Liebe im Magen

1210 Words
Weihnachten, ein Fest der Liebe. Eines vieler Feste, die der Liebe gewidmet sind. Wir feiern diese Feste, weil wir daran gewöhnt sind und weil es Geschenke gibt. In jedem Jahreskalender, den man vom Staat geschenkt bekommt nach Neujahr stehen sie alle ganz brav auf dem Papier und jeder Kalender im Umlauf erinnert uns daran, wann diese Feste stattfinden. Es ist eine Mahnung diese wichtigen Feste der Liebe ja nicht zu vergessen und wenn man sie doch vergisst plagen einen die Schuldgefühle und man bekommt das ganze Jahr über fiese Sprüche zu hören. Doch wissen wir überhaupt was Liebe ist? Weiss ich, was liebe ist? Ist es ausreichend der Liebe gewidmete Feste zu feiern, oder braucht die Liebe mehr? Als Kind verabscheute ich Weihnachten. Ich verabscheute so gut wie alles, was mit diesen Festen der Liebe zu tun hatte, denn für mich hatten sie keine Bedeutung, oder einfach nicht die gleiche, wie für andere. Weihnachten war bei uns immer eine sehr ruhige Versammlung, in der wir Kinder beschenkt wurden und unsere Mutter eine emotionale Weihnachtskarte oder Zeichnungen geschenkt bekam. Dann weinte sie und sagte sie uns, wie sehr sie uns liebte und dann war für mich der Zauber auch schon vorbei. Heute sehe ich Weihnachten anders. Klar, Weihnachten an sich wird gefeiert, weil Gotteskind auf die Welt kam. Man feiert seinen Geburtstag. Doch wir leben in einer Gesellschaft der das nicht mehr so wichtig ist. Weihnachten ist ein kommerzielles Fest, um Profit zu machen. Das war es schon seitdem ich denken konnte und trotzdem hatte sich meine Sicht auf Weihnachten geändert, als ich älter wurde. Denn nun war es eine Ausrede dazu, die Menschen zu verwöhnen die ich liebte. Ich würde jedes Weihnachten meine besten Pasta Gerichte aus dem Ärmel schütteln, während meine Schwester ihr himmlische Schokoladen Mousse machen würde und meine Mom war immer damit beschäftigt das Haus zu dekorieren und aufzuräumen, damit alles möglichst weihnachtlich und natürlich auch sauber aussah. Und das obwohl es jedes Jahr nur wir waren, versteht sich. Dieses Jahr war ich wie so oft zwar nicht in Weihnachtsstimmung, aber ich hatte es mir zur Aufgabe gemacht möglichst viel aus diesem Fest zu schöpfen. Am Weihnachtsabend war mir das auch dann gelungen… Wir sassen alle beisammen und ich schöpfte meiner Mutter und Melody jeweils einen vollen Teller Pasta mit exquisiter Tomaten-Basilikum Sauce und grossen Garnelen. Sie waren gerade beide in ein Gespräch über Melodys nervige Arbeitskolleginnen vertieft, als ich mich auch hinsetzte und sie liebevoll ansah. Vielleicht war dies der Weihnachtszauber- einfach mit der Familie zusammen zu sein. Doch Weihnachten wurde auch als Fest der Liebe angesehen. In anderen Orten der Welt wurde Weihnachten zwar nicht aus religiösen Gründen gefeiert, wie es sich bei uns eigentlich auch gehörte, sondern es wurde als Fest für Pärchen gefeierte. Daran dachte ich besonders an Südkorea. Weihnachten war ein Fest ausschliesslich für Paare, die sich Geschenke machen konnten und ihre Liebe offenbaren konnten. Ich könnte mir nicht vorstellen Weihnachten mit meinem Partner zu feiern, vielleicht auch, weil ich keinen hatte. Aber Weihnachten war ein Familienfest, wenigstens war es für mich immer schon so. «Du hast dich wieder einmal über-troffen!», rief meine Mom aus, als sie sich die erste Gabel in den Mund stopfte. Stolz grinste ich über das Kompliment und sah dann abwartend zu Melody. «Ja, ja du hast es einmal wieder geschafft Hailey», neckte sie mich spielerisch und sah mich dann mit geröteten Wangen an. «Mom du hast dich aber auch wieder total aus dem Fenster gelehnt mit der Deko», lachte ich und sah von meinem Platz aus einen Weihnachtsmann-Kopf der blinkte. «Weihnachten ist halt mein allerliebstes Fest.» Sie sah zufrieden aus, als sie uns beide essen sah. Ich konnte mir vorstellen, dass dies das Einzige war, was eine Mutter sich wünschte: Dass ihre Kinder mit vollen Bäuchen schlafen konnten. Wir sollten uns sehr glücklich schätzen dieses Privileg zu haben, denn es war einfach das was es war: ein Privileg. Nach dem Hauptgang flitzte Melody zum Kühlschrank und holte ihr Mousse, um sie anzurichten. Wir machten uns immer einen enormen Spass draus an Festtagen das Essen hübsch zu dekorieren und sie würde nie damit sparen. Wie zu erwarten, war das Mousse göttlich! Es war nicht zu süss und hatte genau die richtige Menge an Schokolade. Es liess einem ganz warm ums Herz werden. So musste ein Dessert schmecken. Melody hatte sich schon auf die Komplimente gefreut und als sie, sie bekam, grinste sie bis über beide Ohren. Später am Abend packten wir schon die Geschenke aus, weil meine Mutter, obwohl sie immer uns die Schuld gab, genauso ungeduldig darauf wartete die Geschenke zu öffnen wie wir. Ich schätze, dass meine Familie für eine Weile die einzige Art von Liebe sein wird, die ich in meinem Leben haben werde und das war okay. Ich hatte mich damit abgefunden, dass es die Liebe, wie sie es in romantischen Komödien gab, nicht existiert und bloss zur Unterhaltung diente. Was ich wollte, war die wahre Liebe. Wie auch immer diese aussehen mochte. Ich wollte sie, das war nicht zu bestreiten, aber ich würde sie nicht nachjagen. Die Liebe musste aus freien Zügen zu mir kommen. Ich konnte keinen Zwingen mich zu lieben. Ich konnte Ethan nicht zwingen mich zu lieben. Die restlichen, finsteren Winternächte bis Neujahr verbrachte ich in meinem Zimmer an meiner Schreibmaschine. Ich tippte wild herum und warf mit Wörtern um mich, bis sie in verständlichen Sätzen und schönen Gesprächen auf weissem Papier standen. Ich konnte es nicht fassen. Das laute läuten einer Kirchenglocke liess mich kurz aufschrecken. Ich hatte mein erstes Manuskript in der Hand. Frisch gedruckt, immer noch nach Tinte riechend, hielt ich es in den Händen und starrte fast schon entgeistert drein, weil ich es einfach nicht glauben konnte. Das war alles ich. Ich hatte alles von mir in dieses Manuskript gesteckt. Alles. Ich hatte natürlich aus Datenschutzrechten die Namen geändert, aber ich hatte kein Blatt vor den Mund genommen, wenn es um meine Versuche mit Ethan ging und meine grossen Hoffnungen an die Liebe. "Und an dieser Stelle möchte ich unbedingt noch sagen, dass ich nicht die Hoffnung an die Liebe aufgegeben habe. Ich bin einfach etwas mehr im reinen mit mir und dem, was ich will. Ich möchte Autorin werden und das habe ich dank ihm realisiert. Man kann Leute auch aus der Ferne lieben und das ist okay. Wenn die Liebe jemals an meine Tür klopft, dann soll sie es. Ich lade sie herzlich zu mir ins Haus um bei einer Tasse Tee darüber zu sprechen, warum sie es so lange bei mir versäumt hat." Fertig. Ich strich über die letzten Sätze, als ich die Treppen hinunter ins Wohnzimmer lief. Übermorgen fängt das Jahr neu an und ich werde besser als letztes sein. "Melody, schau mal! Mein Manuskript." Ich wedelte es ihr vor den Augen, als ich sie mit meiner Mom auf der Couch im Wohnzimmer liegen sah. Sie wollte gerade danach greifen, als ich es nochmals zu mir zog. "Ach komm schon, ich will es lesen!", quengelte sie und ich schaute skeptisch drein. "Okay, aber pass ja auf! Es muss noch feingeschlissen werden und-" "Jaja", hörte ich nur, als ich mich zwischen ihnen auf die Couch quetschte und den Kopf auf der Schulter meiner Mutter legte. Das war einfach das beste Gefühl auf Erden.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD