Lucifer saß im Herzstück des Strategietisches und strahlte mühelos Souveränität aus. Er war nicht nur schön; er war in furchterregender Form gegebene Perfektion, der Gipfel göttlicher Kunstfertigkeit, der selbst die versammelten Erzengel wie grobe Skizzen wirken ließ. Seine goldenen Flügel waren sein umwerfendstes Merkmal – sechs gewaltige, gewölbte Flächen aus purem, flüssigem Glanz. Sie waren nicht gefiedert wie die der anderen, sondern schienen aus erstarrtem Licht geschmiedet, das die Beleuchtung der Kammer in blendende Kronen aus prismatischem Feuer brach.
Wie der Prophet Jesaja vor Jahrtausenden in ehrfürchtiger Scheu bezeugt hatte: „Über ihm standen die Seraphim. Jeder hatte sechs Flügel: Mit zweien bedeckte er sein Antlitz, und mit zweien bedeckte er seine Füße, und mit zweien flog er.“ So war es bei Lucifer. Zwei Flügel aus gleißendem Gold waren nach vorne gezogen, verhüllten sein Gesicht – denn kein geringeres Wesen konnte die unverhüllte Herrlichkeit dieses Antlitzes ertragen und seinen Verstand bewahren. Zwei weitere strichen wie flüssige Lichtströme herab, bedeckten seine Füße – eine Geste äußerster Verachtung für den bloßen Boden Lunaels, einer Sphäre, die jeder Berührung unwürdig war. Das letzte Paar spannte sich mit unmöglicher, lässiger Anmut hinter ihm auf, ihre Spitzen streiften das gewölbte Dach, strahlten spürbare Macht aus, die in den Knochen jedes Anwesenden summte.
Seine Gewänder waren der eingefangene Ereignishorizont sterbender Sterne – herabstürzende Dunkelheit, durchsetzt mit gewalttätigem Licht. Seine Gestalt war perfektionierte göttliche Geometrie: Wangenknochen scharf genug, um die Realität zu schneiden, ein Kinn, von himmlischen Winden gemeißelt, Lippen eine Kurve aus gefrorenem Quecksilber, die Ekstase und Vernichtung versprachen. Doch seine Augen übten die Herrschaft aus. Zwei Singularitäten. Becken absoluter Dunkelheit, die das wütende Licht kollabierter Sterne enthielten. Hineinzublicken hieß, die Geburt und den Tod von Universen zu bezeugen. Er war Heiligkeit und Schrecken, untrennbar verbunden. Und er war zutiefst, vollkommen gelangweilt.
Er beobachtete ihre göttlichen Wortgefechte – Michaels Getöse, Gabriels Flehen, Samaels Wut, Raphaels Berechnungen – nicht mit Anteilnahme, sondern mit der eiskalten Leidenschaftslosigkeit eines Gottes, der Insekten beobachtet, die vor einem Sturm hin und her huschen. Seine perfekten Finger ruhten leicht auf seiner Sitzgelegenheit (ein schmuckloses Ding, das dennoch ein Thron war).
Nur das langsame Gleiten seines Daumens entlang einer Armlehne verriet Bewegung – eine Geste äußerster Gleichgültigkeit. Sein Schweigen war nicht passiv; es war eisige Verachtung, ein erdrückendes Gewicht auf dem hektischen Chaos. Er wartete. Auf etwas, das seiner unendlichen Aufmerksamkeit würdig war. Oder vielleicht einfach darauf, dass die Farce endete.
Der Rat versank weiter in Zwietracht. Die Stimmen der Erzengel erhoben sich, überlappten sich, widersprachen sich, angetrieben von Angst und Stolz. Die geringeren Wesen schwankten wie Schilf im Sturm:
„Michael hat recht! Schlagt jetzt zu!“ rief eine junge Fürstenschaft nahe der Front, ermutigt durch die Wut des Befehlshabers.
„Nein, Gabriel versteht die Kosten! Sucht den Schöpfer!“ widersprach eine Tugend in der Nähe und rang die Hände.
„Uriel verlangt Vernunft! Wir müssen wissen!“ stimmte eine Herrschaft zu und nickte zu den Gnomen, die ihm zustimmten.
„Samaels Feuer reinigt! Lasst ihn die Grube brennen!“ schrie eine andere Fürstenschaft, gefangen im Eifer des Giftes Gottes.
„Raphaels Plan ist weise! Verbündete teilen die Last!“ erklärte ein Elfenbotschafter und versuchte, entschlossen zu klingen.
