Ich stieß gerade mit Kimberly im Restaurant auf den gemeinsamen Abend an, als ein leises Raunen durch die Menge ging. Irgendetwas hatte die Aufmerksamkeit der Gäste gefesselt. Kimberly verschluckte sich fast an ihrem Weißwein und tippte mich schnell an: "Olivia, dreh dich schnell um, aber starr nicht zu sehr."
"Was ist los?", fragte ich leise und runzelte die Stirn, während ich mich langsam umdrehte. In dem Moment sah ich ihn – einen Mann, dessen bloßer Anblick mir die Kehle trocken legte und mein Herz schneller schlagen ließ. Er war groß, mindestens einen Meter neunzig, gekleidet in einen makellos maßgeschneiderten Anzug in tiefem Grau, ergänzt von einer dunkelblauen Krawatte. Sein schwarzes Haar lag perfekt, und ein sauber getrimmter Drei-Tage-Bart umrahmte sein Gesicht. Seine wohlgeformten Augenbrauen verstärkten die Intensität seines Blickes, und ein kaum merkliches, aber unwiderstehliches Lächeln spielte um seine Lippen.
Er bewegte sich mit einer eleganten Selbstsicherheit, nickte höflich den Gästen zu, während zwei große Männer, die nur Bodyguards sein konnten, wie Schatten hinter ihm hergingen. Alles an ihm schrie nach Macht, Kontrolle und einer geheimnisvollen Anziehungskraft, die mich unwillkürlich in ihren Bann zog. Als er näherkam, wagte ich es kaum, meinen Blick zu heben, doch im Bruchteil eines Moments trafen sich unsere Augen.
Es war, als hätte ein Blitz eingeschlagen. Seine tiefbraunen, beinahe schwarzen Augen schienen direkt in meine Seele zu sehen, eine Berührung ohne Worte, die mich elektrisierte. Mein Atem stockte, und bevor ich es verhindern konnte, kaute ich nervös auf meiner Unterlippe. Sein Blick verdunkelte sich einen Augenblick lang, und ich hörte, wie er scharf die Luft einzog, bevor er sich wieder fasste und weiterging, seine Präsenz wie ein Schatten über den Raum werfend. Er verschwand im hinteren Bereich des Restaurants, wo er sich mit zwei weiteren Männern an einen diskreten Tisch in einer Nische setzte.
Mein Teller stand beinahe unangetastet vor mir, doch ich konnte kaum einen Bissen hinunterbringen. Meine Gedanken kreisten unaufhörlich um diesen Moment. "Kimberly, weißt du, wer das ist?" Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, und ich sah sie nicht an, während ich meinen Blick stur auf mein Essen richtete.
Kimberly hob eine Augenbraue und grinste verschwörerisch. "Hast du auch so eine Gänsehaut bekommen? Das ist Alessandro Venturi. Dem Typ gehört das Hotel. Und ja, verdammt, sieht der gut aus. Aber weißt du, was mich gerade fast umgehauen hat? Wie er dich angesehen hat, Olivia. Das war nicht normal. Das war wie aus einem verdammten Film."
Ich schüttelte langsam den Kopf, meine Gedanken wirr und ungläubig. „Er hat mich angesehen? Vielleicht hat er dich gemeint. Warum sollte ein Mann wie er…“ Doch meine Stimme verlor an Überzeugung, als ich mich wieder daran erinnerte, wie dieser Blick mich durchbohrt hatte. Mein ganzer Körper war von einem Prickeln erfüllt, das sich nicht abschütteln ließ.
Kimberly lehnte sich entspannt zurück, ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen. „Oh, er hat dich angesehen, und das mit einer Intensität, als würde er dich aus einem Buch lesen. Hör mal, Venturi ist bekannt dafür, dass er ein Auge für außergewöhnliche Menschen hat. Und ich glaube, du bist ihm direkt aufgefallen.“
Ihr spielerisches Lächeln sollte mich beruhigen, doch stattdessen entfachte es nur das Chaos in meinem Kopf. Alessandro Venturi. Sein Name hallte in mir wider, ein dunkles Versprechen, das sich festsetzte und mich in eine süße Unruhe stürzte.
