Als es endlich 15:30 Uhr war und Chandrya dabei war sich zum Ausgang zu begeben, konnte sie Tobis Anwesenheit bereits deutlich spüren. Nicht dass seine Aura so stark war, wie die eines Alphas, der mit seiner Anwesenheit ein ganzes Gebäude erschüttern konnte, auch wenn ihre einzige Relation hierzu Draco war.
Normal war es allerdings nicht, dass sie ihn auf diese Entfernung wahrnehmen konnte, aber was war für Chany schon normal. Am Anfang hatte sie gedacht, sich dies einzubilden. Dass sie die Präsenzen anderer Menschen spüren konnte. Doch Draco hatte ihr eine Entwarnung gegeben. Es war auch nicht bei jedem aufgetreten, nur bei bestimmten, denn das, was sie spürte, waren keine Menschen, es waren wie sie Gestaltwandler. Personen mit eine zweitem, anderen Seelenfragment. Ihre Seele bestand nicht nur aus einer menschlichen, sondern auch zu einem Bruchteil aus dem einer Bestie.
Oft hatte Draco erwähnt dass es nur den stärksten unter ihnen vorbehalten war, ein so deutliches Gespür zu haben und sie sich glücklich schätzen konnte, so besonders zu sein, dabei wollte Chany nicht besonders sein. So sehr sie ihre andere Seite mochte, so sehr verabscheute sie diese auch. Es brachte ihr so viele Male nichts weiter als Ärger und heute würde das nicht anders sein. Wäre sie wie alle anderen, hätte sie ganz normal mit ihren Freunden ein Eis essen können, ohne sich dabei um einen lästigen Babysitter Sorgen machen zu müssen.
Chany ging mit ihren schmalen Beinen ein paar vorsichtige Schritte weiter und seufzte letztendlich erleichtert, als sie den rauen Boden kurz vor dem Ausgang betrat. Es war wirklich nur Tobi, den sie spüren konnte, Francis hätte sie schon viel früher bemerken müssen, wäre er hier gewesen. Seine Ausstrahlung war viel stärker.
Plötzlich rempelte sie Mona abermals von hinten an und drückte Chany freudig nach draußen. Sie hatte es gar nicht erwarten können etwas mit ihrer besten Freundin zu unternehmen. Mädels Abende waren mit Chany unmöglich gewesen und kleine Ausflüge zu dritt sehr selten.
“Mona...“, seufzte Chany. Doch das kleine Mädchen beachtete das nicht.
Sie war so fest entschlossen schnell los zu gehen, bevor Chandrya es sich anders überlegte, dass sie auf nichts achtete. Auch nicht auf Tate, der wie versprochen draußen auf sie gewartet hatte. Chandrya stieß mit ihrer rechten Schulter gegen seinen trainierten Oberkörper und drohte zu fallen, als er sie fest umklammerte.
“Oh Mist.” Mona hielt sich verwundert die Hand vor den Mund.
Chany durchfuhr ein ziehender Schmerz und ihr Körper erstarrte kurz.
“Sorry, Tate.“, entschuldigte Mona sich. Und Chany rollte unbedacht mit den Augen, immerhin hatte Mona sie auf ihn geschubst.
“Tut mir leid, Tate.“, sagte Chany und löste ihren angespannten Griff, mit dem sie sich rettend an seinem Shirt festgehalten hatte. Mit ihrer linken Hand strich sie die Falten wieder glatt, während die andere immer noch vom Aufprall wie gelähmt war.
“Alles gut.“, lachte Tate, doch war er nicht dabei seine Umarmung zu lockern. Chanys Wangen glühten rot, als sie sah, dass diese Aktion einigen Schaulustigen um sie herum nicht entgangen war und ganz sicherlich auch nicht Tobi. Ein lautes Räuspern erklang in ihren Ohren, welches jedoch weder Mona noch Tate hören konnten. Tobi schien alles andere als begeistert.
Schnell ging Chandrya einige Schritte zurück, als sie sich elegant aus Tates Armen gewunden hatte und sah verlegen in Tobis Richtung. Tate folgte ihrem Blick, während Mona unschuldig von einem Fuß auf den anderen wippte und nichts von alle dem mitzubekommen schien. Für Chandryas Meinung wirkte sie sogar etwas zu unbeteiligt, fast als hätte sie sie mit Absicht mit ihrem Geschiebe vorhin blamieren wollen.
