Kapitel 3:Lucifers Zustimmung

1154 Words
Noch bevor mein letztes Wort verklungen war, erstarb die Luft selbst. Ich sah es zuerst in ihren Augen – eine Welle puren, unverfälschten Schreckens, die über das Mondbastion schwappte, als mein Finger, so stabil wie eine Speerspitze, auf Lucifer Morningstars verhülltes Gesicht zeigte. Wahnsinn. Vernichtung. Der Morgenstern wird ihn auslöschen! Der Gedanke riss durch sie hindurch. Ein Gnom fiel wie ein Stein um. Die Sphäre der Nixen-Botschafterin krampfte. Die Blätter der Dryade welkten zu smaragdgrünem Staub. Das Einhorn schrie, sein Horn loderte. Das Stöhnen des Baumwesens hallte nach wie brechender Berg. Der Morgenstern wird ihn auslöschen, und uns mit ihm! Die Erzengel reagierten mit vorhersehbarer, doch heftig unterschiedlicher, Bestürzung. Michael brüllte, diesmal nicht in gerechtem Zorn, sondern in schierer, beschützender Panik. Seine Plattenpanzerung kreischte, als er vorwärts stürmte, eine massive Hand ausstreckte, als wolle er die Gotteslästerung physisch zurückreißen. "UNVERSCHÄMTER ELENDER! Wagst du es?! Wache! Nehmt ihn fest! Fesselt ihn! Stoßt ihn in die Leere, bevor er uns alle verbrennt!" Gabriel keuchte, ein Geräusch wie zerspringender Kristall. Ihre dämmerfarbenen Gewänder schienen zu erlöschen. Instinktiv bewegte sie sich auf Lucifer zu, nicht um mich zu schützen, sondern vielleicht um sich einzuklinken, um Gnade zu flehen... für alle. "Morgenstern! Ich flehe dich an! Er ist doch nur ein Frischling! Seine Worte sind Wahnsinn, der aus der Jugend geboren ist! Verschont ihn! Verschont diese Sphäre!" Uriels Obsidiangestalt schien sich zusammenzuziehen, seine inneren Flammen wurden zu einer kalten, tödlichen Blaufärbung. "Gotteslästerung fordert Auslöschung. Sein Haupt ist verwirkt. Es soll als Lehre dienen." Seine mahlende Stimme bot kein Pardon, nur die kalte Kalkulation göttlicher Gerechtigkeit. Die Engel, die ihm zugestimmt hatten, nickten heftig, ihre Augen weit vor Angst. Raphael jedoch bewegte sich nicht, um aufzuhalten oder zu verurteilen. Ein Aufblitzen von etwas Kaltem und Berechnendem ersetzte die heitere Maske. Er lehnte sich leicht in seinem Sitz zurück, formte erneut einen Dachfirst mit seinen Fingern. Seine scharfen Augen huschten zwischen meiner trotzigen Haltung und der furchterregend reglosen Gestalt Lucifers hin und her. Ein schwaches, fast unmerkliches Lächeln berührte seine Lippen. "Eine einzigartige Lösung bietet sich an," murmelte er, seine Stimme glatt wie vergiftetes Öl. "So oder so löst sich das Problem. Faszinierend." Er beobachtete ein Experiment, das sich entfaltete, und sah dem Ergebnis mit distanziertem Interesse entgegen. Samael starrte, sein früherer Zorn momentarily ersetzt durch ungläubiges Staunen. Dann grinste er wild. "Narr! Herrlicher, selbstmörderischer Narr! Lasst ihn es versuchen! Lasst ihn mit seinem erbärmlichen Häuflein in die Grube marschieren! Ich will zusehen, wie die Würmer schmausen!" Chessias Lächeln kehrte zurück, nun breiter, mit echtem, raubtierhaftem Amüsement gesäumt. "Oh, der Mut... oder die Dummheit. Es spricht zu mir. Lasst ihn seine Zinnsoldaten haben, Morgenstern. Die Schau wird... exquisit sein." Beelzebub summte nur, leise und grimmig. "Ein Zehntel? Gegen Bael? Das ist keine Kriegerschar; das ist eine Opfergabe. Ein Happen." Doch Lucifer? Regungslos. Völlig regungslos. Nicht ein Hauch bewegte seine gleißenden Flügel. Die Schleier über seinem Gesicht und seinen Füßen brannten heller, schnitten ihn aus Schatten und gebändigtem Feuer heraus. Sterne starben kalt in seinem Blick. Diese winzige Vorbeugung hielt an, zusammengerollt. Sein Daumen hielt inne. Absolute Stille. Absolute Macht. Absolute Urteilsverkündung. Er sprach. Kein Gebrüll. Kein Dekret. Nur eine Stimme, sachlich und klar, wie ein Stein, der in einen bodenlosen Brunnen fällt. Sie schnitt durch den erdrückenden Schrecken, als wäre er nicht vorhanden. "Sehr wohl." Zwei Worte. Einfach. Endgültig. Ein kollektives Luftholen, scharf und ungläubig, riss durch den Saal. Erleichterung kämpfte mit völliger Betäubung. Er stimmte zu? ER STIMMTE ZU?! Lucifer fuhr fort, auf mich fixiert, obwohl seine Worte an