Dress to impress 2/2

1662 Worte
Langsam spazierte Clara die Straße hinunter. Es war halb zwei nachts. Sanft wehte ein kühler Wind umher und sie kuschelte sich etwas mehr in ihre dichte Stola ein. Der Asphalt unter ihren Füßen glänzte und der erdige Geruch des nahen Parks drang in ihre Nase. Es war frisch und belebend und erinnerte sie an ihren Boss. Seit geraumer Zeit folgte ihr eine schwarze Limousine und vor, wie hinter ihr, liefen zwei dunkle Gestalten. Angst verspürte Clara allerdings nicht. Ihr Handy summte auf und sie nahm den Anruf direkt an. „Bonsoir, Clara.“ Sie lächelte. „Bonsoir, Monsieur.“ „So ganz allein heute Nacht?“, raunte die sinnliche Stimme ihres Bosses am anderen Ende. „Non“, schmunzelte sie vergnügt, „ich habe drei wundervolle, aber überaus stumme Begleiter an meiner Seite. Seit zwei Monaten! Der Einzige, der mit mir spricht, bist du. Aber du zeigst dich ja nicht.“ „Verstehe... eine Zwickmühle, nicht wahr?“ „Bist du etwa schüchtern?“, neckte sie ihn. „Oh Non, alles andere als das! Doch gönn' mir das Vergnügen, dich noch ein wenig zappeln zu lassen.“ Entspannt lachen sie miteinander. Mittlerweile genoss Clara die Telefonate mit ihrem schemenhaften Boss. Er war amüsant und intelligent wie sie feststellte und sie hatte das Gefühl das er stets grinste, wenn er mit ihr sprach. Sie gingen wesentlich gelöster und spielerischer miteinander um, wenn nicht sogar mit einem Hauch schäkernder Avancen! Nicht zuletzt durch seine unglaublich betörende und tiefe Stimme, die wie ein dunkler Bariton umhergurrte. Wie auch immer...! Clara kam es jedenfalls so vor, als wäre plötzlich ein Steinwall zwischen ihnen zusammengebrochen. Ausgelöst durch den Überfall auf sie. „Wie wäre es, wenn du mir wenigstens deinen Namen verrätst?“, fragte sie ihn. „Non. Mir gefällt es, wenn du mich Boss nennst.“ Clara schüttelte ungläubig den Kopf. „Typisch Mann! In der Hinsicht seid ihr alle gleich.“ Ein Glucksen kam von der anderen Seite des Handys. „Vergleich mich nicht mit anderen, Clara. Ich bin genauso eine Seltenheit wie du.“ Sie lachte auf. „Eine Seltenheit?“ „Oui.“ Okay... das war neu für sie. Hatte er ihr damit etwa ein Kompliment gemacht oder verspottete er sie? Sie blieb abrupt stehen. Die Limousine ebenfalls. Clara blickte zur Seite und schaut durch die getönte Scheibe. Dann legte sie auf und verstaute ihr Handy in der Jackentasche. „Meine Probezeit ist morgen Abend um sieben Uhr vorbei“, plapperte sie wie nebenher. „Danach können wir uns gern darüber unterhalten, wer wirklich eine Rarität ist und wer sich einer Illusion hingibt, Oui?“ Nichts passierte. Niemand stieg aus dem Auto aus oder schob gar die Fensterscheibe hinunter. Lässig trat allerdings der Bodyguard, der hinter ihr lief, näher heran. Plötzlich wurde sie von einem wohlbekannten Schatten und dieser unverwechselbaren Präsenz eingenommen, die sie seit Wochen begleitete. Ebenso stieg ihr der rauchige Zigarillo Duft in die Nase, der sich jedes Mal stärker mit dem des Waldes vermischte. Erst vor wenigen Wochen wurde ihr bewusst das dieser Schatten immer in ihrer Nähe gewesen war. „Oui...“, raunte er Clara nun zu und seine warmen Lippen berührten dabei sanft ihr Ohr. Gänsehaut zuckte durch ihren Körper und gleichzeitig flatterte es aufgeregt in ihrem Bauch umher. Ein unausweichlicher Schwall an Körperwärme überschüttete sie und drängte sich dicht an ihren Rücken. „Morgen Abend. Sieben Uhr.