Phoebe
„Geh weg! Bist du verrückt?“
Zion berührte mich nicht. Seine Hände waren links und rechts neben mir an der Wand abgestützt, sodass ich nicht wegkonnte. Ich dachte echt, er hätte den Verstand verloren, als er mich geküsst hat – ohne zu wissen, dass ich mich als Junge ausgab.
Schließlich trat Zion einen Schritt zurück und ließ etwas Abstand zwischen uns. Er grinste immer noch, sein Blick fest auf mich gerichtet, intensiv und unbeirrbar.
Langsam schob ich mich zur Seite, bereit zu fliehen.
Endlich frei lief ich einfach los, ohne Ziel. Meine Kehle war eng von all den Flüchen, die ich ihm an den Kopf werfen wollte, aber nicht konnte. Meine Fäuste ballten sich, während ich versuchte, meine Wut runterzuschlucken.
Ich brauchte frische Luft. Gerade eben hatte ich kaum atmen können. Zwei solche Typen auf einmal… ich brauchte dringend eine Pause für meinen Kopf.
„Hey, Phoenix.“
Ich drehte mich reflexartig um, als ich meinen Namen hörte, und sah Finley auf mich zukommen – mit einem warmen Lächeln, ganz anders als vorher.
„Ich hab dir im Gruppenchat gratuliert, aber du hast nicht geantwortet. Hast du das nicht gesehen?“
„Sorry, ich hab meine Nummer gewechselt. Kannst du mich wieder hinzufügen? Ich glaube, ich sollte jetzt mehr drauf achten.“
„Ja, klar. Ist nur komisch… du warst nie wirklich aktiv, aber wenn dich jemand markiert hat, hast du immer geantwortet.“
Verdammt.
Das hätte ich nicht sagen sollen. Jetzt musste ich mir irgendeine Ausrede einfallen lassen. Warum hab ich nicht vorher daran gedacht?
„Ich hab mich geändert. Ich will einfach aktiver sein. Finley… kann ich dich was fragen?“
Wir gingen zusammen durch den Garten hinter der Schule. Ich stellte ihm viele Fragen über den Bio-Unterricht, den Phoenix besucht hatte – sie waren ja in derselben Klasse. Ich überlegte sogar, mir alles aufzuschreiben. Es gab einfach zu viel, was ich mir merken musste.
Mit Finley an meiner Seite wurde der Tag irgendwie besser. Er war nett… und ehrlich gesagt auch ziemlich gut aussehend. Ich fühlte mich wohl mit ihm.
„Bist du mit Hayden befreundet?“ fragte ich, halb neugierig.
„Nicht wirklich. Zion war mal enger mit ihm, aber seit Hayden aus der Reha zurück ist, hat er sich komplett abgeschottet. Total antisocial. Ich kann mir ihn nicht mal als Captain vorstellen. Klar, seine Skills sind krass. Er ist der zukünftige Alpha vom Silver-Claw-Rudel… aber er ist einfach zu starr.“
„Und du? Ich weiß gar nichts über dich.“
„Ich bin nur der Sohn eines Betas. Nichts Besonderes wie Hayden, Zion oder Adonis. In unserem Team haben wir alle Beta-Väter.“
„Du kennst meinen Hintergrund?“ Ich zeigte auf mich.
„Klar. Seit du im Team bist, reden wir natürlich über dich.“
Ich presste die Lippen zusammen. Drei Teammitglieder hatte ich jetzt kennengelernt. Es fehlte nur noch Adonis.
Wir blieben am Baseballfeld stehen und setzten uns auf eine Bank. Unten trainierten ein paar Schüler, warfen sich Bälle zu. Ich beobachtete sie eine Weile.
„Darf ich fragen, welches Parfum du trägst?“
„Ich trage keins.“
„Komisch.“
„Schon okay. Zion hat vorhin dasselbe gesagt.“
Finley runzelte die Stirn. Ich verstand nicht, warum ihn das so interessierte. Ich trug nie Parfum – Phoenix tat das schließlich auch nicht.
