Eine Stunde, nachdem wir wieder in Esguerras Villa angekommen sind, betritt mein Boss das Wohnzimmer, in dem ich auf ihn warte, um ihn auf den neuesten Stand zu bringen.
»Wo ist Rosa?«, will er wissen. Seine Stimme ist ruhig und verrät nichts über den dumpfen Schmerz, den ich in seinem Blick sehe. Er strukturiert seine Gedanken, um mit dem umgehen zu können, was geschehen ist, und entscheidet sich dafür, sich auf das zu konzentrieren, was getan werden muss, anstatt über das nachzugrübeln, was nicht geändert werden kann.
»Sie schläft«, antworte ich, während ich mich von dem Sofa erhebe. »Ich habe ihr ein Schlafmittel gegeben und mich vergewissert, dass sie geduscht hat.«
»Gut. Danke.« Esguerra durchquert den Raum und stellt sich vor mich. »Und jetzt erzähl mir alles.«
»Die Reinigungskolonne hat sich um die Leiche gekümmert und den jungen Mann festgenommen, den Nora auf dem Flur bewusstlos geschlagen hat«, beginne ich. »Sie halten ihn in einem Warenhaus in South Side fest.«
»Gut. Was ist mit dem weißen Auto?«
»Den Männern ist es gelungen, ihm zu einem der Hochhäuser in der Innenstadt zu folgen. Dann ist es in die Tiefgarage gefahren, und sie wollten ihm nicht hinein folgen. Ich habe das Kennzeichen bereits überprüfen lassen.«
»Und?«
»Und es sieht so aus, als haben wir ein Problem«, sage ich. »Sagt Ihnen der Name Patrick Sullivan etwas?«
Esguerra runzelt die Stirn. »Er hört sich bekannt an, aber ich komme nicht darauf.«
»Den Sullivans gehört die halbe Stadt«, beginne ich meine Erklärung darüber, was ich gerade über unseren neuesten Feind erfahren habe. »Prostitution, Drogen, Waffen – sie haben in allem ihre Hände drin. Patrick Sullivan ist der Kopf der Familie und hat so ziemlich jeden Lokalpolitiker und Polizeichef in seiner Tasche.«
»Aha.« Esguerra sieht so aus, als würde er sich dunkel erinnern. »Was hat Patrick Sullivan damit zu tun?«
»Er hat zwei Söhne«, erkläre ich ihm. »Oder, besser gesagt, hatte er zwei Söhne. Brian und Sean. Brian nimmt gerade ein Laugenbad in einem unserer gemieteten Lagerhäuser, und Sean ist der Eigentümer des weißen Geländewagens.«
»Ich verstehe«, meint Esguerra, und ich weiß, dass er das Gleiche denkt wie ich.
Die guten Beziehungen der Vergewaltiger komplizieren die ganze Angelegenheit, aber sie erklären auch, warum sie Rosa an einem so öffentlichen Ort vergewaltigt haben. Sie sind daran gewöhnt, dass ihr mafiöser Vater sie aus Schwierigkeiten herausholt, und sie sind noch nie auf den Gedanken gekommen, dass sie auf jemanden treffen könnten, der genauso gefährlich ist.
»Außerdem«, fügte ich hinzu, während Esguerra alles verarbeitet, »ist das halbe Kind, das wir in dem Lagerhaus festhalten, ihr siebzehn Jahre alter Cousin, Sullivans Neffe. Sein Name ist Jimmy. Offensichtlich stehen sich er und die zwei Brüder sehr nahe. Oder sie standen sich nahe, sollte ich wohl besser sagen.«
Esguerras blaue Augen ziehen sich zu Schlitzen zusammen. »Haben sie eine Ahnung, wer wir sind? Könnten sie sich Rosa ausgesucht haben, um an mich heranzukommen?«
»Nein, das denke ich nicht.« Ein erneutes Aufwallen meiner Wut bringt mich dazu, meinen Kiefer anzuspannen. »Die Sullivan-Brüder haben eine hässliche Vergangenheit, was Frauen anbelangt. Vergewaltigungsdrogen bei Verabredungen, Gangbangs mit Studentinnen – die Liste ist endlos. Hätten sie einen anderen Vater, würden sie gerade im Gefängnis verrotten.«
»Ich verstehe.« Esguerras Mundwinkel verziehen sich kalt. »Wenn wir erst einmal mit ihnen fertig sind, werden sie sich wünschen, dass sie genau das täten.«
Ich nicke. In dem Moment, in dem ich von Patrick Sullivan erfahren habe, wusste ich, dass es Krieg geben würde. »Soll ich eine Einsatzmannschaft zusammenstellen?«, frage ich, und die vertraute Vorfreude macht sich bereits breit. Ich habe seit einer ganzen Weile keinen guten Kampf mehr geführt.
»Nein, noch nicht«, antwortet Esguerra. Er dreht sich weg von mir und geht zum Fenster. Ich weiß nicht, was er betrachtet, aber er schweigt eine gute Minute, bevor er sich wieder umdreht, um mich anzublicken.
»Ich möchte, dass Nora und ihre Eltern zum Anwesen gebracht werden, bevor wir etwas unternehmen«, sagt er, und ich sehe die grimmige Entschlossenheit auf seinem Gesicht. »Sean Sullivan muss warten. Jetzt werden wir uns erst einmal auf seinen Neffen konzentrieren.«
»In Ordnung.« Ich nicke. »Ich werde die nötigen Vorbereitungen treffen.«