Die Feiertage zogen schneller an mir vorbei, als dass ich es gerne gehabt hätte. Doch ich konnte mich nicht mehr davon scheuen Ethan zu begegnen und ich wollte nicht mehr Zuhause bleiben mich in meinem Zimmer einsperren und versuchen Worte aus mir herauszupressen, die keinen Sinn machten. Ich entschloss mich deshalb wieder zur Uni zu gehen. Ob ich mich wieder vollends einschrieb, war noch nicht entschieden, aber ich musste wieder raus unter die Leute und meinen Kopf mit anderen Dingen füllen. Als ich mich anzog und meine Tasche packte, lief Melody an meiner Zimmertür vorbei und schaute hinein.
«Alles klar?», fragte sie und ich nickte.
«Ich geh heute mal wieder zur Uni und schau mal, ob ich wirklich wieder zurück möchte.»
«Das ist eine gute Idee. Vielleicht wenn du mal wieder dort bist, kannst du mit Sicherheit sagen, ob die Uni deine Zukunft ist oder nicht. Und ganz im Ernst? Ich denke, dass dein Schreiben nur etwas bockt, weil du dir neue Inspiration suchen musst und wer weiss, ob die Uni der richtige Ort dafür sein wird. Viel Glück heute», sagte sie und lächelte mich aufmunternd zu. Ich konnte nichts anders als sie anzulächeln und ihr einen Luftkuss zuzuwerfen. Sie lachte und ging davon. Ich machte mich auch auf den Weg und ging hinaus in die Winterkälte, die mich erwartete. Meine Füsse lagen tief im Schnee als ich mir meinen Weg freibahnte durch den Park und es störte mich nicht einmal. Die Kälte war mir eine liebgewonnene Freundin und eine nette Abwechslung von der stickigen, warmen Zimmerluft, die mich die letzten Tage begleitete. Ich hatte etwas Angst gehabt durch den Park zu Laufe, da ich immer noch Ethan über den Weg laufen konnte, doch zu meiner Erleichterung traf ich auf jemand anderes. Es war Lucinda, die in ihrer dicken, dunkelvioletten Winterjacke geradewegs in dieselbe Strasse einbog, die auch nehmen würde. Ich hatte es nie wirklich besonders gut mit ihr gehabt und ich fragte mich, ob es nur daran lag, dass sie etwas verklemmt war. Doch war dies, was uns wirklich voneinander unterschied? Wenn ich so zurückdachte, hätte ich mich früher auch als verklemmt beschrieben. Schliesslich wusste ich nicht einmal, was wirklich meine Leidenschaft war und auch wenn, ich hätte wahrscheinlich nie den Mut gehabt sie zu verfolgen. Ich lief etwas schneller, um mit ihr aufzuholen und begrüsste sie, als sie mich hörte.
«Oh du bist es Hailey», sagte sie und ich konnte nicht genau deuten, ob sie sich darüber freute mich zu sehen, schliesslich war ich einfach nicht mehr in den Vorlesungen aufgetaucht.
«Ich wusste gar nicht, dass ich dich hier sehen würde», kommentierte sie und ich seufzte.
«Ja, dito…» Ich machte eine Pause, während wir nebeneinander herliefen.
«Tut mir leid, dass ich einfach so verschwunden bin», sagte ich nach einer Weile und sie zuckte mit den Schultern.
«Ich bin mir sicher, du hattest deine Gründe und die Uni ist schliesslich nicht alles.» Sie zwang sich ein Lächeln auf und ich sah sie verdutzt an. Die Uni ist ihr nicht wichtig? Hatte ich sie die ganze Zeit falsch eingeschätzt?
«Wie meinst du das? Bedeutet sie dir nicht viel?»
Sie lächelte diesmal aufrichtig und blieb stehen, um mich anzusehen.
«Doch natürlich, aber sie ist nicht das Wichtigste und ich bin mir sicher, dass sie nicht jeder als genauso wichtig empfindet, wie ich, oder meine Eltern.» Sie verstummte. Nun verstand ich alles. Es waren ihre Eltern, die Druck auf sie ausübten.
«Das tut mir leid», fing ich an und sie schüttelte den Kopf.
«Muss es nicht.»
«Du hast mich sogar inspiriert während deiner Abwesenheit.»
«Ach tatsächlich?», sagte ich meine Gedanken laut und versuchte nicht einmal meine Überraschung zu verstecken.
