Einbildung

1677 Words
"Hales? Hallo hier drüben, komm schnell", rief mich meine Schwester und ich wurde aus meiner Trance gezogen. Für einen kurzen Moment stand ich orientierungslos da und erst als ich mich wieder gefasst hatte, setzte ich mich am Tisch neben meiner Schwester. Sie zog an meinen Arm, um mir etwas ins Ohr zu flüstern. "Dieser Ethan ist der Hammer!", sagte sie mit grossen Augen und einem breiten Grinsen und ich nickte stolz. Ich war stolz darauf, dass ich ihn entdeckt hatte, naja eigentlich war er es ja, der mich entdeckt hatte an diesem wunderschönen Herbst morgen. Die Stimmung in dem Raum, die Ethan und seine Band produzierten, liess es sich anfühlen, als sei es ein wunderschöner Sommerabend. Und dabei mochte ich den Sommer nicht. Alles war klebrig und die Toilettengänge häuften sich auf eine nervige Weise, da man immer mit den Lippen an einer Flasche Wasser hing, weil die Luft so trocken und das Wetter so heiss war. Doch die Art, wie Ethan die Gitarre zupfte und wie die Band eingespielt war, wie eine gute alte Schreibmaschine, liess den Sommer, und besonders den Sommerabend, so voller Wunder und Magie erscheinen. In meinem Bauch spürte ich die Sprünge und das Flattern der Schmetterlinge, die sich einen Weg bis zu meinem Herzen bahnten. Sie tanzten im Rhythmus der Musik und sogar mein Herz konnte nicht anders als im Einklang mit dem Schlagzeug zu klopfen. Vielleicht klopfte es auch etwas schneller, besonders dann, als Ethan sich zu mir drehte und zu mir sang. Es erinnerte mich an den Antiquitätenladen, wo das einte Bild hing mit dem Pärchen, welches zueinander sang. Ihre Nasenspitzen berührten sich in der Fülle des Raumes und im Eifer der Perfomance mit solch einer Zärtlichkeit, die durch die Fotografie greifbar wurde. Ich fühlte mich genauso wie die Frau auf dem Bild. Ihre Augen konnten sich nicht von ihrem Geliebten lösen, der ihr die Worte praktisch auf die Lippen legte, die er zu ihr sang und für einen Moment genoss ich es. Ich wollte mir nicht die Frage stellen, on es wieder einer meiner Fantasien war, oder ob es eine Szene aus einem der Liebeskomödien war, die ich so gerne schaute. Ich wollte diese Gedanken verbannen und mich nur einmal so fühlen, als wäre dies mein Leben, als wäre die erwiderte Liebe meine Realität. Und für diesen einen Augenblick schien der Raum um mich komplett sich aufzulösen. Ich sah nur Ethan und ich hörte die Musik begleitet vom Klopfen meines Herzens. Nur als das Licht wieder anging, die letzten Klänge wie ein Echo durch den Raum hallten, war der Traum vorbei und die Wirklichkeit begrüsste mich mit kalten Armen. Ich hatte mich kopfüber in Ethan verliebt und ich konnte es ihm auf keinen Fall sagen. Was würde er bloss über mich denken? Wir kannten uns kaum und doch empfand ich etwas für ihn, was meinen Kopf und mein Herz nicht in Ruhe liess. Es kam mir vor, als würden die beiden in einem brennenden Haus miteinander streiten. Mein Verstand war das brennende Haus und das Herz versuchte nur den Kopf davon abzuhalten alles nieder zu brennen, doch der Kopf ist stur. Und genau deshalb würde ich Ethan nichts erzählen. Ich konnte nicht. Nicht nachdem ich meine Handvoll an unerwiderter Liebessituationen hinter mich hatte, die für mich alle recht unglücklich und peinlich abgelaufen waren. Mein Kopf fing an nur noch mehr zu rauchen, als Ethan sich an unseren Tisch