“ Das er real war wusste sie von Anfang an, auch wenn sie zwischendurch daran zweifelte... Doch jetzt wurde Clara ernsthaft bewusst, dass sie ihn tatsächlich sehen würde und endlich erfahren, wer er wirklich war! Ein warmer Kuss legte sich wie aus dem Nichts auf ihren Hals nieder. Oh, mon Dieu! Schnappte sie zuckend nach Luft. Ihr Puls schoss in die Höhe und sie biss sich auf die Unterlippe. Das brachte sie ganz und gar aus der gewohnten Fassung. Er brachte sie plötzlich aus der Fassung! Siegreich grinste es hinter ihr. Das spürte sie genau. „Bonne nuit, Clara…“ Ruckartig drehte sie sich um, doch da war er schon verschwunden und die Limousine fuhr ebenfalls fort. Nun war keiner mehr da und Clara sicher zu Hause angekommen. Wie jeden Abend seit dem Vorfall in der dunklen Gasse. Samstagabend, 17 Uhr Clara schaute fragwürdig auf die Schachtel, die vor ihr auf dem Küchenstuhl lag. In dem seidigen Papier lag ein kurzes, aber elegantes Kleid mit sanften Volants. Dazu passende High Heels mit Riemchen und eine schlichte Maske. Alles in Weiß. Wie das heutige Motto des Clubs. Und genau in diesem Moment verfluchte sie ihre eigenen Ideen. Sie rief ihren Schatten an. Als er abnahm, wollte sie sofort loslegen, doch er kam ihr zuvor. „Hast du mein Geschenk schon erhalten?“ „Oui!“, presste sie durch ihre verärgerten Lippen durch. „Mir war nur nicht klar, dass ich heute Abend in diesem Fummel arbeiten muss. Das ist unzumutbar!“, wetterte sie weiter. „Oh Non, Clara. Du wirst heute Abend nicht arbeiten“, beschwichtigte er sie lachend. „Du und ich genießen die Früchte deiner Arbeit und werden einen neuen Vertrag aufsetzen. Einen ordentlichen. Damit du vor dem Winter aus dieser schäbigen Bruchbude, die sich Wohnung schimpft, rauskommst.“ Ihr Herz hüpfte bei diesem Satz plötzlich freudig und aufgeregt nach oben. Non, Clara, Non! Wage es nicht schwach zu werden, tadelte sie sich selbst. „Ein neuer Vertrag?“, blinzelte sie stattdessen ungläubig. „Oui. Aber später mehr dazu. Zieh dich um und mach dich fertig. Ich hol dich pünktlich ab.“ Klick! Clara starrte auf das Display, auf dem in großen Buchstaben mittlerweile SHADOW draufstand. Warum war seine Stimme heute nur so… verrucht sexy? An sich war sie immer, unaufhörlich und permanent sinnlich und hatte diese dunkle vibrierende Aura. Lag es etwa an diesem weißen Nichts, in dem er sie heute Abend sehen wollte? Sie wählte erneut seine Nummer. „Hast du was vergessen?“, fragte er direkt. „Non, aber du! Und zwar ungefähr fünf Meter Stoff!“ Er lachte laut los und es dauerte eine Weile, bis er sich wieder fing. „Komm schon, Clara. Lehn' dich zurück und genieße endlich, was du erschaffen hast.“ „Unter Genuss verstehe ich etwas anderes! Nicht unbedingt ein geschäftliches Date mit meinem Boss, in einem Techno wummernden Nachtclub mit Lichtshow, in dem geraucht und gesoffen wird, bis keiner mehr weiß, wer er ist!“ Entrüstet holte sie endlich wieder Luft und stieß einen verärgerten Seufzer aus. „Alors, dieser Nachtclub hat einen schalldichten VIP-Bereich...“, er machte eine schmunzelnde Pause, „dort kannst du mir heute Abend von deinen romantischen Vorstellungen gerne mehr erzählen...“ Klick! Mit einem frustrierten Schrei warf Clara das Handy auf das kleine zerschlissene Sofa. Das darf doch nicht wahr sein! Sie schaute zu dem weißen Karton mit der blauen Schleife hinüber. Irgendwie war das gerade alles zu viel für sie. Das letzte Mal, als sie ein derartiges Kleid trug, war sie mit James auf dem Sommerfest der Kanzlei. Dort hatte man bekannt gegeben, dass er zum Partner wurde und Anteile bekam. Und am selben Abend hatte er ihr die Scheidungspapiere vorgelegt. Sie seufzte. Wenigstens ist der Sommer vorbei und mit ihm all die schlechten Zeiten, die sie durchmachen musste. Also zog sie sich aus und stellte sich unter die Dusche. Clara machte eine Grundüberholung. Sie rasierte sich die Beine, die Achseln und noch mehr... Lackierte ihre Fußnägel und manikürte sich die Finger. Dann cremte sie sich von oben bis unten in Shea Butter ein und trank zwischendurch einen Espresso. Ihre langen Haare föhnte sie glatt und versuchte über ein YouTube Video einen komplizierten Pferdeschwanz zu binden. Es gelang ihr und stolz betrachtete sie im Spiegel ihr Werk. „Gar nicht mal so schlecht, Madame De Brouche“, kicherte sie und fing an sich zu schminken. Auch das hatte sie das letzte Mal vor einem halben Jahr getan. Sie wusste gar nicht wo sie anfangen sollte. „Okay... YouTube.“ Nach gefühlt hundert Videos war sie kein Stück schlauer und als sie auf die Uhr schaute, umso erschrockener! „Oh, mon Dieu!“ Hastig warf sie den Bademantel von sich, zog sich einen Spitzenstring an und schlüpfte in das weiße Kleid hinein. Natürlich war es vorn herum wie immer zu eng. Für den gewaltigen Effekt im Ausschnitt, allerdings umso vorteilhafter. Mit Blick auf die Uhr schnappte sie sich die High Heels und streifte sie über. In wenigen Minuten wurde sie abgeholt. Noch einmal blieb sie vor dem Spiegel stehen und atmete abermals tief ein und wieder aus. Clara erkannte sich kaum wieder. Das lange Haar modern und streng in einem hohen Pferdeschwanz. Ausnahmsweise Kontaktlinsen, anstelle der dicken Brille. Leicht geschminkt und ein ultra-sexy Kleid, welches vorne wie hinten tief ausgeschnitten war. Der Stil war geradlinig und hatte lange Ärmel. Unterhalb der Brust, ein angedeuteter Gürtel mit Silber polierter Schnalle und ein kleiner Schlitz am linken Bein, von dem sich sachte ein feiner Volants um den Abschluss bauschte. Und dann auch noch Riemchen High Heels... Clara war ja schon ohne die Absätze groß genug mit ihren ein Meter fünfundsiebzig. Sie zuckte mit den Schultern, griff nach ihrer kleinen weißen Clutch und der Maske. Zurücklehnen und genießen… Punkt sieben Uhr klingelte es. Als sie die Tür öffnete, standen zwei große Bodyguards davor. Komplett in weiß gekleidet. Ebenfalls maskiert. „Wo ist der Boss?“, fragte sie und schloss die Tür hinter sich. „Er wartet im Auto auf Sie, Madame De Brouche“, informierte sie der Mann mit den kurzen Haaren und dem Vollbart. „Wir sind nur der Begleitschutz.“ „Oh...“, antwortete sie leicht enttäuscht. Dann stieg Clara die Treppen hinunter. Hinter ihr schauten sich die beiden Bodyguards an und hoben anerkennend die Augenbrauen. „Damn hot...“, wisperte der Dunkelhaarige von beiden, biss sich dabei in die Faust und erntete ein spöttisches Grinsen von seinem Kollegen.
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