Kapitel 4

2138 Words
Die Sonne hing tief und rot über dem Horizont, als würde sie selbst bluten. Der gefrorene See lag wie ein riesiger Spiegel aus schwarzem Glas da, von Rissen durchzogen, die im schwindenden Licht wie silberne Adern glänzten. Der Wind hatte nachgelassen, doch die Kälte biss immer noch tief in die Knochen. Hunderte von Wölfen und Menschen hatten sich am Ufer versammelt, ein dichter Ring aus Pelzen, Leder und schweigender Erwartung. Fackeln loderten in eisernen Halterungen, warfen flackernde Schatten über Gesichter, die vor Anspannung starr waren. Jasmine stand nicht am Rand der Menge. Sie hatte sich gegen Kaels Befehl widersetzt. Sie hatte gewartet, bis seine Schritte im Gang verhallt waren, dann hatte sie den schweren Umhang genommen, den er zurückgelassen hatte, ihn sich um die Schultern gelegt und war ihm gefolgt. Jetzt stand sie hinter den vordersten Reihen von Kaels Kriegern, verborgen unter der Kapuze, nah genug, dass sie den metallischen Geruch von Blut und Schweiß schon riechen konnte, bevor das erste Blut überhaupt geflossen war. Seraphina stand neben ihr, ebenfalls in einen dunklen Mantel gehüllt. Die beiden Schwestern hatten kein Wort gewechselt, seit sie sich hier getroffen hatten. Nur ein kurzer Blick, ein Nicken. Mehr war nicht nötig. Seraphina hatte alles riskiert, um Jasmine diese eine Chance zu geben. Und Jasmine wusste, dass sie diese Schuld niemals würde begleichen können. Auf dem Eis standen nur zwei Gestalten. Alpha Darius trug keine Rüstung mehr. Nur ein enges schwarzes Hemd, lederne Hosen, nackte Füße auf dem Eis. Seine rechte Hand hing in einer provisorischen Schlinge aus Stoff, doch seine linke Kralle war bereits ausgefahren, glänzend und scharf. Sein Gesicht war eine Maske aus Hass und Schmerz. Der gebrochene Arm schien ihn nicht zu bremsen. Im Gegenteil. Er wirkte wie ein verwundeter Bär, der umso gefährlicher wurde, je mehr er litt. Kael stand ihm gegenüber, vielleicht zehn Schritte entfernt. Er hatte den schweren Wolfspelzmantel abgelegt. Darunter trug er nur das schwarze Lederhemd und die Hose, die er schon den ganzen Tag getragen hatte. Seine Arme waren nackt, die Muskeln angespannt, die Narben auf seiner Haut schimmerten im Fackellicht wie alte Runen. Er hielt keine Waffe. Das Duell war nach altem Recht: Gestaltwandler gegen Gestaltwandler, Zahn gegen Zahn, Kralle gegen Kralle. Keine Klingen. Keine Magie. Nur rohe Kraft und das, was der Mond einem geschenkt hatte. Ein Ältester des Blackthorn Rudels trat vor. Ein alter Mann mit silbernem Haar und einer Stimme wie knirschender Schnee. „Nach dem Gesetz der Alten“, rief er, „wird hier und heute das Schicksal zweier Seelen entschieden. Alpha Darius kämpft für die Ehre seines Rudels und die Bindung, die er geschworen hat. Lord Kael kämpft für das wahre Band, das der Mond ihm geschenkt hat. Der Kampf endet erst, wenn einer tot ist. Oder wenn einer sich ergibt und das Urteil annimmt. Keine Einmischung. Keine Gnade.“ Die Menge murmelte Zustimmung. Der Wind trug den Klang wie ein leises Gebet über das Eis. Der Älteste hob die Hand. „Beginnt.