setzte. Meine Schwester schien in einen völligen Rausch gekommen zu sein und sich nahm kaum Luft, um die Band zu rühmen und Ethan zu sagen, wie toll der Auftritt war. Ich war viel zu sehr mit meiner zuvor gemachten Erkenntnis beschäftigt, dass ich komplett vergessen hatte, ihm ja zu sagen, wie toll es war, dass er uns eingeladen hatte. "Einfach nur Wow! Ich hätte das nicht gedacht, ehrlich", sprudelte meine Schwester weiter und Ethan hielt sich lachend an die Brust. "Autsch, hattest du tatsächlich so niedrige Erwartungen?", fragte er belustigt und sah dann mich an. "Und wie hat es dir gefallen Hailey?", wollte er wissen und stützte seinen Kopf auf seine rechte Hand ab, um mich besser anzuschauen. Ich spürte seinen Blick auf meiner rotgewordenen Haut. "Ja, echt gut. Du… ihr wart wirklich gut", stammelte ich vor mich hin und er lächelte. Er schien zufrieden zu sein, auch wenn das Lächeln seine Augen nicht erreichte. Gerade als ich nochmals anfangen wollte ihm mitzuteilen, wie toll sie gespielt hatten, wurde er von der Frau aus seiner Band gerufen. Sein Kopf schnellte daraufhin in ihre Richtung und dann war er schon aufgestanden und gegangen. Ich seufzte. Mit einem Seitenblick, bemerkte ich, wie mich meine Schwester anstarrte. "Was los? Vorhin warst du noch ganz gaga, weil die Musik so toll war und jetzt siehst du aus, als wären es drei Jahre lang Sommer gewesen." Lustig, wie sehr sie mich doch zu kannte. Ich zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung. Ich fühl mich irgendwie komisch", gestand ich die Halb-Wahrheit und hoffte, sie wurde zufrieden sein. Sie legte den Kopf schief. "Hm, wenn du das sagst… Liegt es vielleicht daran, dass Ethan so schnell wieder gegangen ist?" Ich schlug ihr auf den Arm. "Nein. Sag sowas nicht, man kann dich hören", mahnte ich sie und sie verdrehte die Augen. "Okay, dann was? Willst du schon gehen?" Ich nickte. "Ist vielleicht besser so…", murmelte ich und sah nochmals zur Bühne. Ethan war gerade mit seiner Band am lachen und rumalbern. Er sah echt glücklich aus. Es war wohl der geeignetste Moment um zu gehen. Vielleicht würde er es nicht einmal bemerken. Wir standen also auf und zahlten noch an der Bar die Getränke. Dann gingen wir raus und standen wieder im Garten, der nun noch schöner aussah. Die Sonne war vollends runtergegangen und die Nacht war eingebrochen, wie ein dunkler Schatten, der alles verschlang. Es schien als wäre dieser Garten mit den grossen Lichtkugeln der einzige sichere Ort auf Erden. Es fühlte sich alles so viel friedlicher an. Vielleicht war es auch das einzige Fleckchen Licht in der ganzen Gegend. Melody rief uns ein Taxi und wir warteten im Garten darauf, dass es ankam. Während wir warteten kamen auch mehrere Leute nach draussen und wurden ebenso von der kleinen Lichtquelle angezogen. Unter ihnen entdeckte ich schwarze Locken und ein hellblaues Hemd. Ethan war ebenso nach draussen gekommen und als unsere Blicke sich trafen, schritt er auf uns zu. "Ich dachte schon, ihr wärt gegangen", sagte er und setzte sich auf die Bank neben mir. "Alles klar?", fragte er und ich nickte stumm. Dann schubste er mit seiner Schulter die meine und lächelte mich an. "Sicher, dass alles gut ist? Du wirkst etwas neben dich." Er hatte es gemerkt. Statt nun in Panik zu geraten, dass er vielleicht auch merken könnte, dass ich auf ihn stand, spielte ich die Coole und Lässige. Melody sah verdächtig zwischen mir und Ethan her und entschied sich aufzustehen. Hilfesuchend sah ich sie an. "Ich geh kurz noch auf die Toilette, bevor das Taxi kommt", sagte sie und verschwand in der Menge. Diese Petze. "Ihr wolltet also doch gehen," stellte er fest und nickte langsam. "Tschuldige, ich muss morgen früh raus", log ich und er sah mich erstaunt an. "An einem Sonntag?" "Ja, ich muss im Buchladen aufräumen helfen, weil ich heute nicht konnte, weil ich ja hier war." "Ah in welchem denn? Mag mich nicht erinnern, dass du mir gesagt hast, dass du in einem Buchladen arbeitest." "Also, nicht ganz. Ich werde nicht dafür bezahlt oder so, oder doch? Also ich bekomme den alten ungewollten Büchern, die mir gefallen und übrigbleiben. Also werde ich schon irgendwie bezahlt", lachte ich. Ethan hob den Finger und zeigte auf meine Lippen. Erschrocken wich ich etwas zurück und sah dann zwischen seinem Finger und seinen Augen hin und her. Erschrocken, war tatsächlich untertrieben. Ich dachte schon er wollte… "Aha! Da ist es ja", rief er aus und ich sah ihn fragend an. "Dein Lachen hat mir gefehlt heute Abend. Du solltest echt öfters Lachen." Ich sah ihn immer noch komplett verdutzt an und zwang mir dann ein scheues Lächeln auf. "Sind es Bücher?", fragte er dann aus dem Kontext gerissen und ich legte den Kopf schief. Er schaute zu den Sternen hinauf, die aus dem Nichts aufgetaucht waren und die Nacht erblühen liessen und dann drehte er sich zu mir um. Er war mir dieses Mal etwas nähergekommen, ohne dass ich wirklich einen Unterschied bemerken konnte, nebst meinem klopfenden Herzen. "Was meinst du?" Ich schluckte schwer. "Na deine Leidenschaft. Sind es Bücher?", wiederholte er und ich mied seinen Blick. "Mag sein…" Er sah mich immer noch mit einem fesselnden Blick an und dann entfernte er sich wieder. Er hatte sich zur Strasse gewandt und war dann aufgestanden. "Dein Taxi ist da", sagte er etwas abwesend und im selben Moment erschien Melody hinter ihm. "Lass uns gehen. War toll, danke Ethan!", flötete Melody, als sie an uns vorbei ging und zum Taxi schritt, während ich nur dastand und nicht wusste, was sagen. Ethan kratzte sich am Nacken. Ich wippte auf meinen Füssen hin und her, bevor ich auch nur das Wort ergreifen konnte. "Danke, dass du gekommen bist", sagte er und seine Augen wirkten in dem schwachen, warmen Licht der Lichterkugeln, als wäre es die weite See an einem Sommerabend, die ich erblicken würde. "Danke für die Einladung…", fing ich an und biss mir auf die Unterlippe. "Du warst genial dort oben", sagte ich und war etwas stolz, dass ich es so fliessend rüberbringen konnte und drehte mich genau in dem Augenblick um, las ich die gewollte Reaktion bekam. Er hatte mich breit angelächelt und schüchtern auf den Boden geschaut. Und dann wieder zu mir aufgesehen. Ich musste mich nochmals umdrehen, denn so würde ich ihn wohl nicht so schnell wieder sehen können. Er in diesem hellblauen Hemd, welches aufgeknöpft war und so seinen silbernen Schmuck auf dem Tablett servierte. Diese wilden, lockigen, schwarzen Haare die nach dem Auftritt mit Schweissperlen glänzten und dieses unbeschreibliche Lächeln in seinem Gesicht. Ein Lächeln, welches ganze Welten bewegen konnte, weil es seine Augen waren, die das Leuchten tausender Sterne hielten.
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