6.

1141 Worte
**Tommy** Für einen Moment rührten wir uns beide nicht. Mein Herz hämmerte noch immer, meine Lippen kribbelten, als hätte ich gerade etwas Elektrisches berührt. Emma blinzelte mich an, weit aufgerissene Augen. Ihre Wangen glühten rosa, und sie legte die Finger an den Mund, als könnte sie kaum glauben, was gerade passiert war. „Ich— äh— sorry,“ stotterte ich, meine Stimme brach mitten im Satz. Hitze stieg mir den Hals hoch. „Ich wollte nicht— na ja, schon, aber nicht so—“ Sie atmete aus, halb ein Lachen, halb ein Keuchen. „Das war…“ Sie verstummte, suchte nach Worten. Ihre Hand fiel von ihren Lippen, die Finger spielten nervös am Saum ihres Shirts. „Ich hab noch nie—“ „Ich auch nicht,“ platzte ich heraus. Mein Gesicht brannte, aber ich konnte das kleine, dumme Lächeln nicht unterdrücken, das sich an meinen Mund zog. „Nie zuvor.“ Ihre Augen huschten zu meinen, unsicher, und dann—nur für einen Herzschlag—lächelte sie zurück. Es war nicht ihr übliches Grinsen, nicht spöttisch oder verschlossen. Es war sanft, nervös, fast schüchtern. Die Stille zwischen uns fühlte sich jetzt anders an. Nicht schwer, nicht unangenehm, sondern zerbrechlich, wie etwas Neues, das wir beide versehentlich entdeckt hatten und nicht wussten, wie wir damit umgehen sollten. Ich verlegte mein Gewicht, kratzte mir den Nacken. „Ich hab dich nicht erschreckt, oder?“ Sie schüttelte schnell den Kopf, ihre Haare fielen ins Gesicht. „Nein. Ich…“ Sie strich sie hinter ihr Ohr, vermied meinen Blick. „Ich hab das nicht erwartet.“ „Ja,“ sagte ich, versuchte zu lachen, aber es kam nur ein ersticktes Geräusch heraus. „Ich auch nicht.“ Wir standen da, stahlen uns Blicke, lächelten wie Narren und sahen dann wieder weg. Der Wald um uns schien stiller zu sein, als hielten selbst die Bäume den Atem an. Schließlich trat Emma in ein Grasbüschel und flüsterte: „Es war… schön, irgendwie.“ Etwas in mir entspannte sich bei ihren Worten. Jetzt konnte ich nicht mehr anders, als zu grinsen, egal wie nervös ich war. „Ja,“ sagte ich, leise, sicher. „Es war wirklich schön.“ Wir standen eine Weile so da, die Luft zwischen uns summte vor all dem, was wir nicht auszusprechen wussten. Ich wollte weiterlächeln, als wäre nichts geschehen, aber immer wieder dachte ich an ihr Unbehagen vorhin—wie sich ihre Schultern verkrampft hatten, als ich über mein Leben sprach. Ich räusperte mich. „Emma… wegen vorhin. Als ich über die Stadt geredet habe. Meine Familie. Ich wollte dich nicht…“ Ich stockte, suchte nach Worten. „… unwohl fühlen lassen. Oder minderwertig. Ich… vergesse manchmal, dass nicht jeder so lebt wie wir.“ Ihre Augen hoben sich zu meinen, vorsichtig. „Du musst dich nicht entschuldigen. Es ist nicht deine Schuld.“ „Vielleicht nicht,“ sagte ich leise, „aber ich will nicht, dass du denkst, ich hätte alles perfekt im Griff. Denn das habe ich nicht. Nicht annähernd.“ Ihre Stirn zog sich zusammen, als wüsste sie nicht, ob sie mir glauben sollte. Ich fuhr mir durchs Haar, suchte Worte, die nicht einstudiert klangen. „Mein Vater… er hat meine ganze Zukunft durchgeplant. Jeden Schritt. Jura, Kanzlei, Politik. Als hätte ich nichts zu sagen.