Kapitel 8

1050 Words
8 Yulia Der vertraute Geruch nach Autoabgasen und Flieder strömt in meine Nase, als das Auto sich durch die Straßen von Kiew schiebt. Den Mann, den Obenko geschickt hat, um mich vom Flughafen abzuholen, habe ich niemals zuvor gesehen, und er redet auch nicht viel, weshalb ich in Ruhe den Anblick der Stadt aufnehmen kann, in der ich fünf Jahre lang gelebt und trainiert habe. »Wir fahren nicht zum Institut?«, frage ich den Fahrer, als das Auto von dem mir bekannten Weg abbiegt. »Nein«, antwortet der Mann. »Ich fahre Sie zu einem geheimen Unterschlupf.« »Ist Obenko dort?« Der Fahrer nickt. »Er wartet bereits auf Sie.« »Hervorragend.« Ich atme beruhigend ein. Ich sollte erleichtert darüber sein, mich hier zu befinden, aber stattdessen bin ich angespannt und habe Angst. Und es ist nicht nur, weil ich es versaut und die ganze Organisation verraten habe. Obenko geht nicht nachsichtig mit einem Versagen um, aber die Tatsache, dass er mich aus Kolumbien gebracht hat, anstatt mich einfach zu töten, beruhigt mich ein wenig. Nein, der Hauptgrund für meine Nervosität ist das leere Gefühl in mir, ein Verlangen, das mit jeder Stunde ohne Lucas schlimmer wird. Ich fühle mich, als sei ich auf Entzug – aber das würde bedeuten, dass Lucas meine Droge ist, und ich weigere mich, das zu akzeptieren. Was auch immer ich begonnen hatte, für meinen Entführer zu fühlen, es wird vorbeigehen. Es muss, weil es keine Alternative gibt. Das mit Lucas und mir ist endgültig vorbei. »Wir sind da«, sagt der Fahrer und hält vor einem unauffälligen, viergeschossigen Haus. Es sieht aus wie jedes andere Gebäude in der Nachbarschaft: Alt und heruntergekommen und mit dem langweiligen gelben Putz aus Sowjetzeiten überzogen. Der Geruch nach Flieder ist hier stärker; er kommt von einem Park, der auf der anderen Straßenseite liegt. Unter anderen Umständen hätte ich den Duft genossen, den ich mit Frühling verbinde, aber heute erinnert er mich an den Dschungel, den ich hinter mir gelassen habe – und mit ihm an den Mann, der mich dort festhielt. Der Fahrer steigt aus dem Auto und führt mich zu dem Gebäude. Es hat keinen Fahrstuhl, und das Treppenhaus ist genauso heruntergekommen wie das Äußere des Hauses. Als wir das Erdgeschoss durchqueren, höre ich laute Stimmen und rieche einen Hauch von Urin und Erbrochenem. »Wer sind diese Menschen im Erdgeschoss?«, frage ich, als wir vor einem Apartment in der ersten Etage stehen bleiben. »Sind sie Zivilisten?« »Ja.« Der Fahrer klopft gegen die Tür. »Sie sind zu beschäftigt damit, sich zu betrinken, um auf uns zu achten.« Ich bekomme keine Gelegenheit, weitere Fragen zu stellen, da sich die Tür öffnet und ich einen dunkelhaarigen Mann im Türrahmen stehen sehe. Seine hohe Stirn ist gerunzelt, und angespannte Linien klammern seinen Mund ein. »Komm rein, Yulia«, sagt Vasiliy Obenko und tritt einen Schritt zurück, um mich hereinzulassen. »Wir müssen eine Menge besprechen.« Die nächsten zwei Stunden werde ich einer Befragung unterzogen, die genauso zermürbend ist wie in dem russischen Gefängnis. Neben Obenko sind auch zwei höherrangige Agenten der UUR, Sokov und Mateyenko, anwesend. Wie mein Chef sind sie in ihren Vierzigern und ihre Körper sind durch jahrzehntelanges Training zu tödliche Waffen geworden. Die drei sitzen mir gegenüber am Küchentisch und wechseln sich damit ab, mir Fragen zu stellen. Sie wollen alles wissen, angefangen von meiner Flucht bis hin zu den genauen Informationen, die ich Lucas über die UUR gegeben habe. »Ich verstehe immer noch nicht, wie er dich gebrochen hat«, meint Obenko, als ich diese Geschichte erneut erzählt habe. »Wie konnte er über den Zwischenfall mit Kirill Bescheid wissen?