Bücher

2400 Words
Ich war am nächsten Morgen schon früh wach. Nicht nur weil ich eine beschissene Nach hatte, aber auch weil ich zu Mr Harris in den Buchladen gehen musste. Ich hatte es gestern als Ausrede bei Ethan gebraucht, aber es war ja keine Lüge, keine Ahnung, warum ich nun diesen Hauch von Schuldgefühlen bekam. Dies war auch einer der Gründe, warum ich die Nacht nicht schlafen konnte. Ich hatte mich schweren Herzens vom Bett hochgehievt und war die Treppen hinuntergegangen, um direkt zur Küche zu gehen. Mein Magen brummte und ich brauchte unbedingt etwas zu essen und einen warmen Tee, der mir das Gemüt beruhigte. Ich war genug schlecht gelaunt, dass ich gestern mir wieder einmal zu viele Hoffnungen gemacht hatte und dann noch deswegen die Nacht nicht geschlafen hatte. Nun war meine einzige Rettung ein gutes Frühstück in aller heiligen Ruhe und eine gute Tasse Tee. In der Küche hatte ich aber weniger Glück. Es schien, als sei ich nicht die einzige gewesen, die früh auf war, denn meine Mutter stand an der Kaffeemaschine und wartete bis das braune Gesöff voller Kaffein ihre Tasse füllte. "Warum bist du denn schon wach?", wollte sie erstaunt wissen und das Piepsen der Kaffeemaschine folgte ihrer müden Frage. "Hab nicht gut geschlafen. Ich muss eh noch zu Mr Harris…", antwortete ich und sie nahm einen grossen Schluck aus ihrer Tasse. Ich lief zum Schrank, nahm mir eine grosse Tasse für meinen Tee hinaus, einen Früchteteebeutel und dann füllte ich den Wasserkocher auf. In der Zwischenzeit nahm ich mir Toast und Waldbeerenmarmelade heraus und strich mir ein paar Brote. "Hattet ihr denn gestern keinen Spass?" Ich pustete die Luft erschöpft aus. "Mom ich bin echt nicht in der Stimmung." Ich nahm einen Bissen von meinem Toast und setzte mich, um darauf zu warten, dass der Wasserkocher brummte. "Oh na dann nicht. Weisst du Melody hat noch gesagt, dass dieser Ethan ein toller Kerl ist und gut sieht er auch aus", murmelte sie an ihrer Tasse und nahm nochmals einen Schluck. Dabei sah sie mich mit unschuldigen, aber neugierigen Augen an und ich kratzte mir genervt am Kopf. Ich war gestern nachdem wir heim angekommen waren direkt in mein Zimmer gegangen und war schlafen gegangen. Wahrscheinlich hatte Melody ihr weiss Gott was gesagt. "Egal was Melody dir gesagt hat, dass sie geglaubt hat zu sehen, es stimmt nicht…" Ich hörte den Wasserkocher brummen und stand wie auf Abruf auf, um mir meine Tasse Tee vorzubereiten. So konnte ich endlich die Flucht ergreifen und mein Frühstück in meinem Zimmer fortführen. "Ach Hailey komm schon. Du weisst, ich bin viel zu neugierig, wenn es um solche Dinge geht und deine Schwester hat auch nicht viel erzählt, um meinen Durst zu stillen…" Ich sah sie mit erhobener Augenbraue an, während sie aus ihrer Tasse trank und dann als sie es selbst auch realisiert hatte, konnten wir nicht anders als zu Lachen. "Du und deinen Durst", kommentierte ich lachend und sah sie dann nochmals eindringlich an. "Hör zu. Ich möchte mir einfach nicht unnötige Hoffnungen machen, wo keine sind. Wir kennen uns ja kaum. Lass uns einfach nicht darüber reden und falls doch noch die Liebe vom Himmel fällt, bist du die erste, okay?" Sie hatte sich damit zufriedengegeben und nickte langsam. Ich hatte mein Frühstück doch in der Küche geniessen können, obwohl mich meine Mutter immer von der Seite anschaute und aussah, als würde sie etwas unbedingt noch sagen wollen, sie sich aber entschieden hatte ruhig zu bleiben. Ich war in diesem Moment einfach froh, dass sie mich in Ruhe liess mit ihrem Liebesgedöns. Ich