„Aber Chessia warnt vor Fallen! Wir müssen listig sein!“ murmelte ein Seraph und sah beunruhigt aus.
„Untergang! Untergang kriecht durch die Wurzeln!“ stöhnte der Baumwesen erneut, seine Stimme ging im Lärm unter.
Die Nixen-Botschafterin gebärdete verzweifelt, ihre Nachricht ging verloren. Das Einhorn schritt auf und ab, sein Horn flackerte unregelmäßig.
Lächerlich. Einfach… lächerlich. Ein Haufen Clowns, die am Rand der Klippe streiten, während der Grund unter ihren Füßen bröckelt. Ein abgestandener, beißender Geschmack der Enttäuschung legte sich auf meine Zunge. Das war die Verteidigung des Himmels? Diese Hände formten die Ewigkeit?
Götter, waren sie laut. Einfach… endloser Lärm. Wie rostige Scharniere, die quietschen. Es war egal, wer recht hatte. Nur verschwendeter Atem, während das wirkliche Problem ihnen zu Füßen ausblutete.
Ich hob einfach einen einzigen Finger. Wie ich es tausend Mal in der Zitadellenakademie des Himmels getan hatte, um das pompose Geschwafel eines Lehrers zu unterbrechen.
Dann hörte ich meine Stimme durch den Lärm schneiden. Nicht laut. Nicht wütend. Einfach sachlich. Klar. Wie ein rostiges Messer, das auf Beton fällt:
——„Warum bringen wir ihn nicht einfach um?“
Die Stille war augenblicklich. Absolut. Schockierend. Es fühlte sich an, als hätte das Universum selbst scharf und erschrocken Luft geholt.
Jedes göttliche Haupt fuhr herum zur Quelle: mich. Der niedrigste Kadett Primus, erstarrt auf dem kalten Mondstein der letzten Reihe. Götter und Augen, göttlich und sterblich, funkelten mit Unglauben, Empörung oder schierer Verblüffung.
Stille. Völlige Regungslosigkeit erstickte den Saal.
Gabriels blaue Augen hefteten sich weit aufgerissen auf mich. Uriels Flammen flackerten wild. Samael knurrte, seine Wut brach ab. Die Nixen-Botschafterin erstarrte, eine Perle krampfhaft umklammert. Das Einhorn hielt an, beobachtete.
Sogar Lucifers Daumen, der seine Thronlehne nachzeichnete, erstarrte.
Er blickte auf. Langsam. Sein Blick heftete sich auf mich. Wartete.
Michael fand als Erster seine Stimme, ein Schrei purer, beleidigter Empörung. „WAS?!“
Er schneller auf die Füße, seine Platin-Plattenrüstung kreischte. „Wer wagt es?! Dies ist der Rat der Ersten Sphäre! Keine Kinderstube für Frischlinge! WACHE! Entfernt diesen… diesen frechen Funken sofort!“ Er deutete mit einem gepanzerten Finger wie mit einem Speer auf mein Herz. Die junge Fürstenschaft, die ihn unterstützt hatte, keuchte und wich zurück.
Gabriel fuchtelte mit den Händen, echte mütterliche Panik kämpfte mit himmlischem Protokoll. „Oh, liebes Licht da oben! Ein Kind? Verirrt in diesem Grauen? Schnell, jemand, bitte! Begleitet diesen Jungen zurück in die Akademiegärten! Solche Anblicke, solche Worte… sie sind nicht für unschuldige Ohren!“ Sie machte einen Schritt auf den g**g zu, echte Bestürzung im Gesicht. Die Tugend, die ihr zugestimmt hatte, nickte heftig.
Raphael, der Stratege, bewegte sich nicht. Seine scharfen, diamantenen Augen verengten sich, erkannten sofort das Abzeichen an meiner schlichten Tunika – die zwei verschlungenen Sterne des Kadett Primus. Ein Aufblitzen echter Überraschung, schnell maskiert durch intensives Kalkül, glitt über sein heiteres Gesicht. „Halt,“ sagte er, seine Stimme schnitt durch Michaels Getöse. „Dieses Abzeichen… Kadett Primus Asbeel. Der gewählte Vertreter der Akademie. Er hat ein Recht, hier zu sein.“ Sein Blick strich über mich, bewertete neu, sondierte. „Obwohl die Art seines Beitrags… unerwartet ist.“
Uriel schnaubte, ein Geräusch wie mahlende Kontinente. Flammen leckten höher um seine Obsidiangestalt. „Vertreter? Sie schicken einen Frischling, der rücksichtslosen Mord als Strategie von sich gibt? Ist das die Krone der Schöpfung, die die Zitadelle nun hervorbringt? Das erklärt den beklagenswerten Zustand unserer Grenzpatrouillen! Schick ihn zurück, Raphael. Sein Platz ist bei Schriftrollen, nicht bei Strategie!“
Samael starrte nur, seine Wut momentan gebremst von schierem Erstaunen. Er musterte mich von Kopf bis Fuß, sein Ausdruck einer völligen Verachtung, wie ein Löwe, der eine Maus untersucht, die es gewagt hatte zu brüllen.