Chany verwarf diesen Gedanken noch im selben Augenblick.
Sowas würde Mona nicht tun, sie war einfach nur ein tollpatschiges Mädchen.
Sicher war es nur Chanys Aufregung, die mit ihren Gedanken spielte.
Tobis Blick erhärtete sich und sie wusste genau, was er sagen wollte.
“Dein Wachhund?“, scherzte Tate in einem ernsten Ton und es ließ Chany beinahe zusammenzucken. Er wusste ja nicht wie recht er mit dieser Aussage hatte. Nun erhaschte auch Mona einen kurzen Blick auf Tobi und ihr lächeln verschwand augenblicklich aus ihrem Gesicht.
“Ich kläre das kurz.“, versicherte Chandrya und war gerade dabei sich umzudrehen, als Mona mit einem unzufriedenem: “Sicher.“, antwortete. Natürlich war sie angespannt und ihre Hoffnung auf das Treffen zu dritt schwand. Normalerweise, wenn einer von Chandryas Abholdiensten vor der Tür stand, bedeutete es, dass sie schnell verschwinden musste. Und heute würde das sicherlich nicht anders sein, warum hatte Mona sich überhaupt auf das alles gefreut?
Fürs erste ignorierte Chandrya Monas Aussage, auch wenn ihr klar war, woher diese rührte. Heute würde es nämlich anders sein, Chany hatte sich das fest vorgenommen. Da Tobis sie bereits gesehen hatte war wegrennen nun keine Option mehr und Kommunikation blieb ihr als einziger Weg.
“Tobi.“, grüßte sie ihn vorsichtig, als sie kaum zwei Meter von ihm entfernt stand.
“Du lässt dir ganz schön viel Zeit mit diesen Menschen.“, grummelte er und seine braunen Augen wirkten fast schwarz.
Na super, ausgerechnet heute hat er schlechte Laune.
Tobi trug lässige dunkelgraue Jeans, jedoch ein weißes Shirt mit einem ordentlichen navy blauem Hemd darüber, etwas, dass er nicht oft trug, was Chany vermuten lies, dass er sicherlich etwas besseres zu tun gehabt hatte, als sie abzuholen. Vielleicht würde er auch gleich nach seiner Schicht zu einem Date gehen.
“Also zuerst ein mal... das sind meine Freunde, Tobi.“, begann Chany und Tobi blieb still. Natürlich wusste er, wer die beiden waren, es war ihm sichtlicherweise nur egal.
“Und dann, wollte ich dich um etwas bitten.“, fuhr sie fort und setzte dabei ihre Welpenaugen auf und versuchte all ihre Kraft im inneren zu bündeln.
Tobi lockerte sich noch augenblicklich und Chany wusste, dass sie das nicht hätte tun sollen. Francis hatte oft gesagt, dass sie sich besser unter Kontrolle haben sollte und ihre Macht nicht ausnutzen durfte, aber ihr selbst war die Wirkung, die sie auf Personen wie Tobi hatte, schon oft aufgefallen. Aber nicht immer gelang es ihr mit dem allen hier umzugehen.
“Was möchtest du?“, fragte er ruhig.
“Ich will doch nur wie ein normaler Mensch mit meinen Freunden ein Eis essen gehen.“, erklärte sie fast schon traurig. Tobi seufzte und sah sich besorgt um.
“Du bist aber kein normaler Mensch.“, flüsterte er, so dass es nur sie hören konnte.
“Darf ich trotzdem? Du kannst auch in der Nähe bleiben und es dauert ganz bestimmt auch nicht lange!“, antwortete sie kaum lauter.
Für jeden in ihrer unmittelbaren Nähe mussten derartige Gespräche seltsam gewirkt haben. Zwei Menschen, die sich über eine so derartige Distanz hinweg an flüsterten. Es wäre nicht das erste mal, dass sie dafür komische Blicke ernten würden.
Draco hatte ihr einst erzählt, dass es Werwölfen auch möglich war über Gedanken miteinander zu kommunizieren, hierzu bedarf es aber einiges an Übung, die Chany schlichtweg nicht hatte und einer Verbindung, die ihr zu den meisten verwehrt war. Nicht nur musste man die gewünschte Person kontaktieren, sondern musste der Gegenüber einen auch hinein lassen. Sie konnte sich auch nicht vorstellen, wie soetwas derartiges hätte funktionieren sollen und war sich oft sicher gewesen, dass es nur eine seiner Geschichten war, die sie so gerne hörte.
