Seufzend warf sie sich ihre Tasche über die Schulter. Nicht über die Rechte, wie sonst üblich, sondern die Linke. Denn ihre rechte Schulter schmerzte noch immer von einer der letzten Übungen, die sie im Wald hatte durchführen müssen. Sie war zwar stärker und hatte bessere Heilkräfte, als die Menschen, um sie herum, doch auch für sie würde es eine Weile dauern, bis sie wieder komplett fit wäre.
Eilig ging das Mädchen nach draußen, durchquerte den Korridor und setzte den ersten Fuß auf den gepflasterten Weg vor dem Gebäude, als sie plötzlich jemand von der Seite anrempelte. Sie nahm die Kopfhörer aus ihren Ohren und war bereit, diese unhöfliche Person anzublaffen, da sah sie Monas verschmitztes Lachen.
Sie seufzte. "Ein einfaches Hallo, hätte es auch getan." Ihre Stimme klang ernst.
"Ach komm schon, nicht so grimmig." Mona schüttelte ihre Schulter, als wollte sie sie auflockern, aber das machte das Schwarzhaarige Mädchen nur noch genervter.
Mona hatte ein Rundes Gesicht, helles Haar und dunkelbraune Augen. Jetzt wo sie so dastand und ordentlich Luft in ihre Backen sog, wirkte sie fast wie ein wunderschöner Ballon, der jeden Moment platzen könnte.
"Wenn du Kopfhörer trägst, bist du taub.", murmelte Mona. Chandrya wusste, dass das stimmte. Sobald sie ein mal die Kopfhörer auf hatte, war die Welt um sie herum vergessen. Es war fast unmöglich sie anzusprechen, außer man war Draco Sterling.
"T..tut mir leid.", presste Chany vorsichtig hervor. Auch wenn es ihr nicht leid tat, Mona war ihre Freundin und sie wollte ihr gegenüber nicht gemein sein. Die beiden kannten sich seit vielen Jahren und Mona war es egal, wie verschroben und seltsam Chandrya manchmal sein konnte. Sie war loyal und hatte immer zu ihr gehalten.
"Mhhhh..." Mona wippte nachdenklich auf ihren Zehenspitzen vor und zurück, als müsste sie kurz darüber nachdenken Chanys Entschuldigung anzunehmen. "Schon okay,", sagte sie letztendlich, "aber lass uns als Entschädigung nach dem Unterricht ein Eis bei Giuseppe holen!"
An jeden anderen Tag hätte Chany sofort zugestimmt. Allein bei dem Gedanken, an das cremige Sahne-Kirsch-Eis, das Giuseppe eigenhändig herstellte, lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Doch heute, hatte sie andere Pläne. Sie würde nachhause gehen, etwas für die Prüfungen lernen und anschließend in den Wald gehen, wo sie weiter an ihren Kräften üben konnte. Wenn sie Glück hatte, würde heute auch Draco vorbeischauen, der sie viel besser im Wolfsein unterrichten konnte, als sie selbst es je hätte tun können. Aber das war nicht verwunderlich. Draco musste seit wie vielen Jahren so leben? Bestimmt an die 50. Dachte Chany.
Ganz so gedankenversunken hatte sie, gar nicht mitbekommen, wie Mona und sie bereits wieder am weiterlaufen waren. Chany zögerte, sie wusste nicht, was sie Mona sagen sollte. Auch wenn ihre Freunde ihr wichtig waren, hatten sie nie etwas über ihre andere Seite herausgefunden.
Niemand dürfte das je erfahren! Das wurde ihr oft genug ausdrücklich gesagt, auch wenn ihre Eltern selbst nie über diesen Teil von Chandrya sprachen.
Früher war sie selbst nicht ein mal sicher gewesen, ob diese darüber bescheid wussten. Jahrelang war es auch für sie ein Geheimnis gewesen, das Chany sich in den Wald schlich, um sich zu verwandeln. Ihr handeln wurde stets als abenteuerlustig abgetan, als würde sie einfach nur kindlich die Welt erkunden wollen. Draco war der erste gewesen, der es rausgefunden hatte, ob er es ihnen je erzählt hatte, wusste sie nicht. Sie selbst hatte keinen Ton darüber verloren.
"Hey ihr beiden!", grüßte sie Tate locker und schloss sich gleichmäßigen Schrittes den beiden an.
"Und Tate kann auch mitkommen!", verkündete Mona. Tate war Chanys und Monas bester Freund. Er wunderte sich genau wie Mona kaum noch über Chanys manchmal etwas seltsame Art. Aus diesem Grund war er auch nicht überrascht, dass sie gar nichts sagte und Mona allein das Gespräch fortführte.
"Wohin gehen wir?", wollte er wissen und musste dabei etwas lachen.
"Zu Giuseppe!" Mona gestikulierte wild mit den Händen und zählte so glücklich wie noch nie die ganzen Leckereien auf, die es dort gab, sodass sie auch Chany ein Lächeln entlocken konnte. Wie sollte Chandrya jetzt noch nein sagen können? Aber was war wenn Draco wirklich heute kommen würde? Sie wollte ihn genauso wenig warten lassen.
Tate legte eine Hand auf Chanys rechte Schulter und war gerade dabei zu verkünden, was für eine tolle Idee dies doch sei, endlich mal wieder etwas zu dritt zu unternehmen, als Chandrya schmerzerfüllt zurück schreckte.
Verdammter Mist! Fluchte sie innerlich und hatte das Gesicht angespannt verzogen. Bis eben hatte sie geglaubt, dass ihre Verletzung gar nicht so schlimm gewesen sei.
"Alles in Ordnung?", fragten Tate und Mona fast gleichzeitig.