Ich ignorierte den Sturm der Reaktionen – die empörten Luftholser, die aufblitzenden Auren, die ängstlichen Flüster aus der Versammlung, die deutenden Finger – und stand auf. Langsam. Vorsätzlich. Der kalte Mondstein unter meinen Stiefeln fühlte sich solide an, erdend. Das Gewicht ihrer Blicke, göttlich und sterblich, drückte nieder wie eine physische Kraft, doch es war nichts im Vergleich zu dem fokussierten, vernichtenden Druck von Lucifers Blick. Ich sah den Erzengeln, die gesprochen hatten, in die Augen: Gabriels fehl am Platz, erdrückendes Mitgefühl; Michaels stumpfe, vorhersehbare Wut; Raphaels seidene, ausweichende Manöver; Uriels starre, lähmende Vorsicht; Samaels wahnsinniger, zerstörerischer Zorn. Ich sah ihre Fehler offen liegen, ihre Strategien unter dem Gewicht der Krise zerbröckeln. Sie waren Staub. Lärm. Unwürdig der Macht, die sie hielten.
Dann drehte ich mich. Vollständig. Mein Blick verfing sich an der einzigen Macht, die in diesem Raum, dieser Sphäre, vielleicht diesem Universum von Bedeutung war. Ihm.
Lucifers Ausdruck blieb eine undurchschaubare Maske aus gefrorener, furchterregender Perfektion. Die Flügel, die sein Gesicht und seine Füße bedeckten, schienen mit zunehmendem Glanz zu leuchten, betonten seine Abgeschiedenheit, seine unerträgliche Heiligkeit. Doch die Sterne in seinen Augen? Sie brannten nun. Nicht vor Wut, spürte ich, sondern vor etwas weit Gefährlicherem: reiner, unverfälschter Neugier. Der Daumen auf der Armlehne zuckte, fast unmerklich. Er beugte sich vor – das winzigste Bisschen – doch in diesem gewaltigen Saal, auf ihn fokussiert, schrie diese Bewegung durch die Ewigkeit. Die Luft wurde gespannt, geladen. Die sechs Flügel schienen von zurückgehaltener Macht zu summen. Jesajas Vision hallte nach: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen…“ doch hier war die Heiligkeit von furchterregender Erwartung gesäumt.
Ich sprach, meine Stimme schnitt den Schock wie eine Klinge: „Eure Strategien zerbröckeln. Eure Debatten sind verlorene Spatzen. Ihr greift nach Phantomen, während der Abgrund steigt.“ Mein Blick strich abfällig über die Erzengel. „Michael sucht den Krieg mit verbundenen Augen. Gabriel sucht Trost in Fesseln. Raphael sucht Verbündete ohne Rückgrat. Samael sucht Blut ohne einen Gedanken.“
Meine Konzentration schnappte laserartig zurück zu Lucifer. Ich machte einen einzigen Schritt nach vorn. Das Geräusch hallte nach wie ein zufallendes Grab.
„Ich benötige nur eine Sache von dir, Morgenstern.“ Meine Stimme sank, kälter, klarer. Ich hob meine Hand. Mein Zeigefinger, so stabil wie ein Speer, deutete direkt, unerschrocken, auf die Mitte des verhüllten Gesichts des Lichtbringers.
Das Keuchen riss durch die Versammlung. Michael würgte. Gabriel schrie auf. Azazel trat vor. Chessias Atem stockte. Samael sah apoplektisch aus. Die Spannung knisterte und zischte. Alle Augen waren auf mich und Ihn gerichtet.
Lucifer blieb regungslos. Die Sterne in seinen Augen flammten supernova-hell auf. Die Luft vibrierte vor Vernichtung… oder etwas anderem.
Ich sprach die letzten Worte, das Gelübde fiel wie das Beil eines Henkers, scharf, unwiderruflich:
„Gib mir nur ein Zehntel deiner Legion – nichts mehr. Ich werde diesen Bael in drei Tagen bezwingen. Oder nimm meinen Kopf.“