hatte schon genug von meinen eigenen romantisierten Gedanken, so dass ich ihre nicht auch noch brauchen konnte. Deshalb war ich umso glücklicher, dass ich bei Mr Harris etwas für mich sein konnte. Im Buchladen musste ich nur einige Bücher aufräumen, einige neue auspacken und ebenso einräumen und dann vielleicht noch den Boden wischen. Ich fragte mich, ob Mr Harris etwas von dieser Marisol oder Ms Vega, wie sie auch immer heisst, was sagen würde. Sollte ich ihn darauf ansprechen? Hm, ich hatte ja schliesslich kein Recht darauf mich in sein Privatleben einzumischen, doch ich machte mir immer noch Sorgen, weil er den Laden unbeaufsichtigt gelassen hatte. Mal sehen. Ich hatte mich schnell angezogen und einfach eine Jeans und einen beigen Pullover übergezogen, damit ich einfach schnell aus dem Haus gehen konnte. Ich wollte nicht, dass Melody die Gelegenheit bekam mich zu konfrontieren und sich dann wie die ältere von uns zwei aufzuführen. Das tat sie nämlich gerne und konnte sie auch noch gut. Normalerweise würde ich mir immer einen Spass daraus machen, aber heute hatte ich auch dafür keine Nerven. So kam ich schliesslich auch schneller bei Mr Harris an, als ich es gedacht hatte. Auch er war überrascht, als ich schon vor dem Laden stand. "Guten Morgen Hailey! Ich wusste nicht, dass du schon so früh kommen würdest. Weisst du Ms Vega wollte noch, dass ich hier mit dem Aussuchen der Blumen helfe für ihren Laden. Sie hat ihn erst vor einigen Wochen neu aufgemacht und weiss noch nicht, welche am besten im Schaufenster aussehen." Ich sah ihn prüfend an. "Wirst du dann wieder den Laden unbeaufsichtigt lassen?" Er lächelte. "Das war nur das eine Mal und kommt nicht wieder vor. Schliesslich bist du ja jetzt auch da!" Ich verschränkte die Arme. "Ich werde aber nicht immer da sein können!", motzte ich gespielt und er legte seine Hand auf meine Schulter, nachdem er die Tür zum Laden öffnete. "Ja ja, meine rechte Hand. Geh schon mal rein und wenn du fertig bist, kannst du einfach kurz bei Ms Vega vorbeischauen, dort wirst du mich finden. Sie ist eine Strasse weiter neben dem Metzer", sagte er und schubste mich in den Buchladen. Ich schüttelte lachend den Kopf. Er war wohl ebenso Kopfüber in den Topf der gefährlichen einseitigen Liebe gefallen. Naja, wenigstens war ich nun nicht mehr alleine. Vielleicht irrte ich mich auch und ich war die einzige im Top der einseitigen Liebe. Vielleicht mochte Ms Vega ihn genauso. Das wünschte ich mir für ihn. Als ich alleine im Buchladen stand und mich umsah, kam ich mir plötzlich so klein vor in diesem grossen Universum, welches sich mir durch die Bücher bot, die mich umkreisten. Welch ein Wunder war es durch Bücher in andere Welten hineintauchen zu können. Es war ein Geschenk. In aller Ruhe und Gelassenheit nahm ich mir zu erst alle Bücher vor, die irgendwo in den Leseecken, auf der Theke und im Wagen herumlagen und legte diese an ihren Platz zurück. Die Regale füllten sich wieder nach und nach und als ich schon fast fertig war, hörte ich die Glocke an der Eingangstür. Ich war überrascht darüber, dass Mr Harris schon so früh wieder da war und als ich gerade mit dem Wagen wieder hervorkam zur Eingangstür blieb ich ohne Atem stehen. Ich war wie eingefroren. Ethan war es, der vor mir stand und schüchtern die Hand hob zur Begrüssung. Als er bemerkte, dass ich nicht antwortete, hob er beide Hände schützend und lachte. "Nicht erschrecken. Ich bin es, Ethan." Ich sah mich hastig im Raum um und dann fing ich mich wieder ein. Ethan war hier. Woher wusste er, dass ich hier war? "Du hast