Kapitel 6

2311 Words
Der Winter hielt das Nordterritorium in einem eisernen Griff. Die Tage wurden kürzer, die Nächte länger und dunkler, als wollte die Welt selbst den Atem anhalten. Kaels Rudel hatte sich in der großen Festung am Blackriver niedergelassen, einem alten Steingebäude, das halb in den Fels gehauen war, halb aus massiven Baumstämmen errichtet. Die Mauern waren d**k genug, um Stürme und Angriffe abzuwehren. Die Fenster hoch und schmal, damit Pfeile und Kälte draußen blieben. Im Inneren brannten Feuer in riesigen Kaminen Tag und Nacht. Der Geruch von Rauch, Harz und gebratenem Fleisch hing ständig in der Luft. Jasmine stand am höchsten Turmfenster und blickte hinaus. Der Fluss, nach dem die Festung benannt war, war zugefroren, eine schwarze Narbe durch die weiße Landschaft. Der Schnee fiel in dichten Schleiern, sodass man kaum die gegenüberliegende Bergkette erkennen konnte. Ihre Hand ruhte auf ihrem Bauch. Noch zeigte sich nichts. Doch sie spürte es. Ein winziges Flattern, wie Schmetterlingsflügel unter der Haut. Das Kind wuchs. Stark. Lebendig. Kael trat hinter sie. Er legte die Arme um ihre Taille, zog sie sanft zurück an seine Brust. Sein Kinn ruhte auf ihrem Scheitel. „Du bist unruhig“, murmelte er. „Ich spüre etwas“, antwortete sie leise. „Nicht nur das Kind. Etwas… Falsches.“ Er drehte sie zu sich um. Seine Augen suchten ihre. „Das Band?“ Sie nickte. „Es summt. Aber nicht wie sonst. Es ist… angespannt. Als würde etwas daran zerren.“ Kael runzelte die Stirn. Er legte eine Hand auf ihre Schulter, direkt über dem frischen Mal. Seine Finger strichen darüber. Das silberne Halbmondzeichen leuchtete leicht unter seiner Berührung. „Ich spüre es auch“, gab er zu. „Seit drei Nächten. Schwach. Aber da.“ Jasmine sah ihn an. „Du hast es mir nicht gesagt.“ „Ich wollte dich nicht beunruhigen. Du trägst unser Kind. Dein Körper verändert sich. Ich dachte… vielleicht ist es nur das.“ „Es ist nicht nur das.“ Er nickte langsam. „Ich habe Späher ausgeschickt. Nach Süden. Zum Blackthorn Gebiet. Sie sollten gestern zurück sein.“ Jasmine erstarrte. „Sie sind nicht zurückgekommen.“ „Nein.“ Die Worte hingen schwer zwischen ihnen. Unten im großen Saal saßen die Krieger beim Abendessen. Lange Tische, voller Brot, Wildbret, dampfendem Eintopf. Das Lachen war lauter als sonst. Zu laut. Als wollten sie die Stille übertönen, die sich langsam ausbreitete. Seraphina saß am Rand eines Tisches. Sie stocherte in ihrem Essen herum. Seit sie hier war, hatte sie sich verändert. Sie sprach mehr. Lächelte öfter. Doch heute Abend war ihr Gesicht wieder blass, die Augen fern. Jasmine ging die Treppe hinunter. Kael folgte ihr. Als sie den Saal betraten, verstummten die Gespräche schlagartig. Alle Blicke richteten sich auf sie. Kael hob die Hand. „Die Späher sind überfällig“, sagte er ruhig. „Wir warten bis Mitternacht. Wenn sie bis dahin nicht zurück sind, schicken wir eine zweite Gruppe. Und wir verdoppeln die Wachen.“ Ein Murmeln ging durch den Saal. Einer der älteren Krieger stand auf. Grauer Bart. Narbe quer über die Stirn. „Alpha. Wenn Blackthorn uns angreift… wir sind bereit. Aber wir sind nicht so viele wie sie.“ Kael nickte. „Wir sind weniger. Aber wir haben etwas, das sie nicht haben.“ Sein Blick wanderte zu Jasmine. „Das wahre Band. Und eine Luna, die stärker ist, als sie je ahnten.