Kapitel 2

1428 Words
Der Schrei in der Rudelverbindung war keine Warnung – es war ein Heulen voller purer, lähmender Angst. Ich kauerte mich an die raue Rinde des Baumes, während Ethans Ablehnung mir immer noch wie ein schwerer Stein auf der Brust lag. Aber die Angst, die jetzt durch den Wald schallte, war roh, ursprünglich und ansteckend. Das Moonshadow-Rudel, das noch vor wenigen Augenblicken seine zukünftige Luna gefeiert hatte, zerstreute sich plötzlich wie ein Rudel verängstigter Rehe. Die Luft war d**k von ihrer Panik und überschattete sogar den Geruch von frischem Blut, der sofort begann, den Rauch des Lagerfeuers zu verpesten. Ein Überfall. Nur ein Rudel war dafür bekannt, so schnell, so gewalttätig und so tief im Feindesgebiet zuzuschlagen. Die Crimson Claw. Angeführt von Alpha Rylan waren sie keine Räuber, sondern Schlächter. Ihre Strategie bestand nicht darin, Territorium zu erobern, sondern Bedrohungen zu beseitigen. Sie nahmen schwache Rudel ins Visier und vernichteten deren Alphas und Betas mit gnadenloser, chirurgischer Effizienz. Ich hörte den ersten Schrei eines sterbenden Wolfes und dann das widerliche Knacken eines Knochens. Das Geräusch kam von der Stelle, an der Ethan und Lia gestanden hatten, was bedeutete, dass das Kernkommando bereits angegriffen wurde. Ein dunkler Schatten, massiv und zu schnell, um menschlich zu sein, schlug zehn Meter entfernt auf die Lichtung. Es war nicht nur ein Wolf – es war ein Albtraum, der aus der Mitternacht geschnitzt war, mit einem Fell in der Farbe nasser Erde und langen, fleckigen Zähnen. Er wurde von zwei anderen flankiert, die unsere verbliebenen Wachen zerfleischten. Ethan, wo war er? Er sollte doch der große neue Alpha sein, derjenige, der uns führen würde! Durch die Bäume hindurch sah ich ihn – oder besser gesagt, seinen Wolf. Er war kleiner als sein neuer Rivale, seine Bewegungen waren hektisch und ungeschickt. Er kämpfte zwar, aber wie ein in die Enge getriebenes Tier, nicht wie ein Anführer. Er konzentrierte sich darauf, Lia zu beschützen, nicht sein Volk. Dann kam der wahre Alpha. Er rannte nicht. Er trat aus dem Dunkeln hervor, seine Stiefel knirschten auf dem Kies neben der Feuerstelle. Er war unglaublich groß, gebaut wie Granit und von Schatten umhüllt. Selbst in seiner menschlichen Gestalt war die Kraft, die von ihm ausging, eine spürbare Macht, die auf die Luft drückte und mir eine Gänsehaut bereitete. Rylan. Sein Geruch, dieser metallische, reine Ozon-Geruch, war überwältigend. Er überdeckte die schwächeren Gerüche seiner Krieger und verkündete seine vollständige Dominanz. Er trug einen schweren, dunklen Mantel, aber die Narben an seinen Händen und seinem Hals erzählten die Geschichte von tausend brutalen Schlachten. Seine Augen, die auf das Chaos gerichtet waren, das er angerichtet hatte, hatten die Farbe von kaltem Gletschereis. Er hob die Hand, und der Kampf, der zuvor eine Kakophonie aus Knurren und Schreien gewesen war, verstummte augenblicklich. Seine Krieger gehorchten ihm sofort und warteten auf seinen Befehl, das Gemetzel zu beenden. Rylan überblickte die Szene – die Verwundeten, die Toten, die panischen Überlebenden. Sein Blick blieb schließlich an der Stelle hängen, wo Alpha Ethan, geschlagen und blutend, hinter Lia kauerte. „Moonshadow“, Rylans Stimme war tief, rau und klang wie ein Todesurteil. „Du bist schwach. Deine Führung ist ein Fehlschlag. Gib dein Territorium und deinen Schatz auf, oder dein Rudel stirbt heute Nacht.“ Ethan brüllte trotzig, doch seine Stimme zitterte vor Angst. „Geh zurück in deine Berge, Rylan! Du wirst mir mein Rudel nicht wegnehmen!“ Rylan antwortete nicht mit Worten. Er antwortete mit einer Verwandlung. In einer erschreckenden Demonstration seiner Kontrolle streckte sich sein menschlicher Körper, seine Muskeln zerrissen den Stoff, und ein riesiger Wolf – der schwarze Schatten aus dem Wald – stand an der Stelle, an der zuvor der Mann gestanden hatte. Er war gut ein Drittel größer als Ethans Wolf. Der Schwarze Wolf stürzte sich auf ihn. Der Kampf dauerte weniger als eine Minute. Ein widerlicher dumpfer Schlag, ein Schmerzensschrei, und Alpha Ethan lag am Boden, blutend und gebrochen, seine Schnauze winselte Unterwerfung. Der Schwarze Wolf verwandelte sich zurück. Rylan stand über Ethan, völlig unbefleckt, mit gelangweilter Miene. „Bringt ihn in den Kerker. Die Beta-Weibchen können gegen Lösegeld freigelassen werden“, befahl Rylan kühl und nickte in Richtung Lia. Ich zitterte so heftig, dass die Baumrinde an meiner Kopfhaut kratzte. Ich war immer noch im Schatten