Schreib!

1488 Words
Ich starrte nun für gefühlte Stunden auf meinen Bildschirm in der Hoffnung, dass durch Zauberhand Wort auf meinem Dokument erscheinen würden, doch so leicht machte es mir diese Schreibmaschine nicht. Es kam mir vor, als würden wir auf einem Schlachtfeld stehen, ich und mein Laptop, darauf abwartend, dass irgendjemand den ersten Schlag machte, doch wir weigerten uns beide. Frustriert warf ich meine Arme in die Luft und verschränkte sie dann hinter meinem Kopf. Wie machten die Leute das? Es sah immer so einfach aus, wenn andere in der Universität so an ihrem Laptop rumschrieben und voll in ihrem eigenen Flow waren. Warum stellte es sich bei mir so schwer heraus? War ich wirklich so untalentiert? Aber nein. So durfte ich nicht denken! Schliesslich lag es nur an mir, ob ich mit dem Schreiben anfing oder nicht. Und dann, ganz ehrlich, wenn ich es nicht einmal versuchte, war ich von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Ich rappelte mich in meinem Bürostuhl auf. So jetzt, reiss dich zusammen, Mädchen! Ich sass aufrecht und führte meine Finger zur Tastatur und schrieb mal einige Wörter auf. "Es war einmal…" Ach nö. Ich drückte wild auf meine Löschtaste herum. "…" "Hm", grübelte ich und atmete tief ein und aus. "Okay, du schaffst das. Bloss kein Druck", versuchte ich mir selbst den Rücken zu stärken und erinnerte mich dabei wieder, aufrecht zu sitzen. So konnte wenigstens mein Blut erfolgreich den Weg in mein Gehirn finden. Einer von uns musste erfolgreich sein. Ich seufzte. "Es begann alles mit einem riesigen Knall…" Wollte ich jetzt wirklich über den Urknall schreiben? Die Löschtastatur wurde wieder arg gebraucht. Ich hatte mich aber darauf eingestellt, dass es die ersten Male wahrscheinlich nicht auf Anhieb funktionieren würde. Ich hatte alle Zeit der Welt, nur keine Panik. "Er war ein Arsch." Ich schmunzelte. Ich kann doch nicht über Ethan schreiben… oder sollte ich doch? Es muss ja nicht das Buch sein, welches ich dann veröffentlichen werde. Es kann ja nur so eine Art Übung für mich sein, die niemand lesen wird. Ich nickte zielsicher. "Er war ein Arsch. Diese Art von Arsch, in die man sich verliebte." Klingt doch gar nicht so schlecht. Und wer weiss, vielleicht würde mir dies dabei helfen Ethan zu vergessen und diese ganze peinliche Situation mit seiner Ex. "Ich hatte mich in ihn verliebt und Dinge getan, von denen ich nicht wusste, dass ich fähig dazu war. Ich war sogar so weit gegangen, dass ich mich völlig zum Horst machte, indem ich den ersten Schritt tat und ihn küsste. Doch warum sollte dies nicht auch etwas sein, was Frauen machten? Warum wurde es immer nur vom Mann verlangt, dass er den ersten Schritt machte? Das war doch für uns Frauen und unseren Kampf um die Gleichberechtigung mehr als kontraproduktiv. Wir wollten Gleichberechtigung, verlangten aber immer noch, dass der Mann die Führung nahm? Sogar in der Liebe? Klar, nun redeten Ethan und ich kein Wort mehr miteinander und ich würde lügen, wenn ich den Schritt nicht etwas bereuen würde, doch ich würde es wahrscheinlich wieder genauso tun. Immerhin gab es auch eine gute Sache im Bezug auf dieses Fiasko mit Ethan. Ich wurde etwas selbstbewusster und weniger naiv? Ja vielleicht wollte ich mir das einfach nur einreden, damit ich einen Sinn in dem Ganzen finden konnte? Aber warum sollte ich mich denn selbst belügen? Ich mochte ihn immer noch. Daran konnte ich nichts ändern, auch wenn ich es wollte. Ich hatte mich so lange danach gesehnt, mich endlich wieder einmal so richtig zu verlieben, dass ich dieses Gefühl nun wirklich vermisse. Ich lechze förmlich danach…" Ich seufzte schwer. War ich wirklich so verzweifelt? Ich war etwas schockiert darüber, dass das Schreiben mich zu dieser Erkenntnis gebracht hatte. Sehnte ich mich so sehr nach dieser einen Liebe, dass ich alles dafür tat um diese zu bekommen? Ich war schon mal nächtlich auf den Gedanken gekommen wieder zu Ethan zu gehen und versuchen es zu reparieren, das was wir hatten… Naja, falls es überhaupt etwas war. Wir waren ja nicht einmal ein richtiges Paar. War ich also wirklich bereit dazu, nur um diese Liebe zu spüren? War ich so wahnhaft und blind? Wusste ich eigentlich was Liebe war? Klar, ich kannte die Liebe, die ich von meiner Mutter und meiner Schwester bekam, aber die Liebe von einem Fremden? Ich verzog das Gesicht und pirschte mich vorsichtig an die Buchstaben heran. "Und in Wahrheit wusste ich gar nicht was Liebe war. Wie konnte ich auch? Die romantische Liebe wurde mir von Hollywood