Nach einigen Tagen ging es Amy viel besser, die Prellung schmerzte nicht mehr so sehr. Sie konnte wieder richtig laufen, Joshua musste wieder im Studio arbeiten, so dass sie froh war, dass er nicht immer im Haus war. Er war ein merkwürdiger Mensch. Zum einen war er nett und versuchte sie in allem zu beschützen, zum anderen war er aber auch sehr aufbrausend und schreckte auch nicht davor zurück, Amy weh zu tun oder einzusperren, wie sie es allzu oft miterlebt hatte. Immer wieder ließ er sie spüren, dass er ihr Herrscher war.
Aber nun hatte sie wieder ein bisschen Luft zum Atmen, er ging zur Arbeit und Amy durfte das Zimmer verlassen. Doch das hieß nicht, dass sie nicht beobachtet wurde, Joshua hatte noch mehr Kameras auf dem Anwesen und im Haus installieren lassen und hatte nun in jedem Zimmer wenigstens zwei Kameras, so dass er immer und überall wusste, wo Amy sich aufhielt. Es gab ein neues Schloss am Eingangstor mit einem neuen Zahlencode. Auch waren an allen Fenstern des Hauses Sicherungen befestigt worden. Es gab keinen Weg mehr für Amy, das Grundstück verlassen zu können, jede Bewegung stand unter Beobachtung. Sie fühlte sich wie in einem Gefängnis, nur das sie alleine hier war.
Trotz alldem fand Amy eine gewisse Befreiung darin, wenn Joshua ins Studio fuhr, denn so hatte sie wenigstens nicht die Angst, dass er sie schlagen würde.
Sie war einfach nur froh, aus dem Bett und aus dem Zimmer kommen zu können und ging etwas auf dem Anwesen umher. Überall, wo sie hinsah, waren Sicherheitsleute, das war neu. Er hatte zwar seine Angestellten aber keine Security. Amy war etwas überfordert mit der Situation, doch versuchte sie, so gut es ging diese Leute zu übersehen.
Sie setzte sich auf eine Bank und schaute sich um. Sie wusste, dass sie wahrscheinlich hier nie herauskommen würde und dass sie früher oder später sich mit der Situation abfinden müsste. Bei diesen Gedanken schossen ihr die Tränen in die Augen. Vor ein paar Tagen hatte sie noch die wunderbare Freiheit erleben dürfen, mit all ihren schönen Seiten, doch war das wahrscheinlich das letzte Mal.
Jetzt steckte sie erneut hier fest und diesmal hatte er dafür gesorgt, dass es kein Entkommen gab. Sie ging noch ein Stück um sich abzulenken und wieder an etwas Positives zu denken. Sie hatte sich nie wirklich die Zeit genommen, sich hier alles anzuschauen. Der Park war wunderschön, es gab so viele farbenfrohe Blumen und riesige Palmen. Vielleicht war es gar nicht so schlimm hier wie sie sich das immer ausmalte. Vielleicht sollte sie einfach versuchen, sich mit ihrer Situation abzufinden. Könnte es eventuell sein, dass Joshua sie wirklich nur beschützen wollte? Ist er vielleicht gar nicht so ein Monster? Sie versuchte zwanghaft, ihn wenigstens etwas zu mögen, und manchmal gelang es auch, zumindest dann, wenn er seine freundliche Seite zeigte. Irgendwann musste sie ihre Art ihn zu sehen ändern, denn sie wusste, dass die Hochzeit nur verschoben wurde. Sie sollte und musste seine Frau werden. Die Frage war nicht wie, sondern wann.
Gegen Nachmittag kam Joshua wieder nach Hause und sie aßen zusammen. Er war wieder der Joshua, den sie mochte. Er war gesprächig und zuvorkommend. Es war immer angenehm, wenn er so war, er sprach von seinem neuen Projekt und von seinem Tag. Es schien alles wieder in Ordnung zu sein und Amy brauchte auch seit ein paar Tagen ihre Medizin nicht mehr zu nehmen. Allerdings bestand Joshua darauf, dass sie jeden Abend ein Glas frisch gepressten Orangensaft bekam. Das fand Amy etwas merkwürdig, sonst gab es doch am Abend nur Tee oder Wasser, aber Joshua meinte, es diente nur zu ihrer vollständigen Genesung.
Gegen späten Abend klingelte es an der Tür und Joshua wurde von den Angestellten herbeigerufen.
„Wo ist sie?", fragte Michael.
„Was willst du hier, sie ist zu mir zurückgekommen. Tu dir einen Gefallen und verschwinde!"
„Amy würde nie zu dir zurückkommen, nicht nach allem, was sie mit dir durchmachen musste."
„Ich habe dir gesagt, du sollst verschwinden. Lass sie in Ruhe, sie braucht jetzt Ruhe."
„Was hast du mit ihr gemacht?"
„Nichts habe ich mit ihr gemacht! Wir wollen dich hier nicht sehen. Geh - sonst lernst du mich kennen!"
Amy hörte vom Nebenzimmer Michaels Stimme und rannte zur Tür.
„Amy, Liebes! Geh wieder rein!", sagte Joshua liebevoll aber bestimmt.
„Es ist besser du gehst, Michael!", sagte sie.
„Was hat er mit dir gemacht?„ Michael schaute sie an, sie sah nicht gut aus. Sie war geschwächt und ihr Blick war leer.
