aufgetaucht war. Gerade als ich versuchte, mich wieder zu sammeln, stupste Dad mein Bein an, damit ich mich auf den Mann vor uns konzentrierte.
„Das ist Hayden Grey, der Captain des E-Sport-Teams, dem du beitreten wirst. Ich hoffe, ihr könnt gut zusammenarbeiten und Livingstone würdig vertreten.“ Direktor Hartman stand auf, seine autoritäre Haltung unverändert, während er Hayden vorstellte, der gefühlt den ganzen Raum ausfüllte.
Ich streckte meine Hand aus, wollte einen guten Eindruck machen – aber zu meiner Überraschung zögerte Hayden. Seine markanten Gesichtszüge zeigten keinerlei Wärme. Er ignorierte meine Geste einfach, stattdessen lag ein leichtes Stirnrunzeln auf seinem Gesicht.
Dieses Kribbeln kam zurück. Stärker als zuvor. Es überflutete meine Sinne, und ich blinzelte schnell, versuchte, das Chaos in mir zu begreifen. So etwas hatte ich noch nie gespürt.
[Ich will ihn, Phoebe.]
„Hör auf!“ platzte es aus mir heraus, schärfer als beabsichtigt.
Die drei Männer um mich herum erstarrten. Verwirrung und Irritation spiegelten sich in ihren Gesichtern. Dad blieb reglos, Direktor Hartman rückte seine Brille zurecht, und Hayden presste die Lippen zusammen, genervt.
Was stimmt nicht mit mir?
Seine Gleichgültigkeit ging mir plötzlich richtig auf die Nerven. Warum hatte er mir nicht die Hand gegeben? Ich hatte versucht, freundlich zu sein, und er behandelte mich, als wäre ich lästig.
Zum Glück löste sich die Spannung, als Hayden sich umdrehte und das Büro verließ. Eine Welle der Erleichterung durchströmte mich, während ich den Schlüssel für das Team-Wohnheim entgegennahm.
Ich trat nach draußen und griff nach meinem Handy in der Tasche. Genau in dem Moment ließ ich es fallen, erschrocken von einer Stimme. Genervt hob ich den Kopf – und traf direkt auf Haydens Blick.
„Halt dich von mir fern, Matthews. Ich weiß genau, dass du diese Chance nutzen willst, um sozial aufzusteigen. Ich lasse keinen Möchtegern-Wolf wie dich in unser Team. Ein falscher Schritt, und ich schmeiß dich raus. Klar?“ Sein Finger drückte gegen meine Brust, jedes Wort eine klare Drohung.
„Wow, hab ich’s hier mit einem Arroganten zu tun? Hör zu, Grey. Deine Drohungen machen mir keine Angst. Du wirst diese Worte noch bereuen. Geh mir aus dem Weg.“ Ich trat zur Seite, entschlossen.
Hayden hob die Hand, als würde er gleich etwas tun… etwas Ursprüngliches. Doch dann knurrte er nur leise, drehte sich abrupt um und ging. Ich blieb zitternd im Flur zurück. Adrenalin schoss durch meinen Körper, ich wollte zurückschlagen, ihm wehtun.
„Verdammt! Mein Handy ist wegen ihm kaputt. Das zahl ich ihm irgendwann heim.“
[Dummes Mädchen! Du kannst ihn nicht hassen.]
„Wer bist du?“ zischte ich leise.
[Persephone. Ich bin dein Wolf. Hör zu, Phoebe. Hayden ist dein Mate. Ich will mich ihm unterwerfen.]
„Ist mir egal.“
Ich blockte Persephone sofort ab, wollte nichts von dieser… Besessenheit hören. Egal, was passierte – ich würde ihn nicht als meinen Mate akzeptieren.
Meine Schritte hallten wütend durch den Flur, während ich zum Wohnheim ging. Der Schlüssel klapperte in meiner Hand. Ich schloss die Tür auf, warf meine Tasche auf den Boden und ließ mich aufs Bett fallen.
Die Worte von Hayden lasteten schwer auf mir. Wie sollte ich mit jemandem im selben Team sein, der so unerträglich war – und dann auch noch der Captain?
Ich hasste diesen Tag.
Ich hatte alles gegeben, um Phoenix zu sein, meine alte Identität hinter mir zu lassen. Und jetzt wurde alles noch komplizierter durch Hayden. Ich hatte keinen Streit gesucht – aber er hatte ihn quasi erklärt, einfach durch seine Art.
Was ist eigentlich sein Problem mit Phoenix?