“ Darius bewegte sich zuerst. Er rannte nicht. Er glitt. Seine nackten Füße fanden Halt auf dem Eis, als wäre es fester Boden. In drei langen Schritten war er bei Kael. Seine linke Kralle fuhr hoch, zielte auf die Kehle. Kael wich zur Seite, schnell, geschmeidig. Doch Darius hatte damit gerechnet. Er drehte sich in der Bewegung, schlug mit dem Ellbogen nach hinten. Kael blockte mit dem Unterarm. Der Aufprall hallte wie ein Peitschenknall über den See. Beide Männer knurrten. Dann explodierte der Kampf. Darius schlug zu, immer wieder, eine Salve aus Hieben. Linke Kralle, rechte Faust trotz der Schlinge, Knie, Ellbogen. Er kämpfte wie jemand, der nichts mehr zu verlieren hatte. Jeder Schlag sollte töten. Jeder Tritt sollte Knochen brechen. Kael wich aus, parierte, konterte. Er war ruhiger. Präziser. Er ließ Darius kommen, ließ ihn sich verausgaben. Doch die Schläge, die er austeilte, saßen. Ein Hieb gegen Darius’ Rippen ließ den älteren Alpha keuchen. Ein Tritt gegen das Knie brachte ihn kurz ins Wanken. Jasmine biss sich auf die Lippe, bis sie Blut schmeckte. Sie konnte Kaels Atem hören, selbst über die Entfernung. Sie konnte spüren, wie das Band zwischen ihnen vibrierte, jedes Mal, wenn er getroffen wurde, jedes Mal, wenn er selbst zuschlug. Es war, als würde sie selbst kämpfen. Jeder Schmerz, den er spürte, wanderte in ihre Brust. Darius brüllte. Er sprang vor, packte Kael am Kragen, riss ihn nach vorn. Ihre Gesichter waren nur Zentimeter voneinander entfernt. Dann rammte Darius seine Stirn gegen Kaels Nase. Blut spritzte. Kael taumelte zurück, doch er lächelte. Ein kaltes, raubtierhaftes Lächeln. „Ist das alles, was du hast?“, fragte er leise. Darius antwortete nicht mit Worten. Er verwandelte sich. Es ging schnell. Zu schnell. Sein Körper riss auf, Fell brach durch die Haut, Knochen knackten und wuchsen. Innerhalb von Sekunden stand ein riesiger schwarzer Wolf da, größer als jeder andere auf dem Eis. Seine Augen glühten bernsteinfarben. Schaum tropfte von den Lefzen. Die Menge hielt den Atem an. Kael zögerte nicht. Auch er ließ die Verwandlung zu. Sein Körper wuchs, Muskeln schwollen an, schwarzes Fell mit silbernen Strähnen bedeckte ihn. Sein Wolf war nicht ganz so massig wie der von Darius, doch er war schneller, sehniger, tödlicher. Seine Augen leuchteten in einem tiefen, glühenden Gold. Die beiden Wölfe umkreisten einander. Dann griffen sie an. Es war ein Wirbel aus Zähnen und Klauen. Fell flog durch die Luft. Blut spritzte auf das Eis, färbte es dunkelrot. Darius war stärker, doch Kael war wendiger. Er duckte sich unter einem Biss hindurch, sprang zur Seite, schlug mit den Hinterläufen zu. Darius taumelte. Kael setzte nach, biss in die Flanke des älteren Wolfs. Darius heulte auf, drehte sich, erwischte Kael mit den Krallen an der Schulter. Tiefe Furchen rissen auf. Blut strömte. Jasmine schrie leise auf. Ihre Hände krallten sich in den Umhang. Seraphina legte ihr eine Hand auf den Arm. Fest. Beruhigend. Doch auch ihre Finger zitterten. Auf dem Eis rollten die Wölfe. Darius bekam Kael unter sich, drückte ihn mit seinem Gewicht nieder. Seine Kiefer schnappten nach Kaels Kehle. Kael wehrte sich, schlug mit den Vorderläufen gegen Darius’ Brust, stemmte ihn hoch. Für einen Moment hingen beide in der Luft, ineinander verbissen. Dann warf Kael Darius ab. Der ältere Wolf schlitterte über das Eis, kam aber sofort wieder hoch. Er humpelte jetzt. Das gebrochene Handgelenk behinderte ihn auch in Wolfsgestalt. Doch der Hass in seinen Augen brannte heller denn je. Kael blutete aus mehreren Wunden. Sein linkes Vorderbein zitterte leicht. Doch er hielt den Blick fest auf Darius gerichtet. Die beiden Wölfe starrten sich an. Schwere Atemzüge dampften in der kalten Luft. Dann griff Darius ein letztes Mal an. Er warf sich mit aller Kraft nach vorn. Kael wartete bis zum letzten Moment. Im Bruchteil einer Sekunde wich er zur Seite, drehte sich, packte Darius am Nacken. Seine Kiefer schlossen sich wie ein Schraubstock. Darius brüllte, warf sich hin und her, doch Kael ließ nicht los. Er grub die Zähne tiefer. Blut strömte über das Eis. Darius’ Bewegungen wurden langsamer. Schwächer. Kael hielt ihn fest. Drückte zu. Ein letztes, ersticktes Knurren. Dann Stille. Der große schwarze Wolf erschlaffte. Kael hielt noch einen Moment länger, dann ließ er los. Darius’ Körper fiel schwer auf das Eis. Reglos. Kael hob den Kopf. Blut tropfte von seiner Schnauze. Er heulte. Ein langer, triumphierender Ton, der über den See rollte und von den Bergen zurückgeworfen wurde. Die Menge explodierte. Einige jubelten. Andere starrten fassungslos. Kaels Krieger schlugen mit den Fäusten gegen ihre Brustpanzer. Blackthorn Wölfe sanken auf die Knie, starrten auf den toten Alpha. Kael verwandelte sich zurück. Er stand nackt auf dem Eis, blutüberströmt, schwer atmend. Die Wunden an seiner Schulter und seiner Seite klafften tief, doch er stand aufrecht. Er drehte sich langsam um. Sein Blick suchte die Menge. Und fand sie. Jasmine trat vor. Die Kapuze fiel zurück. Ihr Haar leuchtete im Fackellicht wie dunkles Feuer. Tränen liefen über ihre Wangen, doch sie lächelte. Ein zitterndes, ungläubiges Lächeln. Kael ging auf sie zu. Jeder Schritt hinterließ blutige Abdrücke auf dem Eis. Als er sie erreichte, fiel er auf ein Knie. Nicht aus Schwäche. Sondern aus Ehrfurcht. „Jasmine“, sagte er rau. „Meine Gefährtin.“ Sie sank vor ihm nieder, legte beide Hände an seine Wangen. Ihre Finger zitterten. „Du lebst“, flüsterte sie. „Ich habe es versprochen.“ Er zog sie an sich. Küsste sie. Vor allen Augen. Vor dem toten Alpha. Vor den Rudeln. Vor dem Mond, der jetzt voll und silbern über ihnen stand. Die Menge wurde still. Dann begann der erste Wolf zu heulen. Ein tiefer, ehrfürchtiger Ton. Andere stimmten ein. Bald heulte das gesamte Ufer. Ein Chor aus Trauer und Triumph zugleich. Seraphina trat vor. Sie kniete neben dem Körper ihres Vaters nieder. Tränen liefen über ihr Gesicht. Doch sie hielt den Kopf hoch. „Der Kampf ist entschieden“, sagte sie laut. „Nach altem Recht gehört Jasmine nun zu Lord Kael. Das Blackthorn Rudel wird das Urteil akzeptieren.“ Ein Raunen ging durch die Menge. Einige nickten. Andere senkten den Blick. Kael erhob sich. Er half Jasmine auf. Dann wandte er sich an die Versammelten. „Alpha Darius war ein starker Mann. Ein stolzer Mann. Sein Tod ehrt keinen. Doch das Band lügt nicht. Und ich werde meine Gefährtin nicht aufgeben. Wer mir folgen will, wer Frieden will, wer ein neues Rudel sucht… kommt mit mir. Wer bleiben will… bleibt. Aber es wird keinen Krieg geben. Nicht heute.“ Er sah zu seinen Kriegern. „Bringt ihn nach Hause. Bereitet ihn für die Bestattung vor. Er verdient das.“ Seine Männer nickten. Sie hoben Darius’ Körper vorsichtig auf eine Trage aus Fellen und trugen ihn fort. Kael drehte sich wieder zu Jasmine. „Komm“, sagte er leise. „Wir gehen nach Hause.“ Sie nickte. Hand in Hand verließen sie den See. Die Menge teilte sich vor ihnen. Einige senkten den Blick in Respekt. Andere streckten die Hand aus, berührten kurz Kaels Arm, Jasmines Schulter. Ein stummer Segen. Seraphina folgte ihnen in einigem Abstand. Sie sagte nichts. Doch als sie am Rand des Anwesens ankamen, trat sie vor. „Jasmine“, sagte sie leise. Jasmine drehte sich um. „Ich… ich weiß nicht, wie ich das wiedergutmachen kann“, flüsterte Seraphina. „Was ich getan habe… was unser Vater getan hat…“ Jasmine schüttelte den Kopf. Sie trat vor und zog ihre Schwester in eine feste Umarmung. „Du hast mir Freiheit geschenkt“, sagte sie. „Das ist mehr, als ich je verlangen konnte. Komm mit uns. Wenn du willst.“ Seraphina zögerte. Dann nickte sie langsam. „Ich weiß nicht, ob ich das kann. Aber… ich werde es versuchen.“ Kael legte eine Hand auf Seraphinas Schulter. „Du bist willkommen. Immer.“ Sie lächelte schwach. Zum ersten Mal seit Jahren wirkte es echt. Die drei gingen weiter. Durch den Schnee. Durch die Nacht. Das Blackthorn Anwesen lag hinter ihnen, still und dunkel. Vor ihnen lag der Weg nach Norden, zu Kaels eigenem Territorium. Zu einem neuen Anfang. Im Ostturm, in dem kleinen Zimmer mit dem breiten Bett, lagen sie später eng umschlungen. Kael hatte seine Wunden versorgt. Die tiefsten waren bereits verheilt, dank der schnellen Regeneration seines Wolfes. Doch er trug noch die Spuren des Kampfes. Blaue Flecken. Rötliche Narben. Jasmine küsste jede einzelne. „Du hast ihn getötet“, flüsterte sie. „Ich hatte keine Wahl.“ „Ich weiß.“ Sie legte den Kopf auf seine Brust. Hörte seinen Herzschlag. Stark. Gleichmäßig. „Was passiert jetzt?“, fragte sie leise. „Jetzt bauen wir“, antwortete er. „Ein Rudel. Ein Zuhause. Ein Leben. Mit dir.“ Sie lächelte gegen seine Haut. „Und wenn ich… wenn wir…“ Sie legte die Hand auf ihren Bauch. Kael legte seine Hand über ihre. „Dann wird es das stärkste Kind werden, das diese Wälder je gesehen haben.“ Sie lachte leise. Ein warmer, glücklicher Laut. „Ich liebe dich“, sagte sie. „Ich liebe dich mehr“, antwortete er. Er küsste sie langsam. Zärtlich. Ganz anders als auf dem Eis. Ganz anders als in der Hitze des Nachmittags. Diesmal war es kein Abschiedskuss. Kein verzweifelter Versuch, alles in einen Moment zu pressen. Diesmal war es ein Anfang. Draußen fiel Schnee. Leise. Unaufhaltsam. Er bedeckte die Spuren des Kampfes. Die Blutspuren auf dem See. Die Fußabdrücke am Ufer. Morgen würde die Welt neu aussehen. Morgen würden sie weitergehen. Aber heute Nacht gehörten sie nur einander. Und das Band sang leise zwischen ihnen. Eine Melodie, die nur sie hören konnten. Stärker als Tod. Stärker als Hass. Stärker als alles, was je versucht hatte, sie zu trennen. Jasmine schloss die Augen. Und zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich nicht länger unsichtbar. Sie fühlte sich gesehen. Geliebt. Zuhause.
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