Er lachte immer noch, schüttelte den Kopf, während ich mein Gesicht in meine Knie drückte. Meine Wangen brannten, und plötzlich schien der Boden das Faszinierendste auf der Welt zu sein.
„Sorry“, murmelte ich. „Es war dumm.“
Das Lachen verstummte abrupt. Ich spürte, wie er sich neben mir bewegte.
„Warte – du glaubst, ich lache über dich?“
Ich antwortete nicht. Musste ich auch nicht. Es stand mir wahrscheinlich in riesigen, leuchtenden Buchstaben ins Gesicht geschrieben.
„Emma …“ Seine Stimme war jetzt weicher, vorsichtig, als würde er über dünnes Eis gehen. „Ich habe nicht über dich gelacht. Ich habe gelacht, weil – na ja, es war witzig.“
Ich riskierte einen Blick zu ihm. In seinen Augen lag nichts Spöttisches, nicht einmal ein Hauch davon. Sie waren warm, ruhig, fast … bittend.
„Du glaubst wirklich, ich würde über dich lachen?“ fragte er. Und zum ersten Mal hörte ich etwas Rohes in seiner Stimme. So, als wüsste er selbst, wie sich solches Lachen anfühlte.
Der Knoten in meiner Brust lockerte sich ein wenig. Ich ließ einen Atemzug los, von dem ich nicht gewusst hatte, dass ich ihn festgehalten hatte.
„Okay“, flüsterte ich.
Er schenkte mir ein schiefes Lächeln, keineswegs perfekt oder glatt, aber echt. „Außerdem … das war der beste Witz, den ich die ganze Woche gehört habe.“
Diesmal lachte ich mit – leise, ein wenig zittrig, aber echt. Und dort neben ihm, mit dem See, der zwischen den Bäumen glitzerte, fühlte es sich an, als hätte sich die Welt ein Stückchen verschoben, auf eine Weise, die ich nie vergessen würde.
Die Luft zwischen uns war leichter jetzt, als hätte sich die Peinlichkeit aufgebrochen und Platz für etwas Einfacheres gemacht. Ich warf ihm einen Seitenblick zu, halb in der Hoffnung, dass er nichts sagte, halb neugierig, ob er doch etwas sagen würde.
Dann räusperte sich Tommy. „Also … ich bin dran.“
Ich zog die Augenbrauen hoch. „Dran womit?“
„Mit einem Witz.“ Er grinste, ein kleines bisschen selbstzufrieden. „Wie nennt man einen Bären ohne Zähne?“
Ich verdrehte die Augen. „Keine Ahnung. Wie?“
„Einen Gummibär.“
Er brachte es so ernsthaft vor, dass ich nicht anders konnte – ich prustete los. Dann schlug ich mir erschrocken die Hand vor den Mund. Doch Tommys Grinsen wurde noch breiter, als hätte ich ihm gerade das größte Geschenk gemacht.
„Der war schrecklich“, sagte ich kopfschüttelnd.
„Ja, aber du hast gelacht“, konterte er.
Und plötzlich lachten und redeten wir, als wären wir alte Freunde. Tauschten alberne Witze aus, lachten lauter, als es eigentlich nötig gewesen wäre.
Für eine Weile wurde die Schwere, die sonst immer auf meiner Brust lastete, leichter, und ich vergaß Mum, Teddy, die endlose Liste an Dingen, die im Cottage auf mich warteten.
Als die Sonne tiefer sank und die Schatten sich lang über die Lichtung streckten, sah Tommy mich an, plötzlich ernst.
„Darf ich dich nach Hause bringen?“ fragte er.
Mein Magen machte einen Satz. Ich richtete mich auf, schüttelte so heftig den Kopf, dass es sicher lächerlich aussah. „Nein. Auf keinen Fall.“
Seine Stirn legte sich in Falten. „Warum nicht?“
„Weil“, sagte ich bestimmt und verschränkte die Arme um mich. „Ich brauche niemanden, der mich nach Hause bringt. Ich mache das seit Jahren allein.“
Es war keine Lüge. Aber es war auch nicht die Wahrheit. Die Wahrheit war, dass ich nicht riskieren konnte, dass er sah, wo ich wohnte. Dass ich nicht ertragen konnte, den Ausdruck in seinem Gesicht zu sehen, wenn er begriff, dass das Mädchen, mit dem er seine Sommernachmittage verbrachte, gar nicht aus seiner Welt stammte.