“ Jasmine spürte, wie Wärme in ihre Wangen stieg. Doch sie hielt den Kopf hoch. „Ich werde kämpfen, wenn es sein muss“, sagte sie laut. „Für dieses Rudel. Für mein Kind. Für uns alle.“ Die Krieger schlugen mit den Fäusten auf die Tische. Ein donnernder Rhythmus. Zustimmung. Stolz. Doch die Unruhe blieb. Mitternacht kam. Kein Späher kehrte zurück. Kael stand auf dem Wehrgang der Festung. Der Wind peitschte ihm ins Gesicht. Schnee wirbelte um ihn herum wie weiße Geister. Jasmine stand neben ihm, in einen dicken Pelz gehüllt. „Wir warten nicht länger“, sagte er. „Morgen früh brechen wir auf. Eine kleine Gruppe. Ich, du, Seraphina, fünf meiner besten Krieger. Wir finden heraus, was passiert ist.“ Jasmine nickte. „Ich komme mit.“ Er sah sie an. „Du bist schwanger.“ „Ich bin deine Luna. Und ich lasse dich nicht allein gehen.“ Er seufzte. Doch in seinen Augen lag Respekt. „Dann kommst du mit.“ Sie kehrten ins Warme zurück. Doch in dieser Nacht schlief niemand richtig. Der Morgen brach grau und stürmisch an. Der Schnee fiel so dicht, dass man kaum zehn Schritte weit sehen konnte. Die Gruppe machte sich bereit. Acht Personen insgesamt. Leichte Rüstung unter dicken Mänteln. Schwerter, Bögen, Dolche. Proviant für drei Tage. Seraphina trug zum ersten Mal ein Schwert an der Hüfte. Es war leicht, für eine Frau gemacht. Sie hatte es von einer der Kriegerinnen bekommen. „Ich kenne die Wege nach Süden besser als jeder andere“, sagte sie. „Wenn Blackthorn etwas plant… ich kenne ihre Schwachstellen.“ Kael nickte ihr zu. „Du führst uns.“ Sie brachen auf. Der Weg führte durch dichte Wälder, über vereiste Pässe, entlang schmaler Schluchten. Der Sturm ließ nicht nach. Die Welt war weiß und stumm. Nur das Knirschen des Schnees unter ihren Stiefeln und das Pfeifen des Windes waren zu hören. Am zweiten Tag fanden sie die erste Spur. Ein umgestürzter Baumstamm. Darunter ein zerbrochener Speer. Blut im Schnee. Gefroren. Dunkelrot. Einer von Kaels Kriegern kniete nieder. Berührte das Blut. „Zwei Tage alt. Vielleicht drei.“ Kael knurrte leise. „Weiter.“ Am Abend des zweiten Tages erreichten sie eine kleine Lichtung. Dort lag ein Lager. Oder das, was davon übrig war. Zelte zerfetzt. Feuerstelle kalt. Waffen verstreut. Und Körper. Vier Späher. Tot. Die Kehlen durchgebissen. Die Augen starr in den Himmel gerichtet. Jasmine presste die Hand vor den Mund. Seraphina trat vor. Sie kniete neben einem der Toten nieder. Ein junger Wolf. Kaum älter als sie selbst. „Das war kein Kampf“, flüsterte sie. „Das war ein Massaker. Sie hatten keine Chance.“ Kael untersuchte die Wunden. „Wölfe. Aber nicht nur. Hier…“ Er zeigte auf eine saubere Schnittwunde an der Seite eines Toten. „Das war eine Klinge. Silber. Vergiftet.“ Jasmine spürte, wie Kälte durch ihren Körper schoss. Nicht die des Windes. „Jemand hat sie erwartet“, sagte sie. „Jemand wusste, dass sie kommen.“ Kael richtete sich auf. „Wir lagern nicht hier. Zu exponiert. Wir gehen weiter. Zwei Stunden südlich ist eine Höhle. Dort bleiben wir die Nacht.“ Sie marschierten schweigend. In der Höhle entzündeten sie ein kleines Feuer. Kaum genug, um die Kälte fernzuhalten. Sie saßen dicht beieinander. Niemand sprach viel. Jasmine lehnte an Kael. Seine Hand ruhte schützend auf ihrem Bauch. „Ich hätte sie nicht allein schicken dürfen“, murmelte er. „Du konntest es nicht wissen.“ „Doch. Ich hätte es wissen müssen.