10
Yulia
In dieser ersten Nacht in meinem geheimen Unterschlupf schlafe ich unruhig und wache regelmäßig alle paar Stunden aus Albträumen auf. Ich erinnere mich nicht an die genauen Einzelheiten dieser Träume, aber ich weiß, dass Lucas in ihnen vorkommt, genau wie mein Bruder. Die Szenen sind verschwommen in meinem Kopf, aber ich erinnere mich bruchstückhaft an Züge, Eidechsen, Schüsse und den unterschwelligen Geruch nach Flieder.
Gegen fünf Uhr morgens gebe ich es auf, weiterschlafen zu wollen. Ich stehe auf, ziehe mir einen Bademantel an und gehe in die Küche, um mir einen Tee zu kochen. Obenko ist dort und liest eine Zeitung. Als ich eintrete, blickt er auf, und seine braunen Augen sind trotz der frühen Uhrzeit scharf und klar.
»Jetlag?«, fragt er, und ich nicke. Diese Erklärung ist genauso gut wie jede andere.
»Möchten Sie einen Tee?«, frage ich ihn, als ich das Wasser in einen Kessel fülle und ihn auf den Herd stelle.
»Nein, danke.« Er beobachtet mich, und ich frage mich, was er sieht. Eine Verräterin? Eine Versagerin? Jemanden, der jetzt eher ein Risiko als ein Vorteil ist? Es hat mir immer viel bedeutet, was mein Chef über mich dachte, ich wollte seine Anerkennung genauso wie einst die meiner Eltern, aber jetzt gerade kann ich kein Interesse für seine Meinung aufbringen.
Es gibt nur eine Sache, die mich heute Morgen interessiert.
»Mein Bruder«, sage ich, als ich mich hinsetze, nachdem ich mir einen Earl Grey zubereitet habe. »Wie geht es ihm? Wo befindet sich die Familie Ihrer Schwester jetzt?«
»Sie befindet sich in Sicherheit.« Obenko faltet seine Zeitung zusammen. »Wir haben sie zu einer neuen Adresse gebracht.«
»Haben Sie neue Bilder für mich?«, frage ich und versuche, mich nicht allzu sehnsüchtig anzuhören.
»Nein.« Obenko seufzt. »Wir haben gedacht, du seist tot, und als du uns kontaktiert hast, war unsere Priorität nicht, Fotos für dich zu machen.«
Ich trinke einen Schluck des kochend heißen Tees, um meine Enttäuschung zu überspielen. »Ich verstehe.«
Obenko seufzt erneut. »Yulia ... Das geht jetzt schon seit elf Jahren so. Du musst Misha gehen lassen. Dein Bruder führt ein Leben, in dem du nicht existierst.«
»Das weiß ich, aber ich denke nicht, dass es zu viel verlangt ist, ab und an ein paar Fotos sehen zu wollen.« Mein Ton ist schärfer als beabsichtigt. »Es ist ja nicht so, dass ich ihn sehen will ...« Bei diesem Gedanken halte ich inne. »Na ja, obwohl, da Sie keine Fotos haben, könnte ich ihn mir ja vielleicht aus der Entfernung ansehen«, meine ich, und mein Herz schlägt vor Aufregung schneller. »Ich könnte ein Fernglas oder ein Teleskop benutzen. Er würde das niemals bemerken.«
Obenkos Blick verhärtet sich. »Das haben wir bereits besprochen, Yulia. Du weißt, warum du ihn nicht sehen kannst.«
»Weil es meine irrationale Bindung zu ihm verstärken würde«, wiederhole ich seine Worte wie ein Papagei. »Ja, ich weiß, dass Sie das gesagt haben, aber ich bin anderer Meinung. Ich hätte in dem russischen Gefängnis sterben oder von Esguerra zu Tode gefoltert werden können. Die Tatsache, dass ich heute hier sitze –«
»Hat nichts mit Misha und der Abmachung zu tun, die wir vor elf Jahren getroffen haben«, unterbricht mich Obenko. »Du hast diesen Auftrag versaut. Deinetwegen wurde dein Bruder entwurzelt und gezwungen, seine Schule zu wechseln und seine Freunde aufzugeben. Im Moment solltest du keine Forderungen stellen.«
Meine Finger umfassen die Tasse fester. »Ich stelle keine Forderungen«, sage ich ruhig. »Ich habe eine Bitte geäußert. Ich weiß, dass mein Fehler zu dieser Situation geführt hat, und es tut mir leid. Aber ich verstehe nicht, was das mit der anderen Sache zu tun hat. Ich habe sechs Jahre in Moskau gelebt und genau das getan, was Sie von mir wollten. Ich habe Ihnen eine Menge nützlicher Informationen beschafft. Alles, was ich im Gegenzug möchte, ist, meinen Bruder aus der Entfernung zu sehen. Ich würde weder zu ihm gehen noch mit ihm reden – ich würde ihn mir einfach nur anschauen. Warum ist das ein Problem?«
Obenko steht auf. »Trink deinen Tee, Yulia«, sagt er und ignoriert meine Frage. »Um elf findet eine weitere Vernehmung statt.«