mir gesagt, dass du hier sein würdest, schon vergessen?" "Warum bist du hier?", fragte ich wie aus der Pistole geschossen und sah ihn an, als wäre er ein Geist. "Naja, ich dachte, weil du gestern so früh weg warst, dass du vielleicht Hilfe brauchen könntest und du so etwas mehr Zeit hättest mit mir einen Mohnkuchen essen gehen zu können." Ich legte den Kopf schief. "Du bist hier, weil du mit mir einen Mohnkuchen essen willst?" Er nickte. "Siehst du, dann sind wir einer Meinung", lachte er und kam auf mich zu, um mir den Wagen abzunehmen. "So wie kann ich behilflich sein? Wo soll der hin?", fragte er hastig und ich schüttelte die Hände. "Warte, ich muss noch die neuen Bücher holen…" Ich war mir immer noch nicht sicher, ob ich es nur träumte, oder ob er wirklich da war. Ich konnte so einiges an Zeit gewinnen, um mir einen klaren Kopf zu machen, doch meine Sinne waren benebelt von einer dicken, grossen, rosa Wolke, die mir jeglichen Gedanken raubte. Ich hatte keine Chance. Ich holte die Pakete vom Hinterzimmer und legte sie auf die Theke. "Du kannst mir zuerst helfen die Bücher auszupacken und dann müssen die auf den Wagen", sagte ich und versuchte möglichst seinen stechenden Blick zu meiden. "Aye, aye Captain", rief er und salutierte mir. Ich konnte nicht anders als zu lachen und er schien damit mehr als zufrieden zu sein. Ich musste lächelnd den Kopf schütteln, als ich ihn beim Auspacken der Bücher beobachtete. Er nahm jedes Buch vorsichtig aus seinem Paket und dann aus der Plastikpackung. Ich hatte noch nie jemanden gesehen, der so viel Sorge gab, naja ausser von mir selbst vielleicht und es hatte etwas Faszinierendes an sich. Er faszinierte mich. Als wir die ganzen Bücher ausgepackt hatten, ging ich nochmals jedes einzelne durch, nummerierte es und sortierte es auf seinen eigenen Genrestapel. "Wieso gehörten die hier zusammen?", fragte er und hob zwei Bücher hoch. "Weil diese beide in dasselbe Genre kommen", sagte ich knapp und widmete mich wieder dem Rest. Er gab sich noch nicht geschlagen. "Warum kommen die beiden nicht in dasselbe?" Er zeigte mir nun ein Liebesroman und einen Fantasy-Kriegsroman. "Weil das einte über eine Jugendliebe ist und das andere über Dinge, wie den Krieg der Mutanten." Er sah mich schief an und dann kniff er herausfordernd seine Augen zusammen. "Hast du es gelesen?", fragte er und ich nickte. "Was denkst du, wer wohl die Käufe betätigt", lachte ich und wollte weitermachen, doch er ergriff nochmals das Wort. "Dann weisst du sicher, dass es nicht nur um den Krieg der Mutanten geht. Du weisst dann sicher, dass die Protagonistin zur Bösen Seite geht und ihr Beschützer alles tut, um sie wieder zu haben, aber er scheitert. Ist das denn keine Liebe?", sagte er und ich fragte mich allmählich, ob er darauf wirklich eine ehrliche Antwort wollte. Es wurde still und ich sah dann nochmals zwischen ihm und den Büchern hin und her. "Sollten wir also alle Bücher, die eine Liebesgeschichte beinhalten zu den Liebesromanen stellen?" "Natürlich nicht…" Ich seufzte. "Ich weiss nicht, ob er sie wirklich liebt. Schliesslich war es er, der ihr mehr als nur einen Grund gegeben hat die Seiten zu wechseln", griff ich nochmals seine Frage auf und seine Augen leuchteten auf, "Aber er hat sie nie darum gebeten, ihn beschützen zu müssen." "Aber das musste er ja auch nicht. Sie hat sich in dem Augenblick in ihn verliebt, als er den Raum betreten hat mit diesen blöden Schuhen und dem blöden Grinsen…" Und dann konnte ich nicht unterscheiden, ob es noch um das Buch ging oder nicht. Ethan grinste mich