Der Atem des Wolfes

498 Words
Dunkelheit. Der Geruch von Blut, Eisen und Erde. Lupo liegt regungslos auf dem Marmorboden, das Gift fließt durch seine Adern wie kaltes Feuer. Doch sein Herz schlägt noch – langsam, stark. Noch nicht besiegt. Er hört Stimmen. Entfernte Schritte. Dann Stille. Er lächelt schwach. „Isabella...“ Nicht als Fluch. Als Erinnerung. Sechs Jahre zuvor. Sizilien. Eine Villa im Schatten des Ätna. Frühling. Lorenzo war noch nicht König. Und Isabella war noch eine Schattenkönigin – nicht offen, aber schon gefährlich. Sie trafen sich bei einem geheimen Bankett zweier Familien, beide auf neutralem Boden. Sie trug ein grünes Kleid, das ihren Rücken fast vollständig entblößte. Das Schlangentattoo schien zu leben im Kerzenlicht. Er sprach kein Wort mit ihr – bis sie beim Schachspiel allein am Rand saß und eine weiße Dame opferte. „Du spielst mutig“, sagte er. „Ich spiele, um zu gewinnen“, erwiderte sie. Er setzte sich. Sie reichte ihm Wein. Der erste Blick, der erste Kuss – war kein Kuss. Es war der Moment, als sie beide begriffen: Der andere ist wie ich. Nur auf der anderen Seite des Spiegels. In jener Nacht schliefen sie nicht miteinander – sie sprachen. Über Väter, Verrat, Macht. Über Angst, die man nicht zeigen darf. Sie erzählte ihm von der Nacht, als ihr Vater ihre Mutter erdrosseln ließ – weil sie reden wollte wie ein Mann. Er erzählte ihr, wie er seinen eigenen Bruder in die Berge schickte – und nie wieder zurückholte. Am Morgen küsste sie ihn. Und flüsterte: „Du wirst mir das Herz brechen, Lorenzo Moretti.“ „Nicht bevor du mir meins nimmst.“ Heute. Ein verlassenes Kloster in Kalabrien. Lupo liegt in einem Bett aus groben Leinen. Um ihn: Stille, Weihrauch, Schatten. Ein alter Arzt, loyal, schweigend, hat ihn stabilisiert. Der Dolch traf die Seite, nicht das Herz. Das Gift war alt – nicht tödlich, nur lähmend. Er lebt. Aber etwas in ihm ist gestorben. Die Rückkehr des Wolfes Zwei Wochen später. Ein Ball in Wien. Masken, Musik, Macht. Isabella tanzt – mit Diplomaten, Generälen, Mördern in Maßanzügen. Sie ist ein Mythos. Eine Göttin im goldenen Kleid. Und dann sieht sie ihn. Lupo. Unmaskiert. Lebendig. Ein einziger Blick. Und die Welt um sie verstummt. Er tritt an sie heran, reicht ihr die Hand. „Darf ich bitten?“ Sie zögert – dann nimmt sie sie. Beim Tanz sprechen sie nicht. Sie schweigen mit Worten, die nur sie verstehen. Herz an Herz. Zorn an Sehnsucht. Vergangenheit an Gegenwart. „Ich habe dich sterben sehen“, flüstert sie schließlich. „Und ich dich lügen“, entgegnet er. Ihre Lippen fast an seinen. „Warum bist du hier?“ „Weil mein Herz dir gehört. Und ich will es zurück.“ Ein Moment. Ein Atemzug. Und dann küsst sie ihn – wirklich diesmal. Nicht als Waffe. Nicht als Warnung. Sondern als das, was sie beide am meisten fürchten: Als Schwäche. Doch es ist keine Schwäche. Es ist Feuer. Und Feuer vergisst nie.
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