Kapitel Drei - Verwandlung

1829 Words
Tapsig trat das junge Mädchen von einer Pfote auf die andere. Sie hatte erst vor kurzem herausgefunden, wie sie sich verwandeln konnte. Es fiel ihr noch immer schwer alle vier Pfoten gleichzeitig zu koordinieren und jeder Stock und jeder Stein im Wald war ein riesen Hindernis. Sie hatte sich selbst als Wolf noch nie im Spiegel gesehen, wusste also nicht einmal, wie sie aussah. Nur dass ihre Pfoten schwarz waren, das hatte sie erkennen können. Unbeholfen fiel sie auf ihren flauschigen Hintern und hob die Vorderpfote in die Luft. Irgendwie mussten diese Dinger doch funktionieren. Kindlich schob sie ihre Ungeschicktheit auf den Wald. Zuhause würde ihr das alles sicher leichter fallen. Aber sie musste sich hier verstecken. Draco hatte ihr oft von Werwölfen erzählt und Mama und Papa hatten nie sonderlich gut auf diese Geschichten reagiert. Am Anfang war der Wolf nur ein Fantasie Freund von ihr gewesen. Etwas Lustiges, Süßes. Das er mehr ein Teil von ihr war, als gedacht, hatte sie nicht ahnen können. Eines Tages, saß sie draußen, ein leuchtend orangener Mond am Himmel und hatte so doll an Dracos Geschichten und einen ihrer Wolfsfreunde gedacht, da war es einfach passiert. Sie war vier Jahre alt und zunächst panisch und auch schmerzerfüllt. Bitterlich hatte sie geweint, allein und niemand in der Nähe, der ihr hätte helfen können. Aber nun konnte sie schon ganz gut zwischen dem Wolf und dem Menschen tauschen, fast ohne Schmerzen, auch wenn sie nur eine der Seiten beherrschte. Jetzt musste sie hierher kommen, wo sie keiner sehen konnte. Das Mädchen schloss fest die Augen und nahm wieder ihre menschliche Gestalt an. Die langen schwarzen Haare waren ihr ins Gesicht gefallen und sie saß immernoch auf dem von Laub bedeckten Boden. Sie vermisste Draco ganz fürchterlich. Er war sie schon eine Woche nicht mehr besuchen gekommen. Immer wenn er da war, unternahmen die beiden etwas Aufregendes. Er war wie ein Onkel für sie, vielleicht sogar mehr, ein zweiter Papa neben ihrem eigenen. Wenn Draco ein mal länger fort war, war oft einer der anderen zu Besuch gewesen. Shona, John oder Tobi. Auch sie spielten oft mit ihr, aber nicht immer. Manchmal saßen sie auch einfach nur im Haus herum und langweilten sich zu Tode. Kaum einer wollte mit ihr in den Wald gehen, was ihr überhaupt nicht passte. Also ging sie von Zeit zu Zeit allein und es war besser so. So würde niemand sehen, was sie hier tat. Neben ihren Verwandlungen, hatte sie hier ungestört mit ihren Fantasie Freunden spielen können. Sie drückte konzentriert die Augen noch etwas fester zu. Bis sie sie abrupt aufschlug und suchend in die Ferne schaute. Und tatsächlich, dort hinten, zwischen ein paar Bäumen und Sträuchern, sah sie den weißen Kopf ihrer Wolfsfreundin. Sie war riesig und hatte eine Goldene Kette um den Hals, an der große Mondblaue Kristalle hinunterhingen. Ihr Fell war so rein und weiß, wie frisch gefallener Schnee. Sie hatte sie Schimmer genannt, weil nicht nur ihr Fell, sondern auch die Kristalle im Licht schimmerten. Neben Schimmer, gab es noch Grey, ein großer dunkelgrauer Wolf. Und ihren eigenen hatte sie Shikari genannt. Draco hatte diesen Namen in einer seiner Geschichten erwähnt und ihr erzählt, das Werwölfe das so machten - ihren eigenen, inneren Wölfen Namen gaben, wenn diese ein Teil von ihnen wurden. Da diese soetwas wie einen eigenen Kopf hatten und es wäre, als wären da plötzlich zwei Personen in einem, hatte er gesagt. Man musste nicht mehr nur auf seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse achten, sondern auch auf denen des Wolfes, sonst würde er zugrunde gehen. Auch wenn sie nicht wusste was 'zugrunde gehen' bedeutete, klang es negativ und sie wollte nicht, dass ihren Wolfsfreunden etwas negatives passierte. Die weiße Wölfin schritt unter den Buchen hindurch und kam direkt auf sie zu. Die großen Kristalle klimperten hell und schillerden Blau bis Grün in den einzelnen Lichtstrahlen, die durch die Äste schienen. Mit ihrer Schnauze stubste die Wölfin das kleine Mädchen an, das wild lachte, weil das weiche Fell sie kitzelte. Wenn Schimmer da war, war Grey meist eine Weile nicht zu sehen, als hätte ihr Verstand nicht genug Kraft sich beide gleichzeitig vorzustellen. Ihre Theorie war es, dass beide sich nicht verstanden, sie waren oft auch unterschiedlich wie Tag und Nacht. Nur eines hatten sie wirklich gemeinsam und das war ihre Scheuheit. Als wären beide nur für das Mädchen da, was sie ja irgendwie auch waren. Es waren ihre Wölfe - ihre Freunde. Schimmer war viel verspielter und deutlich kuschliger. Grey dafür abenteuerlustig und erkundete gerne die Gegend. Er zeigte ihr Blaubeeren, die sie naschen konnte und legte sich mit ihr auf die Lauer, um andere Waldbewohner zu beobachten. Während Schimmer immer sanft war wirkte Grey oft ungeduldig und grimmig. Schimmer legte sich zu dem Mädchen auf den Boden, fest an sie geschmiegt. Entspannt lehnte sich die Kleine zurück und spielte mit den Kristallen an Schimmers Halsband, wobei einer nicht ein mal in ihre kleine Hand passte. Die ersten Vögel ließen sich zwitschernd auf einen nahen Ast nieder. Buchfinken und Blaumeisen. Schimmer war eins mit der Natur. Das merkten auch die Tiere im Wald. Sie rückten näher und schienen auch nicht das Mädchen zu beachten. Ganz so als sei sie gar nicht da. Für einen Moment war ihre Welt perfekt. Hier in aller Ruhe und guter Gesellschaft. "Chany!", rief eine Stimme, ihr Klang noch gedämpft, von den Gewächsen des Waldes. Die Vögel verstummten, Schimmer hob ihren Kopf und spitzte die Ohren. Das Mädchen drückte ihr Gesicht fester in das weiße Fell des Wolfes. Nein, nein.... Nicht jetzt. Sie wollte nichts hören - nicht gehen. "Chandrya!" Sie erkannte Johns Stimme. Er wirkte aufgebracht. Wer konnte es ihm verdenken? Er hatte eine vierjährige entkommen lassen. Draco wäre bestimmt enttäuscht von ihm. Chany drückte fest die Augen zu, immernoch umgeben von Schimmers Wärme. Die Rufe der Suchenden drangen so fast gar nicht mehr an sie ran. Einige Minuten, vielleicht auch nur kurze Augenblicke verstrichen. Sanft spürte das Mädchen eine Hand, die ihre Schulter berührte. "Da bist du.", die Stimme klang ruhig, gar nicht aufgebracht und trotzdem schreckte sie hoch. Ihre stechend hellblauen Augen bohrten sich in seine dunkel grünen. Ein sanftes Lächeln umspielte seine Züge. Ihr Herz hämmerte wild und ihr Gesicht strahlte vor Freude. "Du!" Sie schmiss sich in seine Arme und er umschlang sie fest. "Meine kleine Abenteurerin.", er lachte. Draco endlich wieder zu sehen war mehr als nur eine Erleichterung. Vorallem jetzt. Sie wusste er würde nicht schimpfen, auch wenn er es sicherlich nicht gut fand, dass sie alleine hier draußen war. Immerhin gehörten die Besuche im Wald zu ihren gemeinsamen Ausflügen. "Du hast nicht auf mich gewartet." Er schmollte übertrieben und tatsächlich, Chany fühlte sich etwas schuldig. "Tut mir leid.", sagte sie schnell, verschränkte die Arme hinter dem Rücken und verlagerte das Gewicht abwechselnd vom einen Bein auf das andere. "Schon okay." Dracos Gesichtsausdruck entspannte sich. Er streckte die Arme aus und hob sie mit einem Ruck nach oben. Sie vergrub ihr Gesicht zufrieden in seinem warmen Nacken. Francis schritt zusammen mit John und Chanys Mutter durch den Wald. "Sie sollten auf sie aufpassen!", fauchte sie John an. "Es tut mir sehr leid, aber ihre Tochter ist ziemlich intelligent für ihr Alter. Ich habe keine Ahnung, wie sie das geschafft hat." Er zuckte entschuldigend mit den Schultern und Francis warf ihm einen bösen Blick zu. "Das ist