Schwarze Ränke

519 Words
Drei Wochen später. Ein Penthouse hoch über Palermo. Der Sonnenuntergang blutet durch die Glasfront, und die Stadt unter ihnen ahnt nichts von dem Krieg, der heraufzieht. Isabella steht vor dem Fenster, ein Glas Rotwein in der Hand, das schwarze Kleid wie ein Schleier aus Schatten. Hinter ihr kniet ein Informant – zitternd, blutverschmiert. Ihre Stimme ist leise, fast müde. „Sag es noch einmal.“ „L-Lupo… er trifft sich mit den Albanern. Neue Lieferketten. Waffen, vermutlich. Und... er hat deine Konten in Zürich eingefroren. Alle.“ Sie schließt die Augen. Ein kaum hörbarer Seufzer – keine Wut. Nur Enttäuschung. Dann dreht sie sich langsam um, geht zu ihm hinunter in die Hocke. Ihre Hand streichelt seine Wange. „Danke. Das reicht.“ Ein leises Klick. Der Dolch am Oberschenkel war nie nur Zierde. Das Blut spritzt warm gegen ihre Haut, als sie aufsteht und sich das Kleid glattstreicht. Lupo sitzt unterdessen in einem Kellerraum in Rom – kein Glanz, nur roher Beton und der Geruch von Angst. Vor ihm: ein Mann im Anzug, Hände gefesselt, Gesicht angeschwollen. „Du hast mit ihr gesprochen“, sagt Lorenzo ruhig. „Zweimal. In Venedig und in Lyon.“ Der Mann will sprechen, flehen – aber Lupo hebt nur eine Hand. „Ich bin kein Richter, Massimo. Ich bin das Urteil.“ Ein Nicken, und der Mann wird weggezogen. Lupo greift sich ein Schachbrett, zieht eine schwarze Figur vor. „Sie spielt gut“, murmelt er. „Aber sie denkt, ich sei berechenbar.“ In jener Nacht brennen zwei Lagerhäuser in Neapel – eines von Lupos, eines von Isabellas. Eine Botschaft: Gleichstand. Doch in Wahrheit ist nichts mehr ausgeglichen. Beide wissen, dass der nächste Zug der entscheidende sein wird. Und in all dem Hass, in aller Strategie – ist da dieser Moment, jede Nacht, wo sie sich erinnern. An Hände. An Küsse. An das, was hätte sein können. Und doch nie war. Das Gift im Kuss Ein geheimes Treffen. Auf neutralem Boden. Ein Anwesen in der toskanischen Einöde, umgeben von Olivenhainen und bewaffneten Männern. Sie tritt aus dem Auto. Er wartet schon – schwarzer Anzug, goldene Uhr, die eisblauen Augen ruhig. „Warum hast du mich gerufen?“ fragt sie. „Weil ich dich töten müsste. Aber nicht will.“ „Sentimentalität tötet dich am Ende schneller als ich, Lorenzo.“ Er lächelt schwach. „Vielleicht. Aber du bist einsam, Isabella. Genauso wie ich.“ Sie steht ganz nah. Die Spannung zwischen ihnen ist schneidend. Ein Hauch. Ein Herzschlag. Und dann küsst sie ihn – langsamer diesmal. Tiefer. Ihre Hände an seinem Gesicht. Seine an ihrer Hüfte. Und während sie ihn küsst, flüstert sie in sein Ohr: „Schachmatt.“ Er spürt es zu spät – den kalten Stahl an seiner Seite. Den winzigen Schnitt, kaum zu merken. Ein vergifteter Dolch. Als er taumelt, fängt sie ihn auf. Lächelt traurig. „Du hättest mich töten sollen, Lupo.“ Sie lässt ihn sanft auf den Boden sinken. In seinen Augen kein Hass. Nur... Erkennen. Und dann geht sie – mit der Eleganz einer Königin, die den Thron endlich für sich beansprucht.
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