Kapitel Eins - Aura
Vorsichtig sah Conan hinunter in das kleine, zarte Gesicht eines Babys. Ungläubig hob er seinen Blick und warf ihn auffordernd zwischen seinem Beta Morrison und Alpha Draco hin und her.
Es musste eine Erklärung geben!
Vor ihm lag das Kind eines Menschen, doch er konnte ganz deutlich die Aura eines Wolfes spüren. Es war unmöglich! Es handelte sich hier immerhin nicht nur um einen Menschen, sondern auch, um ein verdammtes Baby. Conan hatte erwachsene Alpha gesehen, deren Wolfs Aura nicht einmal annähernd so stark gewesen war, wie die dieses kleinen Wesens.
Morrison zuckte entschuldigend mit den Schultern, während Draco, Alpha des Feuer-Halbmond Rudels sich an zwei ältere Herren wandte.
“Und die Frau hatte sicher nichts mit einem Werwolf?“, fragte Morrison nun schon zum dritten mal.
Francis, Dracos Beta schüttelte den Kopf. “Sie schwört darauf, auch haben wir einen Bluttests veranlasst. Die beiden sind die leiblichen Eltern der Kleinen!”
Er war der Erste gewesen, der die kleine zu Gesicht bekommen hatte, nachdem eine Wölfin ihres Rudels das Mädchen mit ihren Eltern im Park bemerkt hatte. Sie war einige Menschen-Freunde dort besuchen gegangen. Doch das hier hatte keiner erwartet, als sie verzweifelt Francis anrief.
Auch er hatte sofort gewusst, dass etwas an dem Baby anders war.
Selbst bei richtigen Werwölfen dauerte es bis zu ihrem Coming of Age, um die Wolfs Aura zu spüren. Das war die Zeit, in der ein Werwolf sich das erste mal verwandelte und der Wolf zu einem festen Bestandteil von einem selbst wurde.
Meist war man dann in einem Alter um die Achtzehn. Doch hier lag ein Geschöpf, das gerade ein mal Vier Monate alt war.
“Verdammt”, murmelte Conan kaum hörbar. In all seinen 25 Jahren hatte er nie etwas ähnliches erlebt und es machte ihn nur noch wütender, dass es Draco mit seinen 45 Jahren nicht anders ging. Er und Conan waren keine großen Freunde gewesen, aber ihre Rudel waren auch nicht verfeindet. Das Feuer-Halbmond Rudel und das Blut-Mond Rudel lebten schon seit Jahrzehnten friedlich, koexistierend in der selben Stadt und ihre Gebiete grenzten aneinander. Das änderte sich auch nicht, als Conan der Alpha wurde und seinen Vater Alpha Eric ablöste. Selbst wenn er sein Territorium lieber ausbreiten würde, würde er Draco und seine Leute verschonen müssen.
Aufgeregt lief er auf und ab. “Ein Werwolf in ihrer Blutlinie?“, fragte er.
Doch auch hier Schüttelte Francis nur mit dem Kopf.
“Wir haben nichts gefunden.”
“Auch wenn, erklärt das nicht ihre Ausstrahlung! Sie ist ein Baby!“, warf Draco ein und er hatte recht. Jegliches Werwolfgen hätte dies nicht möglich machen sollen!
Wie konnte Conan das übersehen? Er war nicht dumm und durchdachte alles zwei mal, noch bevor er es aussprach. Nicht aus Angst, sondern Überlegenheit. Jeder sollte sehen, dass er nicht nur der attraktive und starke Alpha war, der er ist, sondern sollten sie alle auch zu ihm aufsehen - seine Worte fürchten!
Etwas vernebelte seinen Verstand, doch er konnte noch nicht ganz begreifen, was es war.
Einer der älteren Herren räusperte sich. Er war blind, doch brauchte er keine Augen, um zu sehen. Er war ein Seher, mit dem Zeichen der Mondgöttin gesegnet.
“Es ist ganz komisch...“, begann er mit einer eisigen, ruhigen Stimme und legte erneut seine faltige Hand auf die Stirn des kleinen Mädchens.
“Ich kann nichts sehen.”
Draco und Francis tauschten missmutige Blicke aus. Das war nicht gut. Wenn nicht ein mal die Gabe der Göttin verraten wollte, was es mit ihr auf sich hatte. “Meine Göttin, Selene...“, hauchte der alte Mann, selbst fassungslos und wandt sich ab.
“Egal was es ist, wir müssen sie schützen.“, sagte Draco selbstsicher. Es war bereits in seinen Gedanken gewesen, als er das erste mal von dem Fall der Kleinen gehört hatte.