Chandrya nickte vorsichtig. "Schon okay. Ich hab mich nur beim Sport etwas verletzt. Ist nicht weiter schlimm.", log sie. Tate und Mona hatten immer gedacht Chandryas Familie sei etwas wohlhabender. Nicht dass sie in einem großen Schloss oder so lebte, aber ihr Vater musste etwas außergewöhnliches als Job haben. Etwas, wobei es nötig war, das Chany hin und wieder Begleitschutz brauchte und all diese tollen außerschulischen Aktivitäten hatte. Der Sport war nur eines der Wichtigen Dinge, weshalb sie oft wenig Zeit für die beiden hatte.
Chandrya war durchaus bewusst gewesen, was ihre Freunde sich ausmalten und sicherlich hatte sie unterbewusst dazu beigetragen, dass diese etwas derartiges dachten. Das alles machte es nur leichter hin und wieder Ausreden für dieses und jenes zu erfinden.
Mona und Tate tauschten besorgte Blicke aus, ehe Tate Chandrya mit seinen mitleidigen blauen Augen musterte. Trotz seines coolen Immages als eines der Beliebten Kinder zu Schulzeiten, war Tate immer einfühlsam und entgenete den Menschen stets mit viel Empathie. Vielleicht war es auch das, was den Mädchen so an Tate gefiel. Darüber hatte Chandrya schon oft nachgedacht. Tate sah eben nicht nur gut aus mit den zerzausten hellbraunen Haaren und dem verschmitzten Lächeln.
"Du übertreibst immer viel zu viel mit deinen Pflichten!", tadelte Mona Chany und stemmte dabei die Hände in die Hüfte.
"Mona...", seufzte Tate, doch wurde auch er sofort von ihr angefahren.
"Was? Ist doch so! Sicherlich wollte sie heute gleich wieder trainieren! Sonst hätte sie schon längst auf unseren Vorschlag reagiert." Monas Worte trafen Chandrya wie ein Blitz. Sie hatte recht, Chany hatte es vermieden zu antworten und ganz sicher wollte sie auch wieder trainieren. Es hatte keinen Sinn Mona zu widersprechen, sie und Tate kannten sie einfach zu gut.
Ob nun Monas ernster Gesichtsausdruck dafür verantwortlich war oder die immernoch leichten Schmerzen in ihrer Schulter, dies war der Moment, indem Chandrya eine Entscheidung für sich selbst traf.
Heute würde sie sich selbst einen Tag Pause von allem gönnen.
"Ich bin mir sicher, dass Chany es uns gesagt hätte, wenn sie keine Zeit hat. So viel wie du redest kam sie bestimmt einfach nur nicht zu Wort, um zuzustimmen", neckte Tate Mona und warf Chany einen liebevollen Blick zu, welche sich mit einem leichten Kopfnicken bedankte.
Mona schubste Tate sanft mit einem lauten: "Hey!", und musste dabei lachen. Ein lustiger Anblick, da Tate beinahe zwei Köpfe größer als die kleine Mona war.
Mit Leichtigkeit hatte er sie mit nur einem Arm auf Abstand gehalten und kicherte während er soetwas sagte wie: "Ist doch nur die Wahrheit, Kleine."
Chany wollte Tate und Monas Spiel nicht unterbrechen, auch wenn Mona sichlerlich sehnsüchtig auf ein Ja von ihr wartete. Aus diesem Grund gab sie beiden einen Moment Zeit ihre Angelegenheiten zu klären.
Als Mona plötzlich wieder an Chandryas Seite stand und dabei völlig außer Atem versuchte zu kichern, sagte Chany letztendlich: "Eis bei Guiseppe klingt toll!"
Monas Grinsen wurde breiter, denn das hatte sie definitiv nicht erwartet. "Meine letzte Vorlesung ist um 2.", ließ Mona die anderen beiden wissen. "Meine auch.", erwiederte Chany und Tate erklärte ihnen, dass er einfach auf die beiden warten würde.
Nach dem Mittagessen trennten sich die Wege der drei, als jeder von ihnen zu einem anderen Raum musste.
Als Chandrya sich wenige Minuten später auf einen der Stühle in dem großen Raum gesetzt hatte, wusste sie genau, dass sie nun ein Problem hatte. Zwar hatte sie ein weiteres Drama mit Mona erfolgreich abgewendet, doch würde ein neues auf sie zukommen. Heute würde Tobi sie abholen und wenn sie Glück hatte, dann wäre Francis nicht dabei, und wenn Francis nicht da wäre, dann war es auch sehr wahrscheinlich, dass Draco heute nicht kommen würde. Ein bisschen machte sie dieser Gedanke traurig, auch wenn es besser so wäre. Francis abzuhängen war um einiges schwerer als Tobi, John oder Shona. Nicht ohne Grund war er Dracos Beta. Seine Fähigkeiten waren beeindruckend, wenn auch nicht so beeindruckend wie Dracos.
Tobi allein zu entwischen wäre also möglich. Vielleicht konnte sie ihm auch einfach, ohne Francis Anwesenheit, die Wahrheit sagen. Sicherlich hätte er kein Problem damit Chany aus der Entfernung heraus zu beobachten, bis sie nach Hause ging. Von allen dreien, war er derjenige, mit dem man am besten Reden und Verhandeln konnte. Sicherlich weil er schon lange aufgegeben hatte, gegen sie anzukommen. Chany gelang es jedes mal sich wegzuschleichen und lieber wusste er, wo sie war und konnte aus der Ferne auf sie aufpassen, als dass Draco ihm den Kopf abreißen würde, weil er sie mal wieder verloren hatte.