“ Seraphina starrte ins Feuer. „Ich kenne diese Art von Angriff“, sagte sie leise. „Mein Vater… er hat so etwas früher gemacht. Gegen kleinere Rudel. Die Späher töten. Die Nachricht nicht überbringen lassen. Dann zuschlagen, wenn der Feind blind ist.“ Kael sah sie an. „Du denkst, jemand aus Blackthorn hat übernommen?“ „Nicht jemand. Etwas.“ Sie zögerte. „Es gab Gerüchte. Vor dem Duell. Mein Vater sprach von… Verbündeten. Von draußen. Wölfe, die keine Wölfe mehr sind. Die etwas anderes angenommen haben.“ Jasmine runzelte die Stirn. „Was meinst du?“ „Blutmagie. Verbotene Rituale. Sie haben alte Gräber geöffnet. Knochen ausgegraben. Etwas geweckt.“ Kael ballte die Fäuste. „Wenn das stimmt… dann sind wir nicht nur gegen ein Rudel. Sondern gegen etwas Dunkleres.“ Die Nacht war lang. Jasmine schlief schlecht. Träume von Schatten, die durch den Schnee glitten. Von Augen, die nicht menschlich waren. Von einem Lachen, das wie knirschender Frost klang. Als der Morgen kam, war der Sturm vorbei. Der Himmel klar. Kalt. Zu klar. Sie brachen auf. Gegen Mittag fanden sie die zweite Spur. Fußabdrücke. Viele. Mindestens dreißig. Sie führten nach Süden. Direkt auf Blackthorn zu. Doch etwas stimmte nicht. Die Abdrücke waren zu gleichmäßig. Zu tief. Als hätten die, die sie hinterließen, mehr Gewicht getragen. Mehr Masse. Und dann fanden sie den ersten Kadaver. Ein Hirsch. Riesig. Aufgerissen. Nicht gefressen. Nur zerfetzt. Als hätte etwas seine Wut an ihm ausgelassen. Kael kniete nieder. Schnupperte. „Nicht natürlich“, sagte er. „Das war kein Wolf. Das war… etwas anderes.“ Seraphina wurde blass. „Wir müssen umkehren“, flüsterte sie. „Das ist eine Falle.“ Kael schüttelte den Kopf. „Wenn wir umkehren, wissen sie, dass wir kommen. Dann schlagen sie zuerst zu. Bei uns zu Hause. Bei den Schwachen. Bei den Kindern.“ Jasmine legte die Hand auf seinen Arm. „Wir gehen weiter. Aber vorsichtig.“ Sie folgten den Spuren. Am späten Nachmittag erreichten sie den Rand eines Tales. Unten lag das alte Blackthorn Anwesen. Oder das, was davon übrig war. Die Türme standen noch. Doch die Dächer waren eingestürzt. Rauch stieg auf. Dünn. Schwarz. Und überall… Schatten. Gestalten bewegten sich zwischen den Ruinen. Zu schnell. Zu groß. Ihre Augen glühten rot im schwindenden Licht. Kael zog Jasmine hinter einen Felsen. „Bleibt unten“, flüsterte er. Er spähte hinüber. „Mindestens vierzig. Vielleicht mehr. Und sie sind… verändert.“ Seraphina kroch neben ihn. „Ich kenne das“, hauchte sie. „Das sind keine normalen Wölfe mehr. Sie haben das Ritual vollendet. Sie haben sich dem Schatten verschrieben.“ Kael knurrte. „Dann töten wir sie.“ Doch bevor er den Befehl geben konnte, ertönte ein Horn. Tief. Langgezogen. Von den Ruinen her. Die Schatten erstarrten. Dann wandten sie sich um. Alle auf einmal. Ihre Blicke richteten sich direkt auf den Felsen, hinter dem die Gruppe lag. Jasmine spürte, wie das Band in ihr schrie. Laut. Warnend. „Sie wissen, dass wir hier sind“, flüsterte sie. Kael zog sein Schwert. „Zurück. Langsam.“ Doch es war zu spät. Ein Heulen erhob sich. Nicht tierisch. Nicht menschlich. Etwas dazwischen. Etwas Falsches. Die Schatten setzten sich in Bewegung. Schnell. Zu schnell. „Lauft!“, brüllte Kael. Sie rannten. Durch den Wald. Über Schnee. Zwischen Bäumen hindurch. Hinter ihnen erklang das Heulen. Näher. Immer näher. Einer der Krieger stolperte. Ein Schatten sprang ihn an. Kiefer schlossen sich um seinen Hals. Blut spritzte. Kael drehte sich um. Schlug zu. Sein Schwert trennte den Kopf des Schattens ab. Doch der Körper kämpfte weiter. Blind. Rasend. „Sie sterben nicht leicht!