Blutnacht
Neapel, Mitternacht. Der Regen glänzt auf dem Kopfsteinpflaster wie schwarzes Glas. In einem leerstehenden Opernhaus am Rande der Altstadt spielt ein einzelner Lautsprecher leise Verdi – „Dies Irae“. Der perfekte Rahmen für ein Treffen, das nicht hätte stattfinden dürfen.
Lupo lehnt an einem Säulenpfeiler im Schatten, die Hände in schwarzen Lederhandschuhen gefaltet, sein Blick kalt, lauernd. Er weiß, dass sie kommen wird. La Serpente hat ihn eingeladen – und Lorenzo wusste schon immer, dass es eines Tages so enden würde: zwischen ihnen. Nicht in einem Bett. Nicht mit einem Kuss. Sondern mit einem Dolch. Vielleicht zwei.
Doch als Isabella die Halle betritt, barfuß, in einem schwarzen Seidenkleid, das an ihr klebt wie Gift, erstirbt die Musik. Ihre grünen Augen finden seine. Kein Lächeln. Nur der stumme Krieg, der zwischen ihnen seit Jahren tobt.
„Du hast ihn getötet“, sagt sie leise, beinahe zärtlich.
Lupo neigt den Kopf. „Er war ein Risiko. Und ich mag keine Risiken.“
Sie kommt näher, langsam, wie eine Katze. „Es war mein Bruder.“
Schweigen. Die Luft zwischen ihnen ist d**k wie Blut. Sie war die Einzige, die ihn je herausfordern konnte. Die Einzige, die verstand, wie man ein Imperium regiert – nicht mit Gewalt, sondern mit dem Versprechen davon.
„Du hast gewusst, was das bedeutet“, sagt Lorenzo, jetzt näher bei ihr. „Du bist zu mächtig geworden. Du hast mir keine Wahl gelassen.“
„Du hattest eine Wahl, Lupo.“ Ihre Stimme bricht fast – fast. „Aber du bist eben doch nur der Sohn deines Vaters.“
Ein Dolch blitzt in ihrer Hand. Er weicht nicht zurück. Stattdessen legt er seine Hand auf ihre Wange, langsam, unerwartet zärtlich. „Wenn du mich tötest, wird alles brennen. Ich bin der letzte, der dich noch versteht, Isabella.“
Ein Moment. Ihre Augen flackern – Schmerz, Wut, Verlangen. Und dann:
Sie küsst ihn.
Hart, verzweifelt. Zwei Raubtiere, die nur im Kampf Nähe finden können. Dann stößt sie ihn zurück – aber sie tötet ihn nicht. Noch nicht.
Stattdessen flüstert sie: „Ein Krieg wird kommen. Und ich werde tanzen auf den Trümmern deines Thrones.“
Er lächelt. Zum ersten Mal. „Dann trag ein Kleid, das passt zum Blut.“
Als sie verschwindet, bleibt nur der Duft von Schlangengift und Sehnsucht zurück. Der Wolf steht allein im Schatten. Doch sein Herz schlägt – schneller, als es sollte.