die Versammlung gerichtet waren. "Kadett Primus Asbeel." Mein Name klang fremd auf seinen Lippen, entkleidet von Rang, entkleidet von Kontext, reduziert auf eine simple Bezeichnung. "Du forderst ein Zehntel meiner Legion. Du sollst die Dümmlicht-Kohorte erhalten." Eine Welle entsetzter Wiedererkennung ging durch die erfahreneren Engel. Michaels Gesicht erbleichte unter seinem Helm. Raphaels berechnende Maske rutschte, enthüllte echten Schock. Uriels Flammen flackerten unregelmäßig. Selbst Samael schien momentarily betreten. Azazels Lippen wurden schmal. "Die Dümmlicht?" flüsterte Gabriel, ihre Stimme zitterte vor Unglauben. "Aber Morgenstern... diese Kohorte ist kaum..." Lucifers Dümmlicht-Kohorte. Es war nicht nur ein Zehntel; es war arguably das schlechteste Zehntel. Veteranen, ja, aber Veteranen verheerender Feldzüge, Überlebende beinahe-Auslöschungen, eine Einheit, die mehr für ihre grimmige Ausdauer und schwindelerregenden Verluste bekannt war als für glorreiche Siege. Sie waren Garnisonstruppen, Strafkommando, diejenigen, die entsandt wurden, um die trostlosesten, hoffnungslosesten Außenposten zu halten. Sie mir zu geben war nicht nur eine gewährte Bitte; es war die Vorbereitung auf einen spektakulären, unvermeidlichen Fehlschlag. Ein Todesurteil, eingewickelt in den dünnsten Anstrich von Gelegenheit. "Drei Tage," stellte Lucifer fest, die Worte fielen wie letzte Steine, die ein Grab versiegeln. "Beginnt bei Tagesanbruch. Ihr findet sie angetreten auf den Aschenfeldern des dritten Kasernenrings." "Ich erwarte deinen Sieg. Oder deinen Kopf." Dann, ohne ein weiteres Wort, ohne einen Blick auf die verblüffte Versammlung, war Lucifer, der Morgenstern, einfach... nicht mehr. Seine sechs Flügel aus flüssigem Glanz falteten sich mit unmöglicher Geschwindigkeit nach innen, nicht wie ein Vogel, der abhebt, sondern wie Licht, das erlischt. Eben noch war er der furchterregende Mittelpunkt des Universums; im nächsten Moment blieben nur der schwache Geruch von Ozon und der nachwirkende Druck seiner Präsenz zurück. Er war abgereist und hinterließ das nachhallende Vakuum seiner Entscheidung. Der Damm brach. Lärm brach aus – Rufe des Unglaubens, Schreie des Entsetzens, hektische Fragen, die Dryade weinte offen. Michael hämmerte seine Faust erneut auf den gesprungenen Tisch, brüllte von Wahnsinn und Verderben. Gabriel stürzte auf mich zu, ihr Gesicht eine Maske qualvollen Mitleids. "Kind! Was hast du getan? Die Dümmlicht? Gegen Bael? Es ist unmöglich! Widerrufe! Flehe den Morgenstern um Gnade an!" Uriel funkelte mich an, seine kalten blauen Flammen leckten höher. "Gnade ist irrelevant. Er hat seinen Pfad gewählt. Lasst ihn ihn bis zu seinem unvermeidlichen Ende gehen." Raphael hatte seine Fassung wiedererlangt, das schwache Lächeln war zurück. "Ein faszinierendes Wagnis, Kadett Primus. Die Odds sind... astronomisch. Ich werde mit großem Interesse beobachten." Er verneigte sich leicht, spöttisch. Samael warf den Kopf zurück und lachte, ein rohes, kratzendes Geräusch. "Dümmlicht! Ha! Perfekt! Ich bring Popcorn zum Z Zuschauerportal! Genieße die Grube, kleiner Funke!" Azazel blieb stumm, beobachtete mich mit diesem beunruhigenden, analytischen Blick. "Drei Tage," sagte er schließlich, seine Stimme ein kaltes Flüstern, das Samaels Gelächter durchschnitt. "Ein interessanter Zeitrahmen. Kalkuliert, oder bloß Draufgängertum?" Ich ignorierte sie alle – das Mitleid, die Verdammung, den Spott – und drehte mich um. Die Blicke der geringeren Wesen folgten mir, eine Mischung aus Ehrfurcht und Entsetzen, als wäre ich eine wandelnde Leiche, bereits für den Abgrund markiert. Die Nixen-Botschafterin drückte ihre leuchtende Perle gegen das Glas ihrer Sphäre, ihre großen Augen weit aufgerissen. Das Einhorn schnaubte, warf den Kopf, sein Horn erlosch. Ich ging durch den gewaltigen Saal, das Geräusch meiner Stiefel auf dem Mondstein das Einzige Stetige in dem Wirbelsturm himmlischer Panik. Das Gewicht der unmöglichen Aufgabe lastete kalt und schwer auf meinen Schultern, aber es war ein Gewicht, das ich gewählt hatte. Das Lauffeuer in mir brannte heller.
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