Kapitel 1: Der Obsidianvertragitled Episode
Die Luft im Penthouse von Marshall Holdings fühlte sich nicht nach Sauerstoff an, sondern nach gefiltertem, teurem Status. Ava Turner stand vor den bodentiefen Fenstern, ihr Spiegelbild ein blasses, geisterhaftes Schimmern vor dem Hintergrund des stürmischen Manhattans. Unten pulsierte die Stadt wie eine Ader aus Neonlichtern, unbeeindruckt davon, dass das Vermächtnis der Turners still und leise verblasste.
Hinter ihr war nur das rhythmische, quälend langsame Klirren eines Füllfederhalters auf einem Glastisch zu hören.
„Meine Zeit ist zehntausend Dollar pro Minute wert, Ava. Fünf davon hast du damit verbracht, in den Regen zu starren. Ich nehme an, du bist nicht hierhergekommen, um das Wetter zu bewundern“, sagte eine Stimme gedehnt.
Ethan Marshall klang nicht wie jemand, der ihr einen Rettungsanker anbot. Er klang wie ein Raubtier, das beobachtete, wie ein verwundetes Tier in seine Falle tappte. Ava drehte sich um und zwang ihren Rücken, gerade zu bleiben. Ihr Secondhand-Blazer fühlte sich an wie Pappe im Vergleich zu dem anthrazitgrauen Seidenanzug, den Ethan trug. Er lehnte sich in seinem italienischen Ledersessel zurück, das dunkle Haar perfekt zurückgekämmt, seine Augen – kalt und schiefergrau – musterten sie mit klinisch emotionsloser Miene.
„Die Firma meiner Familie … Turner Textiles … wir stecken in einer Liquiditätskrise“, begann Ava. Ihre Stimme klang in dem riesigen, minimalistisch eingerichteten Büro leise. „Die Banken fordern die Kredite zurück. Mein Vater … es geht ihm nicht gut, Ethan. Er kann einen öffentlichen Skandal nicht verkraften. Ich bin hier, um Sie um einen Überbrückungskredit zu bitten. Nur fünfzig Millionen, um den Aktienkurs zu stabilisieren.“
Ethan stieß ein kurzes, trockenes Lachen aus, das seine Augen nicht erreichte. Er stand auf, und der Raum wirkte plötzlich kleiner. Er war groß und von schlanker, muskulöser Statur, die vermuten ließ, dass er seine wenige Freizeit in exklusiven Boxstudios verbrachte. Er ging auf sie zu und blieb erst stehen, als Ava seinen Duft wahrnehmen konnte – Sandelholz, teurer Bourbon und kalter Stahl.
„Ich vergebe keine Kredite, Ava. Kredite sind für Leute, die an eine zweite Chance glauben. Ich mache Firmenübernahmen“, sagte er und umkreiste sie, als wäre sie ein Kunstwerk, auf das er bieten wollte. „Dein Vater hat die Firma aus blindem Stolz und noch schlimmeren Investitionen verspielt. Er ist ein Relikt einer aussterbenden Ära. Ich bin der Einzige auf diesem Kontinent mit genug Bargeld, um zu verhindern, dass die Bundespolizei morgen früh deine Haustür verriegelt.“
„Dann kauf die Mehrheitsbeteiligung“, flüsterte sie. „Rette nur die Angestellten. Rette das Herz meines Vaters.“
Ethan blieb vor ihr stehen. „Oh, das werde ich schon. Aber ich will nicht deine Aktien. Ich will den Namen Turner. Er ist das Einzige, was von deinem Imperium noch einen Funken Prestige hat, und ich brauche ihn, um die Kartellverfahren für das New-Port-Projekt zu umgehen.“
Er ging zurück zu seinem Schreibtisch und schob ihr eine ledergebundene Mappe zu. „Die Bedingungen sind nicht verhandelbar. Eine Vernunftehe. Ein Jahr. Du wirst in meinem Haus wohnen, an jedem Galaabend teilnehmen, bei jeder Vorstandssitzung an meiner Seite sitzen und die Welt davon überzeugen, dass die Blutlinien Turner und Marshall verschmolzen sind. Du wirst die perfekte, pflichtbewusste Ehefrau sein. Im Gegenzug erlasse ich dir die Schulden. Jeden Cent.“
Ava spürte einen kalten Schauer. „Eine Ehe? Das ist archaisch. Das ist … das ist Wahnsinn.“
„Es ist ein Geschäft“, korrigierte Ethan. „In einem Jahr reichen wir die Scheidung einvernehmlich und ohne Verschulden ein. Du gehst mit einer sanierten Firma und der Würde deines Vaters. Ich gehe mit dem Hafen. Ein sauberer Deal. Oder“, er warf einen Blick auf seine Platinuhr, „du kannst einfach gehen, und morgen Mittag wird der Name Turner für Betrug stehen.“
Ava betrachtete die Unterschriftenzeile. Ihre Hand zitterte, als sie den schweren Goldstift aufhob. Sie dachte an das hageres Gesicht ihres Vaters, an die Hunderte von Familien, die von ihren Fabriken abhängig waren. Sie sah nicht den finsteren, berechnenden Triumph in Ethans Augen, als die Feder das Papier berührte.
Sie unterschrieb. Ava Turner-Marshall. „Willkommen in der Firma, Ava“, flüsterte Ethan und nahm die Mappe zurück. „Versuch nicht so elend auszusehen. Das schadet der Marke.“