„Das glaube ich kaum“, sagte ich abwehrend, auch wenn ein Teil von mir genau das hoffen wollte. Ich versuchte, mich auf mein Essen zu konzentrieren, doch die Gabel zitterte leicht in meiner Hand. Warum sollte jemand wie Alessandro Venturi sich für mich interessieren?
„Weißt du, was ich gehört habe?“, fuhr Kimberly fort und beugte sich verschwörerisch über den Tisch. „Er hat dieses Jahr mehrere neue Hotels weltweit eröffnet, aber sein eigentlicher Fokus liegt auf dem Ausbau einer neuen Luxusreihe. Es heißt, er ist auf der Suche nach einem besonderen Konzept, das noch niemand zuvor gewagt hat.“
Ich nickte, auch wenn ich nicht sicher war, wie das mit mir in Verbindung stehen könnte. Vielleicht hatte er mich lediglich wahrgenommen, weil ich genauso wie alle anderen im Raum auf ihn aufmerksam geworden war. Und dennoch, da war etwas in seinem Blick gewesen, etwas, das nicht leicht zu ignorieren war.
Unser Abendessen zog sich dahin, und ich bemühte mich, das Thema zu wechseln. Wir unterhielten uns über alles Mögliche, von Arbeit bis zu den neuesten Modetrends. Doch immer wieder schweifte mein Blick unweigerlich zu der Ecke des Restaurants, wo Alessandro nun mit seinen Begleitern saß und in ein tiefes Gespräch vertieft war.
„Vielleicht solltest du ihm einfach Hallo sagen“, schlug Kimberly scherzhaft vor, während sie ihren Teller zur Seite schob und sich zurücklehnte.
Ich schüttelte den Kopf. „Bist du verrückt? Was soll ich ihm sagen? ‚Hallo, ich habe dich angestarrt, weil du faszinierend bist‘?“
Kimberly lachte. „Das könnte funktionieren. Vielleicht ist er genau der Typ, der das schätzt.“
Wir lachten beide, aber in mir wuchs der Gedanke. Was, wenn ich wirklich einfach zu ihm hingehen könnte? Was hätte ich zu verlieren? Doch als der Abend weiterging, blieb ich auf meinem Platz, zu unsicher, um den ersten Schritt zu wagen.
Am Ende des Abends zahlten wir unsere Rechnung und machten uns auf den Weg nach draußen. Als wir an der Ecke des Restaurants vorbeikamen, in der Alessandro saß, konnte ich nicht widerstehen, einen letzten Blick zu werfen. Er saß immer noch dort, ein Glas in der Hand, und ich spürte, wie seine Augen mich fanden, wie ein stilles Band, das uns für einen Atemzug verband. Sein Blick war ruhig, unergründlich, und doch brannte darin eine Glut, die ich nicht deuten konnte.
Ein kaum merkliches Lächeln huschte über seine Lippen, nicht mehr als ein Hauch von Anerkennung, und ich spürte, wie mein Herz rebellisch schneller schlug, wie ein unkontrollierbares Flattern in meiner Brust. Ich erwiderte sein Lächeln sanft, meine Bewegungen mechanisch und doch seltsam bedeutungsschwer, bevor ich mich von seiner Aura löste und hinaus in die kühle Nacht trat. Die Luft war frisch, doch ich fühlte die Hitze in meinem Inneren – ein stilles Echo seines Blicks, das mich noch lange verfolgen sollte.
Ich wollte eigentlich nur noch nach Hause und nicht noch in eine Bar gehen. Der Abend war nett gewesen, aber die Vorstellung, mich jetzt noch unter Menschen zu mischen, war nicht sonderlich verlockend. Kimberly hingegen war etwas zerknirscht. Sie hatte sich extra für den Abend in Schale geworfen, trug ein neues Kleid, das sie unbedingt der Welt präsentieren wollte, und ihre Enttäuschung war nicht zu übersehen.
„Komm schon, Olivia“, versuchte sie es noch einmal. „Nur ein Drink. Es wird Spaß machen, versprochen!“ Ihre Augen glänzten hoffnungsvoll, doch ich schüttelte den Kopf.
