«Und hast du schon eine Antwort bekommen?», nervte mich Melody als sie samstags in mein Zimmer hereinstürmte. Ich hatte das Manuskript vor einigen Tagen abgeschickt und hatte mich in der Zwischenzeit mit anderen Dingen beschäftigt. Ich war selbst schon total aufgeladen und wusste so mit meiner Zeit nicht umzugehen, dass ich einfach die Zeit entweder mit Lucinda, Meggie oder Mr Harris verbrachte. Ich hoffte innig darauf, dass mein Leiden beendet werden würde und sich irgendjemand endlich bei mir melden würde. Ich wollte nicht einmal, dass sie mir ein positives oder negatives Feedback gaben. Ich wollte einfach, dass sie mir irgendetwas gaben, damit diese schreckliche Wartezeit endlich ein Ende hatte. Ich konnte es kaum aushalten.
«Nein, noch nichts», sagte ich, während ich meine Emails rauf und runter scrollte. Das starke Licht des Computers störte meinen Augen, die sich weigerten auch nur eine Minute länger auf den Bildschirm zu schauen.
Melody zuckte mit den Schultern und lief dann geradewegs in ihr Zimmer. Ich wünschte mir manchmal, ich könnte ihre Gleichgültigkeit einfach so übernehmen, statt mir einfach immer einen Kopf aus der kleinsten Sache zu machen. Die Nervosität und Angst, die mich manchmal packte, zeigten sich immer mit denselben Symptomen. Bauchschmerzen, nervöses herumzappeln und ein beschleunigter Puls. Es fühlte sich unangenehm an und ich konnte meist nichts dagegen tun, sogar das Konzentrieren fiel mir schwer. Das Gefühl würde nur dann verschwinden, wenn die Situation, die mich so fühlen liess, überwunden war. Für mich hiess das also, dass ich darauf warten musste, dass ich eine Antwort bekam. Dieses blöde Angstgefühlt und meine Nervosität musste ich ertragen bis dahin. Ich pustete völlig besiegt meinen Atem aus und starrte an meine Zimmerdecke. Ich konnte nicht anders als mir einzugestehen, dass ich eine Neigung zur Paranoia hatte. Dies bemerkte ich aber ausschliesslich dann, wenn ich gestresst war oder die Dinge nicht so liefen, wie ich es mir erhofft hatte. Zwar laufen die Dinge momentan echt nicht schlecht, da ich diese neue Freundschaft mit Lucinda und Meggie am Laufen hatte, doch es war noch nicht so, wie ich es mir erhofft hatte. Ich hatte immer noch das Gefühl komisch zu sein, weil diese Beziehung mit Ethan nicht funktioniert hatte. Es ist ein schleichendes Gefühl, welches immer mal wieder herauskommt und in meinem Körper herumhängt. Fast schon wie eine blöde Erkältung, die einen noch Wochenlang mit einem nervigen Husten beglückt. Obwohl das mit dem Glück auch so eine Sache ist.
*Ding* Ich starrte beim Klang meiner E-Mail-Notifikation sofort wieder auf meinen Bildschirm. Ich war doch tatsächlich gerade dabei gewesen völlig in meine Gedanken einzutauchen und dann wäre ich für eine gefühlte Zeitlang nur am herumgrübeln gewesen, wobei ich wahrscheinlich das Atmen vergessen hätte. Manchmal da kann es schnell düster und sehr tiefgründig und etwas traumatisch werden, wenn ich mich einfach treiben liesse.
Aber nun zurück zum Thema. Ich hatte wirklich eine neue E-Mail bekommen. Es war der Verleger, dem ich mein Manuskript geschickt hatte. Die ersten Worte, die bei der Vorschau zu lesen waren, erschienen mir schon viel versprechend und als ich dann die E-Mail öffnete und mir jede Zeile drei Mal durchlas, liess ich mich in meinen Stuhl sinken.
«Wir freuen uns Ihnen mitzuteilen, dass unsere Lektoren durchaus interessiert sind an ihrer Geschichte und wir sie gerne einladen würden für ein erstes Kennenlerngespräch, damit wir über weiteres mit Ihnen sprechen können…» Ich brauchte etwas Zeit um zu verarbeiten, was ich gerade gelesen hatte und erst als es mir klar wurde, stand ich wie vom Blitz getroffen auf. Sie wollen meine Geschichte. Ich werde tatsächlich eine richtige Autorin!
Ich sprang von meinem Stuhl auf und rannte zu Melodys Zimmer. Sie schrak auf als ich hereinstürmte und fing sofort mit mir an zu jubeln, ohne dass ich es auch nur meine Freude ausgesprochen hatte. Doch sie wusste es. Ich wurde angenommen. Wir hielten uns an den Händen, wie in einem kitschigen Film und dann liefen wir die Treppe hinunter und empfingen meine Mutter an der Tür, um ihr die Nachricht mitzuteilen. Sie stimmte in unseren Freudetanz mit ein und dann hielt ich inne.
«Ich muss es unbedingt Mr Harris sagen! Ich komme dann wieder heim, aber ich muss jetzt los», sagte ich voller Tatendrang und sprang in meine Schuhe, schnappte mir den Mantel der blindlinks von mir auf einem Bügel hängte und griff nach meiner Tasche, die immer in der Nähe der Eingangstür deponiert war. Meine Sicht wurde vom fallenden Schnee anfangs beirrt und als sich dann meine Augen an das Weiss der Landschaft gewöhnte, konnte ich wieder sehen. Ich lief mit schnellen und bestimmten Schritten in die Stadt und gelangte trotz Schnees in kürzester Zeit bei Mr Harris. Er hatte nicht mit meinem Auftauchen gerechnet, war aber froh mich zu sehen.
«Wenn du schon da bist, macht es dir aus mir diese Bücher ins Regal zu versorgen? Ich hab’ mir gestern die Schulter verletzt.» Ich nickte und dachte mir, dass ich ihm noch genug Zeit hatte die gute Nachricht zu erzählen.
«Was ist denn passiert?», fragte ich besorgt als ich ihn dabei ertappte, wie er vor Schmerzen das Gesicht verzog.
«Naja, ich war bowlen», sagte er und ich prustete drauf los. Doch Mr Harris schien es ernst zu meinen und ich fuhr das Lachen wieder ein.
«Mit wem denn?», fragte ich nach und versuchte mir das Lachen zu verkneifen, da ich mich nicht davon abhalten konnte, mir Mr Harris beim Bowlen vorzustellen.
«Mit Marisol, also Ms Vega vom Blumenladen. Sie war vor einigen Tagen vorbeigekommen und hat mir von ihren Problemen erzählt und da ich ein solcher Gentleman bin, bot ich ihr an, ihr Gesellschaft zu leisten. Dabei hätte ich mir nie im Leben vorstellen können, dass Bowling ihre Art von Zeitvertreib ist…»
«Lass mich raten, du wolltest sie beeindrucken und hast dich dabei verletzt, du Gentleman», zog ich ihn lachend auf und erntete dafür einen gespielt mahnenden Blick.
«Wenn du hier bist, um dich über mich lustig zu machen, kann ich die Bücher auch selbst einordnen», murrte er und ich schnappte ihm die Bücher von der Hand, als er sie aufgreifen wollte.
«Nein, nein. Ich mach das schon. Ich bin ehrlich gesagt hergekommen, weil ich dir etwas sagen wollte», zögerte ich und Mr Harris Neugierde erblühte.
«Und?», stupste er mich an und ich grinste.
«Ich habe einem Verleger mein Manuskript geschickt und sie wollen mich treffen, weil sie die Geschichte super fanden.» Ich konnte meine Freude kaum verstecken und grinste dabei über beide Ohren. Mr Harris liess die Briefe, die er aufmachen wollte, wieder fallen und warf die Arme in die Luft.
«Autsch», stoss er aus, als sich seine Schulter wieder meldete und nahm mich dann in seine Arme.
«Ich bin stolz auf dich, du Autorin!» Er drückte mich so gut wie es mit seiner verletzten Schulter ging und ich lächelte. Es fühlte sich toll an auf dem richtigen Weg zu sein und auch, dass jemandem meine Arbeit tatsächlich gefiel. Ich war dankbar eine solch tolle Truppe hinter mich zu haben und konnte es kaum erwarten Lucinda und Meggie davon zu erzählen. Vielleicht sollte ich das gerade jetzt tun. Ich löste mich aus Mr Harris Umarmung und erklärte ihm nachdem ich die Bücher versorgt hatte, dass ich noch weitermusste und verabschiedete mich deshalb schnell von ihm. Draussen schrieb ich Lucinda und Meggie eine Nachricht. Wir einigten uns im La Chispa zu treffen und von dort aus weiter zu gehen. Ich betrachtete auf dem Weg dorthin die verschneite Stadt und musste zugeben, obwohl Weihnachten schon vorbei war, ich die Dekoration wirklich liebte. Es bereitete mir ein ganz wohliges und warmes Gefühl. Der Schnee fiel immer noch vom Himmel und ich musste mich auf jeden einzelnen meiner Schritte konzentrieren, um nicht auszurutschen. Ich war nun in der Nähe der Strasse des La Chispa angekommen und musste nur noch die Strasse überqueren. Doch da schien mich meine Konzentration zu verlassen und ich rutschte auf den angesammelten Schnee am Strassenrand aus. Ich schnaubte erschrocken auf und war nicht bereit auf den kalten Boden zu laden. Zu meinem Glück hatte mich jemand am Arm gepackt und mich somit vom kompletten Sturz abgehalten. Als ich meine Mütze richtete, die mir über die Augen gefallen war, sah ich in zwei mir allzu bekannte türkis-blaue Augen.
«Ethan», stoss ich immer noch etwas unter Schock aus und er half mir mich aufzurichten.
«Geht es dir gut?», fragte er besorgt und ich war zu baff, um zu reagieren. Wie konnte das sein? Ich hatte es so gut geschafft ihm nicht zu begegnen, aber wem machte ich etwas vor? Mir war bewusst, dass es irgendwann mal passiert wäre, da ich nun mit Meggie befreundet war und oft zum La Chispa gehen würde. Doch ich war nicht bereit gewesen, ihm so früh schon über den Weg zu laufen.
«Ja, danke», sagte ich und er liess meinen Arm los. Folgte er mir etwa schon eine Weile oder wie konnte er so schnell hier sein?
«Wie-?»
«Ja, ich hab’ dich schon von einer Weile entdeckt und ich konnte nicht anders», gestand er und fuhr sich über die vom Schnee genässten Haare. Er trug eine alte, schwarze, wahrscheinlich auch gefutterte Lederjacke und einen gestrickten Schal um den Hals. Ich würde Lügen, wenn mir bei seinem Anblick mein Herz keinen Sprung machen würde, doch das mit uns… Ich seufzte.
«Dank dir, konnte ich einem bösen Sturz entgehen, danke nochmals.» Ich wollte ansetzen zu gehen und hatte mich schon umgedreht. Doch Ethan war anscheinend noch nicht fertig und hielt mich deshalb nochmals zurück.
«Ich wollte mich entschuldigen…für letztes Mal. Ich war eigentlich gekommen, um mich zu versöhnen und hatte nicht mit deiner Reaktion erwartet.» Ich stand mit verschränkten Armen vor ihm und konnte nicht ganz folgen. Er wollte sich entschuldigen für die Entschuldigung, die er vermiest hatte?
«Und?», wartete ich ab, dass er ehrlich war und dann seufzte er.
«Mein Ego war ein bisschen gekränkt», gab er zu und deutete die Menge mit seinem Finger an.
«Ach, ein bisschen?», sagte ich und mein Tonfall überraschte ihn. Doch dann fing er an zu grinsen.
«Da sind sie wieder diese Krallen», spielte er auf eine unserer Konversationen in der Uni an und ich musste ungewollt Grinsen, als ich mich zurückerinnerte.
«Was willst du Ethan? Ich dachte, dass das zwischen uns keine Bedeutung hatte und auch wenn sich das geändert hätte, ich hab’ dafür keine Zeit. Meggie, sollte jede Seku-»
«Meggie? Wieso solltest du dich mit Meggie treffen?», unterbrach er mich und ich lachte.
«Weil wir nun befreundet sind. Sie ist echt toll und ich möchte nicht, dass du zwischen uns stehst. Wenn du mich entschuldigst, ich geh jetzt», kündigte ich an und lief davon. Ich weiss nicht, ob ich das richtige getan hatte, da mein Herz sich immer noch nach seiner Nähe sehnte, doch mir war Freundschaft im Moment wichtiger als eine flüchtige Liebe. Ich hatte die richtige, wahre Liebe verdient.