“, rief Seraphina. Jasmine rannte. Ihre Lungen brannten. Das Kind in ihr trat. Als wollte es sagen: Schneller. Sie erreichten eine Schlucht. Schmal. Tief. „Hier entlang!“, rief Kael. Sie sprangen hinunter. Rutschten den Hang hinab. Landeten auf hartem Eis. Oben erschienen die Schatten. Sie zögerten nicht. Sprangen. Kael stellte sich schützend vor Jasmine. „Bleibt hinter mir.“ Die ersten Schatten landeten. Fielen über sie her. Kampf brach aus. Schwerter klirrten. Zähne schnappten. Blut färbte den Schnee. Jasmine zog ihren Dolch. Sie hatte ihn immer bei sich getragen. Klein. Aber scharf. Ein Schatten sprang sie an. Sie wich aus. Stach zu. Die Klinge drang in seine Seite. Der Schatten heulte auf. Doch er fiel nicht. Seraphina kämpfte neben ihr. Ihr Schwert blitzte. Sie trennte einem Schatten die Pfote ab. „Silber!“, rief sie. „Nur Silber tötet sie endgültig!“ Kael hatte bereits verstanden. Er riss einen Dolch vom Gürtel eines gefallenen Kriegers. Silberklinge. Er stach zu. Der Schatten erschlaffte endlich. Doch sie waren zu viele. Einer nach dem anderen fielen Kaels Krieger. Jasmine schrie auf, als ein Schatten sie von hinten packte. Krallen gruben sich in ihre Schulter. Schmerz explodierte. Kael brüllte. Verwandelte sich. Sein Wolf sprang vor. Biss zu. Riss den Schatten entzwei. Doch mehr kamen. Immer mehr. Jasmine spürte, wie das Band flackerte. Schwächer wurde. Nein. Nein. Sie legte die Hand auf ihren Bauch. „Nein“, flüsterte sie. Etwas in ihr erwachte. Etwas Altes. Etwas Mächtiges. Das Mal an ihrem Nacken brannte. Glühte. Goldenes Licht breitete sich aus. Die Schatten zuckten zurück. Als hätten sie Angst. Kael verwandelte sich zurück. Starrte sie an. „Jasmine…“ Sie wusste nicht, was sie tat. Sie wusste nur, dass sie nicht aufgeben würde. Sie hob die Hände. Das Licht explodierte. Ein Schrei. Nicht ihrer. Sondern der Schatten. Sie taumelten. Fielen. Verbrannten. Nicht alle. Aber genug. Die übrigen flohen. Zurück in die Ruinen. Stille kehrte ein. Jasmine sank auf die Knie. Kael fing sie auf. „Was… war das?“, flüsterte er. „Ich weiß es nicht“, antwortete sie schwach. „Aber es hat uns gerettet.“ Seraphina kniete neben ihnen. „Dein Kind“, sagte sie leise. „Es ist… anders. Stärker.“ Jasmine nickte. „Ich spüre es.“ Kael zog sie an sich. „Wir gehen nach Hause.“ Doch bevor sie aufbrechen konnten, ertönte wieder das Horn. Diesmal näher. Und eine Stimme. Tief. Kalt. Vertraut. „Ihr habt gut gekämpft“, rief sie aus den Schatten. „Aber das war nur der Anfang.“ Jasmine erstarrte. Sie kannte diese Stimme. Es war nicht Darius. Es war jemand anderes. Jemand, den sie nie erwartet hatte. Seraphina wurde kreidebleich. „Nein…“, flüsterte sie. Die Stimme lachte. „Willkommen zu Hause, Töchter.“ Aus dem Dunkel trat eine Gestalt. Groß. In einen schwarzen Mantel gehüllt. Das Gesicht halb verborgen. Doch die Augen… Sie glühten rot. Und Jasmine wusste mit plötzlicher, eiskalter Gewissheit: Das war ihre Mutter. Die Luna, die vor Jahren verschwunden war. Die alle für tot gehalten hatten. Und sie war zurückgekommen. Nicht als Verbündete. Sondern als Feind. Das Band schrie. Der Sturm zog wieder auf. Und die Dunkelheit schloss sich um sie.
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