Kapitel Zwei - Beta

2195 Words
Conan saß in der Bar seines Hauses, ein Glas mit bernsteinfarbener Flüssigkeit in der Hand. Er nahm einen kräftigen Schluck und lehnte sich auf den Tresen, als Morrison den Raum betrat. Zunächst Wortlos nahm er auf dem Stuhl neben ihm Platz. Er griff nach der eckigen Flasche, die vor Conan stand und schenkte sich ebenfalls eines der niedrigen, hübsch verzierten Gläser ein. Dabei hatte ihm Conan nicht eines einzigen Blickes gewürdigt. Etwas nervös lies Morrison seine Fingerspitzen über die Muster auf dem Glas gleiten, ehe er es vorsichtig an seine Lippen setzte. Nachdem auch er einen großen Schluck nahm und angewidert das Gesicht verzog, setzte er zu einem: "Ich weiß echt nicht..." Er machte angestrengt eine kurze Pause. "Wie du dieses starke Zeug trinken kannst." Doch auch jetzt blieb Conan still und in sich gekehrt. Natürlich war Morrison nicht einfach nur hierher gekommen, um ihn das zu sagen. Auch er merkte, dass sich Conan anders benahm und das Trinken war nur eines der vielen Anzeichen dafür gewesen. Aber was genau es war, konnte er nicht wissen, denn Conan schwieg und war kalt und abweisend wie ein Stein. Es war das Mädchen. Seit dem er wieder Zuhause war, war es als würde etwas fehlen. Sein Verstand war immernoch nicht so geschärft wie er es vor dieser Begegnung gewesen war. Er wollte sie und wusste doch, dass er sie nicht haben konnte. Das alles nicht in einer perversen Art, er wusste nach wie vor, dass sie ein Kind war und genau das war der Punkt, der ihn innerlich auffraß. Gerne hätte er sich gewünscht sie sei 18 oder älter. Ganz egal. Alles sollte einfach nur nicht so verdammt verschroben sein, wie es das aktuell war. Gleichzeitig gab es da noch einen Konflikt in ihm, einen Teil, der am liebsten weit weg von ihr gehen würde, der sie gar nicht wollte. Er hatte schon ein mal jemanden geliebt, auch vor Cyne. Wobei ein Seelenverwandter nicht immer Liebe bedeutete. Ein Teil beider Seelen war miteinander verbunden, aber das hieß nicht, dass man sich automatisch mögen würde, nur weil etwas in einem nach dem anderen verlangte. Liebe war etwas, das entstand, wenn man eine Person voll und ganz kennenlernte. Cyne hatte er seit Kindesalter an gekannt und auch wenn er sie davor nie als potentielle Partnerin gesehen hatte, änderte sich alles, als bekannt wurde, dass sie seine Seelenpartnerin war. Er war 19 gewesen damals und eine Zeit lang war alles gut gegangen.... bis es das nicht mehr tat. Conan wollte das nicht noch einmal durchmachen und ganz sicherlich nicht noch ein mal lieben. Er wusste nicht einmal, ob er und Chandrya sich, wenn sie erwachsen war, mögen würden. Vielleicht konnte sie ihn nicht ausstehen oder er hasste plötzlich alles an ihr. Dann wäre es egal, was der Wolf in ihm sagte, er würde lieber allein bleiben und mit einer weiteren Narbe, die von Zeit zu Zeit schmerzte, leben. "Conan,", begann Morrison. "Nicht nur das Rudel, sondern auch ich, machen uns Sorgen. Was ist mit dir los?" Es war wahr. Das ganze Rudel hatte die vermehrte Abwesenheit des Alphas bemerkt und es gab keine Luna, die sich in der Zeit hätte um alles kümmern können. Morrison hatte vieles übernommen und einfach im Namen seines Freundes gesprochen. Viele hatten sich gefragt, warum Conan nicht selbst zu ihnen sprach, aber keiner hatte sich getraut Morrison direkt darauf anzusprechen. Er war immerhin sein Beta - ein Berater und eben auch ein Guter Freund. Beide vertrauten einander, doch bis heute hatte Conan ihm trotzdem nicht gesagt, was in ihm vorging. Conan seufzte kaum hörbar und trank das Glas in einem Zug leer. Noch in der selben Bewegung füllte er es wieder auf und exte auch dieses Glas, bevor er sich zu Morrison wandt, dem der leicht beißende, aber auch dezent süßlich-, erdige Geruch sofort in die Nase stieg. "Alles in Ordnung.", gab er genervt von sich und rollte mit den Augen. Ein weiteres mal floss die Flüssigkeit in sein Glas und bekam wieder Conans Aufmerksamkeit. "Du hast früher schon getrunken, aber das ist zu viel. Egal was es ist, du kannst es nicht in Alkohol ersäufen." Morrison schob die nur noch zu einem Viertel gefüllte Flasche weg von Conan und auf die andere Seite des Tresens. Ihm war klar, dass er sich wie seine Mutter anhörte, wäre diese hier gewesen, hätte sie Conan sicher eine Standpauke gehalten. So wollte Morrison nicht sein, aber er musste auf seinen Freund aufpassen, wenn dieser sich selbst schon so vernachlässigte. "Hör zu, wir sind Freunde und außerdem bin ich dein Beta - dein Berater. Wenn es etwas gibt, dass dich Belastet, dann sollten wir reden und gemeinsam eine Lösung finden.", sagte Morrison. "Ich weiß nicht, ob es da eine Lösung gibt.", Conans Stimme klang abwesend und leicht lallend. Morrison lehnte sich im Stuhl zurück. "Vielleicht, vielleicht auch nicht. Was geht in deinem Kopf vor? Hat es mit dem Menschen zu tun?" Er hatte nicht gedacht, dass Conan tatsächlich etwas sagen würde und war deshalb stark überrascht, als dieser kaum merklich nickte. "Es ist wie damals, bei Cyne.", begann Conan vorsichtig. Morrison verstand nicht ganz, was er damit meinte. Was hatte dieser tragische Vorfall mit einem Menschen Mädchen zu tun? Auch ohne dass er nachfragte, sprach Conan weiter. "Das sollte doch gar nicht möglich sein!" Er wirkte ratlos. Auch ohne es genau zu wissen, sagte Morrison: "Einiges ist an diesem Fall eigentlich nicht möglich und trotzdem ist es so, wie es ist." Nun sah Conan ihn an. "Wohl wahr.", nuschelte er und blieb einen Moment lang still. "Was fühlst du in ihrer Gegenwart?", wollte Conan wissen. "In der des Kindes? Sie hat eine starke Aura, das wirkt verunsichernd. Sie ist stärker als die, der meisten Alphas. Das war durchaus verwirrend.", antwortete Morrison. Conan dachte nach, das war ähnlich zu dem, was er vermutete, aber beantwortete nicht die unausgesprochene Frage, die er eigentlich stellen wollte. "Diese Anziehung, die spürst du nicht? Anders als ein Gefühl von Gefolgschaft. Mehr eine tiefere Verbindung." Morrison zog fragend die Augenbrauen nach oben, auch wenn er es nun verstand. Wie bei Cyne..., dachte er. Jetzt machte das alles Sinn. Oder eigentlich auch nicht. Das konnte wirklich nicht sein! Noch bevor sie es genauer erläutern konnten, wusste er, dass es hierfür wahrscheinlich tatsächlich keine Lösung geben konnte. "Du denkst sie ist deine Seelenpartnerin?", er fragte nach, auch wenn die Antwort klar war. "Ja." Morrisons Kehle entfuhr ein überraschtes Geräusch. Auch er brauchte jetzt einen Drink und schluckte den Rest seines Glases in einem Zug hinunter. "Wow.... Die Sache wird immer seltsamer." Er musste ihm sicher nicht erklären, dass ein Wolf nur einen Seelenverwandten haben konnte, oder dass man sich nicht auf ein Baby prägen konnte. "Perversling.", scherzte Morrison, jedoch mit einem äußerst ernstem Ton in der Stimme. Auch der betrunkene Conan musste kurz lachen. Genau das hatte er auch schon einige Male von sich selbst gedacht. Morrison stimmte mit ein. Etwas ruhiger fragte Conan: "Also, mein Berater, was soll ich nun tun?" "Gute Frage,", Morrison zögerte. "Nichts davon sollte möglich sein, ich denke auch nicht, dass das schon mal vorgekommen ist. Wäre sie 18 würde ich ja sagen krall sie dir, aber so.... warten wäre die Hölle." Er dachte an Andréa, seine eigene Partnerin, die ihm ein Jahr lang hatte zappeln lassen, obwohl beide die Verbindung zwischen ihnen nicht leugnen konnten. Und schon dieses eine Jahr war grausam gewesen, wie sollte Conan das 18 Jahre aushalten und gleichzeitig das Rudel führen, das auf eine Luna wartete? Und was wenn sie ihn dann nicht wollte? Morrison war nun noch besorgter und legte seinem Kumpel einen Arm auf den Rücken. "Ich weiß, aber ich kann nicht mehr klar denken, das alles treibt mich noch in dem Wahnsinn." Conan senkte missmutig den Blick. "Vielleicht musst du einfach mal raus und rennen!" Voller Tatendrang sprang Morrison vom Stuhl auf und packte Conan am Arm. "Einfach den Kopf frei bekommen, frische Luft atmen." Vielleicht würde es helfen, vielleicht auch nicht. Conan hatte sich seit dem Tag, an dem er Chandrya das erste Mal gesehen hatte, nicht mehr verwandelt. Aus Furcht die Gefühle könnten überhand nehmen und er würde jegliche Kontrolle verlieren. Würde er sich zurück verwandeln können? Je länger man in seiner Wolf Form blieb, umso stärker wurde diese und übernahm mit ihren animalischen Instinkten die Kontrolle. Er wollte nicht etwas Unüberlegtes tun, dass er wohlmöglich bereuen würde. Aber vielleicht musste der Wolf raus und selbst Energie abbauen, die sich so sonst nur in Conans Kopf ansammelte. Conan stieg ebenfalls von seinem Stuhl auf. Er und Morrison schritten eilig zum Ausgang und anschließend in Richtung Wald, der sich nicht allzu weit vom Anwesen entfernt befand. Noch bevor sie das Grundstück verlassen hatten verwandelten sich die beiden in der Dunkelheit der Nacht und rannten los. Tovar, wie Conan seinen Wolf genannt hatte, tat es gut durch das Unterholz zu streifen, über Flüsse zu springen und um Bäume herumzustreifen. Auch wenn seine Gefühle sich nicht geändert hatten, fühlte er sich etwas erleichtert. Vielleicht war das Begehren auch etwas mehr geworden, aber das war ein Preis, den er in Kauf nehmen musste. Für einige Minuten war das hier die beste Idee gewesen, die es gegeben hatte. Conan fühlte sich so frei wie schon lange nicht mehr. Doch plötzlich ohne groß nachzudenken, erkannte er eine Chance, als Morrison vor ihn hastete. Er lies sich ein Stück zurückfallen, driftete ab. Er rannte so schnell wie ihn seine Pfoten tragen konnten. Das Ziel war eindeutig, sein Wolf wusste den Weg ganz genau. Er stand nun vor dem Haus der Elouans, mitten in der Stadt der Menschen. Ein rießiger Wolf, den nichts weiter verdeckte, als ein paar Büsche. Vorsichtig näherte er sich dem Fenster des Kinderzimmers. Und tatsächlich, er konnte sie sehen, wie sie friedlich schlief. Auf einem Sessel in der Ecke des Raumes saß ein Mitglied des Feuer-Halbmond Rudels. Er wollte sie beschützen, für sie sorgen. Jetzt in seiner Wolfsgestalt waren die Gefühle noch viel intensiver. Das hier war falsch... Er konnte so nicht weiter machen, er brachte alle in Gefahr. Sein Rudel, die anderen Werwölfe, Sie - einfach jeden! Solange sie so jung war und er nicht klar denken konnte, musste er Abstand gewinnen. Morrison tauchte völlig außer Atem hinter Conan auf. Er war in seiner Menschengestalt und musste so versucht haben ihn in der Stadt einzuholen. Auch wenn der Wald nicht sehr weit vom Haus der Elouans entfernt war, war es dennoch ein ganz schöner Spaziergang. Er machte sich darauf gefasst Conan fesseln und zurückschleifen zu müssen - dass er protestieren würde mitzukommen. Er war ganz verwundert, als Conan sich vor ihm stellte, die Augen schloss und sich anstrengte, sich wieder in einen Menschen zu verwandeln. Als er es schaffte, sah er ihn nur entschuldigend an und fragte, ob beide sich auf dem Nachhauseweg begeben sollten. Morrison konnte ihm so gar nicht böse sein. Er wusste, was diese Prägung mit einem machen konnte und besonders Conans Fall war ein ganz besonderer. ___ Draco, Francis, Conan, Morrison und einer der Seher hatten sich erneut getroffen. Diesmal vermied es Conan Chandrya gänzlich anzusehen. Er konnte für nichts garantieren, wenn er es tat, weder für keine unerwarteten Stimmungsschwankungen, noch für wirklich durchdachte Gedanken und Vorschläge. Dennoch, er hatte schon vor Tagen eine Entscheidung getroffen. Allein in ihrer Gegenwart zu sein war schon schwer genug. Diesmal war er es, der direkt auf Draco zuging, ihn beiseite nahm, um etwas wichtiges zu besprechen. "Hör zu!", begann Conan angespannt. Draco warf ihm einen erwartungsvollen Blick zu. "Du musst mir einen Gefallen tun." Natürlich wollte Draco wissen, um was es ging. Conan wusste, Draco war der einzige, der ihm helfen konnte und der es vielleicht sogar verstand. Er hatte es sicher sowieso schon geahnt und die Wirkung bemerkt, die Chandrya auf Conan hatte. Kurz und knapp, aber nichts wichtiges auslassend, erklärte Conan Draco alles. Dieser war überrascht gewesen, aber nicht verwundert. Ihm war das durchaus nicht entgangen. Er kannte auch die Geschichte mit Cyne und wusste, Conans Vergangenheit machte das alles nur noch schwerer für ihn. Wie ein Vater, der seinen Sohn bei einem Problem half, gab er sich allergrößte Mühe für ihn da zu sein. "... Ich muss gehen. So bin ich nur eine Gefahr. Du musst sie aufnehmen, bitte kümmer dich um sie. Jemand muss sie beschützen und ich kann das nicht!", gab Conan zu. "Wie sollte ich nein sagen? Wenn du mich um soetwas bittest, musst du dir das gut überlegt haben. Die Umstände sprechen dafür.", entgegnete Draco einfühlsam. "Sie wird ein Teil unseres Rudels sein. Vielleicht kann ich sie adoptieren, ohne sie ihren Eltern wegzunehmen. Ich werde sie mit meinem Leben beschützen! Vorallem bis du zurück kommst.", versicherte er. "Wenn ich die Kontrolle verliere...", begann Conan zögerlich. Er wollte es nicht aussprechen, aber das war etwas, was ebenfalls geklärt werden musste. Draco hatte so ein blindes vertrauen In Conan, dass er stark war und lernen würde sich zu kontrollieren. "Sollten alle Stricke reißen, dann auch ganz besonders vor dir.", fügte Draco hinzu. Ihm war klar, dass das passieren konnte, aber eben nicht musste. Conan wirkte beruhigt. In Dracos Obhut, war sie sicher und er selbst würde nicht für immer verschwinden. Aber er musste gehen, weit weg am besten!
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