“Chandrya.“, drang aus einem anderen Eck des Raumes. Alle Sechs Männer sahen die Frau, aus dessen Mund das Wort gekommen war, fragend an. “Chandrya, das ist ihr Name.“, ergänzte sie.
Dracos angestrengte Gesichtszüge wurden weich, er hörte die Angst in ihrer Stimme und sah die Panik in ihren Augen. Die Mutter des Babys nahm das alles sehr mit und das konnte er nur zu gut verstehen. Er selbst hatte keine Kinder mehr. Sein einziger Sohn war noch im Kindesalter verstorben und seine Partnerin seit Jahren nicht mehr an seiner Seite.
Für diese Frau - Miss Elouan war die kleine Chana ihre ganz normale Tochter. Sie schlief die meisten Nächte durch, trank gut und brauchte ihre Zuwendung und Liebe. Sie konnte vieles von dem, was die Werwölfe ihr sagten, gar nicht verstehen.
“Wir müssen die kleine Chandrya um alles in der Welt beschützen!“, wiederholte Draco, in der Hoffnung es würde die Frau etwas beruhigen. Und tatsächlich ein ganz schwaches Lächeln umspielte ihre Züge für den Bruchteil einer Sekunde.
Oder sie beseitigen..., dachte Conan wie in Trance.
“Das Blut Mond Rudel wird sie aufnehmen.“, platzte unüberlegt aus ihm heraus.
Augenblicklich wirkte Frau Elouan wieder angespannt.
“Keiner wird sie ihnen wegnehmen!“, versicherte Draco.
Conan wollte gerade zu einer trozigen Antwort ansetzen, da beging er den Fehler und sah erneut auf Chandrya hinunter.
Es war als würde alles um ihn herum verschwimmen. In seinem Kopf begann es sich zu drehen und ein Chaos an Gefühlen machte sich in ihm breit. Darunter eine starke Anziehung, wie ein festes Band, dass ihn mit ihr verbinden würde. Das hatte er bis jetzt erst ein einziges mal gespürt.... Bei seiner Partnerin - seine Seelenverwandte. Sein Herzschlag und auch ihrer dröhnte in seinen Ohren. Das konnte doch nicht möglich sein! Werwölfe hatten nur eine Person, die ein Soulmate sein und derartige Gefühle hervorrufen konnte.
Conan hoffte fest, dass es einfach die Aura dieses Kindes war, die jeden von ihnen durcheinander bringen würde.
Oder war er jetzt vollkommen verrückt? Das ist ein Kind! Ein verdammtes Kind! Fluchte er in Gedanken, doch konnte er die Zuneigung, die er und vor allem auch sein Wolf Tovar ihr gegenüber spürte nicht verleugnen.
Er selbst bemerkte ebenfalls, wie er die kleine Chandrya einen Moment zu lange angestarrt hatte. Draco räusperte sich, doch konnte Conan sich nur schwer von ihr abwenden.
Jeder andere hätte es nicht bemerkt, aber Draco schon. Er konnte genau sehen, dass etwas nicht stimmte.
Angespannt trat Conan eilig ein paar Schritte von der Wiege weg und direkt auf Draco zu.
“Was ist dein Plan?“, forderte er zu wissen. Sie loszuwerden war nun mehr in seinem Kopf gebrannt, als je zuvor.
Draco war für einen kurzen Augenblick etwas verwirrt über Conans erneut forsche Art.
“Das alles hier ist keine Frage von Eigentum, zu welchem Rudel sie zählt. Ob Feuer-Halbmond oder Blut-Mond Rudel. Sie ist ein Kind, das ihre Eltern braucht und den Schutz von uns allen. Andere Rudel könnten sie und ihre Aura benutzen. Wir sollten sie versteckt in der Welt der Menschen lassen.”
Chandrya beschützen.... Conan dachte einen Moment darüber nach. Das war etwas, dass er nicht konnte. Vorallem nicht vor sich selbst. In ihrer Gegenwart fühlte er sich anders, fast Schwach und dass er kaum einen klaren Gedanken fassen konnte, machte es nicht besser.
Er bereute fast seinen Gedanken, die kleine umbringen zu wollen.
Was ist, wenn die Mondgöttin ihm mit ihr eine zweite Chance geben wollte?
Damals hatte er alles versaut. Er hatte über Cyne - seine Seelenverwandte, so viel Leid gebracht. Ihr das Leben genommen, das sie hätte haben können. Vielleicht war dieses Mädchen hier tatsächlich seine neue Seelenpartnerin, auch wenn das nicht möglich sein sollte. Vielleicht war sie das, was die Mondgöttin ihm bat, um all seine Fehler und Schandtaten zu begleichen.
Innerlich lachte er spöttisch darüber. Wie sollte das alles funktionieren? Er war 25 und sie 4 Monate alt. Wenn sie 18 wurde war er 44. Was wollte eine junge 18 Jährige mit einem 44 Jahre alten Mann wie ihm? Davon abgesehen, dass er sich nicht ein mal sicher war, ob sie das selbe fühlen würde. Oder ob die beiden sich verstehen würden.
Conan war kein hoffnungsloser Romantiker, der an die ewige Liebe und das Glück glaubte, besonders nicht, nach allem, was passiert war.
Wohlmöglich war sie ein Trick oder gar eine Bestrafung für ihn. Dazu geschaffen ihn zu schwächen und zu stürzen.
Angestrengt wandte er sich aus seinen Gedanken als Morrison das Wort ergriff. “Wir verstehen, dass ihr vom Feuer-Halbmond Rudel die jenigen gewesen seid, die das hier alles, als erstes bemerkt hatten und euch dadurch ein gewisser Anspruch auf eine Entscheidung zusteht. Aber die Angelegenheit hier ist viel größer, als wir denken. Solange wir noch nicht genau wissen, was es mit ihr auf sich hat, finde ich es eine unverständliche Entscheidung das Kind einfach hier zu lassen. Sie könnte auch eine Gefahr für uns sein - euer und unser Rudel, wir wissen es nicht.”
Damit hatte er recht. Das wusste jeder Beteiligte im Raum, auch wenn es das war, was keiner hören wollte.
“Jemand muss hier bleiben und sie bewachen, bis wir mehr wissen! Wir brauchen mehr Tests, mehr Beobachtungen! Bis wir alles wichtige wissen und endgültige Entscheidungen treffen können.“, stellte Francis fest.
Frau Elouan schluchzte und rettete sich in die Arme ihres Mannes.
“Ihr redet über unser Kind!“, tadelte er sie alle und musste ebenfalls Tränen zurückhalten. “Ihr dringt in unser Leben ein und maßt euch an Entscheidungen zu treffen, über unser Leben, unsere einzige Tochter!” Er schloss die Arme enger um seine Frau.
Ein Teil von Dracos Herzen brach entzwei. Er hatte ihren Schmerz so gut verstehen können, das alles hier war mehr als nur unfair.
“Herr und Frau Elouan, ich bitte sie vielmals um Verzeihung. Aber bitte, betrachten sie uns nicht als Feinde. Was wir hier tun, ist nicht nur in unserem eigenen Interesse, sondern auch in dem der kleinen Chandrya. Wir wollen genauso wenig, dass ihr etwas zustößt, wie sie.“, wie immer klang er besonnen und einfühlsam.
“Wir wissen ihre Mühen zu schätzen Herr Sterling.“, schluchzte Frau Elouan, als sie sich aus der Umarmung ihres Mannes löste. “Sie sehen das ganze mit den Augen eines Vaters, aber das zählt nur für sie...”
Wut stieg in Conan auf. Wie respektlos von diesen mickrigen Menschen, ihm so etwas zu unterstellen! Er hatte genauso ihr wohl im Sinn. Auch Francis und Morrison fühlten sich beleidigt, doch hatten sie ihre Gefühle gut im Griff.
Conan verschränkte die Arme, als könnte er den Wolf in sich zurückhalten. Am liebsten wäre er herausgekommen und hätte ihnen die Kehle durchgebissen! Dann hätte er die Kleine einfach mit in sein Rudel nehmen könne.
Nein, so darfst du nicht denken... versuchte er sich zu besinnen. Ein Kampf mit den Menschen war das letzte, was sie noch brauchten.
Wenige Menschen wussten von ihnen, auch wenn sie kaum ein Geheimnis daraus machten, was sie waren. Oft hatten Menschen gerade in der Nähe von Wolfsrudeln nicht besonders auf diese reagiert. Aber das war den meisten Werwölfen egal. Sie hatten genauso ein Recht darauf hier zu leben, wie alle anderen!
Eine weitere hitzige Diskussion wurde nachgezogen. Immernoch davon handelnd, was nun das beste wäre. Am Ende einigte man sich darauf immer einen Schutz aus Wölfen in Chandryas Nähe zu haben, sie zu beobachten und weiter herauszufinden, was es mit ihr auf sich hatte. Man würde sich in einigen Wochen hier wieder treffen und erneut sehen, was zu tun sei.
Draco hatte versucht Conan beiseite zu nehmen, ihn zu fragen was los sei. Ihm war auch nicht der beinahe Ausbruch seines Wolfes entgangen. Aber Conan schwieg. Er wollte und konnte nicht über das alles reden.