**Emma**
Ich stieß die Haustür mit der Schulter auf, Zoey schwer und halb schlafend in meinen Armen. Die Luft darin schlug mir entgegen wie immer – Rauch, feuchte Kälte und der saure Geruch von Mamas Schnaps. Eine Flasche rollte über den Boden, als die Tür sie streifte, und klirrte leise gegen die Wand.
Mama sah nicht einmal hoch, murmelte nur etwas zum Fernseher. Als sie sich schließlich umdrehte, wurden ihre Augen schmal wie Messer.
„Wo warst du? Wieder draußen herumgelaufen, statt mir zu helfen? Denkst du, dieses Haus macht sich von allein?“
Ich drückte Zoey fester an mich. „Ich war nur kurz mit ihr draußen. Sie war unruhig.“
„Du bist unruhig, eher“, fauchte sie. „Schleichst dich ständig davon, bildest dir ein, du wärst was Besseres als wir.“
Die Worte brannten, aber ich senkte den Blick. Dagegenreden machte es nur schlimmer. Ich trug Zoey ins Schlafzimmer, legte sie auf das schmale Bett und steckte die Decke unter ihrem Kinn fest. Sie regte sich, seufzte, wachte aber nicht auf.
Einen Moment lang saß ich am Bettrand, sah auf ihr kleines Gesicht. Mein Brustkorb war so eng von allem, was ich nicht aussprechen konnte. Der Wald hing noch an mir – der Geruch von Kiefernnadeln, sein Lachen, seine Hand in meiner. Der Kuss.
Es war zu gut. Zu weich, zu süß für jemanden wie mich. Der Gedanke drückte schwer, als könnte er mich zerquetschen, wenn ich ihn ließ.
Ich strich Zoeys Locken glatt, küsste ihre Stirn und stand auf. Zeit, Mama wieder gegenüberzutreten. Zeit, zurückzugleiten in ein Leben, das mir nie Luft ließ.
Aber in mir drinnen war immer noch die Wärme des Waldes. Von ihm.
Dann dachte ich an das, was er mir über die Stadt erzählt hatte – die breiten Straßen, die nach alten Büchern und Bohnerwachs riechenden Bibliotheken, die Gebäude so hoch, dass einem schwindelig wird, wenn man hinaufstarrt. Seine Stimme warm, als er sprach, und einen Moment lang vergaß ich zu atmen.
Ich stellte mir vor, dort zu gehen, an seiner Seite. Doch dann drehte sich der Gedanke in mir. Mädchen wie ich passten nicht in seine Welt. Meine Schuhe waren abgeschabt, meine Hände rau vom Schrubben, mein Haar tat selten, was ich ihm sagte. Ich starrte auf den Boden, und meine Brust sank schwer.
**Tommy**
Ich konnte das Grinsen nicht abstellen.
Ich versuchte es – wirklich –, doch meine Mundwinkel zuckten immer wieder hoch, während ich die Treppen zwei Stufen auf einmal nahm, mein Herz hämmernd wie nach einem Sprint. Ich hatte sie geküsst. Ich hatte sie tatsächlich geküsst.
Unten tobte das Haus wie immer: Jack brüllte Alex über den Fernseher hinweg an, Mutter belehrte sie beide, Vaters Stimme dröhnte aus dem Arbeitszimmer über Schriftsätze und Fristen. Aber es klang weit weg, wie Hintergrundrauschen in einem Leben, das plötzlich nicht mehr meines war.
Ich schloss meine Zimmertür, lehnte mich dagegen, die Hand auf meiner Brust. Ich dachte, mein Herz würde mir aus dem Körper springen. Ich hatte mir den ersten Kuss immer vorgestellt – unbeholfen, hastig, vielleicht peinlich. Doch mit Emma… war es gar nicht so. Es war weich, langsam, echt. Wie ein Ort, den ich nicht gekannt hatte, bis sie mir den Weg zeigte.
Ich warf mich aufs Bett und starrte zur Decke, als stünden dort Sterne. Ich spürte noch immer ihre Hand in meiner, sah noch immer, wie ihre Augen größer wurden, kurz bevor sie sich vorbeugte.
Leise lachte ich, fuhr mir mit beiden Händen übers Gesicht. O-Levels, Jura, Vaters Vorträge, Mutters Korrekturen – alles egal.
Das Einzige, das zählte, war sie. Emma.
Und ich wusste schon jetzt: Morgen würde ich wieder in den Wald gehen. Warten, so lange es dauerte. Denn jetzt hatte ich etwas, für das sich das Warten lohnte.
**Emma**
Der Wald fühlte sich inzwischen wie ein anderes Leben an. Wie ein Sprung von einem Planeten auf einen anderen.
Mit Tommy dehnte sich die Zeit. Das Sonnenlicht flackerte zwischen den Zweigen, die Luft roch nach Kiefer und feuchter Erde, und irgendwie war die Last, die ich zu Hause trug, nicht so erdrückend, wenn er mich ansah, als wäre ich wichtig.
Tommy hatte meine Hand genommen und leise, fast wie zu sich selbst gesagt:
„Alle anderen, die ich kenne, sind … geübt. Wie Schauspieler in einem Stück. Aber du –“ er lächelte nervös, beinahe schüchtern – „bei dir vergesse ich den Text.“
Hitze stieg mir ins Gesicht. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also lachte ich. Er lachte auch, und es klang so ungeglättet, so menschlich, dass etwas in mir weicher wurde.
Am nächsten Tag saßen wir im Wald, plauderten leise, bis das Licht sanfter wurde und die Schatten lang. Als ich Zoey schließlich hochnahm und mich auf den Heimweg machte, war meine Brust voll von etwas, für das ich keinen Namen hatte.
Doch dieses Gefühl zerbrach, als ich unsere Haustür öffnete.
Mama ging auf und ab, das Haar ungekämmt, eine Flasche halb hinter ihr versteckt. Ihre Stimme schärfer als der Knall der Tür.