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719 Words
Min „Zehn Minuten Pause, Leute“, sprach Dr. Reich endlich, und auf einmal schien der ganze Flur kollektiv aufzuwirken. Ich hatte gerade drei Stunden damit verbracht, seinen Nacken zu beobachten, während er Patienten behandelte, und so zu tun, als fesselten mich seine Akten. Dabei war es nicht die Medizin, die mich interessierte, sondern der Mann aus Hamburg, der nie angerufen hatte. Eine Ärztin im weißen Kittel schlenderte neben ihm her. „Fährst du zur Konferenz nach München?“ fragte sie und schob ihren Körper schon in Richtung der nächsten Station. Ich drehte ihnen den Rücken zu, bewegte mich aber keinen Millimeter weg. Luise begann neben mir zu quasseln, doch ihre Stimme war nur ein dumpfes Summen in meinem Ohr. Ich war zu beschäftigt damit, zuzuhören. „Wenn es klappt, ja“, antwortete Karl. „Na, dann versuch zu kommen, und wir machen eine ganze Woche draus.“ Mein Kiefer spannte sich an. „Alles klar, mach ich“, sagte er. Eine Frau kam uns entgegen, allein mit drei kleinen Kindern. Die beiden älteren tobten, rot im Gesicht, heulend, während das jüngste Kind kreischte, als würde die Welt untergehen, die kleine Hand fest in der ihrer Mutter, die es den Flur entlang schleifte. Dr. Reich warf der Frau einen kurzen, mitfühlenden Blick zu, bevor sie mit ihrem kleinen Chaos um die Ecke verschwand. Dann wandte er sich wieder seinem Kollegen zu. „Deshalb“, sagte er leicht, „sind Kondome eine der größten Erfindungen der Menschheit.“ „Verdient einen Nobelpreis“, stimmte die andere Ärztin prompt zu. Etwas zog sich mir in der Brust zusammen. Was zum…? Für wen hielt sich dieser Idiot eigentlich? Na klar, er konnte Kinder offensichtlich nicht leiden. Ich hörte mein Herz in den Ohren schlagen. Und dabei… hatte ich ihn doch tatsächlich heiß gefunden. Was für ein arroganter Mistkerl. „Ich gehe auf die Toilette“, flüsterte ich Luise zu. „Klar.“ Ich drehte mich um und ging den Flur entlang. „Minna?“ Ich blickte auf und sah Karl hinter mir stehen. „Kann ich kurz mit dir reden?“ Ich schluckte nervös. „Okay.“ „Hier drin?“ Er öffnete eine Tür zu einem Büro. Ich folgte ihm in den kleinen Raum, und er schloss hinter mir. Seine Augen wurden weich, er wirkte nervös. „Ich habe nach dir gesucht.“ Ich runzelte die Stirn. „Ich bin nach Düsseldorf gekommen, um dich zu finden. Ich habe mein Handy mit deiner Nummer einen Tag nach deiner Abreise verloren.“ Was für ein Schwachsinn. „Ich habe an dich gedacht“, flüsterte er. Meine Augen fielen zu Boden. Oh Gott. Er erinnerte sich. Ich zwang mich, wieder hochzusehen. Warum musste er auch so verdammt gut riechen? Jede Frau in diesem Krankenhaus würde sich auf ihn stürzen, und wenn ich mich darauf einließ… würde ich nur ein weiteres Mädchen sein, das er nicht anrief. Ich konnte nicht. Ich wollte nicht dieses bedürftige Mädchen sein, das ihm hinterherträumt. „Entschuldigung?“ sagte ich nüchtern. Sein Gesicht sackte ein. „Hamburg.“ „Was ist mit Hamburg?“ Er verengte die Augen. „Wir haben uns dort vor ein paar Jahren getroffen.“ Ich presste die Lippen zusammen. „Haben wir? Ich glaube nicht.“ „Du erinnerst dich nicht an mich?“ Sein Stirnrunzeln vertiefte sich. Ich hielt seinen Blick stand. „Tut mir leid. Nein.“ Er hob das Kinn, trotzig—verletzt im Ego, und trat einen Schritt zurück. Schock huschte über sein Gesicht. Verdammt, ich überraschte sogar mich selbst. „Entschuldige.“ Seine Augen blieben auf mir, als versuchte er, meine Lüge zu begreifen. „Ich dachte, du wärst jemand anderes.“ „Wer?“ Ich zog die Augenbrauen hoch. Ich konnte nicht anders. Er grinste. Er wusste, dass ich es war. Warum hatte ich überhaupt gefragt? „Nur…“ Er lehnte sich zurück, tat nachdenklich, zog es heraus. „Dieses Mädchen, das ich vor fünf Jahren kennengelernt habe.“ Fünf Jahre her. Ich versteckte meine Hände, damit er das Zittern nicht sah. Er wich nicht aus. „Seitdem konnte ich sie einfach nicht aus dem Kopf bekommen.“ Mir blieb der Atem weg. Ich wusste nicht, ob ich wegrennen sollte— —oder ihn fragen wollte, warum ich jemals gegangen war.
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