Zions Kommentar über meinen Geruch kam mir wieder in den Sinn. Schon seltsam, dass gleich zwei Wölfe danach gefragt hatten. Roch ich etwa schlecht?
Nach ein paar Minuten Stille stand ich auf, bereit, zurückzugehen. Finley kam mit, und wir liefen zusammen zum Wohnheim.
In meinem Zimmer angekommen, vibrierte mein Handy. Zwei neue Nachrichten. Finley hatte mich in die Bio-Gruppe hinzugefügt… und Hayden hatte mich in den Team-Chat eingeladen.
Moment mal… Hayden?
Kaum zu glauben. Vorhin noch Drohungen, und jetzt das.
Gerade als meine Wut etwas nachließ, kam direkt eine Nachricht – nur an mich.
„Hol fünf Dosen Cola und bring sie in den Trainingsraum. Wenn du mehr als fünf Minuten brauchst: 100 Liegestütze.“
„Was?! Spinnst du?!“
„Du hast mich gehört.“
Ich konnte nicht glauben, dass er mich wie seinen Laufburschen behandelte. Fluchend stürmte ich aus dem Wohnheim.
Zum Glück hatte Livingstone alles, was man brauchte – sogar Automaten auf jeder Etage. Ich hatte einen auf der Karte gesehen.
Ich rannte zum Automaten im ersten Stock… kaputt.
Super.
Frustriert holte ich die Karte aus meinem Zimmer und suchte den nächsten. Der zweite Stock? Leer.
Erst im dritten bekam ich endlich fünf Dosen.
Ich rannte zum Trainingsraum, wo Hayden schon mit verschränkten Armen wartete.
„Du bist fünf Minuten zu spät, Matthews. 100 Liegestütze.“ Sein Grinsen brachte mich fast zum Explodieren.
„Der Automat im ersten Stock war kaputt und im zweiten gab’s keine Cola mehr! Ich musste in den dritten! Findest du nicht, dass du die Strafe überdenken solltest?“
„Du bist ein Werwolf. Benutz alle vier Beine und sei schneller.“
Außer Atem und komplett gedemütigt vor den anderen – Zion, Finley und einem rothaarigen Typen, den ich nicht kannte – blieb mir nichts anderes übrig.
Er hatte recht.
Ich hatte vergessen, dass ich ein Werwolf war.
Ich ließ mich auf den Boden fallen und begann. Eins… zwei… drei…
Bis hundert.
Völlig erledigt blieb ich danach liegen. Das war einfach nur lächerlich.
Nur Finley zeigte Mitgefühl. Er half mir hoch und gab mir etwas zu trinken.
„Denk vorher nach, Matthews. Das hilft dir später auf der Bühne.“
„Ich dachte, du willst ihn nur quälen“, grinste Zion.
„Nein. Ich trainiere ihn nur, nicht schwach zu sein.“
Ich starrte Hayden voller Hass an. Egal, was er sagte – für mich fühlte es sich einfach so an, als würde er mich absichtlich fertig machen.
„Gib ihm eine Dose, Adonis“, befahl Hayden.
Der rothaarige Typ kam mit einer Cola auf mich zu. Ich schüttelte den Kopf und schob sie weg. Ich mochte keine Cola – und ich brauchte auch kein Mitleid von Hayden.
„Heuchler“, spottete Hayden.
Seine Worte ließen etwas in mir auflodern. Ich ging direkt auf ihn zu, sah ihm in seine eisblauen Augen und zeigte mit dem Finger auf ihn.
Ich wollte ihm so sehr eine reinhauen.
Aber ich tat es nicht.
Wegen Phoenix.
Er hatte hart für diesen Platz gearbeitet.
Mit einem leisen Knurren warnte ich ihn: „Pass auf, was du sagst, Grey. Du hast keine Ahnung, wer ich bin.“