versteckt, ignoriert, nutzlos. Das war meine Chance. Ich musste wegkriechen, mich verstecken und beten, dass die Crimson Claws den Bereich nicht absuchten. Aber als ich begann, meinen Körper schwach wegzuziehen, richtete sich Rylan auf und drehte seinen Kopf scharf in Richtung meiner Versteckstelle. Er neigte den Kopf. Seine Augen verengten sich, wanderten über die Leichen hinweg und ruhten auf mir. Unsere Blicke trafen sich über der verwüsteten Lichtung. In dem Moment, als sich unsere Blicke trafen, veränderte sich die Atmosphäre. Die Angst verschwand nicht, aber etwas anderes kam hinzu – ein stiller, intensiver, körperlicher Ruck. Es war nicht die beruhigende Wärme der Partnerbindung, die ich mit Ethan gespürt hatte. Es war wie ein blendender Blitzschlag. Es war eine so instinktive Erkenntnis, dass sie mein Gehirn völlig umging, den Kern meiner Seele traf und einen scharfen, besitzergreifenden Instinkt in Rylans Augen auslöste. Er atmete scharf ein, seine Nasenflügel blähten sich, als er den schwachen, verweilenden Duft meiner wahren Essenz wahrnahm – den Duft, der durch meine Ablehnung unterdrückt worden war. Ein Zittern durchlief seinen massigen Körper. Er sah nicht angewidert aus, sondern wütend. „Was ist das für ein Dreck?“ Sein Gedanke war wie ein Brüllen in meinem Kopf, eine völlige Verleugnung dessen, worauf sein Körper reagierte. Ich konnte nicht antworten. Die Intensität seines Blickes war ein Befehl. Mein Schmerz über die Zurückweisung flammte auf und kämpfte gegen die erschreckende, magnetische Anziehungskraft, die er auf mich ausübte. Rylan schritt auf mich zu und ignorierte die verwundeten Krieger und den sterbenden Alpha. Er blieb direkt vor mir stehen und zwang mich, meinen Kopf nach hinten zu neigen, um sein Kinn sehen zu können. Er hockte sich hin, sein Gesicht nur wenige Zentimeter von meinem entfernt, sein Geruch berauschend und absolut tödlich. Sein Blick suchte jedes Detail meines Gesichts ab und blieb auf den Tränenspuren hängen. „Du“, spuckte er das Wort wie einen Fluch aus und bestätigte damit die Verbindung, während er sie aggressiv bekämpfte. „Du bist ein Omega. Und du bist seine Ablehnung.“ Er deutete auf den geschlagenen Ethan. Er streckte eine Hand aus. Ich zuckte zurück und erwartete einen Schlag. Stattdessen packte er mein Kinn mit seinen rauen, kalten Fingern und zwang mich, seinem wütenden Blick zu begegnen. „Die Schicksalsgöttinnen spielen Spiele, die ich nicht toleriere“, knurrte er, wobei sein Wolf eindeutig die Kontrolle über seine Stimme hatte. „Du wirst nicht still sterben. Du bist meine Zeit nicht wert. Aber jetzt gehörst du mir.“ Er beanspruchte mich nicht als Gefährtin, sondern als sein Eigentum, eine letzte, grausame Beleidigung für das Moonshadow-Rudel. Rylan stand auf und zog mich mühelos mit sich. Der Schmerz in meiner Brust war unerträglich, aber sein Griff war unerbittlich. „Sie ist kein Lösegeld“, befahl er seinem engsten Beta, einem vernarbten Riesen namens Zeno. „Sie ist Kriegsbeute. Bring sie zurück zum Crimson Claw-Gelände. Sie wird in der Küche dienen, bis ich entschieden habe, was ich mit dem Omega-Dreck mache, der mein Territorium beschmutzt.“ Er warf mich in Zenos Arme, wobei das raue Leder der Rüstung des Betas meine Wange aufschürfte. Zeno drehte sich bereits um und machte sich bereit, mich wegzuziehen. Ich sah Rylan ein letztes Mal an. Er erwiderte meinen Blick, und in seinen Augen blitzte eine kalte, furchterregende Entschlossenheit auf, die mein Schicksal besiegelte. „Und Zeno“, fügte Rylan mit gefährlich leiser Stimme hinzu, „wenn sie stirbt, bevor sie meine Höhle erreicht, wirst du ihren Platz im Käfig einnehmen.“ Zenos Griff wurde fester, der Druck auf mein Handgelenk versprach Schmerzen. Als er begann, mich von dem einzigen Zuhause wegzuziehen, das ich je gekannt hatte, verschwamm meine Sicht vor Tränen und Qual. Aber es war nicht die Ablehnung, die den letzten Schmerzausbruch verursachte – es war der metallische Ozon-Geruch von Rylan, dem Feind, der plötzlich zum einzigen Geruch wurde, nach dem mein Wolf verzweifelt schrie. Und dann, als Zeno mich über das Gras zog, streifte meine Hand etwas, das halb im Dreck vergraben lag – ein seltsames, schimmerndes Stück Silber, das sich kalt auf meiner Haut anfühlte. Es leuchtete schwach, und in dem Moment, als ich es berührte, verschwand der Schmerz meiner Ablehnung für einen einzigen, schockierenden Augenblick und wurde durch ein seltsames, summendes Flüstern in meinem Kopf ersetzt. „Du bist nicht Omega. Du bist Luna.“
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