Tommy zögerte, dann nickte er langsam, akzeptierte meine Weigerung, ohne zu drängen. Doch in seinen Augen blitzte etwas auf – Neugier vielleicht, oder etwas Tieferes.
„In Ordnung“, sagte er leise. „Dann sehe ich dich morgen hier.“
Und zum ersten Mal klang „morgen“ wie ein Versprechen, das ich wirklich halten wollte.
---
**Tommy**
Abendessen bei uns war kein Abendessen. Es war Theater.
Mutter spielte die Regisseurin, ihre Blicke huschten zu Jacks Ellenbogen, zu Alex’ Haltung, sie korrigierte jede Bewegung, als wären wir Marionetten an Fäden. Vater saß am Kopfende, schnitt sein Steak mit militärischer Präzision, sein Blick auf mich gerichtet, als stünde ich schon im Zeugenstand.
„Bereitest du dich auf deine O-Levels vor?“ fragte er.
„Ja, Sir.“
„Und du wirst alle mit Bestnoten bestehen?“
„Ja, Sir.“
„Und du hast die ganze Lektüreliste durchgearbeitet?“
„Ja, Sir.“
Immer ja, Sir. Immer Gesetzestexte, Fallstudien, Urteile – endlose Worte, aufgestapelt wie Ziegelsteine, um das Leben zu bauen, das er für mich wollte: Jurastudium, die Kanzlei und irgendwann das Rampenlicht, das er so sehr liebte. Ich hatte es nie infrage gestellt. Ich war der Ruhige gewesen, der Verlässliche, der, der keine Wellen schlug. Der, der nickte und gehorchte.
Aber in letzter Zeit verschwammen die Seiten, sobald ich ein Buch aufschlug – und Emmas Gesicht trat an ihre Stelle. Emma im Gras, lachend über einen Witz, den ich erzählt hatte. Emma, die die Welt auf ihren Schultern trug. Emma, die mich zum ersten Mal fragen ließ, was ich wollte – und nicht, was Vater verlangte.
„Tommy.“
Ich blinzelte, das Steakmesser in der Hand erstarrt. Vaters Blick bohrte sich in mich, scharf und kalt. „Hörst du zu?“
„Ja, Sir“, log ich, doch die harte Linie seines Mundes verriet, dass er es besser wusste.
Das Schweigen, das folgte, war erdrückend. Mutter seufzte theatralisch über die Mühen, Kinder großzuziehen, Jack prustete in seine Serviette, und Alex’ geweitete Augen machten es, als stünde ich auf dünnem Eis.
Als die Teller abgeräumt waren, verschwand Vater in sein Arbeitszimmer. Kurz darauf klopfte es. Zwei Männer traten ein, beide in dunklen Anzügen, die Schuhe glänzten wie Spiegel. Mutter empfing sie mit ihrer geübten Eleganz, doch ich sah das Aufflackern in ihren Augen – berechnend, wachsam.
Die Tür des Arbeitszimmers schloss sich hinter ihnen.
Stundenlang drang das tiefe Murmeln von Stimmen durch das Holz, zu gedämpft, um die Worte zu verstehen, nur hin und wieder unterbrochen von einem scharfen Ton oder dem Scharren eines Stuhls. Jack legte sein Ohr an die Tür, bis Mutter ihn wegzog. Alex flüsterte Fragen, auf die keiner antwortete. Ich saß auf der Treppe, ein Buch aufgeschlagen im Schoß, die Augen auf die Seite geheftet, ohne ein einziges Wort zu lesen.
Als die Männer schließlich gingen, waren ihre Gesichter angespannt, ihre Händedrücke kurz. Vater trat mit steinerner Miene heraus, sein Kiefer aus Eisen, und verschwand ohne ein Wort nach oben.
Mutter strich ihren Rock glatt und schenkte mir ihr einstudiertes Lächeln. „Tommy, vergiss nicht – dein Vater zählt auf dich. Du wirst ihn stolz machen.“
Doch ihre Worte prallten an mir ab. Alles, woran ich denken konnte, war das Mädchen auf der anderen Seite des Sees – und der erschreckende, befreiende Gedanke, dass es mir vielleicht gar nicht mehr wichtig war, Vater stolz zu machen.