Weihnachtsstimmung

2168 Words
«Ach Mist! geht’s dir gut? Ich wollte dich nicht erschrecken…» Er hatte mir behutsam unter die Arme gegriffen und mir geholfen wieder aufrecht zu stehen. Ich machte keinen Wank die Bücher, die auf dem Boden lagen aufzuheben. Was machte er hier? Stumm sah ihn mit geweiteten Augen an und wartete darauf, dass er erneut das Wort ergriff. Seine Haare waren durchnässt vom Platzregen und er sah mich, wie ein verlorener Welpe an. Was erwartete er von mir? Dass ich ihm um die Arme sprang und so tat, als wäre mir das nicht übelst unangenehm? «Tut mir leid», sagte er dann schliesslich. «Für die Bücher oder für das verheimlichen deiner Ex, die Teil deiner ach so tollen Band ist, die du mir vorstellen wolltest bei unserem ‘Date’?» Ich war selbst von mir überrascht, dass ich die Worte einfach so aus mir heraussprudeln liess, doch ich war sauer, am ehesten immer noch verletzt. Das Schreiben hatte mir so sehr geholfen und mich glauben lassen, dass ich schon über den Berg wäre, doch ihn so vor mir zu sehen, liess meine Hormone verrücktspielen. Ja, ich schob es auf die Hormone, verurteilt mich nicht. Ich hatte mich aus seinem Griff befreit und verschränkte zickig die Arme. Er drückte seine Daumen und streckte dann wieder seine Finger, als würde er sie entkrampfen wollen und strich sich dann die nassen Haare vom Gesicht. Mir fiel sofort auf, dass er sich ein neues Piercing hat stechen lassen und ich seufzte innerlich. Dass er total mein Typ war, machte mir das Ganze noch schwerer. «Beides, schätze ich…», gab er klein bei und ich konnte es ihm ansehen, dass es ihm auch unangenehm war, hier zu sein. Es kam mir vor als wäre er orientierungslos durch die Stadt gelaufen, nur damit sein Unterbewusstsein ihn hier her bringt zu mir. «Hör zu Ethan. Ich weiss ehrlich gesagt nicht, was du hier tust», fing ich an und entschied mich die Bücher vom Boden aufzulesen. Er warf sich beinahe schon zu Boden, als er sah, wie ich mich hinabbeugte, um nach den Büchern zu greifen, um mir behilflich zu sein. Er erntete dafür nur einen abweisenden Blick, den er bewusst ignorierte. «Ich weiss es auch nicht», hörte ich ihn murmeln und er nahm mir die Bücher aus der Hand, obwohl ich protestierte. «Ich vermisse dich.» «Ach, ist das so? Sicher, dass du es nur nicht vermisst, jemanden zu haben, um deine Ex eifersüchtig zu machen? Sie verdient das nicht und ich ganz sicherlich nicht.» «Du bist nicht fair» «Ich bin es, die nicht fair ist? Ist das dein Ernst Ethan?» Ich riss ihm die Bücher aus den Händen und schlug sie auf den Wagen. Ich war selten so sauer geworden, aber er liess mich sprichwörtlich durch die Decke gehen. «Weisst du, wie sich das anfühlt, endlich mal zu glauben, dass jemand dich wirklich mag, nur um dann zu erfahren, dass dir nicht die ganze Wahrheit erzählt wurde? Ich kam mir so blöd vor einfach da zu sitzen, während alle deine Bandmitglieder ganz genau wussten, wie die Situation war. Ich war so ahnungslos und du hattest nicht einmal ein Funken Ehrgefühl mir im Vorhinein Bescheid zu geben. Weisst du, dass es mir egal gewesen wäre, wenn du mich einfach vorgewarnt hättest?» Ich hatte gar nicht mehr gemerkt, dass mir die Tränen kamen, während ich ihm all die Worte an den Kopf warf. Ich hatte nur gemerkt, dass seine Fassade genau so bröckelte und dann wie sie am Ende meines Ausrasters eine hohe Mauer aufzog. «Du tust so, als hätte ich dich betrogen oder dergleichen. Wir waren nicht einmal ein Paar Hailey!», empört über meine Emotionen, raufte er sich die Haare. «Macht das denn einen Unterschied, ob wir ein Paar waren?», schoss ich zurück. «Ja? Du kannst nicht hier stehen, mir all das an den Kopf werfen und dann denken, ich würde mich bei dir entschuldigen für etwas, was gar nicht so schlimm war.» Ich war fassungslos. «Du hast mich geküsst. Wir haben uns geküsst!» «Das bedeutet doch gar nichts!» Wie konnte er sowas sagen? War es also das? Es hatte ihm nichts bedeutet, es waren nur leere Worte und leere Gesten, in denen ich alles hineininterpretiert hatte? Konnte ich mich jetzt also nicht einmal mehr darauf verlassen, dass wenn jemand mich küsste und das mehrmals, dass er mich mochte? «Also hattest du nie Gefühle für mich und alles was du mir gesagt hast, jeder Moment, war einfach nur ein Moment? Er hatte gar keine Bedeutung? Was zum Teufel machst du also hier? Kamst du nur