„Ich hole dich hier raus, Amy! Das verspreche ich dir!", rief er ihr noch entgegen und verließ dann das Anwesen.
Joshua schaute sie nur an und lächelte. „Wir brauchen ihn nicht. Es gibt nur noch uns!", sagte er, als er den Arm um sie legte.
Amy ging auf ihr Zimmer und dachte nach. Michael hatte gefragt, was Joshua mit ihr gemacht hatte. Was meinte er damit? Ja, sie war seit ein paar Tagen etwas schwindelig und fühlte sich abends benommen, aber sie nahm doch regelmäßig ihre Medikamente, die der Arzt ihr verordnet hatte. Er hatte ihr nur etwas für den Kreislauf gegeben und ein paar Vitamine. Wahrscheinlich hatte er sich etwas eingebildet.
Joshua kam abends noch zu ihr und legte sich neben sie.
„Es gibt nur noch uns! Nichts und niemand wird uns auseinanderbringen!„ flüsterte er ihr ins Ohr und schlief mit ihr ein.
Als sie morgens erwachte war er nicht mehr da. Sie konnte den gestrigen Tag nicht vergessen, wie Michael plötzlich vor der Tür stand. Auf einmal kamen wieder die Erinnerungen in ihr hoch. Wie schön war es doch dort draußen gewesen, weg von diesem Anwesen und weg von alldem, was sie hier einengte. Sie genoss die Abende mit Michael vor dem Fernseher und wie schön war es doch, eine Arbeit zu haben um Abwechslung vom Alltag zu bekommen. Ihr wurde wieder klar, dass sie hier raus musste, doch wie sollte sie das anstellen? Joshua hatte alle Sicherheitsvorkehrungen verstärkt, sodass wirklich jeder Schritt von ihr auf irgendeiner Kamera zu sehen war. Sie konnte hier nicht weg und war sich auch nicht ganz sicher, ob sie das alles noch einmal erleben wollte, sich verstecken müssen, die Angst, dass er sie findet. Und wenn er sie wieder finden würde – wie schlimm würde es werden? Vielleicht würde es beim nächsten Mal nicht nur ein verstauchter Fuß sein.
Sie versuchte, so gut es ging nicht mehr daran zu denken und ging erst einmal ihrem gewohnten Alltag nach. Joshua war nirgends zu finden, er schien auf der Arbeit zu sein. Jetzt hatte sie wenigstens wieder etwas Zeit für sich - doch je mehr Zeit sie für sich hatte, je mehr schweiften ihre Blicke ins Leere und sie dachte an all die schönen Erlebnisse, die ihr jetzt wieder genommen wurden.
.Doch war sie auch glücklich darüber, dass er sie nicht vergessen hatte. Vielleicht würde er sie ja retten.
Am späten Nachmittag kam Joshua zurück, er war nicht allein. Er hatte den Arzt mitgebracht. Sie unterhielten sich, als sie durch die Tür kamen.
„Wie geht es dir, Amy?", fragte Dr. Johnson.
„Mir geht es ganz gut und ich kann auch wieder gut auftreten."
„Da habe ich aber etwas anderes gehört, Amy. Joshua sagte mir, dass du in letzter Zeit etwas bedrückt aussiehst und dich sehr zurückziehst!"
Es stimmte zwar, aber trotzdem konnte Amy nicht fassen, was Joshua ihm erzählt hatte. War es denn verwunderlich, dass sie bedrückt aussah? Sie tat ihr Bestes, sich nichts anmerken zu lassen und doch war sie gerade sehr wütend. Sie wollte am liebsten schreien, denn es war Joshuas Schuld, dass sie sich so fühlte. Er hielt sie doch hier fest.
„Nein, es ist alles in Ordnung", sagte Amy, obwohl sie ihm am liebsten alles erzählen wollte.
Joshua schaute Dr. Johnson voller Sorge an.
„Sehen sie jetzt, was ich meine, Doc ? Sie sehen doch auch, was ich sehe, oder?"
Dr. Johnson gab Joshua ein Zeichen um ihm mitzuteilen, dass sie sich draußen weiter unterhalten würden.
„Amy, Liebes! Ich bin gleich wieder da. Ich begleite Dr. Johnson nur kurz zu seinem Auto!"
Amy war verwirrt. Ihr ging es doch gut, warum brachte er wieder diesen Arzt mit und warum schienen sie sich immer wieder über etwas zu unterhalten, was sie anscheinend nicht mitbekommen sollte.
Sie beobachtete die beiden vom Fenster aus und sah, dass Dr. Johnson Tabletten aus der Tasche holte, die Joshua dankend entgegennahm. Was hatten die beiden dort besprochen und warum sollte sie nun wieder Tabletten nehmen?
Als Joshua wieder hereinkam, sah er sehr zufrieden aus und legte den Arm um Amy.
„Ich passe gut auf dich auf, mein Schatz. Ich will nur, dass es dir gut geht, meine Liebe."
Amy wünschte sich so sehr dass es stimmen würde was er sagte. Das er wirklich nur wollte, dass es ihr gut ging. Aber ihr war schon lange klar, dass es ihm nur um sich ging, dass er seinen Willen bekam und das sie bei ihm bleiben würde. Sie konnte und wollte ihn nicht fragen, was es mit den Tabletten auf sich hatte, denn dann würde er wissen, dass sie ihn beobachtet hatte und vielleicht würde er dann wütend werden.