durchgekaut und als Film vor die Füsse gekotzt. Ich kannte die Liebe nur aus der Sicht von Hollywood, dessen Ziel es war, Filme möglichst anschaulich zu gestalten und möglichst so, dass man wie besessen auch den zweiten und dritten Teil der Film-Franchise schauen wollte. Er war einer, wie keiner. Er inspirierte mich, doch war ich tatsächlich in ihn verliebt? Ich konnte das nicht wirklich sagen. Was ich sagen konnte, war, dass ich das Gefühl vermisste, welches er mir bescherte. Ich fühlte mich so ganz anders, manchmal auch verunsichert, aber grösstenteils fühlte ich mich lebendig wie ausgetauscht, als könnte ich die ganze Welt auf den Kopf stellen. Meine hatte er wenigstens auf den Kopf gestellt…" Ich hatte Ethan den ganzen letzten Monat nicht gesehen. Das Schreiben hatte mir echt gutgetan. Ich hatte nicht realisiert, was für eine therapeutische Wirkung es auf mich hatte, dass ich einfach meine ganzen Gefühle und Verwirrungen aufs Papier bringen konnte, ohne unterbrochen oder verachtete zu werden. Manchmal kam es mir nämlich vor, als würde jeder von mir erwarten, ganz genau zu wissen, was zu tun ist. Es wurde von mir förmlich erwartete zu wissen, wie ich zu reagieren hatte oder nicht. Doch ich war anfangs zwanzig und hatte noch mein ganzes Leben vor mir. Ich fühlte mich, als sei ich noch 16 und als wartete ich immer noch darauf, dass ich mich unsterblich in einen Jungen verlieben würde, um mit ihm spätestens mit 20 zusammenzuziehen. In meiner Vorstellung der Dinge würde ich dann mit 25 verheiratet sein und einen vollen, ausgeglichenen und guten Job haben. Die Realität war, dass ich mit 20 immer noch nicht eine anständige Beziehung hatte, und schon gar nicht drauf zeigen konnte, welche Richtung ich gehen wollte. Ich hatte mein Studium begonnen mit der Vorstellung, dass ich irgendwann in einem Büro eines Museums arbeiten werde, doch seit Ethan, stand dieses Bild schief. Ich dachte tatsächlich darüber nach Autorin zu werden und mich richtig in mein Schreiben hineinzulegen. Auch, fand ich den Gedanken ganz schön den Bücherladen von Mr Harris zu übernehmen, falls er sich entschied mit Ms Vega in den Ruhestand zu gehen. Ich sah die beiden in letzter Zeit mit einander tuscheln und sie brachte ihm jeden Abend ihre letzten Blumen vorbei. Ich war jedes Mal aufs Neue Überrascht darüber, wie gut ihre Blumen sich erhielten in dieser eisigen Winterkälte, die so bald auf uns überprasselte. Es schien als würde die Sonne immer einen Weg in den Laden von Ms Vega zu finden, sodass ihre Blumen immer weiter gediehen. Als Teenager wollte ich immer gross Karriere und damit das grosse Geld machen, doch heute schient mir der Aufwand nicht wert. Ich wollte nicht wie ein Hund mich zu Tode arbeiten nur um dann genug Geld zu haben, um es an Dinge zu verlieren, die gar nicht so wichtig sind und die mich schlussendlich nicht glücklich machten. Alles was ich brauchte, war Geld um angenehm zu Leben und mir mein kleines, friedvolles Heim so zu gestalten, wie ich es mir immer erhofft hatte. Natürlich würde ich es auch schön finden, wenn ich mit meinen Verdiensten meine Mutter und Melody mit Reisen überraschen könnte. Das würde mich echt glücklich machen, sie glücklich zu sehen. An einem sehr kalten und nebeligen Morgen war ich schon früh auf und hatte mich durch den Regen bis zu Mr Harris Buchladen gekämpft, um die Regale einzuräumen. Das Prasseln des Regens am Fenster hatte eine beruhigende Wirkung auf mich, so dass ich friedvoll und völlig unbekümmert die Bücher sortierte und sie einordnete. Mr Harris hatte di Weihnachtsdeko noch nicht herausgeholt und ich war noch froh darüber, dass er mir den Herbst nicht so schnell wegnahm. Die meisten Läden hatten sich schon die Hände wund dekoriert mit Weihnachtsdeko und ich mied es, wenn es ging, mir einzugestehen, dass der Herbst offiziell nicht mehr da war. Das Einzige, was Mr Harris angebracht hatte, war eine neue Klingel, wenn jemand zur Tür hineinkam und so wurde ich schlussendlich darauf aufmerksam gemacht, dass jemand in den Laden gekommen war. Kurz schreckte ich auf, als ich die Glock hörte. Sie hatte einen tieferen und volleren Klang, als die vorherige, die so schrill war, dass ich mich nach Monaten erst daran gewöhnen konnte. Ich schob den Bücherwagen vor mich her und begab mich in den vorderen Bereich, wo die Theke stand, um die Kundschaft zu begrüssen. Doch ich erstarrte, als ich seine meeresfarbigen Augen trafen und stoss unbewusste einige Bücher vom Wagen.
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