breit an und ich gab mich geschlagen. "Okay, aber wenn sich die Kunden beschweren, gebe ich ihnen deine Nummer", sagte ich und musste lächeln. Er fuhr mir den Wagen dorthin, wo ich ihn haben wollte und manchmal erwischte ich ihn dabei, wie er einfach nur dastand mit einem Buch oder zwei in den Händen und einfach nur zuschaute. Er schaute mir einfach zu, wie ich die Bücher vorsichtig in das Regal stellte, sie sortierte und alles in einem kleinen Notizbuch für Mr Harris festhielt. Ich hatte mir nichts dabei gedacht, genoss es aber jede Sekunde, die er einen Blick an mir verschwendete. "Oh nein", murmelte ich zu mir selbst, als ich ein Buch entdeckte, welches einige Seiten am verlieren war. Es war eines der älteren Bücher, welches wahrscheinlich bald auch aus dem Sortiment genommen werden würde. Es verlor allmählich die Seiten, weil es so alt war und mein Herz brach ein bisschen. "Was ist denn?", fragte Ethan neugierig und schaute mir über die Schultern. "Das arme Ding verliert die Seiten und dann sind es gerade noch die besten…" Ich biss mir besorgt auf die Lippe. "…an dieser Stelle findet der Leser nämlich heraus, dass es in Wirklichkeit die Blumen waren, die die Katzen krank machten und die Dorfbewohner heimsuchten. Das kann doch nicht wahr sein", sagte ich und versuchte die Seiten an der richtigen Stelle hinzulegen. Ethan sah mir immer noch über die Schultern und als er sprach, spürte ich seine Präsenz an meinem Körper. Ein Schauer durchstreifte meinen Rücken und ich blieb wie angewurzelt stehen, versuchte mir nichts anmerken zu lassen. "Kannst du es retten?", fragte er und ich schluckte schwer. "Ich denke schon", sagte ich und versuchte mich zu entfernen, auch er hatte die Nähe unserer Körper bemerkt und wich verlegen zurück. Wir liefen mit dem Patienten zum Hinterzimmer und ich legte das Buch auf den Arbeitstisch von Mr Harris. Dort kramte ich eine Nähnadel heraus und etwas Nähfaden. Vorsichtig versuchte ich die fragilen Seiten aneinander zu nähen und somit das Buch wieder vollständig zu machen und dann hörte ich Ethan leise Summen. Ich kannte die Melodie nicht, aber sie klang wunderschön. "Okay, es ist wieder fast wie neu…", murmelte ich und wurde von Ethan unterbrochen. "Das ist es also." Ich sah ihn abwartend an. "Hm?", fragte ich und sah mir nochmals die Seiten genauer an. "Deine Leidenschaft. Das hier ist es. Bücher." Er sah mich mit funkelnden Augen an und ich zuckte mit den Schultern. "Ich habe noch nie eines geschrieben, also nicht fertig. Dafür fehlte mir immer die Zeit und die Inspiration." "Dann fang klein an. Schreib Kurzgeschichten! Wenn du willst, kann ich sie sogar lesen", bot er mir an und ich lächelte. "Würdest du das wirklich tun?" Ich hatte nie jemanden der mir meine Geschichten liest und willentlich dasass, und mit mir darüber diskutierte. "Natürlich. So, wie du gestern bei meinem Auftritt da warst." Er sah mich entschlossen an und hatte seine Arme verschränkt, während er sich auf den Tisch abstützte. "Wegen gestern…", fing ich an und er schüttelte den Kopf. "Hey, es hat mir mehr als gereicht, dass du überhaupt gekommen bist. Mach dir keinen Kopf, weil du früher gegangen bist." Er legte seine Hand auf meine, ohne den Blickkontakt zu brechen und ich seufzte. "Du warst wirklich toll und wenn du das nächste Mal spielst bleibe ich länger, versprochen", sagte ich und er lächelte breit. "Das einzige Versprechen, was du einhalten musst, ist dass wir nun den Laden schliessen und in das eine Café gehen, um uns was zu Essen zu holen."
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