Erneut seufzte Tobi und sah sie mit flehendem Blick an. Das konnte sie ihm nicht antun, wie sollte er so nein zu ihr sagen?
“Na gut....“, gab Tobi nach.
Chandrya lächelte zufrieden und bedankte sich mehrmals.
Tate sah immer wieder zwischen Mona und Chany mit diesen albernen Typen hin und her. Er wusste nicht, was es war, dass ihn an Tobi so störte.. Vielleicht seine dunklen perfekt fallenden Locken, die weichen Gesichtszüge und die Kakaobraunen Augen auf seinem möchtegern hübschen Gesicht oder doch einfach die Art, wie er mit Chany umging? Nein, es war sicherlich der Grund, dass er eines der Hindernisse war, weswegen Zeit mit Chany zu verbringen etwas war, was Größtenteils auf die Schule oder Uni begrenzt war. Ihm war es ein Rätsel, wie Chandryas Eltern, das alles nur zulassen konnten oder sogar noch schlimmer, wie sie es in Kauf nehmen konnten ihre Tochter so einzuschränken.
Tate hasste Chanys Eltern nicht und immer, wenn er sie getroffen hatte, war er nett zu ihnen und sie zu ihm. Sie wussten, dass Tate und Mona ein wichtiger Teil des Lebens ihrer Tochter waren und sie freuten sich darüber, dass diese so gute Freunde hatte und dennoch waren sie ihm einfach zu überfürsorglich. Aus diesem Grund war er auch immer verwundert gewesen, wenn die Elouans doch ein mal zu einer der Grillpartys seiner Mutter gekommen waren, die diese jeden Sommer in ihrem riesigen Garten veranstaltete. Vermutlich waren sie eine dieser Reichen Leute, die Angst hatten, dass sie ihres Geldes wegen ausgenutzt werden und gerade bei ihrer Tochter, hatte Tate durchaus nachvollziehen können, wie sehr sie sich sorgten.
Doch war das hier alles etwas, dass er nicht für Chandrya wollte.
“Alles okay?“, presste Mona hervor. Tate hatte die Zähne fest aufeinandergepresst und lockerte seinen Kiefer, als er selbst mitbekam, wie angespannt er doch war. Selbst hätte er sich jedoch nie eingestanden, dass er genauso mitfieberte wie Mona, ob es Chany gelingen würde Tobi überreden zu können.
“Hübsch ist er ja schon.“, fuhr sie leise vor sich hin flüsternd fort, als Tate nichts sagte. Es schien als hätte der Anblick ihrer besten Freunden und ihrem Aufpasser Monas ganze Aufmerksamkeit zurück gewonnen. Tates Mund öffnete sich ein Stück. Gerne hätte er etwas gesagt, aber keiner der Gedanken, die sich in seinem Kopf gebildet hatten, schien angebracht gewesen zu sein. Dabei war es nicht das erste mal gewesen, dass Mona soetwas über Tobi gesagt hatte. Als sie 14 war schien sie auch etwas für Tobi geschwärmt zu haben, dabei war dieser sicherlich zehn Jahre älter gewesen und ein Idiot, der sie von ihrer Freundin trennte, auch wenn es vermutlich einfach nur sein Job war, für den er bezahlt wurde.
Tate seufzte entnervt und entschied sich für das einzig richtige: “Alles okay. Chany macht das schon.“, antwortete er ruhig und noch im selben Moment wanderte Monas Hand beruhigend auf seine Schulter.
“Du hast sicherlich recht.“, versuchte sie zuversichtlich zu sein.
Chandrya hatte sich mit einem breiten Grinsen umgedreht, das nun auf ihre beiden Freunde gerichtet war. Aufgeregt hüpfte Mona auf und ab und hatte sich schon fast in Tobis Schulter gekrallt, als sie ihm in ihrer Freude fest schüttelte. Ohne groß nachzudenken riss er sich von Mona los und eilte Chany einige Schritte entgegen. Mona versuchte mit ihren kurzen Beinen schnell hinterherzukommen und hakte sich augenblicklich bei Chandrya ein. So schnell würde sie sie nicht mehr loslassen. Tate tat es Mona gleich.
“Lasst uns los gehen.“, lachte Chany über die Albernheit ihrer Freunde.