„Ich bin wirklich müde, Kimberly. Aber geh ruhig ohne mich. Ich bin sicher, du wirst einen tollen Abend haben“, sagte ich mit einem aufmunternden Lächeln. Kimberly seufzte theatralisch, aber schließlich ergab sie sich.
„Na gut“, meinte sie und zuckte mit den Schultern. „Dann rufe ich mal Sofia an. Vielleicht hat sie Lust.“
Nachdem sie ihre Freundin angerufen hatte und die beiden sich verabredet hatten, machte ich mich auf den Weg zur U-Bahn. Die Fahrt nach Hause war ruhig, die Waggons waren nur spärlich besetzt. Es war ein kühler Abend, und ich zog meinen Mantel enger um mich, während die Stadt an mir vorbeizog.
In unserer gemeinsamen Wohnung angekommen, ließ ich meine Schuhe an der Tür stehen und streifte die Kleidung des Tages ab. Ein bequemer Pyjama war jetzt genau das, was ich brauchte. Ich machte es mir auf dem Sofa bequem und schaltete den Fernseher ein, um mich von den Gedanken des Tages abzulenken.
Ich hatte es versucht, wirklich. Doch so sehr ich mich bemühte, meine Gedanken schweiften immer wieder ab. Unaufhörlich landete ich bei dem Mann, den wir im Restaurant gesehen hatten. Alessandro Venturi. Sein Name war wie ein Echo in meinem Kopf, sinnlich und kraftvoll zugleich. Wie konnte ein einziger Blick eines Fremden so tiefe Spuren in mir hinterlassen? Seine tiefbraunen Augen hatten mich regelrecht gefangen genommen. Es war, als hätten sie mich durchbohrt, bis in die verborgensten Winkel meiner Seele. Dieses Gefühl, das sie in mir ausgelöst hatten, ließ sich einfach nicht abschütteln.
„Verdammt, Olivia, reiß dich zusammen“, murmelte ich und fuhr mir mit den Händen durch die Haare. Aber die Worte klangen hohl. Wie sollte ich mich zusammenreißen, wenn dieser Mann mir den Boden unter den Füßen weggezogen hatte, ohne auch nur ein Wort mit mir gewechselt zu haben? Es war absurd, sich so sehr von einem Fremden beeinflussen zu lassen. Und doch war da diese flammende Neugier, diese unbändige Anziehungskraft, die ich nicht leugnen konnte.
Der Fernseher lief vor mir, eine Serie, die ich eigentlich mochte. Doch die Bilder verschwammen vor meinen Augen. Alles verblasste gegen die Erinnerung an ihn. Was war es nur, das mich so an ihm fesselte? Seine souveräne Präsenz, die ihm eine fast greifbare Macht verlieh? Diese geheimnisvolle Aura, die ihn umgab, als wüsste er Dinge, die für andere unsichtbar blieben? Oder war es schlicht der magnetische Widerspruch zwischen seiner Eleganz und dem Versprechen von Gefahr in seinem Blick?
Mit einem tiefen Seufzen griff ich nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. Vielleicht war es einfach der Stress des Tages, sagte ich mir. Vielleicht war meine Fantasie nur überreizt, meine Sinne überfordert. Morgen würde ich klarer sehen, ganz bestimmt. Zumindest versuchte ich, das zu glauben.
Doch als ich schließlich im Bett lag, war da wieder sein Gesicht. Ich konnte es nicht verdrängen. Diese Augen – dunkel, tief, voller Rätsel. Was wäre, wenn ich ihm wieder begegnen würde? Würde er sich an mich erinnern? Hatte unser Blick für ihn auch nur den Hauch von Bedeutung gehabt, den er für mich besaß? Die Gedanken ließen mich nicht los. Sie drehten sich wie ein endloser Strudel, der mich mit sich riss, bis ich schließlich in einen unruhigen Schlaf sank. Und selbst dort fanden mich seine Augen wieder, verfolgten mich, zogen mich in eine Welt, die ich nicht verstand, die mich aber mit einer Mischung aus Furcht und Verlangen erfüllte.