Die Erschöpfung überrollte mich, während ich darüber nachdachte. Der Tag war einfach an mir vorbeigegangen, obwohl es mein erster Tag in Livingstone war. Ich setzte mich auf und sah mich in meinem neuen Zimmer um. Das maskuline Design war eigentlich ganz cool, aber es fühlte sich auch irgendwie erdrückend an.
Während ich meine Sachen in den Schrank räumte, schob ich den Schreibtisch näher ans Fenster. Ich brauchte einfach eine bessere Aussicht, irgendwas, das mich beim Lernen nicht komplett runterzieht. Immerhin – ein eigenes Bad hatte ich. Ein kleiner Lichtblick.
Ich beschloss, das Wohnheim zu erkunden. Mit der Karte, die Dad mir gegeben hatte, ging ich die Räume durch. Ich fing einfach auf dieser Etage an.
Ich trat raus und ging nach links. Am Ende des Flurs waren zwei Türen gegenüber voneinander. Als ich näher kam, hörte ich Stimmen.
„Hey, du schuldest mir 100 Lunar Inti. Komm schon, Zion, ich will mir einen neuen Skin kaufen!“
„Später heute Abend, Finley. Ich muss jetzt los… Oh wow, Phoenix Matthews.“
Die beiden Typen vor mir hörten abrupt auf zu reden und starrten mich an. Sie kamen gerade aus der Tür rechts von mir. Einer war blond, mit eher feinen Gesichtszügen, die Stirn leicht gerunzelt. Der andere war größer, braune Haare, musterte mich von oben bis unten.
„Hi“, sagte ich und zwang mich zu einem Lächeln.
„Neues Stipendium also, hm? Bist du nicht im selben Bio-Kurs wie er, Finley?“ Der Braunhaarige stupste seinen Freund an.
„Ja. Zion, ich komm später nochmal bei dir vorbei. Ich muss jetzt zu Direktor Hartman.“
Finleys Blick blieb einen Moment zu lange auf mir hängen. Für einen Sekundenbruchteil leuchteten seine Augen gelb, bevor er wegsah. Ein seltsames Kribbeln durchzuckte mich – ähnlich wie bei Hayden, aber irgendwie anders. Dann ging er, ein leises Knurren als Warnung hinterlassend.
Zion trat näher, drängte mich gegen die Wand. Sein schiefes Grinsen ließ mir den Magen absacken. Etwas Instinktives in mir reagierte sofort, die Haare in meinem Nacken stellten sich auf.
„Jetzt sind wir allein, Matthews. Ich kann den starken Geruch von dir riechen. Bald wirst du nicht mehr widerstehen können. Keine Sorge, ich bin nicht dein Feind. Ich erinnere dich nur daran, wachsam zu bleiben. Du hast Hayden bestimmt schon getroffen. Er ist nervig, aber er duldet keinen Widerstand.“
„Was meinst du damit, Zion? Du heißt doch Zion, oder?“ Meine Stimme war unsicher.
„Sei ein braver, gehorsamer Phoenix Matthews“, flüsterte er mir ins Ohr, sein Atem heiß auf meiner Haut.
Mein Herz raste. Ich sah ihm in die Augen, und für einen Moment verlor ich mich komplett darin. Meine Gedanken verschwammen, ich bekam kaum Luft unter seiner Präsenz.
„Atme, Matthews.“
Ich zuckte zusammen. Seine Nähe brachte mich komplett aus dem Gleichgewicht. Seine Aura war erdrückend… und gleichzeitig irgendwie berauschend. Dieses Kribbeln kam wieder – wie bei Hayden, aber diesmal gefährlicher.
Ich musste mich zusammenreißen. Das lief völlig aus dem Ruder. Ein falscher Schritt, und alles würde auffliegen.
Und dann—
ohne Vorwarnung küsste Zion mich.
Der Kuss traf mich völlig unvorbereitet. Heiß, intensiv… und machte mich schwach. Ich war komplett überfordert von den Gefühlen, die mich überrollten.
Als ich mich endlich löste, außer Atem und völlig durcheinander, hob ich die Hand, um ihn zu schlagen. Doch statt wütend zu sein, grinste Zion nur – wie ein Teufel, der genau bekam, was er wollte.
„Du schlägst wie ein Mädchen. Ich merk schon, du hast noch nie jemanden geküsst. Deine Lippen sind viel zu steif.“
„Was willst du, Zion?“ fragte ich, Wut und Verwirrung gleichzeitig in mir.
Er lächelte nur.
„Dich. Natürlich dich, Mate.“