“ Meine Stimme klang rauer als beabsichtigt. „Und meine Mutter—es ist nie genug. Nicht die Noten, nicht die Art, wie ich am Tisch sitze, nicht einmal die Leute, mit denen ich rede. Manchmal habe ich das Gefühl, sie ziehen mich nicht auf. Sie… formen mich nur zu jemandem, den sie vorzeigen wollen.“ Emmas Ausdruck wurde weicher, auch wenn sie zunächst nichts sagte. Sie sah mich einfach an, wirklich sah, wie noch nie jemand zuvor. Ich schluckte. „Also ja, vielleicht haben wir Geld. Vielleicht wirken wir glänzend von außen. Aber das heißt nicht, dass es sich innen gut anfühlt. Es heißt nicht, dass es einfach ist.“ Stille breitete sich wieder zwischen uns aus, aber es war nicht die unangenehme Art. Es war eine Art Raum, als würde sie mir erlauben, näher an ihre Welt heranzutreten, indem sie meine sehen ließ. Sie setzte sich wieder und ihre Lippen krümmten sich zu einem kleinen, unsicheren Lächeln. „Du wirkst nicht wie jemand, der alles durchdacht hat.“ Ich lachte schwach. „Gut. Denn das habe ich nicht. Überhaupt nicht.“ Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, etwas Wahres über etwas Wichtiges gesagt zu haben. Und als Emmas Hand in der Wiese meine streifte—nur ganz leicht, wie eine Frage—zog ich sie nicht zurück. Ich rückte ein wenig näher, versuchte, ihren Blick zu fangen. Ich räusperte mich, plötzlich nervös. „Okay. Warum erzählen Eier keine Witze?“ Sie neigte den Kopf, wartete. „Weil sie sich gegenseitig zum Platzen bringen würden.“ Einen Herzschlag lang starrte sie mich nur an, dann brach sie in echtes, unbeschütztes Lachen aus, das ihr ganzes Gesicht erhellte. Es war der Klang, von dem ich nicht wusste, dass ich ihn vermisst hatte. Ich lachte auch, nicht über den Witz, sondern über ihr Lachen, als würde es etwas Schweres aus uns beiden hinaustragen. Als ihr Lachen in kleine Lächeln ausklang, griff ich zu, bevor ich es mir anders überlegen konnte. Meine Finger strichen sanft über ihre Wange und zogen eine lose Haarsträhne hinter ihr Ohr. Ihre Haut war warm unter meiner Hand, und als sich unsere Blicke trafen, schien alles andere zu verschwinden. Ich beugte mich näher, nahm ihre Hände in meine—beide, klein und weich im Vergleich zu meinen. Meine Daumen streiften über ihre Knöchel, dann schloss ich den Raum zwischen uns, drückte meine Lippen wieder auf ihre, diesmal langsamer, als wollte ich das Gefühl einprägen. Ihre Hände krampften leicht in meinen, und ich schwöre, mein Herz hämmerte so laut, dass der ganze Wald es hören konnte. Als wir uns schließlich lösten, starrten wir einen Moment lang einfach nur, atemlos und überwältigt, als könnten wir nicht glauben, was gerade passiert war. Emmas Augen wurden weicher, auch wenn ihr Lächeln einen Hauch von Traurigkeit trug. Sie drückte sanft meine Hände, dann zog sie sich ein wenig zurück. „Ich sollte Zoey nach Hause bringen,“ sagte sie leise und stand auf. „Sie wird hungrig sein.“ Die Worte legten sich zwischen uns wie ein Stein ins Wasser, unweigerliche Wellen breiteten sich aus. Ich ließ sie langsam los, spürte immer noch den Geist ihrer Hand in meiner. „Richtig,“ sagte ich, auch wenn meine Brust beim Gedanken an ihr Gehen schmerzte. „Natürlich.“ Aber selbst als sie sich dem Pfad zuwandte, wusste ich, dass ich diesen Moment schätzen würde—das Lachen, den Kuss, die Art, wie ihr Name in den Räumen in mir widerhallte, die ich nicht bemerkt hatte, dass sie leer waren.
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