« Mein Gesicht brennt vor Scham. »Er hat sie erfahren, als ich einen Albtraum hatte.« Und weil ich mich danach Lucas anvertraut habe, aber das sage ich nicht. Ich will nicht, dass mein Chef weiß, dass er von Anfang an recht mit seiner Einschätzung über mich hatte – dass, wenn es darauf ankäme, ich meine Gefühle nicht kontrollieren könne. »Und in diesem Albtraum hast du was getan ... über deinen Trainer gesprochen?« Das fragt mich Sokov, und sein ernster Gesichtsausdruck lässt keinen Zweifel daran, dass er Zweifel an meiner Geschichte hat. »Reden Sie normalerweise im Schlaf, Yulia Borisovna?« »Nein, aber diese Umstände waren nicht wirklich normal.« Ich versuche, mich nicht so anzuhören, als würde ich mich rechtfertigen. »Ich war eine Gefangene und wurde Situationen ausgesetzt, die bei mir Dinge auslösen – die bei jeder Frau Dinge auslösen würden, die eine Vergewaltigung erlebt hat.« »Wie genau sahen diese Situationen aus?«, mischt sich Mateyenko ein. »Sie sehen nicht besonders misshandelt aus.« Ich verkneife mir eine wütende Antwort. »Ich wurde nicht körperlich gequält oder habe gehungert, das habe ich Ihnen bereits erzählt«, sage ich ruhig. »Kents Befragungsmethoden hatten eher einen psychologischen Hintergrund. Und ja, der Grund dafür war hauptsächlich, dass er mich attraktiv fand. Deshalb hat es etwas in mir ausgelöst.« Die zwei Agenten tauschen Blicke aus, und Obenko schaut mich mit gerunzelter Stirn an. »Also hat er dich vergewaltigt, und das hat deine Albträume ausgelöst?« »Er ...« Mein Hals schnürt sich zu, als ich mich daran erinnere, wie hilflos mein Körper auf Lucas reagiert hat. »Es war die ganze Situation. Ich konnte nicht gut mit ihr umgehen.« Die Agenten schauen sich wieder an, und dann sagt Mateyenko: »Erzählen Sie uns mehr über die Frau, die Ihnen bei der Flucht geholfen hat. Wie hieß sie nochmal?« Ich nehme meine restliche Geduld zusammen und berichte ihnen zum dritten Mal von meinen Treffen mit Rosa. Danach befragt mich Sokov noch einmal ausführlich zu meiner Flucht, geht sie Minute für Minute mit mir durch, und danach befragt mich Mateyenko zu den Sicherheitsvorkehrungen auf Esguerras Anwesen. »Wirklich«, sage ich nach einer weiteren Stunde pausenloser Befragung, »Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß. Was auch immer Sie über mich denken, die Bedrohung für die Organisation ist echt. Esguerras Männer haben ein komplettes Terroristennetzwerk zerstört, und sie sind hinter uns her. Falls Sie einen Notfallplan haben, wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, ihn umzusetzen. Bringen Sie sich und Ihre Familien in Sicherheit.« Obenko betrachtet mich einen Augenblick lang eindringlich, bevor er nickt. »Für heute sind wir fertig«, sagt er und dreht sich zu den beiden anderen Agenten um. »Yulia ist nach ihrer langen Reise müde. Wir werden morgen weitermachen.« Als die beiden Männer gehen, lehne ich mich in meinem Stuhl zurück und fühle mich noch leerer als zuvor.
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