«Ja wirklich. Ich hatte mir schon gedacht, dass du draussen deine Leidenschaften verfolgen würdest und deshalb nicht mehr kamst und das hat mich zum Denken angeregt. Ich hatte mich plötzlich gefragt, ob ich das alles nur wegen meinen Eltern machte oder wegen mir. Ich bin dann schnell zum Entschluss gekommen, dass ich bis jetzt nie etwas für mich selbst getan hatte. Alles war für sie.» Ich war komplett sprachlos.
«Deshalb hoffte ich, dass ich dich nie wieder an der Uni sehen würde, denn sonst würde es bedeuten, dass du dir deine Träume nicht erfüllen konntest. Also, was tust du hier?» Was tat ich hier? Ich schaute sie stumm und völlig hilflos an. Ich hatte keine Antwort auf ihre Frage. Ich wusste nicht, was ich hier tat. Vielleicht musste ich nicht einmal in einer Vorlesung sitzen, um herauszufinden, dass die Uni nichts für mich ist. Ich musste vielleicht einfach dieses Gespräch mit Lucinda haben, von der ich gedacht hatte, sie würde mich nicht mögen. Aber in Wirklichkeit inspirierte ich sie und nun tat sie dasselbe für mich.
«Danke dir Lucinda», sagte ich nach einer Weile und sah zum Himmel hinauf. Die Bäume hatten alle ihre Blätter verloren und der Himmel war bedeckt von einer dicken, weissen Wolkendecke, die mit der Zeit grauer und grauer wurde. Es würde anfangen zu schneien.
«Wofür denn?», wollte sie wissen.
«Du hast mich inspiriert», lächelte ich sie an und nahm sie dann an den Händen.
«Ich komme nicht mehr zurück, aber ich möchte unbedingt, dass wir etwas wie Freunde werden. Ich habe dich immer so schlecht eingeschätzt und habe deshalb nie versucht mit dir befreundet zu sein, obwohl du die Einzige warst, die mir immer einen Platz freihielt. Ich möchte mit dir befreundet sein», überrumpelte von dem, was ich ihr sagte, sah sie mich mit leicht geöffnetem Mund an. Sie musste denken, dass ich verrückt sei.
«Okay, dann komme ich dich besuchen, gerade nach der Uni und wir können in Ruhe reden», sagte sie, als sie sich wieder fing und ich lächelte. Mein Herz erwärmte sich. Meine aller erste richtige Freundin.
«Okay, dann, ehm ich muss etwas Wichtiges noch machen und bin deshalb ein wenig in Eile», ich fühlte mich als hätte mich der Blitz getroffen, so unglaublich geladen.
«Lass uns in der Bäckerei gerade bei der Stadtmitte treffen. Ich werde dort sein!»
Sie nickte hastig und ihre Augen leuchteten.
«Okay, dann bis später.» Ich winkte und sah ihr nach, als sie davon ging. Ich musste nun unbedingt ins La Chispa gehen. Ich hatte noch etwas Wichtiges zu klären und tief in mir wusste ich, dass ich es unbedingt lösen musste, damit ich schreiben konnte, ohne jegliche Blockade.
Ich stampfte meinen Weg durch den Schnee bis zum La Chispa, welches immer noch Sommer ausstrahlte mit den ganzen exotischen Pflanzen, die jetzt natürlich aus Plastik waren, obwohl sie mit Schnee bedeckt waren. Ich hoffte darauf, Meggie anzutreffen, um mit ihr reden zu können. Ich hatte auf meinen Weg hierher und nach der Konversation mit Lucinda realisiert, dass die Beziehungen, die ich zu Frauen hege, seien sie nun platonisch oder romantisch, sollten die grösste Priorität haben, weil sie eine Reflektion dessen sind, welche Beziehung ich zu mir selbst hege. Als Teenager empfand ich andere Mädchen und Frauen als äusserst anstrengend und viel zu emotional, weshalb ich immer von mir behauptete, dass ich mich einfach besser mit den Jungs und Männer verstand. Doch ich wusste, dass es einfacher wahr mit dem anderen Geschlecht, da ich mich so sehr von meinem Umfeld und er Gesellschaft davon hab leiten lassen, so zu sein, wie sie. Es brauchte aber immer beide Seiten. Ich hatte mein Frausein abgeschrieben, weil es mir von der Gesellschaft mitgeteilt wurde, es sei falsch und nicht richtig, es sei schwach und unbrauchbar. Doch ich hatte in den letzten paar Stunden realisiert, was für eine heilende Wirkung es auf mich hatte, wenn ich Frauen um mich hatte und wusste, dass ich nicht allein dastehen würde. Mit der Freundschaft, die ich mit Lucinda neuaufgegriffen hatte und mit meiner Familie, meiner Mom und meiner Schwester, hatte ich all die Frauen um mich, die mir Kraft schenkten und das war ein Geschenk. Ich wollte nicht, dass die Sache mit Meggie und mir unausgesprochen blieb. Wie oft wurde uns eingetrichtert, dass Frauen Rivalinnen sind und immer um irgendeinen Mann kämpfen mussten? Warum wurde uns nicht stattdessen die Schönheit von weiblichen Freundschaften gezeigt? Ich sehnte mich so lange danach mich endlich dazugehörig zu fühlen und habe es unbewusst immer von mir weggestossen, obwohl es immer schon da war. Meggie und ich könnten sogar Freundinnen werden. Ethan und kein anderer Mann sollten jemals zwischen zwei Frauen stehen. Wir sind am stärkste, wenn wir zusammen sind.
Ich stürmte mit dem Schnee in die Bar hinein und entdeckte zwei Augenpaare, die mich neugierig und etwas verwirrt betrachteten. Es waren tatsächlich Meggie und Monté, die kurz aufgeblickt hatten, während sie ihre Instrumente inspizierten. Ich sah schon, wie Meggie die Augen verdrehte und diese Reaktion hatte ich erwartet.
«Monté könntest du uns kurz allein lassen?», sagte ich ohne sie zu begrüssen und er sah etwas nervös zwischen uns her. Meggie hatte ihren genervten Blick nicht von mir gelöst und ich hielt ihm genauso stand.
«Meggie, ich bin spontan hergekommen, weil ich unbedingt mit dir über diese Sache reden wollte, die passiert war…», fing ich an und sie stand von ihrem Hocker auf.
«Mit der Sache, meinst du Ethan, hm?» Ich nickte und fast hätte mich mein ganzer Mut verlassen, der durch das Gespräch mit Lucinda in mir erwacht war. Doch ich war entschlossen diese Sache zu regeln.
«Ich wusste nicht, dass ihr ein Paar wart und ich wollte nicht, dass du dich unwohl fühlst.»
Sie nickte zögernd, während sie mich ausreden liess.
«Hätte ich gewusst, dass du auch dort sein würdest und dass Ethan solch ein Arsch ist, wäre ich gar nicht erst gekommen-» Sie hob die Hand und unterbrach mich.
«Ach, tatsächlich? Hör zu Hailey, oder wie auch immer du dich nennst. Ich habe kein Interesse mit dir über Ethan zu reden und darüber, wie ihr euch die Zunge in den Hals gesteckt habt.»
«Nein, darum geht’s mir gar nicht. Ich möchte mich bei dir entschuldigen!»
«Damit du ein besseres Gewissen hast?» Ich seufzte genervt aus.
«Ja, vielleicht geht es mir um mein Gewissen. Vielleicht hoffte ich einfach, dass wir das zwischen uns klären können und dass kein Mann zwischen uns steht. Er hat uns beide verarscht Meggie. Sieh uns doch an. Wir brauchen ihn nicht und ganz ehrlich so toll ist er gar nicht.» Sie sagte nichts und verschränkte die Arme vor die Brust. Monté, der sich nicht davon abhalten konnte zu lauschen, kam aus dem Hinterraum hervor mit gehobenen Händen.
«Meggie, sie hat recht. Sie war genau so unwissend, wie du und Ethan hat das ganze echt vermasselt. Ich mag ihn, er ist mein Freund, aber es ist echt nicht okay, dass ihr euch zerfetzt nur wegen ihm.» Meggie sah zu Monté und ihr Blick veränderte sich.
Dann hielt sie mir ihre Hand entgegen und versuchte zu Lächeln.
«Okay, angenommen.» Ich nahm ihre Hand und drückte sie.
«Mir tut’s auch leid. Du wusstest ja nicht einmal, dass ich existierte», sagte sie schliesslich und drückte auch meine Hand. Monté klatschte zufrieden in die Hände.
«Wollt ihr beiden, was trinken? Es geht auf mich!», rief er enthusiastisch und wir lachten.