um mir das zu sagen? Oder hattest du die Hoffnung, dass du einfach hier antanzen konntest und ich würde dir wieder in die Arme springen?» Was für ein verdammter Arsch. Ich konnte das nicht glauben. Er seufzte entnervt und schüttelte dann den Kopf. «Das hat doch keinen Sinn mit dir.» Ich verzog die Augenbrauen. «Es ist besser für dich, wenn du dich nicht mehr blicken lässt, Ethan. Verschwinde von hier!» Ich ging ihm voraus und öffnete ihm wütend die Tür. War er nur hergekommen, um mich noch wütender zu machen? War dies ein Zeichen des Universums, dass ich mich nicht so halskopfüber in etwas hineinsteigern sollte und schon gar nicht ein eine Beziehung? Aber, oh entschuldige, für ihn mussten wir uns zuerst labeln, um davon zu sprechen. Ich sah ihn auffordernd an und gerade als er Anstalt machte zu gehen, kam Mr Harris durch die offene Tür und sah mehr als verwirrt aus. Ich schenkte ihm keine Beachtung und fixierte mich nur darauf, dass Ethan den Bücherladen schleunigst verliess. Nach dem ich die Tür abschloss und Mr Harris sich den nassen Mantel und den Schirm ablegte, sah er mich fragend an. Ich wusste, dass er nicht fragen würde, wenn er sich sicher war, er würde mir nicht zu nahetreten und deshalb erzählte ich es ihm. Er hatte sich auf seinen Sessel im Hinterzimmer gesetzt und hörte mir aufmerksam zu, während ich wieder all die Gefühlsachterbahn durchlief und dann nickte er stumm. Mr Harris war kein Mann der vielen Worte und ich wusste es zu schätzen, da er immer mit Bedacht sprach und nicht lange um den heissen Brei sprach. «Gut, dass du ihn zum Teufel geschickt hast», sagte er schliesslich und ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. Kein Mann der vielen Worte, eben. «Wollen wir den Laden vielleicht doch schon schmücken?», fragte er und ich nickte. Vielleicht musste ich den Herbst loslassen, sowie ich Ethan heute losgelassen hatte. Und das dekorieren würde mich sicher wieder aufheitern, das wusste Mr Harris am besten. «Na dann, du weisst wo wir die Kisten haben. Ich hole die nächsten paar Tage dann einen Tannenbaum bei Bobby.» Bobby war ein Freund von Mr Harris, der ausserhalb der Stadt auf einem ländlichen Gebiet lebte und Tannenbäume züchtete. Er hatte ein lukratives Geschäft daraus gemacht, besonders da er der Einzige in der Nähe ist, der noch echte Tannenbäume verkauft. Ich sprang enthusiastische auf und holte die Kisten hervor. Mr Harris hatte damit begonnen die Fenster mit weihnachtlichen Aufklebern zu schmücken. Es waren einige darunter, die einfach perfekt für den Bücherladen waren: Bücherstapel mit Weihnachtskugeln und Mistelzweigen. Ich schmückte die Regale mit roten und goldenen Girlanden und fing an die restlichen Bücher einzuräumen, die ich noch vor einer guten halben Stunde auf den Wagen geknallt hatte. Immer noch etwas genervt von Ethans plötzlichem und recht respektlosem Auftreten zog ich unbewusst die Augenbrauen zusammen. «Die Bücher haben keine Schuld», schmunzelte Mr Harris als er mein Gesicht sah und heiterte mich mit dieser kleinen Geste auf. «Bücher haben nie Schuld», sagte ich und zwang mir ein Lächeln auf. Die nächsten Tage wurden immer kälter und düsterer. Sie wurden kürzer und der Herbst hatte sich nun tatsächlich von mir verabschiedet. Im Café gerade neben der Strasse, die zu Mr Harris führte, hatten sie das Gebäck für die Saison geändert und es roch nur noch nach Schokolade und butterigen Verführungen. Den Apfelkuchen hatten sie aus dem Sortiment gestrichen und er würde erst nächstes Jahr wieder verkauft werden. Ich verzog bedrückt das Gesicht, als ich am Café vorbeilief und den Duft des Apfelkuchens mit Zimt nicht mehr wahrnahm. Die Bäume, die vor einigen Wochen noch in voller Farbenpracht strahlten, waren kahl und es kam mir vor, als würden ihre nackten Äste vergeblich versuchen den leblosen Stamm zu verdecken. Ich hatte mich auch versucht zu verstecken. Den gelben Mantel und den tollen regenbogenfarbigen Schirm hatte ich in der hintersten Ecke meines Zimmers verstaut und sie sahen mich aus traurigen Augen an. Ich konnte sie beinahe nach mir rufen hören, doch ich ignorierte jeden Schrei. Irgendetwas hatte die Begegnung mit Ethan in mir ausgelöst. Ich konnte noch nicht sagen, dass ich es mochte, wie ich mich zurzeit fühlte und verhielt, doch irgendetwas war anders. Ich trug einen schwarzen, vollgepolsterten Wintermantel, der mir bis zu den Waden ging und eine Dicke schwarze Wollmütze. Ich wollte erst gar nicht schwarz anziehen. Es kam mir für eine Sekunde komisch vor schwarz zu tragen. Ich hatte mich noch davor im Spiegel angeschaut und mir die Frage gestellt, ob ich überhaupt wusste, wer ich war und wie ich jemals schwarz tragen konnte. Doch ich konnte die Frage nicht beantworten. Also war ich ganz normal, eben doch nicht ganz so normal, nach draussen gegangen, hatte mich auf denselben Weg gemacht wie jeden Tag und war nun hier vor dem Fenster des Cafés welches mich einst im Herbst so glücklich gemacht hatte. Ich brauchte keinen Ethan, der mich glücklich machte. Ich brauchte keinen Mann, der mich glücklich machte. Ja, und vielleicht brauchte ich auch keinen Apfelkuchen mit Zimt, der mich glücklich machte. Auch, wenn dieser es verdammt gut draufhatte. Denn um ehrlich zu sein, hatte ich seit Ethans Auftauchen zum ersten Mal richtig verstanden, dass ich eigentlich gar nichts weiss und dass er vielleicht etwas recht hatte. Ich wusste rein gar nichts über die Liebe und spielte mir nur etwas vor. Aber konnte ich mir allein die Schuld geben? Konnte ich überhaupt jemanden die Schuld geben? In Wahrheit glaubte ich immer, dass ich am besten über die Liebe bescheid wusste, besonders weil ich eben nie eine Beziehung hatte. So konnte ich immer bei den Problemen anderer objektiv bleiben und somit die besseren Ratschläge geben. Doch das redete ich mir nur ein, um mich besser zu fühlen. Die Liebe war nicht so, wie in den Filmen. Ja, hier waren wir schon mal hängen geblieben und ich glaubte zumindest, dass ich es auch damals schon verstanden und realisiert hatte. Dem war nicht so. Ich hatte mich die letzten Wochen beobachtet. Jedes Mal, wenn ein Mann länger als drei Sekunden in meine Richtung sah, musste dieser Interesse an mir haben, das war einfach so, dachte ich. Doch ich habe des Öfteren erfahren, übrigens immer recht schmerzhaft, dass sie mich meistens nur anschauten aus purem Zufall. Entweder sie waren einfach nur neugierig oder ihr Blick war zufällig auf mir gelandet, wenn sie sich in ihre Gedanken verloren hatten. Ich hatte mir nur eingebildet, dass es aus Interesse und Anziehung war. Vielleicht half mir das mein Selbstwertgefühl aufzuwerten. Versteht mich nicht falsch, klar kann ein Mann Interesse zeigen, in dem er dich anschaut, aber dann würde er wenigstens etwas sagen oder handeln. Er würde nicht einfach dort sitzen, oder stehen, und einfach starren, ohne sich zu regen, das ist absurd. Ich konnte nach dieser Realisation es kaum fassen, dass ich mich so lange darauf bezogen hatte, um zu erkennen, ob mich jemand attraktiv fand, oder nicht. Anders könnte ich es mir nicht erklären, warum es sonst nie so richtig geklappt hatte mit den Männern. Ich deutete einfach immer Zeichen falsch, die eben nicht vorhanden waren und die ich mir in meinem Kopf zusammen gespinnt hatte. Einmal da dachte ich tatsächlich, dass ein Mann mich anschaute, ohne zu checken, dass es vielleicht die Frau hinter mir war, die er ansah. Ich hatte es dann später erfahren, als er die Frau geküsst hatte, die mit grosser Wahrscheinlichkeit seine Freundin war. Whoopsie. Naja, ich glaubte eh nicht, dass er mich wahrgenommen hatte, was die Situation weniger schlimm machte. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als es klopfte. Erschrocken riss ich die Augen auf, als ich die liebe Frau aus dem Café vor mich sah, die ans Fenster geklopft hatte und mich hineinwank. «Sie waren aber ja in Gedanken vertieft!», lachte sie herzlich und ich kicherte nervös. «Wohl wahr», murmelte ich beschämt und tat so als würde ich überlegen, welches Gebäck ich kaufen würde, als ich mit ihr bei der Theke war. «Leider haben wir keinen Apfelkuchen mehr», erinnerte sie mich daran und ich presste die Lippen aufeinander. «Ja, sonst hätte man ihn schon von draussen gerochen», sagte ich nostalgisch und zeigte dann auf ein Stück Mohnkuchen. Den hatten sie natürlich immer noch. «Hier bitte sehr.» Sie gab mir die Papiertüte und ich bezahlte. «Ich wünsche Ihnen eine frohe Weihnachtszeit!», flötete sie freundlich und ich lächelte. «Danke Ihnen auch.» Ich lief wieder nach draussen und entschied mich die kühle Winterluft zu geniessen, die mich ein Stück mehr lebendig fühlen liess und schloss die Augen.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD