Karl
„Willst du dich umbringen?“
Hanno brüllte es, riss mich aus meinen Gedanken und schlug im selben Moment auf den Knopf des Laufbands. Das Band verlangsamte sich, dann blieb es stehen.
Ich hatte diese Wut aus mir herausbrennen müssen. Diese Hitze, die kurz davor war, überzulaufen.
Zum Antworten reichte meine Luft nicht. Ich schüttelte nur den Kopf.
„Ist heute jemand gestorben?“ fragte er, und zum ersten Mal lag echte Sorge in seiner Stimme.
Wieder schüttelte ich den Kopf. Noch immer bekam ich nicht genug Luft, um zu sprechen.
Der Schweiß lief mir über den Oberkörper, brannte auf der Haut.
Sie hatte sich nicht an mich erinnert.
Wie konnte sie diese Nacht vergessen? Diese eine Nacht war mir ins verdammte Herz gebrannt. Seitdem hatte ich jede Frau mit ihr verglichen. Keine kam auch nur annähernd ran.
Bis zu ihr hatte ich nicht einmal gewusst, wonach ich gesucht hatte.
„Was ist los?“
„Nichts. Verpiss… dich“, keuchte ich.
Murph verzog das Gesicht. „Du bist ein unausstehliches Arschloch, weißt du das?“
Ich fixierte das Band unter meinen Füßen, das verschwommene Grau, das sich endlos drehte.
Mein Bruder Lutz kam ins Fitnessstudio, noch in Arbeitsklamotten, bereit fürs Training.
Ein Blick auf mich genügte, und er runzelte die Stirn, steuerte direkt auf das Laufband zu.
Er beobachtete mich einen Moment.
Murph stellte sich neben ihn.
Sie standen da. Beide mit diesem verdammten Grinsen.
„Verpiss… dich“, keuchte ich erneut. „Ich hab heute keine Lust auf euren Scheiß.“
„Ist jemand gestorben?“ fragte Murph.
Das war sonst der einzige Grund, warum ich so drauf war. Wenn ich einen Patienten verloren hatte.
Zum Glück war es das nicht.
„Nein.“
„Ist ein Mädchen gestorben?“ fragte Lutz, ohne vom Handy aufzusehen.
„Weil du nur dann so rennst, als würden dich Dämonen jagen.“
„Was steckt dir dann im Arsch?“ warf Stan ein.
„Nichts. War einfach ein beschissener Tag.“
Endlich zogen sie weiter zu den Gewichten. Ich lief weiter.
Warum hatte sie gesagt, sie kenne mich nicht?
Konnte sie mich wirklich vergessen haben?
Der Gedanke zog mir die Brust zusammen. Und dann kam etwas noch Schlimmeres.
Was, wenn sie verheiratet war? Was, wenn ich sie zu spät gefunden hatte?
Gefunden wen eigentlich? Sie weiß nicht mal, wer du bist, erinnerte ich mich selbst. Vielleicht war das alles nur einseitig gewesen.
Aber dann dachte ich an diesen Morgen zurück.
Sie hatte unbedingt gehen wollen.
Zu unbedingt.
Scheiße. Ich hätte sie nicht gehen lassen dürfen.
Das war der eine Fehler, den ich all die Jahre bereut hatte.
Ich hätte den Concierge drängen sollen.
Hätte ihren Namen herausfinden müssen. Und dass ich ausgerechnet in dieser Nacht mein Handy verloren hatte?
Das war der letzte Nagel.
Hätte ich gewusst, dass sie mich so zerstören würde, hätte ich selbst die Sicherheitskameras des Casinos gehackt.
Das Laufband wurde langsamer. Ich stieg ab, die Beine zitterten, als sie sich wieder an festen Boden gewöhnten. Ich war völlig durchgeschwitzt, außer Atem, am Ende.
Ich ging in die Umkleide und stellte mich unter eine brennend heiße Dusche.
So außer Kontrolle hatte ich mich noch nie gefühlt.
Es war… beunruhigend.
Das Wasser prasselte auf mich nieder, während mein Atem ruhiger wurde. Ich dachte alles durch, immer wieder, bis es klar wurde.
Ich hatte zwei Möglichkeiten.
Ich konnte mich lächerlich machen, versuchen, sie dazu zu bringen, sich an mich zu erinnern. Obwohl ich wusste, dass sie es längst tat.
Oder…
Ich starrte auf die gekachelte Wand. Ein langsames Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus, während sich ein Plan formte.
Du willst Spielchen spielen, Baby?
Na gut. Dann los.