**Emma**
Das Klopfen kam früh, während des Frühstücks. Schwer, ungeduldig.
Ich war in der Küche und fütterte Zoey mit Müsli, als ich die Tür knarren hörte. Die tiefe Stimme meines Vaters, gefolgt von schärferen, kälteren Stimmen von Männern, die ich nicht kannte. Ihre Schritte hallten durch die dünnen Dielen, fest und schwer, als sie ins Wohnzimmer traten.
„Bleib hier“, fauchte Mum, als ich im Flur zögerte. Ihre Hände zitterten, während sie nervös an den Ärmeln ihrer Strickjacke zog, das Gesicht blass bis auf zwei rote Flecken auf den Wangen. Sie schloss die Tür, bevor ich fragen konnte, wer es war.
Die nächste Stunde murmelten Stimmen durch die Wände, leise, aber angespannt. Ab und zu eine Pause, das Scharren eines Stuhls, ein Husten – dann begannen sie wieder. Zoey zupfte an meinem Ärmel, wollte spielen, doch selbst sie spürte, dass das Haus nicht sicher war.
Als die Männer endlich gingen, stand Mum in der Tür, die Arme fest verschränkt, die Lippen zu einer dünnen Linie gepresst. Sie verabschiedete sich nicht. Sagte gar nichts, bis die Tür ins Schloss fiel. Dann fuhr sie herum.
„Kann ich nicht einen Morgen ohne diesen Lärm haben?“ fauchte sie und warf meinem Bruder und den Zwillingen einen Blick zu, die sich über den Fernseher stritten. „Denkt ihr, ich habe nichts Besseres zu tun, als den ganzen Tag hinter euch herzuräumen? Kein Respekt, keiner von euch!“
Ihre Stimme wurde immer lauter, schärfer, wie Glasscherben. Meine Geschwister verstummten, die Augen groß vor Angst. Aber ich hatte längst gelernt, nicht zu antworten. Zoeys kleine Finger krallten sich in meine, und ich zog sie dicht an mich, flüsterte:
„Komm, wir gehen draußen spielen.“
Ohne ein weiteres Wort schlüpften wir zur Hintertür hinaus.
Der Wald war still, still auf diese Art, die von Vogelgesang und Blätterrauschen lebte, nicht von Geschrei. Ich setzte Zoey auf eine Grasfläche, gab ihr einen Stock und ein paar Zweige, damit sie beschäftigt war.
Kurz darauf sah ich Tommy den Pfad entlangkommen, die Hände tief in den Taschen, das Licht in seinem Haar.
Mein Magen schlug Purzelbäume, wie jedes Mal, wenn er auftauchte. Er lächelte, als er mich sah, und für einen Moment schmolz der Morgen einfach dahin.
Wir setzten uns unter die Bäume, und er begann, von der Stadt zu erzählen – von der Schule, die er besuchte, den Reisen seiner Familie, der Wohnung, die sein Vater in der Nähe seines Büros hielt.
Es war kein Prahlen, nicht wirklich. Aber die Art, wie er sprach … es war, als wüsste er gar nicht, wie glücklich er war.
Ich nickte an den richtigen Stellen, doch jedes seiner Worte legte sich schwerer auf meine Brust. Privatschulen. Nachhilfelehrer. Skiferien im Ausland. Ein Haus mit mehr Zimmern, als sie brauchten. Er bemerkte nicht, wie mein Lächeln verrutschte oder wie ich wegschaut, das Gras zupfend.
Alles, was ich dachte, war, wie unterschiedlich wir waren. Er, mit seiner glänzenden Welt, in der nie etwas fehlte. Ich, mit den rissigen Dielen, den schrillen Morgenstunden und der Last meiner Geschwister auf den Schultern.
Ich wollte es ihm sagen. Wollte sagen:
*„Du verstehst nicht. Ich gehöre nicht in deine Welt.“*
Doch die Worte blieben stecken. Stattdessen schwieg ich, riss die Grashalme zwischen meinen Fingern in Stücke.
Er sprach weiter, sanft, ehrlich, ohne zu merken, dass mich jedes Wort weiter von ihm fortzog.
Und alles, was ich dachte, war, dass ich wohl töricht war, jemals zu glauben, wir könnten in dieselbe Welt gehören.
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**Tommy**
Zuerst hörte sie zu. Das Kinn in die Hand gestützt, die Augen auf mich gerichtet, als zählte jedes Wort. Ich dachte nicht groß darüber nach, als ich von der Schule in der Stadt erzählte, von den Reisen meiner Familie, von all den Dingen, die für mich selbstverständlich waren.
Doch irgendwann veränderte sich etwas.
Ihr Lächeln flackerte. Das Licht in ihren Augen erlosch, wie Wolken, die sich vor die Sonne schieben. Sie zupfte das Gras zwischen uns, riss es in dünnen, grünen Streifen heraus, ihre Hände rastlos.
Plötzlich traf es mich – meine Worte brachten uns nicht näher. Sie stießen sie weg.
Ich verstummte, die Brust eng. Ich suchte nach einem Weg, es wieder gutzumachen, die Distanz zu überbrücken, die ich geschaffen hatte. Die Stille dehnte sich, schwer, unerträglich.
„Du bist nicht wie irgendjemand, den ich je gekannt habe“, sagte ich schließlich. Die Worte kamen leiser, als ich wollte, aber sie waren wahr. „Du … tust nicht so. Du bist einfach … echt.“
Ihr Kopf schnellte hoch. Einen Augenblick lang dachte ich, ich hätte das Richtige gesagt. Doch dann spannte sich ihr Kiefer, und sie stieß sich vom Gras hoch.
„Nicht wie irgendjemand, den du je gekannt hast?“ wiederholte sie scharf. „Weil ich nicht gut genug bin, oder wie?“
„Nein – Emma, das meinte ich nicht –“
Aber sie klopfte sich schon die Shorts ab, wandte sich den Bäumen zu. Panik durchfuhr mich. Ich konnte sie nicht gehen lassen – nicht, wo ich sie gerade erst gefunden hatte.
Ich sprang auf, mein Herz hämmerte in den Ohren. Ohne nachzudenken griff ich nach ihrem Handgelenk, sanft, aber verzweifelt, und als sie sich überrascht zu mir umdrehte, tat ich das Einzige, was sich richtig anfühlte.
Ich küsste sie.
Es war nicht glatt oder geübt. Nichts, wie ich es mir in stillen Momenten ausgemalt hatte. Es war unbeholfen, zu hastig, meine Lippen drückten sich gegen ihre mit der Dringlichkeit eines Jungen, der fürchtete, etwas zu verlieren, dessen Namen er nicht kannte.
Doch als sie für einen Herzschlag erstarrte und sich dann gegen mich entspannte, schien die Welt stillzustehen. Keine Eltern. Keine Erwartungen. Keine Lasten. Nur sie.
Ihre Lippen auf meinen.
Unser erster Kuss.
Die Luft um uns summte, die Blätter flüsterten über uns, und die Sonne brach durch die Bäume, als hätte sie nur auf diesen Moment gewartet.
Als wir uns endlich lösten, atemlos, suchte ich ihr Gesicht. Meine Hände zitterten, meine Brust hob und senkte sich heftig.
Und zum ersten Mal verstand ich – Emma war nicht einfach nur anders.
Sie war der Unterschied.