**Emma**
Das Telefon klingelte kurz nach dem Frühstück. Ich wischte Zoey mit einem feuchten Waschlappen übers Gesicht, während die Zwillinge stritten, wer mit Abwaschen dran war. Teddy war wieder verschwunden, und Mum hatte ihr Zimmer nicht verlassen.
Dad stand in der Tür, zog sich seine alte Arbeitsjacke an, die immer leicht nach Öl und feuchtem Holz roch.
„Hab einen Anruf vom großen Haus drüben am See bekommen“, sagte er, ohne mich anzusehen, während er in der Schublade nach seinem Werkzeug wühlte. „Rohrbruch im Bad. Bin wieder da, wenn ich da bin.“
*Das große Haus.* Mein Brustkorb zog sich zusammen. Er meinte nicht irgendein großes Haus. Er meinte *das* Haus. Tommys.
Ich schluckte schwer und versuchte, beiläufig zu klingen. „Das dauert doch nicht lange, oder?“
„Kommt drauf an, wie schlimm es ist.“ Dad grunzte, fand endlich den Schraubenschlüssel, den er suchte. Seine Hände waren rau, die Knöchel vernarbt von all den Jahren, in denen er die Probleme anderer Leute reparierte. „Wartet nicht auf mich, falls ich später komme.“
Er küsste Zoey auf den Kopf, nickte mir zu – und ging. Einfach so.
Ich stürzte mich in die Hausarbeit – Wäsche, Fegen, die Zwillinge davon abhalten, sich gegenseitig umzubringen – doch den ganzen Tag schweiften meine Gedanken über den See. Durch die Bäume konnte ich das Dach scharf gegen den blauen Himmel erkennen. Ich stellte mir vor, wie Dad auf einem Marmorboden kniete, während Tommys Mutter über ihm stand und jede Bewegung kritisierte. Und ich fragte mich, ob Tommy wohl auch dort war, vielleicht im Nebenzimmer, vielleicht dachte er gerade an mich – so wie ich an ihn.
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**Tommy**
Ich lehnte mich ans Treppengeländer, lauschte angestrengt.
Mothers Stimme schnitt scharf durch die Halle, spröde und hart: „Ehrlich, der Zustand dieser Handwerker. Sie schleppen überall Dreck ins Haus. Merken die nicht, dass das italienische Fliesen sind?“
Mein Kiefer spannte sich. Aus dem Bad kam das Schaben von Metall, ein geduldiger Rhythmus, während der Mann unter dem Waschbecken arbeitete.
„Fast fertig“, sagte er, mit tiefer, ruhiger Stimme. Eine Ruhe, die in unserem Haus nicht existierte.
„Wurde aber auch Zeit“, fauchte Mother, die Arme verschränkt, die Perlen an ihrem Hals glänzend. „Völlig inakzeptabel.“
Mir wurde heiß im Nacken. Ich wollte etwas sagen, ihn verteidigen, doch die Worte blieben mir wie Steine im Hals stecken. Also starrte ich weiter auf den Boden.
Das Stampfen von Turnschuhen auf der Treppe unterbrach den Moment. Jack sprang vorbei, einen Fußball unter dem Arm, Alex dicht hinter ihm. „Wir gehen in den Park!“ riefen sie, Stimmen hallten durch den Flur. Ihre Freunde folgten, Gelächter hallte nach, dann knallte die Tür ins Schloss.
Ich rührte mich nicht.
Als der Handwerker schließlich herauskam, sich die Hände an einem Lappen abwischte, riskierte ich einen Blick. Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich unsere Augen. Etwas an seinem Gesicht – die harten Linien, die müden Augen – traf mich wie ein Schlag. Ich kannte diesen Ausdruck. Er erinnerte mich an Emma.
Doch dann öffnete sich die Tür zu Fathers Arbeitszimmer. Seine Stimme dröhnte, füllte die Halle mit Worten über Rechnungen und Mandanten, jedes Wort glatt und schwer. Der Handwerker senkte den Kopf, packte sein Werkzeug und verschwand ohne ein Geräusch.
Ich stand noch lange am Fenster, starrte über das Glitzern des Sees und fragte mich, warum mir das Gesicht des Fremden nicht aus dem Kopf ging. Und warum mich die Wälder jenseits des Wassers stärker anzogen als je zuvor.
Bis zum Mittagessen war das Haus unerträglich. Jack und Alex hatten es mit Jungen und Lärm gefüllt, Mother flatterte mit den neuen Nachbarn, Fathers Stimme donnerte aus dem Arbeitszimmer durchs Telefon. Die Wände rückten näher, schwer von einer Welt voller Fassaden, durch die ich nicht atmen konnte.
Also schlich ich hinaus. Niemand bemerkte es.
Der Wald empfing mich wie immer – kühle Schatten, rauschende Blätter statt Chaos. Trockene Zweige knackten unter meinen Turnschuhen, die Luft war feucht von Kiefer und Moos. Ich folgte dem Pfad zur Lichtung am See, wo Sonnenflecken über das Gras tanzten.
Das war ihr Ort. Emmas. Normalerweise war sie hier, Zoey auf der Hüfte oder hinter Eichhörnchen her, mit diesem festen Blick und Worten, die ehrlich waren, nicht einstudiert.
Aber heute war die Lichtung leer.
Ich blieb stehen, starrte auf den Baumstamm, auf dem sie sonst saß. Die Leere fühlte sich falsch an, wie eine fehlende Note in einem Lied.
Ich ließ mich auf den Boden sinken, legte die Hände hinter den Kopf. Die Erde war kühl und uneben, aber wenigstens war sie ehrlich. Zum ersten Mal seit Langem beruhigte sich das Rauschen in mir.
Ich dachte an Emma. An die Art, wie sie mich ansah – wachsam, aber standhaft. An die Art, wie sie ihre Schwester hielt, als gäbe es nichts anderes. Sie war so anders als die Menschen, mit denen ich aufgewachsen war – keine einstudierten Lächeln, keine glänzenden Auftritte. Nur Emma.
Der Wald rauschte mit Vogelgesang und dem Plätschern des Wassers. Ich schloss die Augen, hörte zu, halb hoffend, dass ein Zweig knacken würde, ein Schritt auf dem Pfad.
Vielleicht würde sie mich auslachen, weil ich wartete. Vielleicht käme sie nie.
Und trotzdem blieb ich. Atmete die Ruhe, als wäre sie mein.
Denn ich wartete nicht nur auf Emma. Ich wartete auf den Teil von mir, der nur existierte, wenn sie in der Nähe war.
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**Emma**
Mein Atem stockte, als ich langsamer wurde. Er musste der süßeste Junge sein, den ich je gesehen hatte – und er war hier, wartete auf mich.
Er musste mich gehört haben, denn er hob den Kopf und lächelte. Dieses Lächeln tat Dinge mit mir. Die Art, wie sich seine Lippen dehnten und seine Augen warm wurden, als wäre er wirklich froh, mich zu sehen, ließ mich innerlich schmelzen.
Ich lächelte zurück – unbeholfen, schüchtern – und setzte mich neben ihn ins Gras.
„Es ist wirklich friedlich hier, oder?“ fragte er und strich ein gefallenes Blatt von seinem Ärmel.
„Das ist mein Lieblingsort auf der Welt“, sagte ich und zog die Knie an meine Brust.
Einen Moment saßen wir da, die Stille zwischen uns dehnte sich. Keine einfache Stille, sondern eine, die mir plötzlich allzu bewusst machte, wie nah er mir war. Meine Haut prickelte vor Nervosität.
Aus den Augenwinkeln warf ich ihm einen Blick zu. Er zappelte nicht, aber er wirkte fast genauso unsicher wie ich, die Hände fest ineinander verschränkt, als wüsste er nicht, wohin damit.
Die Unbeholfenheit drückte schwer auf uns, also platzte ich mit dem ersten Satz heraus, der mir einfiel.
„Hey, Tommy … wie nennt man einen Fisch ohne Augen?“
Er blinzelte verwirrt. „Äh … was?“
„Einen Fsch“, sagte ich, zog das Wort so dramatisch in die Länge, wie ich konnte.
Für einen Herzschlag dachte ich, ich hätte alles ruiniert. Doch dann lachte er – wirklich lachte, das Geräusch brach so plötzlich aus ihm heraus, dass ich selbst zusammenzuckte.
Hitze stieg mir ins Gesicht. Mein Magen verkrampfte sich. Natürlich lachte er – über mich, nicht über den Witz. Wie konnte ich nur so dumm sein?
Ich zog die Knie enger an mich, versuchte mein Gesicht neutral zu halten, während ich innerlich schrumpfte und mir schon wünschte, ich könnte die Worte zurückholen und tief im Boden vergraben.
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