eine sehr schlechte Ausrede. Wenn du weniger mit vor dich hin Dösen beschäftigt wärst und dich mehr auf deine Aufgabe konzentrieren würdest....", Francis stoppte, als er Draco, mit der kleinen Chany auf dem Arm, ihnen entgegen laufen sah. "Chany! Mein Baby.", Frau Elouan eilte auf sie zu. Einige Tränen in ihren Augen, umschloss sie ihre Tochter und Draco in ihren Armen. "Du hast sie.", sagte sie und schniefte erleichtert. "Du kannst doch nicht einfach alleine Spazieren gehen!" Sie drückte fester zu. "Mama, Luft", presste Chany hervor und sie lockerte ihre Umarmung. "Alles in Ordnung. Wir hätten sicher früher zurück kommen sollen, tut mir leid. Sie hat mich draußen gesehen und wollte unbedingt mitgehen.", log Draco mit leiser Stimme. Francis der dies sofort erkannte rollte genervt mit den Augen. Aber Chany lachte. "Wir machen Ausflüge.", sagte sie stolz. Dabei klang sie so glücklich, dass nicht mal ihre Mutter mehr böse sein konnte. Frau Elouan drehte sich immernoch mit Chandrya auf dem Arm in die Richtung, aus der sie gerade gekommen waren. Jetzt da es aus ihrem Blickfeld war, funkelte Draco John enttäuscht an. Natürlich wusste er ebenfalls, dass Draco gelogen hatte und er sicher mächtig Ärger bekommen würde, sobald die beiden unter vier Augen waren. Chandrya war etwas besonderes und das hatten nicht nur Francis und Draco hunderte Male gesagt. Auch er selbst hatte es gemerkt, jedes mal wenn er in ihrer Nähe war. Es war wichtig, dass niemand anderes es bemerkte und der Wald war ein gefährlicher Ort. Wölfe aus anderen Rudeln, könnten während ihrer Durchreise sich hierhin verirren und die Kleine finden. Das sollte nicht passieren. Das wusste John ebenfalls, auch wenn Draco nicht mehr über das Kind verriet als nötig war. Was er nicht wusste, war dass viele Seher alles in ihrer Macht stehende getan hatten, um herauszufinden, warum Chandrya so war wie sie war. Anfangs hatte es keine Visionen gegeben, doch schon bald gab es Fetzen, die in den Köpfen der Seher aufleuchteten. Gefühle, die durch ihre Körper fuhren. Einer hatte sich schwach gefühlt, als würde ihm jemand all seine Kraft heraussaugen. Ein Anderer sah ein Licht, heller als die Sonne. Wie ein Stern, der alleine am Nachthimmel funkelte. Draco und Francis, waren sich einiger als je zuvor, dass Chandryas Schicksal in den Händen des Feuer-Halbmond Rudels lag und sie eine Macht besaß, die niemand anderes in die Finger bekommen dürfte. Ganz abgesehen von Dracos Versprechen, dass er Conan gegeben hatte. Das war ein ewiges Geheimnis gewesen, dass er mit niemanden sonst geteilt hatte, bis auf Francis. Sie mussten ihr eigenes Rudel im Dunkeln tappen lassen, eine andere Wahl gab es nicht. Gerade jetzt wo Conan nicht mehr da war, war die Lage zwischen dem Blutmond Rudel und dem Feuer Halbmond Rudel angespannter als je zuvor. "Wir sollten zurück!", beorderte Francis. Frau Elouan nickte. Sie war immernoch zu sehr damit beschäftigt endlich erleichtert zu sein, ihre Kleine Tochter wieder bei sich zu haben, dass sie nicht ein mal auf Dracos Aussage eingegangen war. "Wird besser so sein.", stimmte Draco ruhig zu. Er musste sich zügeln nicht sauer zu klingen, doch seine Verärgerung John gegenüber machte ihm das nicht einfach. Er wollte Chandrya genauso wenig verlieren wie ihre eigene Mutter. Sie war seine Tochter. Vielleicht nicht durch Blut, aber im Herzen. Er konnte ihr nicht böse sein, dass sie die Welt erkunden wollte. Sie selbst wusste nicht wie besonders sie war. Sie war einfach ein Kind, das Abenteuer liebte. Zusammen gingen die Fünf zurück zum Haus der Elouans. Chandrya hatte noch ein letztes mal über die Schultern ihrer Mutter geschaut und zwischen den Büschen Schimmer ihr hinterherblicken gesehen. Wie ein stiller Abschied.
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