Freundschaft

1383 Words
Ich traf mich noch am selben Tag mit Lucinda, wie ich es versprochen hatte. Sie war früher da als ich und ihr Gesicht leuchtete auf, als sie mich dann endlich in der Tür stehen sah. Sie wank mich zu ihr und ich setzte mich hin. «Ich dachte schon, du kommst nicht!», tadelte sie und ich lachte. «Versprochen ist versprochen.» Sie schob mir eine warme Schokolade hin, die sie schon bestellt hatte und fragte mich danach, was ich gerne essen würde. «Weisst du, die haben hier im Herbst diesen super Apfelkuchen und ich vermisse ihn sehr, seit sie ihn aus dem Sortiment genommen haben.» Lucinda sah mich lachend an und beugte sich dann zu mir. «Weisst du, ich mach einen super Apfelkuchen und wenn du willst, bringe ich dir demnächst ein Stück vorbei, wenn ich ihn mache», flüsterte sie und ich schnaubte aufgeregt auf. «Wirklich? Das würdest du tun?», fragte ich voller Vorfreude und sie nickte hastig. «Also, backst du gerne?», hakte ich nach und sie klatschte ganz verträumt in die Hände, während sie sich in ihrem Stuhl fallen liess. «Oh ja! Ich liebe es, aber meine Eltern würden mir es nie erlauben, dass ich es Hauptberuflich täte.» Ich sah sie mitfühlend an und seufzte. Ich wusste nicht, wie ich sie aufmuntern sollte. «Keine Sorge, ich werde es schon schaffen» versicherte sie mir, als sie meinen Blick sah. «Tut mir leid, dass ich nicht weiss, wie ich dir helfen kann. Am liebsten würde ich mit deinen Eltern sprechen!», sagte ich energisch und sie winkte mich ab. «Nein, es ist mein Problem, aber danke. Es tut echt gut, wenn jemand sich für dich einsetzen will!» «Dann lass uns beide diesen Zimtschokoladenkuchen probieren, den ich beim Hereinkommen gesehen habe!» Ich stand mit einem Hieb auf und wartete kaum auf ihre Antwort, da sauste ich schon davon und bestellte uns jeweils ein Stück. Gerade als ich zur Tür herausschaute, erkannte ich eine bekannte Gestalt. Es war Meggie! Sie trat genau in diesem Moment herein und als sie mich sah, winkte sie scheu mit einem kleinen Lächeln. Ich bestellte automatisch drei und ging dann auf sie zu. «Setzt dich doch zu uns!», bot ich ihr an und sie wollte erst verneinen, doch als ich ihr den Kuchen davorhielt, konnte sie nicht nein sagen. «Lucinda, das ist Meggie…», ich zögerte und sah sie dann lächelnd an. «…eine Freundin von mir. Ist es in Ordnung, wenn sie sich zu uns setzt?» Lucinda war erst etwas skeptisch, aber dann nickte sie und lächelte Meggie einladend an. «Ah, also war das die Sache, die du noch erledigen musstest.» Ich lachte. «Ja, ganz genau», sagte ich und lächelte dann Meggie an, die mich zurück anlächelte. Es kehrte Stille an und wir nahmen alle ein Stück des Kuchens. Keiner wagte etwas zu sagen, weil es doch eine recht komische Situation war. Wir sahen nicht danach aus, als würden wir in denselben Kreisen verkehren und das machte dieses Treffen umso besonderer. Lucinda sah man es an, dass ihre Eltern wohlerhaben waren, Meggie lief im Winter noch mit zerrissenen Jeans umher und ich sass in den buntesten Farben da. Wir waren eine wirrzusammengestellte Gruppe. «Dieser Kuchen ist himmlisch! Denkst du ich kann ihn nachbacken?», wollte Lucinda neugierig wissen, während sie nochmals einen grossen Bissen nahm. «Sag bloss, du backst?», sagte Meggie und wir sahen uns an. Es kam etwas schroffer rüber, als sie es gewollt hatte und räusperte sich deshalb. «Du backst?», fragte sie erneut in einem etwas freundlicheren Ton und wir fingen an zu Lachen. Die beiden vertieften sich dann in ein tiefes Gespräch darüber, wie die Musik und das Backen sich in so vielen Aspekten ähnlich wären. Ich war einfach glücklich da sein zu dürfen und erwartete nicht, dass sie mich auch fragen würden, doch während ich abschweifte, spürte ich ihre Blicke auf mir. «Nun, sag schon! Was ist mit dir? Ich habe Ethan…», Meggie verstummte. «Ich habe gehört du schreibst», sagte sie in einem zweiten Anlauf und ich nickte. «Ja das tue ich. Ich bin gerade an einem Manuskript dran. Es muss aber noch feingeschliffen werden und ich habe auch noch keinen Verleger…» Sie hörten mir aufmerksam zu und ich fühlte mich plötzlich so erleichtert. Ich fühlte mich, als wäre ich unter gleichgesinnten, die auch ihrer Leidenschaft nachjagten und sich kreativ engagierten. Es war als wären wir im inneren gleich und aussen so unterschiedlich wie eh und je. «Du musst es einfach rausschicken und nicht mehr zurückblicken», sagte Meggie «Ja, unbedingt!», stimmte Lucinda mit ein und ich zuckte mit den Schultern. «Nein, wirklich. Sonst stehst du dir nur selbst im Weg. Ich wollte immer in eine komplette Frauenrockband und hab mir den Traum noch nicht erfüllen können. Deshalb habe ich mich für den Anfang einfach mit meinen Jungs zufriedengegeben, aber es ist nicht Hundert Prozent, das was ich will…», sagte Meggie und wir hörten aufmerksam zu. «Ich hatte immer die Vision mit einer vollen Frauenband auf Tourneen zu gehen und das Leben als Rockstar zu leben, welches uns Frauen so lange vorenthalten wurde. In der Rockszene wurden Frauen nur dann akzeptiert, wenn wir knappe Outfits anhatten und einverstanden waren bei allem mitzumachen. Wirklich bei allem…» Ihre Stimme verstummte und Lucinda und ich hielten automatisch eine Hand nach Meggies aus. «Tut mir leid, dass du das erleben musstest. Du bist wirklich die coolste Frau, die ich kenne», sagte Lucinda ehrlich und Meggie fuhr sich mit der freien Hand übers Gesicht. «Ihr beide, seid wirklich unglaublich», wandte sich Lucinda dann an uns beide. «Wir sollten befähigt werden alles tun und lassen zu können, was unser Herz begehrt», sagte sie dann und wir nickten einstimmig. «Das ist so», sagte ich dann. «Möchte ihr es lesen?», fragte ich zögernd und sie nickten eifrig. «Oh ja, bitte!», rief Lucinda aus und Meggie lachte. «Hast du es denn hier?», fragte Meggie. Ich grinste sie schelmisch an und nahm meinen Laptop aus der Tasche, die ich in aller Eile gepackt hatte und schaltete das Dokument auf. Die beiden vertieften sich in mein Manuskript und lasen jedes einzelne Wort, welches ich bis jetzt auf Papier geblutet und geschwitzt hatte. Ich hatte noch nicht einmal Melody das fertige Manuskript gegeben. Es war wirklich das einzige Dokument, welches so viel von meinen Gefühlen offenbarte, ohne sie schönzureden. Während ich die beiden aufmerksam beobachtete, während sie mein Manuskript lasen, hörte ich sie einzelne Geräusche der Überraschung und des Mitgefühls zu machen. «Ich wusste gar nicht, dass du dich dabei so gefühlt hast», sagte Meggie und ich wusste genau, an welcher Stelle sie war. Ich hatte die Zeit mit Ethan so nahe wie möglich an die Realität geschrieben, sodass er es auch merken würde, wenn er je mein Buch lesen würde. Ich hatte gestanden, dass ich nicht wusste, was Liebe war und dass ich so verzweifelt gehofft hatte, er sei der richtige für mich. «Deine Mom ist unglaublich», schlussfolgerte Lucinda, als sie an die Stelle kam, in der ich meine Dankbarkeit aussprach, die ich gegenüber meiner Mutter empfand und all die Wut, die so lange in mir residiert hatte. Lucinda verstand mich auf dieser Ebene blind. «Danke», sagte ich, weil ich alles Gute, was ich über sie schrieb die Wahrheit war. «Es ist perfekt», sagte Lucinda, als sie mit dem Lesen fertig war. Meggie hing etwas hinten drein, aber als sie auch fertig war, schloss sie den Laptop und schob ihn zu mir. «Du hast eine Gabe mit den Worten, die unbeschreiblich ist. Zum Glück schreibst du keine Lieder, sonst hätten andere keine Chance», lachte sie und wir stimmten mit ihr ein. «Es ist wirklich gut», sagte sie dann nochmals, als wir uns einkriegten. «Danke, es bedeutet mir echt viel, dass ihr das sagt.» Als wir uns alle drei voneinander verabschiedeten und heim gingen, gabelte ich meine Schwester auf dem Heimweg auf und wir liefen Arm in Arm nebeneinander her. Zuhause angekommen drückte ich ihr meinen Laptop in die Hand. «Ist es nun wirklich fertig??», sagte sie aufgeregt und ich nickte. «Hol aber Mom dazu, dann könnt ihr es gemeinsam lesen.» Sie sprang aus ihrer Winterjacke raus und lief in die Küche, wo meine Mom sass und sie fingen an das Manuskript zu lesen. Nachdem ich auch ihr Feedback zum offiziell fertigen Manuskript bekommen hatte, welches genauso positiv ausfiel, fühlte ich mich endlich dazu bemächtig den nächsten Schritt zu wagen. Ich schickte das Manuskript ab.
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