Rowan war überrascht und das passierte nicht oft.
Clara De Brouche hatte alles, was sich ein Mann nur wünschen konnte! Intellekt, Scharfsinn, Mut und Schlagfertigkeit. Dazu einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und bisweilen war sie sogar super-süß. Wenn sie sich nicht gerade, wie ein schnippisches Huhn benahm... Dazu besaß sie einen unglaublich sexy Body. Und dieser Idiot Hannington hatte sich von ihr scheiden lassen.
Nun stieg sie vor ihm die Stufen hinauf, in das reservierte VIP-Zimmer von seinem eigenen Nachtclub. An sich war es lächerlich, aber er wollte im Selbstversuch wissen, wie sie all das in nur einem Monat organisiert hatte. Und es war ein überaus einfaches Handling. Was er allerdings nicht so gut im Griff hatte, war seine aufkeimende Begierde nach ihr. Ihre Hüfte schwang kokett und einladend vor ihm hin und her und er sah das sie nur einen String trug. Mehr ließ dieses enge Kleid auch nicht zu und Clara hatte darin einen absolut begehrenswerten Hintern.
Rowans Blick verdunkelte sich. Er nahm zwei Stufen auf einmal und schnappte sich Clara um die Taille. Er wollte mit ihr allein sein solange sie noch ihre grauen Anzüge, gegen dieses überteuerte Nichts, was sich Kleid schimpfte, getauscht hielt!
Er beschleunigte das Tempo und hob sie nahezu über die letzte Stufe zum dritten Obergeschoss. Ein überraschend süßes „Huch!“ kam dabei aus ihr heraus. Mit langen Schritten brachte er sie zur reservierten VIP-Lounge. Ein Barkeeper stand bereits hinter dem Tresen und machte die vorbestellten Drinks fertig.
Perfektes Timing.
Als er die Tür hinter sich schloss, beobachtete er Clara. Sie schien selbst von der Lounge überwältigt zu sein.
Der VIP-Raum war genauso auf die Grundmauern freigelegt, wie der Rest des Clubs. Die Bar leuchtete in sanftem LED-Licht vor sich her. Der große zerschlissene Teppich war trotz allem sauber und lag flach auf dem Boden. Drei Sessel und ein Sofa im Chesterfield Style waren darauf arrangiert und der Duft von frischer Lederpaste hing in der Luft. Offensichtlich hatte noch keiner diesen Raum gebucht. Alles war sauber und noch unbenutzt.
Über der Sitzgelegenheit prangte ein goldener Kronleuchter mit gedimmten Licht. Die anderen Lichtquellen waren drei schalldichte Fenster, die wie Gemälde an der Wand gegenüber dem Sofa hingen.
Rowan ging auf Clara zu, die vor dem mittigen Fenster stand. Mit dem Rücken lehnte er sich an die freie Wandfläche. Nun konnte er in ihr Gesicht schauen. Clara hatte unvergleichlich hellgraue Augen, die wie Quecksilber kleine Wellen, schlugen sobald sie blinzelte. Eine Seltenheit... kam es ihm in den Sinn und Rowan lächelte bei der Erinnerung.
„Hier oben war ich zuletzt vor einem Monat“, meinte Clara und verschränkte die Arme vor der Brust. Rowan holte leise und tief Luft, während er dabei sehnlichst auf ihren prallen Busenansatz schielte. Ein überaus gefährliches Körperteil von ihr... Genau wie ihr Gesäß, von dem er sich wünschte, dass sie ihn an ihm reiben würde. Jetzt!
Ihr sachlicher Tonfall holte ihn wieder in die Gegenwart. „Bisher hat keiner diesen Raum gebucht. Zu teuer und zu weit weg vom eigentlichen Geschehen. Wir sollten ihn anders bewerben.“ Er nickte nur und schaute ihr wieder in die Augen. Indem Moment trafen sich ihre Blicke. Kaltes blau auf unheilvolles Silber. Er spürte den Funken zwischen ihnen regelrecht aufblitzen und umhertanzen, wie ein Feuerwerk!
Gefährlich…
„Mach was du für richtig hältst. Du hast ab sofort unbegrenztes Budget“, sagte er so gelassen, wie er nur konnte und stieß sich mit Schwung von der Wand ab. Der Barkeeper stellte derweil die Getränke auf den flachen Tisch ab der zwischen den Sitzmöbeln stand und verschwand wieder hinter die Theke.
„Außerdem wolltest du doch noch... zehntausend Fragen beantwortet haben“, schmunzelte Rowan und winkte frech mit seinem Handy.
Clara war wie festgefroren.
Herrgott Mädchen, steh nicht so dumm herum und sabber deinen Boss an, sondern mach deinen Job! Das ist schließlich kein Date!... Oder doch?
Sie hob ihr Kinn und ging auf ihn zu. Gemeinsam setzten sie sich auf das Sofa und Rowan reichte ihr das Glas Champagner. Er selbst genoss einen weiteren Whiskey. Sie stießen an. „Auf die Zukunft, Madame.“
Clara gluckste und konnte nicht an sich halten und prustete los. „Qu’est-ce que?“, hörte sie ihn belustigt fragen, bevor er einen Schluck aus seinem Glas nahm.
„Du fragst mich tatsächlich Was ist?“, fragte sie ihn auf Französisch weiter. „Du nennst mich immer wieder Madame, dabei bin ich gerade einmal einunddreißig. Also zu alt für eine Mademoiselle und definitiv zu jung für eine Madame!“
„Touché“, schmunzelte er und fragte in überlegendem Ton: „Alors... wie nenne ich dich dann?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Clara“, meinte sie, als wenn das so abwegig wäre.
„Oh Non...“ Rowan lehnte sich mit theatralisch schüttelndem Kopf zurück und legte den Arm über die Lehne.
„Nicht französisch genug!“ Ein ungläubiges Schnauben entfleuchte Clara und nippte an ihrem Champagner.
„Femme fatale?“, meinte er nun frech und sie hob die Augenbraue an. „In meinen grauen Anzügen? Sehr witzig.“
„Hast du eine Ahnung...“, kicherte er verstohlen.
Eine Pause nistete sich zwischen ihnen ein.
„Ma Poulette?“
„Untersteh' dich!“ Er lachte laut los und sie selbst musste ebenfalls grinsen. Wie kommt er nur auf diesen skurrilen Kosenamen? Sehe ich wirklich aus wie ein Hühnchen? Ablenkend nahm sie wieder einen Schluck aus ihrem Glas.
„Wie wäre es mit... Clara?“, fragte sie wie erleuchtet.
Rowan beugte sich wieder vor und legte den Arm hinter ihr ab. Er war ihr so nah das seine Körperwärme regelrecht über sie drüber floss. „Was hälst du von... ma Chérie?“, flüsterte er provokant und Clara drehte sich ruckartig zu ihm um. Ihre Gesichter waren nur eine Handbreit voneinander entfernt und sein selbstgefälliges Lächeln ließ Claras Augenbraue nach oben springen.
Du spielst mit mir... Ich weiß es genau. Sie legte den Kopf schief. Doch was du kannst, kann ich auch!
Mutig und mit rasendem Herzen beugte sie sich vor und kam seinen Lippen näher. „Dafür...“ - sie zupfte an seinem Hemdkragen herum - „Oui...?“, raunte er heiser und sein Lächeln wurde breiter. „...werden wir uns nie innig genug kennen lernen, als das ich dir das je erlauben würde!“
Ein siegreiches Grinsen legte sich über Claras Lippen und sie stand auf. Unartig drehte sie ihm dabei den Rücken zu und wenn sie es richtig nachvollzog, müsste er jetzt gerade ihre Kehrseite vor Augen haben! Mit diesem neu gewonnen Selbstbewusstsein, brachte sie ihr halbvolles Champagnerglas an den Tresen zurück und verlangte ein Glas Wasser.
Gott, Clara, damit machst du mich erst recht süchtig nach dir!
Was Rowan im Sommer noch nicht einmal ansatzweise für möglich gehalten hatte, beherrschte mittlerweile seinen gesamten Tagesablauf! Die Sucht nach ihrer Stimme, ihren Worten, Textnachrichten und überhaupt ihre gesamte Erscheinung, trieb ihn beinah in den Wahnsinn! Vor allem heute Abend. Vor allem jetzt!
Und zu allem Überfluss hatte sie ihm gerade mit seinen eigenen Waffen pari geboten. Rowan konnte nicht abstreiten das ihm ihre Schäkereien gefielen und sein Interesse an ihr weiter wuchs. „Kleines Biest...“, nuschelte er nun amüsiert und stürzte den Whiskey hinunter.
Zu Anfang wollte er Clara einfach nur brechen und die kalte Realität spüren zu lassen. Sie zermürben, um zu bekommen, was er brauchte. Doch das war längst nicht mehr Teil seines Plans. Diese Schnapsidee bröckelte bereits nach dem Vorfall mit der Drogengang merklich auseinander. Rowan war beeindruckt und beinahe geschockt, zu sehen, mit welcher Furchtlosigkeit und Konzentration sich Clara der Sache mit den Drogen gegenüberstellte! Wie sie sich in die Gefahr regelrecht hineinwarf und nicht wie ein Häufchen Elend schluchzend zusammenbrach. Als sie dann allerdings in der Gasse vom kläglichen Rest der Gang überfallen wurde, verfiel seine Mauer ihr gegenüber vollends zu Staub.
Rowan hatte sie vor zwei Monaten bewusst und aus einer Laune heraus in diese gefährliche Situation hineingetrieben. Sie gezwungen sich in Gefahr zu begeben. Obwohl sie keinerlei Schuld an der Drogenlieferung hatte. Dennoch waren Rauschmittel ein rotes Tuch für ihn und Clara hatte ihn zuvor geärgert, als auch sein Ego angekratzt... Und er ließ die Leute nicht gern ungestraft, wenn sie ihn stichelten.
Egal wie unbedeutend die Lappalie war...
Doch Clara war nur nach außen hin stark und gab sich die meiste Zeit unnahbar und übertrieben selbstbewusst. Wohl ein selbst errichtetes Schutzschild. Dabei war sie nur eine zarte und zerbrechliche Frau die seinen Schutz benötigte.
Mehr als jede andere…, machte sich Rowan abermals bewusst. Nun gluckste er allerdings und drehte sich zu ihr um. „Ich nehme die Herausforderung an... Ma Poulette!“
Ruckartig wirbelte Clara mit einer bissigen Mine zu ihm herum und stellte lautstark ihr Glas auf den Tresen ab. Sie funkelten einander an.
Sekundenlang.
Dann tunkte sie zwei Finger in ihr Glas und bespritzte ihn mit Wasser. Lachend, wie kleine Kinder, jagten sie sogleich um die Sessel herum.
Solch idiotischen Spaß hatte Rowan mit einer Frau in seinem Alter, schon lange nicht mehr gehabt!